«Einen Stimmungsbericht über das Leben im Zürcher Industriequartier» möchte man von mir gern haben. Keine Reportage, nur einige persönliche Erfahrungen und Beobachtungen von einer Frau, die seit langem dort wohnt. Ich zögere; bitte mir Bedenkzeit aus. Denke: Warum gerade das Industriequartier? Und warum eigentlich dieses Zögern? Was gibt es zu bedenken? Bedenkliche Gefühle und Reaktionen zu diesem Thema?
Allzu viele sind es in meinem Kollegenkreis nicht, die im Arbeiterquartier, im Fremdenquartier, im Drogenquartier, im Sexquartier wohnen - im Kreis 5 der grössten Schweizer Stadt und einer der reichsten Städte der Welt, gleich neben dem «Platzspitz», der als «Needle Park» weit über die Schweizer Grenzen hinaus berüchtigt ist. Park ist schon fast ein zu grosses Wort für die Grünanlage hinter dem Bahnhof, die wie die wenigen andern Grünanlagen von ziemlich mickrigen Ausmassen ist in diesem eher ärmlichen, eng bebauten und, der Name sagt es, einst industriell genutzten Viertel, das unter dem Würgegriff von Verkehrsmoloch und Citydruck besonders heftige Atemnot leidet. Im Sommer, so lassen die Behörden seit einigen Jahren die Mütter wissen, sollten sie die Kinder an Nachmittagen nicht ins Freie lassen - für die Jungen (und die Alten) ist die Ozonbelastung dann während vieler Wochen zu hoch.
Aber jetzt, nach der Schliessung des Platzspitzes, dürfen die Kleinen (und hier wohnen viele Familien, gibt es mehrere Schulhäuser) ohnehin kaum mehr raus. Die Spritzen, die die versprengten Drogenabhängigen überall herumliegen lassen, sind für die Kinder so gefährlich wie die Autos. Kreis 5 oder der fünfte Kreis der (urbanen) Hölle, wie man manchmal meinen könnte, wenn Aussenstehende die Zustände («Belagerungszustand») im Quartier schildern?
Kein Zweifel, im Moment sind die fremdesten Fremden im Quartier die verelendeten Gestalten, die sich an jeder Ecke einen Schuss setzen. Sie brechen einem das Herz, sie machen einem angst - und die erste Spritze, die wir im Haus, nicht nur draussen vor der Tür finden, löst erschreckende Wut aus. Wie der vertraute Anblick jener andern Fremden, die den Stoff feilhalten. Die einen sind zumeist Schweizer - Männer und Frauen -, die andern zumeist Ausländer - nur Männer. Das ist also eine Beobachtung. Sie so hinzuschreiben fällt mir schwer. Sie nicht hinzuschreiben auch.
Könnte denn die gleiche Beobachterin, würde sie nicht hier wohnen, diesen Satz leichter auslassen? Wären ihre Voraussetzungen besser oder schlechter, um sich über den Umgang, die Auseinandersetzung, das Zusammenleben mit Fremden und mit Fremdem Gedanken zu machen, wenn sie ein Mann wäre und an der «Goldküste» des Zürichsees oder im Eigenheim im Grünen wohnte? Würde die Distanz es ihr leichter machen, den kleinen alltäglichen Reaktionen zu entgehen, mit denen sie hier auf Menschen und auf Dinge reagiert, die sie ständig dem Zwiespalt aussetzen, ob sie mit diesem oder jenem aufgebrachten Gedanken, dieser oder jener ungeduldigen Äusserung sich nicht bereits im Dunstkreis der Fremdenfeindlichkeit bewegt?
Könnte also nicht ein Kollege etwa aus dem vornehmen Kreis 7 das Leben in diesem Quartier vorurteilsfreier und klarer beobachten, Sichereres und Richtigeres schreiben in einer Zeit, in der in ganz Europa die Demagogen aus jedem Zweifel und jeder Angst Kapital und Stimmengewinne schlagen? In einer Zeit, in der man sich bis zur Selbstverleugnung vor jeder Äusserung hüten möchte, die Öl im Feuer wäre?
