Das Zitat drückt ein Lebensgefühl aus: das des französischen Konsuls in der bosnischen Kleinstadt Travnik zu Zeiten der Napoleonischen Kriege, die Verzweiflung des in seiner Einsamkeit zermürbten und doch pflichtbewusst gebliebenen Staatsbeamten, den sein Diplomatenschicksal, wie er meint, ans Ende der Welt verschlagen hat. Der Roman des bosnisch-serbischen Nobelpreisträgers Ivo Andric hat darüber hinaus die Fremdheit der Westeuropäer auf dem - damals noch unter türkischer Herrschaft stehenden - Balkan zum Gegenstand: ihr Unverständnis für die Denk-, Handlungs- und Redeweise der Einheimischen, kurz, für ihre Andersartigkeit.
Wenn jemand für die Bewältigung dieses Themas der richtige Mann war, dann Andric. Der Richtige nicht nur dank seiner Erzählkunst, sondern auch wegen des persönlichen Hintergrunds und Werdegangs. Andric, 1892 in Travnik geboren, wuchs in Visegrad an der Drina auf (der von den Türken erbauten Brücke widmete er später einen weiteren grandiosen Roman, eine bosnische Chronik der Jahrhunderte), er studierte in Zagreb, Wien, Krakau und Graz und lebte dann, nachdem er in den diplomatischen Dienst getreten war, zumeist von seiner Heimat entfernt: in Rom, Bukarest, Madrid, Genf und Berlin. In seinem Werk, so abwechslungsreich es ist, kehren die gleichen Landschaften und Menschen wieder: Bosnien, das nördliche Grenzgebiet des Osmanenreichs und später die südöstliche Grenzprovinz der Habsburgermonarchie; Leute sodann, die an einer kulturgeschichtlichen Bruchstelle zwischen der christlichen und der islamischen Sphäre ihr seltsames, zumeist bedrücktes Leben fristen.
Ob westliche Politiker und Diplomaten mit Vorteil die Romane Andrics gelesen hätten, bevor sie sich Anfang der neunziger Jahre mit der laut verkündeten Gewissheit auf den Weg nach Belgrad machten, sie würden als Vermittler den Balkankonflikt bald in den Griff bekommen und beilegen? Vielleicht. Vielleicht hätte sie die Lektüre zu mehr Vorsicht gemahnt, skeptischer, stutziger gemacht und mit der selbstkritischen Frage konfrontiert, ob ihre Kenntnisse der örtlichen Verhältnisse und Mentalitäten für die vorgenommene Aufgabe wirklich ausreichten.
An selbstbewussten westlichen Aussagen beim Ausbruch der Feindseligkeiten in Jugoslawien herrschte in der Tat kein Mangel. Dies sei die Stunde Europas, erklärte etwa der luxemburgische Aussenminister Jacques Poos Ende Juni 1991, als er sich, zusammen mit zwei Kollegen, als Vertreter der «EU-Troika» daran machte, unter den Südslawen Frieden zu stiften. Gemeint war: Die Europäische Union werde sich dieses europäischen Falles annehmen und ihre aussenpolitische Autorität und Handlungsfähigkeit beweisen.
Wir wissen, wie es dann tatsächlich kam. Es bedurfte viereinhalb Jahre später - nach Kriegen in Slowenien, Kroatien und Bosnien - des erneuten Engagements der Vereinigten Staaten. Es brauchte die Aufrüstung der kroatischen Streitkräfte und so die Wiederherstellung des Kräftegleichgewichts sowie die hemdsärmeligen Verhandlungsmethoden des amerikanischen Diplomaten Richard Holbrooke (der im Gegensatz zu den Europäern massive militärische Druckmittel hinter sich wusste), damit Ende 1995 in Dayton ein zerbrechlicher, durch westliche Militärpräsenz gewährleisteter Friede zustande kam.
Doch trugen die Amerikaner selber am Geschehen nicht von Anfang an eine Mitschuld? Hatten sie die Sprengkraft der südslawischen Wirren, den Unabhängigkeitswillen der einen und die Gewaltbereitschaft der anderen nicht unterschätzt? Als der damalige Aussenminister der Vereinigten Staaten, James Baker, am 21. Juni 1991 Belgrad einen Besuch abstattete, hinterliess er den sehr bestimmten Eindruck, nur ein unverändert fortbestehender jugoslawischer Staatsverband könne auf die Unterstützung Washingtons zählen.
