NZZ Folio 02/07 - Thema: Teheran   Inhaltsverzeichnis

Sehnsüchtig war mein Herz

© Newsha Tavakolian, Teheran
Bildnis des Ayatollah Khomeiny am Vanak-Platz. Linktext
Die kurze Blüte der Demokratie unter Mossadegh, die blutige Diktatur des Schahs und die triumphale Rückkehr von Ayatollah Khomeiny: Erinnerungen eines Intellektuellen, der zwei Mal ins Exil ging.

Von Bahman Nirumand

Wenn ich Freunde oder Verwandte, die in meine Geburtsstadt Teheran flogen, zum Flughafen begleitete, packte mich jedes Mal eine grosse Sehnsucht. Fünf Stunden Flugzeit, und ich wäre da. Ich würde mit einem Sammeltaxi ins Zentrum fahren, würde in den Geschäftsstrassen herumlaufen und wie früher zu einem der Imbissläden gehen. Dort würde ich ein paar Freunde treffen, würde mit ihnen persischen Wodka trinken, der besser schmeckt als der russische, dazu ein Sandwich oder Fleisch am Spiess essen und mich über die neusten Nachrichten unterhalten.

Dann würde ich zum Haus meiner Eltern gehen. Würde ich überhaupt den Weg finden? Ich wusste, dass sich die Stadt während der vergangenen Jahre, die ich als politischer Flüchtling im deutschen Exil leben musste, stark verändert hatte. Es seien viele neue Strassen, Plätze, Hochhäuser, Supermärkte, Restaurants und Nachtlokale gebaut worden, erzählten mir Reisende aus der Heimat. «Du würdest Teheran nicht wiedererkennen», sagten sie. Dieser Satz traf mich jedes Mal wie ein Stich ins Herz. Meine Sehnsucht war so gross, dass ich fast jede Nacht davon träumte, in Teheran zu sein.

Ich träumte von dem Haus, in dem ich meine Kindheit verbracht hatte, einem zweistöckigen Haus mit einem kleinen Garten davor und einem Teich, in dem rote und schwarze Fische schwammen. Rund um den Teich waren Blumen angepflanzt. Auch ein paar Obstbäume standen im Garten, darunter ein Granatapfelbaum, der im Frühjahr seine trichterförmigen roten Blüten hervorbrachte und bis zum Herbst mit dem Reifen seiner Früchte beschäftigt war. Den Stolz der Familie bildete aber eine Pappel, die höher reichte als das Dach des Hauses. Wie oft war ich mit anderen Jungs auf diesen Baum geklettert! Von seinen obersten Ästen aus konnten wir in das Haus unseres Nachbarn schauen und im Sommer, wenn Schulferien waren, heimlich die beiden Töchter beim Schwimmen beobachten.

Ich träumte von den Strassen und Gassen, auf denen ich mit anderen Kindern Fussball oder Räuber und Gendarm spielte. Damals gab es nur wenige Autos. Viele fuhren mit Droschken, was uns Kindern ein besonderes Vergnügen bereitete. Unbemerkt vom Kutscher sprangen wir hinten auf, fuhren ein Stück mit, bis der Kutscher uns bemerkte und mit Peitschenhieben und Flüchen verjagte.

Ich träumte von den Bergen im Norden der Stadt. Ihr höchster Gipfel, Damawand, ist über 5600 Meter hoch und selbst im Hochsommer bei über 40 Grad Hitze in der Stadt mit Schnee bedeckt; er bietet, umrahmt vom Blau des Himmels, dem Betrachter einen unvergesslichen Anblick und verleiht ihm ein Gefühl der Stärke. Fast jede Woche wanderte ich in den Bergen. Ich liebte diese Landschaft, diese aufregende Einsamkeit, in der die Zeit keine Rolle spielt und man die Ewigkeit spürt.

Hier kannst du Stunden um Stunden von Fels zu Fels und von Hügel zu Hügel klettern, du siehst kein Gras, keine Blume, keinen Baum. Eidechsen sitzen auf den Felsen und sonnen sich, Schlangen zischen an dir vorbei, die Felsen wechseln je nach Sonnenstand ihre Farbe, und plötzlich, völlig unerwartet, entdeckst du einen kleinen Brunnen, daneben zwei Bäume und vielleicht ein wenig Unkraut. Die Hitze hat dich ermüdet, du bist nassgeschwitzt, legst dich auf den Bauch, tauchst den Mund in das kühle Wasser und trinkst. Dann setzt du dich in den Schatten der Bäume, rauchst eine Zigarette, lauschst der Stille und weisst dich mit den Bergen einig, dass deine Probleme so winzig sind, dass du sie vergessen kannst.

