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«Madonna, was wir vertilgten!»
Der Krimiautor Andrea Camilleri liebt es, wie sein Alter Ego Commissario Montalbano, reichhaltig zu speisen. Ein Gespräch über Primo, Secondo und die Nonna.
Von Andreas Heller
Herr Camilleri, wie war Ihr Mittagessen?
Leicht wie immer in letzter Zeit. Un bel piatto di pasta, Rigatoni mit Pilzen und gehackten Tomaten. Mehr liegt leider nicht mehr drin, seit mir die Ärzte eine strenge Diät verordnet haben. Früher ass ich mittags wie jeder rechte Italiener Primo, Secondo, Formaggio, heute verteilt sich das auf den ganzen Tag, den Secondo – Fisch oder Fleisch – gibt es für mich erst am Abend, und vom Käse und von Salami darf ich nur noch träumen. Ganz verzichten muss ich auch auf Restaurantbesuche, da mein Essen zudem ohne Salz zubereitet sein sollte.
Für einen Feinschmecker wie Sie ein hartes Los.
Ja. Ich habe immer viel und gerne gegessen. Aber ich wusste stets auch die einfachen Gerichte zu schätzen. Reis mit einem guten Olivenöl und etwas geriebenem Parmesan zum Beispiel. Das ist etwas Wunderbares, und das darf ich natürlich auch heute noch essen. Glücklicherweise ist meine Frau eine Köchin mit Phantasie. Und manchmal, unter uns gesagt, gönne ich mir die eine oder andere Sünde. «Camilleri», sage ich mir, «du bist jetzt 82 Jahre alt, auch wenn dich dieses Gericht umbringen sollte, das musst du jetzt einfach essen!»
Kochen Sie auch selber?
Nein, ich kann nicht kochen, genau wie mein Alter Ego Commissario Montalbano. Die Küche ist das Reich meiner Frau, da halte ich mich raus.
Die traditionelle Rollenverteilung, wie es sie allerdings auch in Italien immer weniger gibt.
Ja, die überwiegende Zahl der Italienerinnen ist heute erwerbstätig, und das ausgiebige Mittagessen am Familien tisch gibt es vielfach nur noch am Sonntag.
Bedauern Sie das?
Ich bedaure, dass die Zeit, die Grundbedingung für gutes Essen, schwindet. Alle sind immer am Arbeiten! Gut, als ich noch als Regisseur für den Rundfunk tätig war, hatte ich ebenfalls nicht immer die Musse für ausgiebige Mittagessen. Meine Kinder, so scheint mir, haben aber noch weniger Zeit zum Kochen und Essen, und meine Enkel erst recht nicht. Was damit zum Teil verloren geht, ist die Kultur des Zusammenseins in der Familie und mit Freunden. Es leidet ausserdem die Bindung des Einzelnen an seinen Lebensraum mit typischen Produkten, Spezialitäten und Essgewohnheiten – kurz: ein Stück Identität verschwindet.
Wie könnte man dem entgegenwirken?
Natürlich liegt es mir fern, die Frauen an den Herd zu verbannen. Aber wer weiss, vielleicht gibt es, irgendwann, wenn die Arbeitswelt noch unwirtlicher geworden ist, eine Wiederentdeckung der Bedeutung der Hausarbeit – vor allem des Kochens. Eine gute Hausfrau ist in der Mittelmeertradition vor allem eine gute Köchin. Auf den ersten Blick ist der Mann zwar der Padre Padrone. Wenn man genauer hinschaut, ist er aber von der Frau abhängig. Bei meiner Grossmutter war diese kulinarische Abhängigkeit total. Sie machte sogar das Brot noch selber, im Holzofen. Wenn die Kuppel des Ofens eine rötliche Farbe anzunehmen begann, wusste sie, dass er heiss genug war, um das Brot zu backen. Kaum hatte sie die Brote aus dem Ofen geholt, zerteilte ich eines mit dem Messer, beträufelte es inwendig mit Olivenöl, gab noch etwas Salz und schwarzen Pfeffer und geriebenen Parmesan dazu. Dann presste ich das Ganze in der Briefpresse des Grossvaters. Köstlich! Allerdings sollte man sich hüten, die Vergangenheit zu idealisieren: Meine Grossmutter arbeitete wie verrückt, obwohl sie «bloss» Hausfrau war.