Ein Kollege also, der fernab der Versuchung wohnt, mit jener sprachlich-emotionalen Ambivalenz, die aus der Nationalitätszuordnung schon eine halbe Beschimpfung macht, die Drogenhändler, die gleich um die Ecke ihre schmutzigen Geschäfte machen, als Türken, Jugoslawen, Libanesen zu bezeichnen? Oder die Bewohner eines Hauses, in welchem noch ein einziger Schweizer wohnt, der sich durch ihren Lärm, Krach und ihre Rücksichtslosigkeit terrorisiert fühlt, als Jugoslawen? Den Restaurantbesitzer, dessen Lokal sich als Tarnung für einen Waffenumschlagplatz entpuppt, als Italiener? Oder den Mann, der sich am Limmatplatz ins Tram boxt, als Tamilen?
Ein Kollege also, der sich nicht ertappt fühlen muss bei solch zweifelhaften Äusserungen und Gedanken, weil er mit dem Drogen- und Waffengeld höchstens in der Bank an der Bahnhofstrasse in weissgewaschenen Kontakt kommt oder weil er die «Obere-Kaufklassen-Droge» Kokain beim Schweizer Mittelsmann bezieht oder weil seine rücksichtslosen Nachbarn Schweizer sind, die in der Siedlung im Grünen ohnehin weniger stören als im lärmigen, spritzenübersäten Hinterhof an der Langstrasse?
Was stelle ich Fragen, wenn ich die Antworten impliziere? Ich tappe hinter meinem Zögern her und will es so versuchen: Nichts gegen diesen hypothetischen Kollegen, der sich - im Chor mit vielen andern öffentlichen Stimmen aus den Medien, der Politik, der Wissenschaft und der Kultur - mit beneidenswerter Sicherheit in der zweifelsfrei richtigen Gesinnung zu Fragen der Fremdenfeindlichkeit, der Asylpolitik und der Drogenpolitik äussern könnte. Aber ein bisschen etwas gegen diejenigen, die es sich zu leicht machen mit der richtigen Gesinnung, weil sie es vermutlich leichter haben als diejenigen, die es sich zwar auch zu leicht machen, aber mit der falschen Gesinnung. Was heisst, dass Leute mit Privilegien das Privileg des aufgeklärten Bewusstseins den andern weniger selbstgerecht als beispielhaft vorhalten dürften. Dass sie, da sie weniger Angst zu haben brauchen, die Ängste der weniger Privilegierten ernster nehmen müssten.
Ein bisschen etwas darum gegen diejenigen, die - wie ich kürzlich gelesen habe - meinen, Rassismus oder Antirassismus sei wie schwanger oder nicht schwanger sein, da gebe es nur das Entweder-Oder. Ein bisschen vom einen oder ein bisschen vom andern gehe nicht. Rassismus als Same, der sich wie ein «Alien» (zu deutsch: fremd, ausländisch, ausserirdisch) aus einem Horrorfilm einnistet, in einem nichtsahnenden Körper, und unaufhaltsam wächst? Dem Vergleich liesse sich immerhin der Begriff der Scheinschwangerschaft entgegenhalten, jener Zustand, in welchem subjektiv eine Schwangerschaft mit all ihren Symptomen vorhanden ist, nur fehlt ihr zur echten Schwangerschaft der Fötus.
Scheinschwangere dürfte es wohl auf beiden Seiten, bei den richtig und den falsch Gesinnten geben. Nur denke ich, dass wir hier mit der üblichen Aussortierung von den Guten ins Töpfchen und den Schlechten ins Kröpfchen nicht weit kommen, dass unter dieser Variante des Frontendenkens gerade die dringend notwendige Front gegen den Rassismus zu leiden hat.