So alt ist die Hauptstadt nicht. Zwar wird Teheran schon 942 in den Geschichtsbüchern als Ansiedlung mit Obstgärten erwähnt, in der die Einwohner unterirdisch in Gängen und Höhlen lebten, aber erst 1796 wurde die Stadt mit der Gründung der Kadscharen-Dynastie zur Hauptstadt erklärt. Seitdem hat sie viel erlebt: 1906 die konstitutionelle Revolution; ab 1925 die lange Diktatur des Gründers der Pahlevi-Dynastie, Reza Schah; 1951 die Volksbewegung unter der Führung von Mohammad Mossadegh zur Nationalisierung der Ölindustrie.

Ich erinnere mich gut an die grossen Demonstrationen von damals. Ich war elf Jahre alt, ging noch in die Grundschule, verteilte aber schon bei den Parlamentswahlen Flugblätter zugunsten der Liste Mossadeghs. Er war von 1951 bis 1953 Ministerpräsident und jagte die Briten, die über das iranische Öl herrschten, aus dem Land. Das Siegesfreudenfest gehört zu den schönsten Erlebnissen meiner Jugend. Mossadegh war der einzige Demokrat, der je in Iran regierte. Doch die Freude währte nicht lange. Ein CIA-Putsch brachte seine Regierung zum Sturz. Ich sehe noch vor mir, wie der Mob aus dem Süden der Stadt, begleitet von Panzern und Soldaten mit Maschinengewehren, «Nieder mit Mossadegh, es lebe der Schah!» skandierte und mit Messern und Ketten bewaffnet in den Norden zog. Sie stürmten das Rundfunkgebäude. Am 10. August 1953 um 14 Uhr erklang zu Beginn der Nachrichten die Schah-Hymne. Damit wurde jede Hoffnung auf Demokratie begraben, eine neue Diktatur übernahm für die nächsten fünfundzwanzig Jahre die Macht.

Mich schickten meine Eltern nach Deutschland. Ich sollte dort das Abitur machen, und, wie die meisten Iraner, die zum Studium ins Ausland gingen, Medizin oder ein technisches Fach studieren. Zum Entsetzen meiner Eltern entschied ich mich für Literatur und Philosophie. «Wie willst du damit deinen Lebensunterhalt verdienen?» schrieb mir mein Vater. 1960 promovierte ich über Brecht, kehrte dann nach Iran zurück und wurde Dozent für vergleichende Literaturwissenschaft an der Teheraner Universität. Aber mein kritischer Blick auf die Gesellschaft, der Versuch, meine im Ausland gewonnenen Erkenntnisse umzusetzen, wurden mir zum Verhängnis: Kaum ein Jahr im Land, wurde ich zum Militärdienst gezwungen. Die folgenden anderthalb Jahre waren die schlimmste Zeit meines Lebens. Sie verwandelten den liberal denkenden Akademiker in einen Revolutionär. Nach fünfjährigem Aufenthalt verliess ich das Land.

Die Jahre vergingen. Allmählich begann ich die Hoffnung auf Rückkehr aufzugeben. Die Diktatur des Schahs schien von ewiger Dauer. Doch auf einmal, wie aus heiterem Himmel und scheinbar ganz aus sich heraus, entstand Mitte der 1970er Jahre eine Bewegung gegen die Diktatur, die sich innerhalb eines Jahres zu einem der grössten Massenaufstände der Geschichte entwickeln sollte. Endlich zeichnete sich am Horizont eine neue Epoche ab. Welch eine Freude, welch ein Glück! Zwar nahmen islamische Gruppen an den Demonstrationen und Kundgebungen immer reger teil, aber das dämpfte meine Euphorie nicht.

Wie die meisten dachte ich, man müsse sich auf das Ziel konzentrieren, die Monarchie zu stürzen; danach würde man mit den Islamisten leicht fertig – ein unverzeihlicher Irrtum. Er rührte von der mangelnden Kenntnis der iranischen Gesellschaft und der Unterschätzung des Islam her, jener ungeheuren Kraft, die unter der Oberfläche schlummerte. Für diesen Irrtum zahlten nicht nur Linke und Liberale, sondern das ganze Volk einen hohen Preis.