Und was kochte Ihre Grossmutter zum Mittagessen?
Als Primo gab es meistens Pasta, gratiniert oder mit Fleischsauce, manchmal auch Melanzane alla parmigiana. Als Secondo Geflügel, Lamm oder Fisch, dann Käse und Wurstwaren. So ein Mittagessen dauerte natürlich seine Zeit. Vor vier Uhr ging keiner zur Arbeit.
Kann man nach so einem Mittagessen noch arbeiten?
Mein Vater schon. Ich zog es allerdings vor, mich ein wenig auszuruhen. Diese Gewohnheit habe ich mir bis heute bewahrt. Ich war immer aus Mürbeteig …
Wie viele Leute sassen in Ihrer Familie zu Tisch?
Mindestens ein gutes Dutzend waren wir immer. Das Mittagessen bei der Grossmutter war der Treffpunkt der Familie, aber oft kamen noch andere Leute dazu, ohne Vorankündigung, man hatte ja kein Telefon. Der Nonna machte es nie etwas aus, wenn einige mehr am Tisch sassen. Die Gastfreundschaft ist etwas Fundamentales in der mediterranen Kultur. Legendär sind auch die Familienfeste, bei denen erst recht sehr üppig getafelt wurde.
Nämlich?
Ein solches Mahl begann meist mit einer Hühnersuppe mit Fleischbällchen. Es folgten Arancini, in Öl ausgebackene Reiskugeln, eine weitere Spezialität meiner Grossmutter, dann zur Stärkung vielleicht ein Gemüsesalat, darauf ein Zicklein aus dem Ofen, zum Dessert Cannoli mit Ricottacrème und Cassata. Madonna, was wir alles vertilgten! Allein von den Arancini verdrückte mein Onkel sechs Stück. Ich schaffte höchstens vier.
Wie gross waren denn die?
Etwa so gross wie eine Bocciakugel. Und unvergesslich ist mir das Ritual, das mit den Arancini verbunden war: Jedes Mal, wenn sie aufgetragen wurden, verstummte die Tischgesellschaft. Jeder griff sich eine Kugel, und die Grossmutter schaute gespannt in die Runde. Es war der Moment der öffentlichen Urteilsverkündigung. Jeder gab einen meist kritischen Kommentar zum besten: dem einen waren die Arancini zu wenig kompakt, dem andern zu pappig. Einmal jedoch waren sie einfach göttlich, die Nonna hatte das Paradies erreicht. Niemand wagte etwas zu sagen. Da hob ich an, um endlich ein Loblied auf diese Arancini anzustimmen – in diesem Moment gab mir der Onkel unter dem Tisch einen Tritt und fuhr mir ins Wort: «Nonna, diese Arancini sind diesmal wirklich nicht schlecht – weiter so!» Später erklärte er mir: «Nie sollst du der Grossmutter sagen, wie hervorragend ihre Arancini sind. Wenn wir sie zu sehr loben, könnte es geschehen, dass sie sich auf den Lorbeeren ausruht. Das wollen wir nicht.»
Welche Speisen sind Ihnen sonst noch im Gedächtnis haften geblieben?
Am Tag der heiligen Lucia gab es immer einen Eintopf mit Kichererbsen, Hartweizen, Fleisch und Vin cotto, das ist der eingekochte Saft der ersten Traubenpressung. Ach, es gibt unzählige Gerichte und Speisen, die sich in mein Gedächtnis eingegraben haben. Die Geschmäcker der Kindheit prägen einen ja das ganze Leben. So geht auch meine Liebe zum Fisch auf die Kindheit zurück. Als Junge durfte ich meinen Vater manchmal begleiten, wenn er Samstagnacht fischen ging. Er fischte mit einer Art Harpune, der Traffinera, einem langen Wurfspiess mit fünf Widerhaken. Wir fuhren in einem Ruderboot hinaus. Wenn Papa einen grossen Fisch entdeckte, schleuderte er seine Harpune und spiesste ihn auf. Vor der Rückkehr in den Hafen frühstückten wir bei Tagesanbruch im Boot: Wir brieten einen Fisch auf dem Primus, einem Vorläufer des Campingkochers. Die Meerbarben oder Seebarsche waren so frisch, dass sie sich in der heissen Pfanne aufrollten. Wenn sie gar waren, assen wir sie mit den Fingern. Seither bin ich geradezu süchtig nach frischem Fisch. – Da fällt mir eben eine andere Geschichte ein, darf ich auch die erzählen?