Die klare Einteilung in Gut und Böse funktioniert nur, wo der Kampf bereits verloren ist, wo die Brandbomben fallen und die Verbrecher triumphieren. Wo man in Ohnmacht geneigt ist zu glauben, was ein Gesellschaftskritiker nach einem von vielen Anschlägen auf ein Flüchtlingsheim konstatierte: «In der Schweiz wütet der Rassismus.» Aber warum zweifle ich dann auch wieder an den Stimmen, die solche Befunde äussern? Nicht, weil ich ihre politische Position oder ihre Empörung nicht teilen könnte. Ich frage mich nur, was den Leuten diesen Brustton der Überzeugung gibt, mit dem sie den Schrecken ding- und wortfest machen. Wo leben sie? Wie leben sie? Mit wem unterhalten sie sich? In was für Läden kaufen sie ein? Stehen sie hie und da Schlange an der Kasse eines Billigwarenladens? Trinken sie hie und da ein Bier in einem Lokal, in dem ein Sprachengewirr nicht nur zwischen dem Dienstpersonal hinter der Theke herrscht? Ich stelle mir vor, nicht viele von ihnen wohnen in einem Kreis 5. Er soll hier als Chiffre stehen, und er soll mich endlich zu meinem Auftrag zurückführen.
Wohnen im zürcherischen Industriequartier heisst, bereits jetzt in jener wahrlich multikulturellen Gesellschaft leben, die von Politikern je nach Standpunkt für die Zukunft als Chance heraufbeschworen oder als Teufel an die Wand gemalt wird. Hier mischen sich aber nicht nur - in einem Land, das mit rund eineinhalb Millionen Ausländern und Ausländerinnen eines der grössten «Ausländerkontingente» Europas hat - Kulturen, Religionen, Nationen und Rassen aus der ganzen Welt wie vielleicht kaum auf einem andern Fleck der Schweiz; hier steht das Migros-Hochhaus wie ein heutiger Turm zu Babel, wo in vielen Zungen geredet wird; hier mischen sich auch all die sozialen Formen, die auf einheimischem Boden gewachsen sind und die in den Gesellschaftsvorstellungen der Politik und vieler ihrer Betreiber so gut wie nicht vorkommen oder nicht vorkommen dürfen. Obwohl gerade sie, die fremden Blüten unter dem schweizerischen 1,8-Kinder-Kleinfamilien-Durchschnittsgewächs, uns vielleicht am besten vorbereiten für Neugier und Offenheit gegenüber dem andern Ungewohnten, das von aussen kommt. Hier im Café am Limmatplatz (Chef Schweizer, Chefin Marokkanerin) beispielsweise treffen sich Nähe und Ferne gewissermassen dialektisch bereits im Dekor, mit dem Palmenvorgarten im Sommer und dem gepuderten Christbaumwald im Winter, während das Interieur mit Rauschgoldreh und Bronzebuddha kulturumspannend Fremdes und Vertrautes vereint. Hier sitzen die properen Senioren aus der Alterssiedlung vor ihrer Schale hell neben den wild dreinblickenden «Hell's Angels» aus dem hübschen Fierzhäuschen von gegenüber. Oder in der «Buurestube» (Chef Spanier, Chefin Schweizerin) essen spanische Familien unter dem Stallgeschirr an der Wand und neben dem Aromat-Eier-Arrangement auf dunkel gebeizten Holztischen ihr traditionelles Churros-Sonntagsfrühstück, während die Alkis zum ersten Vollrausch des Tages ansetzen und die Kirchgänger zwischen Gottesdienst und Sonntagsbraten noch schnell Station für ein Bier machen.