1978 siedelte Ayatollah Khomeiny aus seinem irakischen Exil nach Paris über und übernahm von dort aus die Führung der Revolution. Ein islamischer Exot aus dem Morgenland im Herzen Europas! Es war eine Sensation. Keine Werbeagentur der Welt hätte die Propaganda für den Gottesmann besser inszenieren können: Unter einem Apfelbaum im Garten eines Hauses in Neauphle-le-Château sass der geistliche Würdenträger auf einem Perserteppich. Vor ihm knieten Hunderte seiner Jünger. Der ehrwürdige Alte mit dem langen weissen Bart, einem schwarzen Turban auf dem Kopf und einem weiten Umhang um die Schultern schaute über die Köpfe der Menge hinweg zum Himmel und verkündete mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger den Willen Gottes.

Sein Charisma stellte alle seine Begleiter in den Schatten. Er repräsentierte das Licht, die Weisheit und den Glauben. Er war der Messias. Aus aller Welt pilgerten Iraner und Muslime nach Neauphle-le-Château, um dem Verkünder einer neuen Menschheitsepoche von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen, seine Hand zu küssen und seine Befehle zu empfangen. Er kündigte das Ende der Diktatur an und forderte das iranische Volk auf, keine Opfer zu scheuen, um den Schah davonzujagen und die Tore zur Freiheit zu öffnen. Millionen folgten seinem Ruf.

Obwohl der Schah noch fest auf seinem Thron sass und seine Geheimdienstler und Soldaten noch wüteten, obwohl die Möglichkeit eines Militärputsches nicht ausgeschlossen war, hielt ich es nicht mehr aus. Revolutionen hatte ich bisher nur aus Büchern gekannt. Jetzt hatte ich die Gelegenheit, selber eine Revolution zu erleben, noch dazu in meiner eigenen Heimat. Ich wollte dabei sein, die Gefahren, Aufregungen und Freuden am eigenen Leib spüren. War es Abenteuerlust? Ein wenig schon.

Endlich, am 2. Januar 1979, sass ich in einer Maschine, die nach Teheran flog. Die Passagiere waren alles Iraner, die meisten Oppositionelle, die wie ich den letzten Akt, den Sturz des 2500-jährigen Königreichs, miterleben wollten. Wir sangen Revolutionslieder und riefen nach jedem Lied: «Marg bar Schah!», Tod dem Schah! Dieser Spruch war in Iran und auch unter uns im Ausland zum Ersatz für den normalen Gruss geworden. In den letzten Minuten vor der Landung konnte ich mich vor Aufregung kaum noch halten. Ein kurzer Blick auf Teheran, und die Maschine setzte auf dem Rollfeld auf. «Marg bar Schah!» riefen wir im Chor. Einige mahnten zur Vorsicht.

Nach vierzehn Jahren Exil betrat ich zum ersten Mal wieder iranischen Boden. Der Himmel war wolkenlos, die Nachmittagssonne warf ihren Schein auf den glitzernden Schnee. Man sah, dass der Flughafen nicht richtig in Betrieb war. Nur eine Landebahn war vom Schnee freigeschaufelt. Ein paar Flugzeuge standen einsam und verlassen auf dem Gelände herum.

Zwei Freunde und ich nahmen ein Taxi. In meiner Erinnerung gab es auf beiden Seiten der langen Strasse, die vom Flughafen in die Stadt führte, kaum ein Gebäude. Jetzt lag der Flughafen schon am Stadtrand. Links und rechts von der Strasse standen hässliche, teilweise noch unfertige Hochhausblöcke. Irgendwo dazwischen sah man eine grössere Fläche, auf der junge Kiefern angepflanzt waren. «Was ist das denn?» fragte ich. «Das soll ein Wald werden», antwortete der Taxifahrer mit einem spöttischen Lachen. «Und dahinter soll ein Stadion entstehen – ein Lieblingsprojekt des Schahs.»