Ich bitte Sie darum!
Es war während des Kriegs, alles war rationiert. Selbst Fisch gab es praktisch keinen mehr, weil die Fischerboote von der Armee requiriert worden waren. Doch einmal schaffte es mein Vater, einige deutsche Offiziere zu einer kleinen Fischfangexpedition zu überreden, und sie kehrten mit richtigen Bestien von Seezungen, zurück. Am Strand wurde am gleichen Abend ein grosses Feuer entfacht, um die Fische zu grillieren. Alle konnten es kaum erwarten, wieder einmal frischen Fisch zu essen. Doch genau in jenem Moment, als das Essen bereit war und man sich auf deutsch und italienisch guten Appetit wünschte, war das Dröhnen herannahender Flugzeuge zu vernehmen. Kampf flugzeuge der Alliierten! Alle stoben davon, flüchteten in die Bunker. Nur mein Vater blieb sitzen. Als der Spuk vorüber war und ich zurückkehrte, hatte er seine ganze Seezunge verspeist und die Hälfe von meiner. «Das soll dir eine Lehre sein, mein Sohn», sagte er lachend: «Man rennt nicht davon, wenn das Essen serviert ist.»
Haben Sie auch schon einmal bei McDonald’s gegessen?
Wo?
In einem McDonald’s, in einem Restaurant der amerikanischen Fastfoodkette.
Nein, also meine Enkel waren schon dort und haben mir davon erzählt. Wenn ich früher etwas auf die Schnelle essen wollte, ging ich lieber in eine Salumeria und liess mir ein Brötchen machen mit frisch geschnittenem Salami, Mortadella oder Rohschinken. Mir schmeckt das einfach besser. Hamburger und Pommes frites mag ich grundsätzlich nicht.
Macht es Ihnen etwas aus, allein in ein Restaurant zu gehen? Federico Fellini verabscheute nichts so sehr, als wenn er allein essen musste.
Mir macht das gar nichts aus. Ich kann ein gutes Essen sehr wohl auch allein geniessen. Früher, als ich viel unterwegs war, habe ich mir für das Mittagessen immer ein kleines, typisches Lokal gesucht – und meist auch gefunden. Selbst an staubigen Landstrassen. Man muss nur dorthingehen, wo die meisten Lastwagen stehen; die Camionneure wissen am besten, wo man gut isst.
Pflegten Sie früher auch den sogenannten Businesslunch?
Nein, nein. Ich sagte immer: zuerst gehen wir essen, dann reden wir über die Arbeit. Ich habe nie verstanden, wie man während des Essens über die Arbeit sprechen kann. Essen ist doch Genuss, das Gegenteil von Arbeit. Ich verstehe die Menschen nicht, die das vermischen.
Und worüber sprechen Sie am liebsten beim Essen?
Über das Essen natürlich!
Andreas Heller ist NZZ-Folio-Redaktor.
Andrea Camilleri wurde 1925 im sizilianischen Porto Empedocle geboren und lebt seit langer Zeit in Rom. Während Jahrzehnten arbeitete er vor allem als Regisseur für das Theater und den Rundfunk sowie als Dozent. Erst Mitte der 1990er Jahre, mit Erscheinen der ersten Montalbano-Kriminalromane (deutsch bei BLT), wurde er auch als Schriftsteller einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Seine Hauptfigur, Commissario Salvo Montalbano, ist nicht nur ein Ermittler ohne Furcht und Tadel, sondern auch stiller Geniesser sizilianischer Spezialitäten. Dass Montalbano und sein Schöpfer dieselben Essgewohnheiten und Leibspeisen haben, liegt auf der Hand: Nichts geht ihnen über ein ausschweifendes Mittagessen mit anschliessendem Mittagsschläfchen.
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