Zu dem Zeitpunkt aber waren die Spannungen zwischen den einzelnen Teilrepubliken bereits unerträglich und die Widersprüche unauflösbar geworden. Grosse Mehrheiten in Slowenien und Kroatien hatten sich in Volksabstimmungen für die Loslösung vom Bundesstaat ausgesprochen, und die Parlamente in Zagreb und Ljubljana stellten ihre Unabhängigkeitserklärungen für den 26. Juni in Aussicht. Bakers Worte wirkten da auf die Belgrader Führung wie eine Ermutigung, den sezessionswilligen Republiken Slowenien und Kroatien mit militärischer Macht entgegenzutreten. Was denn auch gleich geschah.
Hatte der Westen versagt? Nach diesem Misserfolg räumten die Amerikaner jedenfalls den Schauplatz für längere Zeit und überliessen es den Europäern, sich um ihren südöstlichen Vorhof selber zu kümmern. Die EU freilich hatte bei der Zuspitzung der jugoslawischen Krise im Frühjahr 1991 auch keine anderen Ratschläge erteilt; ihre Abgesandten verkündeten lange bloss den frommen Wunsch, die südslawische Föderation möge beisammen bleiben. Wer im einzelnen nachlesen möchte, welche Fehler der westlichen Diplomatie bei ihren Versuchen zur Beilegung des Konflikts angekreidet werden können, greife etwa zu Viktor Meiers Buch «Wie Jugoslawien verspielt wurde» (C. H. Beck 1995). Meier begleitet den Auflösungsprozess von Titos Tod 1980 bis zum Ausbruch des Kriegs in Bosnien 1992, und das Wort «verspielt» in seinem Titel meint gewiss nicht nur die Leichtfertigkeit der einheimischen Politiker, sondern auch die Inkompetenz der vielen fremden Ärzte am Krankenbett des jugoslawischen Patienten.
Atlantisches Bündnis hin, Maastrichter Vertrag her - der Westen war keine einheitliche Grösse. Am deutlichsten wurde dies im Herbst 1991, als es wegen der deutschen Absicht, Slowenien und Kroatien als selbständige Staaten anzuerkennen, zu einer regelrechten Krise kam. In Paris und London sprach man von einem deutschen Alleingang. Die Vorgänge liessen, wollte man optimistisch sein, allerdings auch den umgekehrten Schluss zu: Gerade die Tatsache, dass die europäische Front trotz dieser schweren internen Belastung hielt, bezeugte den inzwischen erreichten hohen Grad der Integration.
Die jäh aufbrechenden Meinungsunterschiede hatten indessen nicht bloss mit abweichenden Auffassungen zu tun, mit Differenzen darüber, ob die westliche Strategie weiterhin auf die Bewahrung von Jugoslawiens staatlicher Einheit setzen oder das Geschehene hinnehmen und den Zerfall besiegeln sollte. Hinter den verschiedenen Positionen tauchten auch historische Muster auf. Der Aussenpolitik Deutschlands (und derjenigen des damals noch ausserhalb der EU stehenden Österreich) wurde eine geschichtlich bedingte Parteinahme für Kroatien und Slowenien vorgehalten, während in Grossbritannien und vorab in Frankreich eine aus Zeiten der Weltkriege stammende Sympathie für Serbien mitbestimmend war.
Belgrad wurde seither nie müde, die These zu wiederholen, Deutschland, Österreich und - wie groteskerweise hinzugefügt wurde - der Vatikan hätten Jugoslawien zerschlagen. Der an die Bonner Adresse gerichtete Vorwurf, verfrüht gehandelt und die übrigen EU-Länder gegen ihren Willen auf «Anerkennungskurs» gebracht zu haben, wurde in westlichen Hauptstädten und Medien oft variiert. Die von Aussenminister Genscher geleitete deutsche Diplomatie erwiderte, die Europäische Union, mit ihren Vermittlungsversuchen am Ende ihres Lateins angelangt, habe keinerlei Aussicht mehr gehabt, Jugoslawien als eine Föderation zu retten. Der Krieg aber, den die von Belgrad befehligte Bundesarmee nach Kroatien getragen hatte, liess sich nach deutscher Überzeugung eher eindämmen durch die Anerkennung der nordwestlichen Teilrepubliken und damit durch die Internationalisierung des Konflikts.