Je mehr wir uns dem Zentrum näherten, desto grösser wurde mein Staunen. Mir schien fast alles fremd. Viele Strassen und Geschäfte waren neu. Aber es gab auch vertraute Bilder, die mir das sichere Gefühl gaben, nicht zu träumen, sondern tatsächlich in der Heimat zu sein: der chaotische Verkehr, die spielerische Fahrweise, das sinnlose Hupen. Auf den Gehwegen am Strassenrand standen Wagen, überhäuft mit Orangen, Mandarinen, Äpfeln, Nüssen, Mandeln und Süssigkeiten. Die Sonne war inzwischen untergegangen, aber ganz dunkel war es noch nicht. Trotzdem hatten viele Strassenverkäufer ihre Gas- und Petroleumlampen angezündet und priesen laut ihre Waren an. Hektik spürte man keine. Die Leute standen diskutierend und gestikulierend in kleinen Gruppen beisammen oder flanierten auf dem Trottoir. Manche knabberten geröstete Melonenkerne und warfen die Schalen auf den Boden. Auffallend für mich, der gerade aus Deutschland kam, waren die vielen Kinder, die auf den Strassen spielten. Wie gelassen die Leute auf das unaufhörliche Hupen, die lauten Rufe der Verkäufer und die umherrennenden Kinder reagieren, dachte ich. Als wären sie im Urlaub an einer Strandpromenade.

Dass in der Stadt gerade eine Revolution auf vollen Touren lief, war den Passanten nicht anzumerken. Aber nach einem Blick auf die Mauern und Häuserwände wurde man vom Gegenteil überzeugt. Farben- und phantasiereiche Bilder und Karikaturen schmückten das Strassenbild. Im Vorbeifahren konnte ich einige Sprüche lesen: «Die letzte Runde im Boxkampf, bald ist die Grossnase k.o.» (gemeint war der Schah), «Willst du den Schah sehen, zieh deine Hose herunter, und schau von hinten in den Spiegel.» Auf einer Karikatur sah man den Schah in Frauenkleidern in den Armen von US-Präsident Jimmy Carter.

An einer Strassenecke wurde auf offenem Feuer Fleisch am Spiess gebraten. Ich schlug vor, kurz anzuhalten und da zu essen. Die anderen rieten davon ab. Ich wusste nicht, in welchem Stadtteil wir uns befanden, hielt mich aber mit Fragen zurück. Teils, weil ich den Leuten nicht auf die Nerven gehen wollte, teils aber auch, weil ich mich irgendwie schämte, meine Geburtsstadt nicht mehr zu kennen.

Endlich stand ich vor dem Haus meiner Eltern – eine Szene, von der ich jahrelang geträumt hatte. Sie hatten keine Ahnung, dass ich nach Hause kommen wollte. In der Wohnung brannte Licht. Zum Glück ist jemand da, dachte ich. Die Haustür stand offen, ich lief die Treppe hoch in den dritten Stock und klingelte. Die Tür ging auf. Meine Mutter stand vor mir. Sie schaute mich einen Augenblick an, vielleicht, um sich zu überzeugen, dass es keine Täuschung war. Dann fiel sie mir mit einem Schrei in die Arme.

Früher hatten meine Eltern im Zentrum der Stadt gewohnt, inzwischen waren sie nach Schemiran gezogen. Als ich Teheran verliess, war Schemiran, ein kleiner Ort im Norden, ein Erholungsort. Eine fast kerzengerade, breite, etwa zwölf Kilometer lange Strasse führte hoch zum Berghang. Auf beiden Seiten der Strasse waren Platanen angepflanzt. Zwei breite Bäche, in denen immer reichlich Wasser floss, trennten die Fahrbahn von den Gehwegen. Die Strasse mündete in einen grossen Platz, den Schemiran-Platz, der besonders in den Sommermonaten als Vergnügungszentrum diente. Schemiran liegt wesentlich höher als Teheran und ist darum vor allem abends kühler. So machten sich nach dem Sonnenuntergang die Teheraner mit ihren Kindern auf den Weg, suchten sich neben den Bächen einen günstigen Platz, breiteten dort ihre Teppiche und Mitgebrachtes aus. Viele hatten auch einen Samowar dabei und Holzkohle zum Grillieren. Die Wodka- und Bierflaschen stellten sie zum Kühlen in den Bach. Damals herrschte in Iran kein Alkoholverbot. Später am Abend sah und hörte man viele tanzen und singen.