Hier lag der Treffpunkt der Frauenbewegung während Jahren gleich neben einem Bordell, an dessen Beispiel sich die moderne Form der Sklav(inn)enhaltung von Frauen aus der Dritten Welt studieren liess, die Nord-Süd-Kluft zwischen Mann und Frau. Jetzt ist dort eine türkische Metzgerei, und wenn ich mir ein Döner Kebab hole, bin ich weit und breit das einzige weibliche Wesen im Laden. Falls mir das nicht passt, kann ich aber auch zum Stand mit den Älpler-Makkaronen ausweichen oder zum Chinese Take-away oder zum Pizzaiolo oder ins spanische, japanische, koreanische Restaurant - alle in einem Spazierradius von fünf Minuten. Warum landet man übrigens immer beim Essen, wenn von Multikulturellem die Rede ist? Geht nicht nur die Liebe, sondern auch die Völkerverständigung durch den Magen? Melting Pot oder Fondue, hier gibt es eben «allerhand Lüüt», wie es das Schweizerdeutsche so schön skeptisch ausdrückt. Studenten und Arbeiterinnen und alleinerziehende Mütter und Prostituierte und Hausbesetzer und Hausabwarte und Lehrerinnen - und ein paar Filmer und Fernsehschaffende, ein paar Journalistinnen und Schriftsteller, und ich denke, auch sie, deren Stimmen Öffentlichkeit haben und schaffen, würden mir zustimmen in der Behauptung: Nein, hier wütet der Rassismus nicht.
Nun gibt es allerdings Spannungen und Probleme und Auseinandersetzungen (und nicht immer sind es die Schweizer, die sie ohne Anstand austragen): Streitereien, Schlägereien, Messerstechereien, Schiessereien - und jede Nacht schreit irgendwann irgendwer seine Not gen Osten, Westen, Süden oder Norden. Und jede Nacht spaziert «Hallihallo» durchs Quartier, der alte Mann, der mit diesem lauten Singsang seine Rückkehr ins Obdachlosenheim kundtut. Die Bedürftigen sind oft auch die Mitteilungsbedürftigsten.
Wenn die Probleme manchmal zuviel und zu laut werden, wenn dann noch ein einziges Quartier das halbe Drogenproblem der Schweiz (egal, ob mit offenem oder geschlossenem Platzspitz) aufzufangen hat - und dies alles in allem mit bemerkenswertem Langmut tut -, dann räuspern sich manchmal diese hässlichen kleinen Stimmen in uns, die flüstern, ob nicht vielleicht doch zu viele . . .? Ob nicht vielleicht doch zu schnell . . .? Ob nicht das Frauenbild bei den Ausländern noch viel schlimmer . . .? Ob nicht vielleicht eine andere Politik . . .? Und wir möchten darüber reden können, nicht nur unter uns. Die, die hier allen Schwierigkeiten zum Trotz bleiben möchten, auch wenn sie nicht müssten. Und die, die hier bleiben müssen, auch wenn sie nicht möchten, ganz besonders.
Die Leute hier sollen sich aufregen dürfen über die Probleme, die im ständigen, alltäglichen Kontakt (und nicht aus der distanzierten ethnologischen Beobachtung) mit vielen Kulturen und Lebensformen entstehen, ohne dass man sie gleich bezichtigt, mit dem Monster des Rassismus schwanger zu gehen. Die Frauen müssen sagen dürfen, wieviel Verachtung und Gewalt ihnen gerade auch von Ausländern entgegenschlägt. (Wann haben wir zuletzt von einem Mann gehört, der das «Wüten des Sexismus» in unserer Gesellschaft konstatiert hat? Von einem Schweizer? Von einem Jugoslawen? Von einem Iraner?)
Die rhetorisch oft beschworenen Chancen der zukünftigen multikulturellen Gesellschaft Europas werden hier und an anderen, ähnlich strukturierten Orten ohne allzu grosse Unterstützung durch den Rest der Stadt, des Kantons und des Landes ohne grosses Aufheben gelebt. Ihre Widrigkeiten, und der Ausdruck ihrer Widrigkeiten, sollten weder ignoriert noch totgeschwiegen, noch parteipolitisch ausgeschlachtet, noch vorschnell für Rassismus erklärt werden. Heute bedient sich ihrer die Politik der Rechten, und die Politik der Linken fürchtet sich davor, sie wahrzunehmen. Lebt man im Kreis 5, kommen einem jedenfalls die sicheren Urteile ganz schnell abhanden. Dafür sind vielleicht die Vorurteile ein bisschen wackliger. Aber vielleicht auch nicht . . .
Pia Horlacher ist Mitglied der Filmredaktion der NZZ.