NZZ Folio 02/92 - Thema: Kuba   Inhaltsverzeichnis

Der Geist über der Insel - Anmerkungen zu Kubas Liedtradition

Von Bladimir Zamora

Mit jenen drei Schiffen, deren Überfahrt nun schon bald fünfhundert Jahre zurückliegt, gelangte die Gitarre nach Kuba. Einer der Seefahrer musste sie mitgebracht haben, um die Schwermut zu vertreiben oder um Freude zu verbreiten auf dieser ersten abenteuerlichen Fahrt des Kolumbus. Und als sich nach 1492 allmählich Conquista und Kolonisation der Insel vollzogen, wurden es mehr und mehr: Einfache Männer hielten sie unter dem Arm, Handwerker, die die Fähigkeit besassen, das Instrument zu spielen und ihre Stimme den Liedern zu leihen, die damals in allen Ecken Europas Mode waren.

Der Weg vom europäischen Volkssänger, dem Troubadour, zum mythischen kubanischen Trovador entsprach demjenigen, den der Mensch aus der Alten Welt zurücklegte, bis er zum Kubaner mit eigenständiger Identität wurde. Waren auf der Insel anfangs ausschliesslich Stücke von jenseits des Meeres zu hören, nahmen die Inhalte der Lieder nach und nach kubanische Prägung an, erzählten etwa, Chroniken ähnlich, vom Alltagsleben ihrer Autoren. Vorerst kaum Veränderungen erfuhren die rhythmischen Strukturen und der melodische Ausdruck der Lieder.

Erst in der zweiten Dekade des 19. Jahrhunderts, als die Grundsteine des kubanischen Nationalbewusstseins gelegt waren, tauchten Kompositionen auf, welche - über ihre italienischen, französischen oder spanischen Wurzeln hinausgehend - immer deutlicher eigene Akzente setzten.

Das Lied «Die Bayamesa» - 1851 erstmals vorgetragen - wird als der eigentliche Anfangspunkt der kubanischen Trova betrachtet. Es vereint in sich die typischen Elemente der Gattung: das Lob des Vaterlandes und die Huldigung der Frau. In formaler und stilistischer Hinsicht gewann dieses musikalische Genre aber erst in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts ein eigenes Profil, wobei einem Schneider namens Pepe Sánchez aus Santiago de Cuba ein besonderes Verdienst zukommt.

Sánchez, der als Vater der Trova gilt, komponierte Stücke in eloquentem kreolischem Stil und arbeitete mit verschiedenen Vertretern der Volksmusik zusammen, die neben ihm als Begründer dieser Kunstrichtung bezeichnet werden.

Unter ihnen sticht der geniale Sindo Garay hervor: Wer immer heute auf einer kubanischen Strasse nach Sindo fragt, erfährt, dass er der Autor von «Retorna», «Perla marina» oder «El huracán y la palma» ist. Viele Leute kennen zwar die Titel der Lieder nicht, können sie aber vollständig nachsingen, weil sie sie schon in der Wiege hörten. Denn die Trovadores kamen Anfang dieses Jahrhunderts in alle Städte des Landes, rastlosen Ameisen gleich; sie verbreiteten eine Fülle von Werken, die Teil des kubanischen Selbstverständnisses geworden sind.

Bis in die vierziger Jahre dieses Jahrhunderts hinein veränderte sich die Trova weder formal noch thematisch wesentlich. Danach entstand - als Folge der Wechselwirkung mit der nordamerikanischen Musik sowie auf Grund des Aufschwungs von Radio, Plattenspieler und Film - die «feeling» genannte Bewegung. Die Themen ihrer Lieder waren ausgesprochen intimer Art, die Melodien wurden unruhiger, die Harmonien komplexer. Herausragendste Schöpfer des «feeling», die dem Publikum ihre Kompositionen eher vortrugen als vorsangen, waren José Antonio Méndes und César Portillo de la Luz.

Nach 1959 liessen die Kunstinstitutionen dem Trovador - der grossen Veränderungen wegen, die der Sieg der Revolution auch auf kultureller Ebene mit sich brachte - die verdiente Beachtung zukommen. Einerseits begann ein Prozess der Kompilation und Präservierung des als wertvoll erachteten Liedgutes; anderseits verliehen die neuen Troubadoure, ohne ihre Wurzeln zu verleugnen, ihren Werken jenen humanistisch geprägten Ausdruck, wie er den Grundsätzen der Revolution entsprach.

So entstand die Nueva Trova, die sich 1971 als organisierte Bewegung konstituierte. Der sich auf seiner Gitarre begleitende Sänger bestimmte auch noch die Nueva Trova, doch bereits 1970 trat die von Leo Brouwer geleitete «Grupo de Experimentación Sonora» in Erscheinung: Sie verlieh der Trova mehr Fülle, indem sie auch elektronische Instrumente benutzte und sich von der internationalen Musikszene beeinflussen liess.

Es gibt viele Namen, die für die Nueva Trova bedeutend sind, doch am wichtigsten ist jener Silvio Rodríguez', der während der letzten zwanzig Jahre in seinen Liedern das wiedergab, was die junge kubanische Generation bewegte. Er trat auch, ähnlich wie Pablo Milanés, überall auf der Welt erfolgreich auf und vermittelte dabei kubanisches Ideengut.

Im letzten Jahrzehnt hat sich in der kubanischen Kulturszene die zweite Generation der Nueva Trova Gehör verschafft. Die nach der Revolution aufgewachsenen Künstler pflegen zwar weiterhin die Beziehung zum Erbe der kubanischen Musik, öffnen sich aber gleichzeitig vollends und vorurteilslos dem zeitgenössischen musikalischen Reichtum der Welt, vor alle der Rockmusik.

Immer noch erzählen die Lieder der jungen Trovadores von ihrem Leben und von ihrem sozialen Umfeld. Aber dort, wo die Begründer der Nueva Trova der Realität ihres Landes gegenüber einen vornehmlich rechtfertigenden Ton anschlugen, bedienen sich die Jüngeren einer kritischen Sprache; sie fühlen sich damit den Anliegen der grossen Mehrheit der jungen Kubaner verpflichtet. Carlos Varela, der unter den jungen Musikern weit herausragt, füllt seit Jahren die grössten Säle des Landes, aber seine Songs haben auch in Spanien, Mexiko, Chile und Venezuela Verbreitung gefunden.

Fast am Tor zum nächsten Jahrhundert schwebt er weiterhin über den heissen Lüften der Insel: der Geist, der durch die Jahrhunderte hindurch eine Gitarre im Arm hält und eine Stimme hat - zu singen, zu erzählen vom Leben der kubanischen Menschen und von ihren Träumen. Solange es Kubaner gibt in dieser Welt, wird es die kubanische Trova geben und den Trovador, dessen Gesang der Menschen Echo ist.


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