Jetzt stellte ich erstaunt fest, dass Teheran längst über Schemiran hinausgewachsen und kilometerweit den Hang emporgeklettert war. Als ich am Morgen nach meiner Ankunft von der Dachterrasse über die Stadt blickte, kam Schemiran mir vor wie ein verlassenes Kinderzimmer, in dem Bauklötze, Legosteine und Puppenhäuser herumlagen. Ohne Ordnung, ohne Plan standen Hochhäuser und Villen in französischem, italienischem, amerikanischem, ja sogar japanischem Stil unvermittelt nebeneinander. Grosser Reichtum und kulturlose Verschwendungssucht hatten sich hier breitgemacht.

Als ich auf die Strasse ging, sah ich Geschäfte mit grossen Schaufenstern, in denen die neusten Waren aus Europa, sogar mit Preisschildern versehen, ausgestellt waren. Ein paar Schritte weiter gab es die echt persischen Obst-, Gemüse- und Lebensmittelläden, die ihre Waren auf dem Trottoir ausgebreitet hatten. Hier gab es keine Preisschilder. Selbst wenn man zäh feilschte und den Preis um zehn, zwanzig Prozent drückte, konnte man sicher sein, dass man übers Ohr gehauen worden war.

Ich fuhr mit einem Sammeltaxi zur Universität. Eine riesige Ansammlung von Menschen befand sich auf dem Campus und in den umliegenden Strassen. Angst und Freude zeigten sich auf den Gesichtern, Freude über die neusten Erfolgsmeldungen und Angst vor einem Militärputsch. Vor der Universität standen Hunderte von Verkäufern, die auf dem Gehweg Bücher zum Verkauf anboten, Bücher, deren Besitz oder Verkauf noch bis vor wenigen Wochen mit hohen Gefängnisstrafen geahndet worden war. Es herrschte ein grosser Andrang. Erstaunlich, was für Bücher in den Kellern der Buchhändler unentdeckt geblieben waren. Viele machten auch mit Raubdrucken ein gutes Geschäft. Ich fand verschiedene Ausgaben meiner eigenen Arbeiten, die unter mir unbekannten Autorennamen erschienen waren.

Das Haus, in dem ich als Kind aufgewachsen war, befand sich in der Nähe der Universität. Die Strassen kamen mir viel kleiner vor, als ich sie in Erinnerung hatte. Als wäre ich ein Riese, der mit jedem Schritt einige Meter zurücklegte. Unser Haus stand nicht mehr, auch nicht die Pappel. Auf dem Gelände war eine Privatklinik gebaut worden. Doch das Haus unseres Nachbarn, dessen Töchter wir beim Schwimmen beobachtet hatten, befand sich noch dort, und zwar im selben Zustand wie damals. Ich zögerte, wollte klingeln, liess es aber sein und lief weiter, zum alten Stadtzentrum, das von der «Modernisierung» mehr oder weniger verschont geblieben war. Die Geschäftsstrassen Istanbul, Naderi und Lalehzar mit Cafés, Restaurants, Theatern und Kinos hatten, nach der Menge der Passanten zu urteilen, ihren Reiz nicht eingebüsst. Mit Wehmut sah ich das Café Naderi, einst Treffpunkt der Schriftsteller und Intellektuellen.

Je weiter ich in den Süden kam, desto vertrauter war mir das Stadtbild: Das Parlament, der Kanonenplatz, das Postamt, das Aussenministerium, das Polizeipräsidium liessen die Geschichte der letzten 150 Jahre Irans wie einen Film vor meinen Augen ablaufen. Diesen Stadtteil könnte man als das Herz Alt-Teherans bezeichnen. Hier hatte sich kaum etwas verändert, das war die Stadt, die ich vierzehn Jahre zuvor verlassen hatte, die Stadt, die ich liebte.

Vorbei am Justizgebäude, das wie die meisten Gerichte dieser Welt eine besondere Kälte ausstrahlt, erreichte ich den Basar, den südlichsten Teil des alten Stadtzentrums. Farbenreich lagen die Waren auf beiden Seiten der schmalen, überdachten Wege. Überall wurde verkauft, gekauft und mit grösstem Vergnügen gehandelt. Da waren die Töpfer, die mit erstaunlicher Fertigkeit die Gefässe formten, die Goldschmiede, die kitschigen, aber schön glänzenden und glitzernden Schmuck herstellten, die Lederwarenstände, wo es so wunderbar nach echtem Leder roch. Auch die berühmten Esslokale, in denen man traditionell zubereiteten Reis mit Fleisch am Spiess essen konnte, hatten die Zeiten überdauert. Viele Bewohner aus dem Norden fuhren immer noch hierher, um echt persisch zu essen.