Das Unbehagen wegen der Rolle Bonns war nur bedingt von Jugoslawien ausgelöst worden. Entfesselt wurde der Streit wohl eher deshalb, weil das erst kurz zuvor wiedervereinigte Deutschland zum erstenmal nach 1945 in einer europäischen Kardinalfrage die Führung übernommen und im Zeichen der gemeinsamen Aussenpolitik der EU eine Entscheidung erzwungen hatte. Dies alles spielte sich in einer Zeit ab, da deutsche Investitionen in dem 1989 frei gewordenen Ostmitteleuropa rasch Terrain gewannen, und hinzu kamen ungemütliche historische Parallelen: Jugoslawien, eine Schöpfung der Friedensschlüsse nach dem Ersten Weltkrieg und damit ein Kind der Westmächte, geriet unter die Räder; die Entstehung eines unabhängigen Kroatien und bald auch einer unabhängigen Slowakei erinnerte aber manche daran, dass es diese Staaten auf der europäischen Landkarte zuletzt von Hitlers Gnaden gegeben hatte. Solche Vergleiche waren schief, weil im Gegensatz zu 1939 und 1941 Deutschland diesmal weder den Zerfall der Tschechoslowakei noch Jugoslawiens verursacht hatte. Geschichtliche Analogien, ob richtig oder nicht, leben aber nun einmal als Altlasten fort und beeinflussen das politische Denken.
Der Zerfall Jugoslawiens wurde nicht durch die Politik der Anerkennung, sondern durch die Auslösung des Kriegs besiegelt. Das angegriffene Kroatien, dem gegenüber teilweise masslose serbische Territorialansprüche geltend gemacht wurden, konnte in dieser Belgrader Optik nur noch Ausland sein. Höchst zweifelhaft und umstritten bleibt freilich bis heute, ob es hernach, im Frühjahr 1992, richtig war, auch die Teilrepublik Bosnien-Herzegowina als selbständigen Staat anzuerkennen. Der Ruf nach Unabhängigkeit wurde auch hier durch eine Volksabstimmung bekräftigt, die jedoch von der serbischen Volksgruppe, das heisst rund einem Drittel der Landesbevölkerung, boykottiert worden war. Und fragen musste man sich auch, warum das Zusammenleben von Serben, Kroaten und bosnischen Muslimen hier in kleinerem Rahmen möglich sein sollte, wo sich doch dieses Nebeneinander innerhalb der gesamten jugoslawischen Föderation soeben als nicht mehr fortsetzbar erwiesen hatte.
Wie es weiterging, ist bekannt. Der 1992 ausgebrochene Bosnienkrieg, die grausamen Beschiessungen Sarajewos, die Vertreibung der Einwohner ganzer Regionen und die grässlichen Massenmorde hielten die empörte westliche Öffentlichkeit jahrelang in Atem, wiewohl bald kein Aussenstehender mehr imstande war, im Gestrüpp der Einzelheiten den Überblick zu bewahren. Selbst in der Rückschau aus kurzer Distanz - Wer kennt die Völker, nennt die Namen? - weiss heute kaum jemand mehr die Konferenzen zu rekapitulieren, die in London, Genf oder Athen stattfanden, oder die vielen alsbald gebrochenen Abkommen über Waffenruhe sowie all die fruchtlosen Friedenspläne der Vermittler Vance, Owen und Stoltenberg. Hatte der Westen versagt? Kam man zu spät zur Einsicht, dass die Einschaltung Russlands der Friedenssuche nützlich sein könnte? Bestärkte man die Angreifer in ihrem Tun, indem man laut und lange verkündete, ein militärischer Eingriff von aussen bleibe ausgeschlossen? Setzte man falsche Zeichen dadurch, dass man Massenmörder vom Schlage eines Karadzic und Mladic bis heute frei herumlaufen liess?