Hinter dem Basar begannen allmählich die Slums. Ein grauenhaftes Bild bot sich mir. Barfüssige, abgemagerte Kinder liefen im Dreck und im Schlamm herum, obwohl es Winter und kalt war. Vor den fensterlosen Lehmhütten und Blechbaracken sassen opiumsüchtige Männer und dösten vor sich hin. Frauen wuschen in einem schmutzigen Bach ihre Wäsche. Bettler und Kinder kamen auf mich zu und baten um Almosen. Was für ein Kontrast zu den modernen, von Parks und Gärten umgebenen Häusern im Norden, zu den modisch gekleideten Damen und Herren mit ihren herausgeputzten Kindern, die in den Cafés und Restaurants sassen! Zwei Welten: eine mit dem Glanz westlicher Zivilisation geschmückte Konsumgesellschaft und eine in der iranischen Tradition verhaftete, von Armut und Krankheit gezeichnete, vergessene Welt. Kann es zwischen diesen beiden Welten eine Versöhnung geben? dachte ich. Was würde geschehen, wenn die Revolution siegte?

Hier im Süden setzten alle ihre Hoffnungen auf Khomeiny. Sie vergötterten ihn. Jeden Abend, wenn der Mond aufging, glaubten Hunderttausende, sein Antlitz darin zu erblicken. Eines Abends sah ich im Süden eine Gruppe von Bettlern und Losverkäufern, die zum Mond schauten und von der überirdischen Macht ergriffen «Allah’ o Akbar!» (Gott ist gross) riefen. «Siehst du ihn?» fragte mich einer. «Ja», sagte ich, «ich sehe ihn.»

Einige Tage nach meiner Ankunft nahm ich an einer Massenkundgebung auf dem Universitätsgelände teil. Mehr als hunderttausend Menschen standen dicht gedrängt. Auch die umliegenden Strassen waren überfüllt. Ich hatte einen günstigen Platz neben der Tribüne und konnte von dort den ganzen Platz überblicken. Wie ein schwarzes Feld mit lauter kleinen Kuppeln sahen die Köpfe aus. Ein beeindruckendes, aber auch ein beängstigendes Bild. Es war zu erkennen, dass viele aus dem Süden der Stadt dabei waren, aus den Blechbaracken und Lehmhütten. Ich fragte mich, was sich in ihren Köpfen abspielte, welches Weltbild, welche Ideale sie hatten und wie sie sich die Zeit nach der Revolution vorstellten. Konnte ich mich damit identifizieren?

Am 16. Januar 1979 unterbrach um 13 Uhr 25 der Teheraner Rundfunk sein Programm und verkündete, soeben habe die kaiserliche Maschine mit dem Schah und der Kaiserin Farah an Bord den Flughafen Mehrabad verlassen. «Der Schah ist weg, der Schah ist weg!» rief einer, der ein Transistorradio in der Hand hatte. Wie ein Blitz schlug die Nachricht ein. Jubel brach aus, die Autos auf den Strassen begannen im Takt zu hupen, manche Fahrer hielten an, stiegen auf das Dach ihres Wagens und begannen zu tanzen. Blumenhändler schenkten den Passanten Blumen, vor den Häusern wurden Süssigkeiten verteilt, es wurde laut Musik gemacht, innerhalb kurzer Zeit entstand das grösste Fest, das Teheran je erlebt hatte.

Es war kurios, wie eine derart gefürchtete Macht einstürzte wie ein Kartenhaus. Rundfunk und Fernsehen wurden von den Aufständischen besetzt, Waffendepots geplündert, Gefängnisse gestürmt. Ich begab mich zum berüchtigten Evin-Gefängnis, dem Sinnbild des Grauens. Früher war ich gelegentlich daran vorbeigekommen. Wenn Schüsse fielen, stieg eine Schar von Raben krächzend auf, als wollten die Vögel der Stadt mitteilen, was hinter den Mauern geschah. Und nun hatte ich das grosse Glück, die Befreiung der Gefangenen mitzuerleben. Es war ein einmaliges Ereignis.