In Dayton wurde schliesslich - mit Überredungskunst, Zwang und eher schlecht als recht - eine provisorisch anmutende Ordnung für Bosnien-Herzegowina geschaffen. Über Kosovo enthielt die Vereinbarung nichts. Kosovo einzubeziehen und den alten serbisch-albanischen Gegensatz in dieser von beiden Völkern für sich beanspruchten Provinz zu entschärfen, solchen Ehrgeiz hegte der amerikanische Vermittler Holbrooke nicht. Er hatte auch nicht die Ambition, in Bosnien die Siedlungsverhältnisse wiederherzustellen, wie sie dort vor dem Kriegsausbruch und den Vertreibungen geherrscht hatten. Mit angelsächsischer Nüchternheit ging er daran, in der vorgefundenen Lage zu retten, was sich noch retten liess. Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden, heisst es bei Dürrenmatt. Das, was Völker einander in einem Krieg angetan haben, ist erst recht nicht mehr ungeschehen zu machen. Die Europäer, so mochte sich Holbrooke sagen, hatten diesen Waffengang zugelassen, nun gelte es, mit den Folgen fertig zu werden, so gut es gehe.
Das in Dayton geschlossene Abkommen befriedigte keine der Parteien, doch bereitete es keiner Volksgruppe eine annähernd ähnliche Enttäuschung wie den Kosovo-Albanern. Deren Ruf, ihre Sache in Dayton mitzuberücksichtigen, war nicht erhört worden. Sie blickten nun frustriert auf die anderen Völker des einstigen Jugoslawien. In der Bilanz, die sie zogen, hatten die übrigen Nationen ihre volle oder bedingte Unabhängigkeit erkämpft, nur ihnen, den Kosovo-Albanern, blieb jedes Zugeständnis versagt. Der Weg zur Radikalisierung der 1989 ihrer Autonomie beraubten und von der serbischen Staatsmacht völlig entrechteten Albaner war damit vorgezeichnet.
Oder ist auch dies eine der so beliebten nachträglichen Klugheiten? Dass die fatale Verschärfung des Jugoslawien-Konflikts vor zehn Jahren in Kosovo ihren Anfang genommen hatte, wusste man immerhin. Und dass Ibrahim Rugova, der Präsident der Kosovo-Albaner, seine Landsleute bei dem Ausmass der serbischen Unterdrückung nicht ewig zu Ruhe und passivem Widerstand würde anhalten können, liess sich auch leicht voraussagen. Westliche, namentlich amerikanische Politik soll aber Rugova in all den Jahren vertröstet haben: Geduld, die Friedfertigkeit der Albaner werde Früchte bringen. Nach dem Daytoner Abkommen klangen solche Versprechen nur noch hohl. Den Albanern schien, der Westen, mit der eigenen Vermittlertätigkeit zufrieden, interessiere sich für die Kosovo-Frage nicht sonderlich, da dort ja Friede herrsche.
Dabei setzten angesichts der Verschärfung der Gegensätze in Kosovo in den späten neunziger Jahren erneut westliche Bemühungen ein, der Provinz innerhalb Jugoslawiens wieder einen Sonderstatus zu sichern und für die Albaner doch einige Kastanien aus dem Feuer zu holen. Die Versuche scheiterten am Widerstand des Milosevic-Regimes. Aus albanischer Sicht nahm sich die Moral der Geschichte jedenfalls so aus, dass eine Volksgruppe, die für ihre Rechte mit friedlichen Mitteln einstand, leer ausging, während andere, die Gewalt anzuwenden bereit waren, belohnt wurden.
Damit brach die Stunde der Befreiungsarmee Kosovo an, der UCK, die dann von 1997 an mit spektakulären Aktionen auf den Plan trat und vollmundig bald schon erklärte, sie werde die Provinz befreien und selbst mit einem gemässigten Politiker wie Rugova, «dem Verräter», kurzen Prozess machen. Die UCK lieferte auf solche Weise dem serbischen Militär einen Grund zur Gegenwehr und zugleich einen Vorwand, gegen die albanische Zivilbevölkerung vorzugehen; nach bekanntem bosnischem Vorbild begannen die Vertreibungen. Die Westmächte, zu denen in der internationalen Kontaktgruppe noch das widerstrebende, stets auf Belgrad schielende Russland gehörte, verhängten Embargos, drohten mit einem militärischen Eingriff und führten Verhandlungen. Vergeblich. Dem Belgrader Machthaber war mittlerweile das Kunststück gelungen, sich auf westlicher Seite auch Frankreich und Grossbritannien ganz zu entfremden. Die Konfrontierung des Milosevic-Regimes mit einem Ultimatum mündete dann Ende März 1999 in den Luftkrieg der Nato gegen Serbien und damit in eine Logik der kriegerischen Auseinandersetzung, die beide Seiten, die atlantische Allianz wie die Belgrader Führung, dazu zu zwingen schien, bis zum bitteren Ende durchzuhalten.
Fehlrechnungen hatte es hier wie dort gegeben. Milosevic hatte sich getäuscht, sofern er meinte, die Nato drohe bloss, werde es sich aber politisch nicht leisten können, die Bomber tatsächlich aufsteigen zu lassen. Die Nato wiederum hatte falsch kalkuliert, wenn sie auf eine rasche Belgrader Kapitulation zählte. Und sie war einem tragischen Irrtum erlegen bei der Annahme, eine bis zu zwei Millionen starke albanische Bevölkerung in Kosovo sei zu gross, als dass sie vertrieben werden könnte. Jugoslawiens Präsident Milosevic, der letzte amtierende Stalinist in Europa, sah das anders.
Was der slowenische Diplomat und Militärexperte Anton Bebel schon zu Beginn des Konflikts 1991 vorausgesagt hatte, dass der Jugoslawienkrieg schrittweise vom slowenisch-kroatischen Nordwesten über Bosnien nach Südosten wandern und auch Kosovo erfassen werde, ging damit in Erfüllung. Die Nato und namentlich die Vereinigten Staaten scheiterten in ihrer Bemühung, den Steppenbrand zumindest einzudämmen und von Kosovo und Mazedonien in der Nähe der empfindlichen Nato-Südflanke fernzuhalten. Und Europa vermochte nicht zu verhindern, dass auf seinem Boden wieder Greueltaten im Stil der Nazis begangen wurden: Massenmorde und die gewaltsame Entvölkerung ganzer Regionen in Bosnien und Kosovo, doch auch in der kroatischen Krajina. Dass derartiges sich nie mehr wiederholen würde, gerade dies hatte der alte Kontinent 1945 fest und feierlich gelobt.
Nochmals: Hat der Westen versagt? Wer an den politischen Zielen und den ethischen Normen der Demokratien misst, kommt am Wort «Versagen» in der Tat nicht vorbei. Fragt man hingegen danach, was bei den einzelnen Entscheidungen jeweils die Alternative gewesen wäre, was möglich und machbar war, dann fallen pauschale Urteile schwerer. Den Westen, dies ist ihm zugute zu halten, hatte es nicht danach gelüstet, auf dem ihm wesensmässig fremden Balkan den Schiedsrichter zu spielen. Die Rolle wurde ihm aufgedrängt, er übernahm sie in naiver Zuversicht, doch ohne Begeisterung. Die vielleicht einzige Chance, den Konflikt gleich 1991 mit einer Intervention im Keim zu ersticken, wurde verpasst, weil Demokratien sich gerade dadurch definieren, dass sie zuerst im Gespräch nach Kompromissen suchen, Gewalt jedoch erst als letztes Mittel anwenden. Kompromisse setzen indessen ein Mindestmass an Toleranz voraus. Die Frage nach der westlichen Verantwortung (als wären der Westen und seine Staatslenker allmächtig) liesse sich auch abwandeln: Haben die Völker Jugoslawiens und vorab ihre Machteliten versagt?
In Ivo Andrics Roman «Wesire und Konsuln» gibt es eine Szene, in der ein junger französischer Diplomat einem Einheimischen warnend auseinandersetzt, dass die türkischen Herrscher dereinst, bei ihrem Abzug, in den lange besetzten Ländern ihre schlechtesten Eigenschaften zurücklassen könnten: Unduldsamkeit, den Geist der Tyrannei und den Kult der groben Gewalt. Andric legt dazu seinem aufgeklärten Franzosen folgende Worte in den Mund: «Es besteht kein Zweifel, dass auch Euer Land einmal in die Gemeinschaft Europas eingehen wird, aber es kann geschehen, dass es dann aufgespalten ist und erblich belastet mit Auffassungen, Gewohnheiten und Instinkten, die es anderswo nicht mehr gibt, die wie Gespenster Euer Land an einer normalen Entwicklung hindern und aus ihm ein unzeitgemässes Ungeheuer machen . . . Doch dieses Volk verdient ein solches Los nicht.»
Andreas Oplatka ist Ostmitteleuropa-Korrespondent der NZZ.