Plötzlich hatte die Freiheit das unüberwindbar scheinende Tor durchbrochen und die schlimmsten und brutalsten Züge der Diktatur enthüllt. Wir gingen durch die dunklen Gänge, betrachteten die Zellen. Welch unsagbare Verbrechen, welche Qualen hatten diese Räume miterlebt! In den Kammern lagen still und kalt die Folterinstrumente, die man vom Hörensagen kannte. Wer hätte sich in diesen Tagen vorstellen können, dass das Gefängnistor sich bald wieder schliessen würde und Zehntausende – auch Gefangene, die an diesem Tag befreit wurden – abermals hinter diesen Mauern gefoltert und hingerichtet würden?

Der Frühling der Freiheit war angebrochen. Der Hauptstadt stand noch ein grosses Fest bevor: die Ankunft Khomeinys, die immer wieder angekündigt und verschoben wurde. Hunderttausende hatten sich schon vor Tagen aus der Provinz auf den Weg in die Hauptstadt gemacht. Überall auf den Strassen hingen Bilder von Khomeiny und Spruchbänder, die ihn willkommen hiessen. Entlang der Route vom Flughafen zum Friedhof Beheschte Zahra, einer Strecke von 50 Kilometern, waren die Geschäfte und Häuser mit Blumen und farbigen Glühbirnen geschmückt. Fernsehen und Rundfunk steigerten durch die ständige Berichterstattung über Einzelheiten der Reise die Sehnsucht im Volk, den geistlichen Würdenträger zu empfangen.

Endlich war es so weit. Der Gottgesandte, Auserwählte, Schutzengel der «Barfüssigen und Habenichtse», der Führer der Revolution, kehrte in die Heimat zurück.

Der 1. Februar 1979 war ein schöner Tag. Eine hellblaue Kuppel überragte die Sechsmillionenstadt. Im Norden standen die schneebedeckten Berge und schauten herab auf die ungeheuren Massen, die am Vorabend oder während der Nacht aufgebrochen waren, um möglichst nah am Flughafen einen günstigen Platz zu finden. Kurz nach 9 Uhr wurde die Air-France-Maschine, eine Boeing 747, am Himmel gesichtet. «Du bist meine Seele, Khomeiny!» riefen die Massen. Manche weinten vor Freude. Es war, als sei Khomeiny der verborgene Imam, der Messias, der nach schiitischem Glauben zurückkehren und überall auf Erden Gerechtigkeit herstellen wird.

Oben in der Maschine führt ein Journalist ein Interview mit Khomeiny: «Ayatollah, Sie sind fünfzehn Jahre lang im Exil gewesen. Jetzt werden Sie von sechs, sieben Millionen Ihrer Landsleute erwartet. Was empfinden Sie in diesem historischen Augenblick?» fragte der Journalist. «Nichts», antwortete Khomeiny.

Es war bezeichnend, dass der Heimkehrer seine erste Rede an das Volk auf dem Friedhof Beheschte Zahra hielt. Hier lagen nicht nur gewöhnliche Tote, sondern auch die «Märtyrer» der Revolution. Zu ihrer Würdigung wurden täglich Prozessionen durchgeführt. Der Ayatollah schritt zum Podium. Sein Gesicht verriet keine innere Regung. Seine strengen Augen blickten niemanden an, schauten über die Köpfe der Menge hinweg. Je ruhiger und unbeteiligter er sich verhielt, desto mehr geriet die Masse ausser sich. «Du bist meine Seele, Khomeiny!» riefen sie ihm zu, und er hielt sie nicht einmal eines Blickes für würdig.

Schliesslich begann er zu reden. Alle hielten den Atem an, es herrschte Totenstille. Er sprach leise und undeutlich, gebrauchte grammatisch ungewohnte, ja oft falsche Formulierungen. Es war ohnehin gleichgültig, was er sagte. Die Massen folgten ihm, sie waren zu jedem Opfer bereit. Mich schauderte beim Anblick dieser Szene. Eine neue Zeit war angebrochen.

Ich hielt es drei Jahre aus. Im Dezember 1981 flüchtete ich abermals ins Exil. Seitdem habe ich Teheran nicht mehr gesehen.
Bahman Nirumand ist Journalist und Buchautor; er lebt in Berlin. Sein jüngstes Buch, «Iran. Die drohende Katastrophe», ist 2006 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

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