|
|
Routinierte Kaltblütigkeit
Unterwegs mit Schaufelbahre und Sauerstoff: Der Rettungsdienst im Einsatz.
Von Peter Haffner
Werden wir das alles brauchen? Die Schaufelbahre, die Vakuummatratze, den Halskragen? Den Intubationsschlauch für die Beatmung, den Herzschrittmacher, den grossen Koffer mit den Spritzen, Infusionen und Medikamenten? Der Rettungswagen, eine kleine Intensivstation, ist mit allem ausgerüstet, was es braucht, ein Unfallopfer, einen Herzinfarktpatienten so gut als möglich über die Runden zu bringen, bis er im Spital versorgt werden kann. Herz, Blutdruck, Zucker und CO32-Gehalt werden überwacht, wenn die Ambulanz sich mit Blaulicht durch den Verkehr drängt. Und der Fahrgast wird versorgt mit dem, was ihm fehlt - Sauerstoff, Glukose, Natriumchlorid.
Werden wir das alles brauchen? Die sterilen Tücher, Verbände, Katheter; die Barbiturate für die Beruhigung, das Adrenalin für die Reanimation? Es liegt alles griffbereit - auch jene Plastic-Kühlbeutel, die fein säuberlich der Grösse nach geordnet sind und in denen eine Hand, ein Finger oder sonst ein abgetrenntes Glied verwahrt wird, damit es frisch bleibt. Falls es sich noch anzunähen lohnt.
Wer im Rettungsdienst arbeitet, verliert das Bangen auf den Einsatz. Herr Meier, der Leiter, ein Mann von stattlicher Ruhe, ist seit fünfzehn Jahren, der Fahrer Herr Blickenstorfer, schlank und von leicht melancholischem Ausdruck, seit siebenundzwanzig Jahren dabei, und auch Herr Andersch, der Anästhesiepfleger, der früher im Ruhrgebiet tätig war, hat schon ein paar tausend Einsätze hinter sich. Selbst bei den beiden jungen Medizinern Dambach und Schibli ist die Aufregung des Anfangs verflogen und hat der routinierten Kaltblütigkeit Platz gemacht, die dem Job angemessen ist. Spannend wird es für die beiden, wenn sie fachlich an ihre Grenzen stossen.
Wenig kann die fünf Männer erschüttern, die aufeinander eingespielt sind und von denen jeder, weil es sich um ein kleines Spital handelt, noch andere Tätigkeiten ausübt - in der Altenpflege, im Operationssaal. Verwahrloste und Verstümmelte, Schwerverletzte und Tote haben sie geborgen, versorgt und transportiert; die Erinnerung an den Einzelfall schwindet.
Nur wenn Kinder im Spiel sind, ist alles anders. Die kleinen Körper, das ganze Leben, das so ein Menschlein noch vor sich hat. Oder eben gehabt hätte. Das verkraftet keiner leicht, wird nie Alltag.
Gekleidet in feuerrote Overalls, warten wir im kleinen Büro des Rettungsdienstes auf den Einsatz. In der Ecke steht das Faxgerät, über das die Notrufzentrale 144 den Auftrag durchgeben wird, den sie gleichzeitig auf die Pager übermittelt, die jeder umgeschnallt hat. Den Entscheid, was für ein Team ausrücken muss, fällt nicht der Rettungsdienst, sondern die Notrufzentrale selbst, in der zwei erfahrene Sanitäter sitzen. Sie fragen, werden sie alarmiert, zunächst die sechs «W» ab: wer, was, wo, wann, wie viele Personen und Weiteres. Es gilt, die Lage zu beurteilen, abzuklären, wie es den Opfern geht und ob besondere Gefahren drohen. Ist der Einsatzort gut zugänglich, der Patient ansprechbar? Welche Art Verletzung hat er, atmet er, schlägt sein Puls? Und ist er vielleicht irgendwo eingeklemmt, raucht es oder brennt es, hängen Elektroleitungen herunter?
Je nach Dringlichkeit des Einsatzes und nach Schweregrad der geschilderten medizinischen Probleme wird das Rettungsteam zusammengestellt. In der Regel besteht es aus einem Fahrer, einem Transporthelfer und einem Anästhesiepfleger. Sie versorgen den Patienten am Unfallort, legen eine Infusion an, überwachen die Organfunktionen, geben Medikamente. Alles, was in einem Umkreis von fünfzehn Fahrminuten vom Spital passiert, gehört zum Einsatzbereich des Rettungsdienstes Affoltern. Doch kommen nicht alle Patienten auch ins Spital Affoltern. Blutet einer aus beiden Ohren, ist das ein sicheres Indiz für eine Schädelbasisfraktur; also muss er in ein Zentrumsspital, meist ins Zürcher Universitätsspital. Auch für Verletzungen des Rückenmarks und der Wirbelsäule oder für schwere Brandverletzungen ist das Bezirksspital nicht gerüstet.
Welcher Art wird der Einsatz sein? Ein «Notfall ohne Sonder», also «Team 402»? Das hiesse sofortiges Ausrücken, aber ohne Blaulicht. Oder ein «401», ein «Notfall mit Sonder»? Mit wimmernden Opfern, mutigen Sanitätern und beherzten Pflegerinnen, die mit fliegenden Schössen dann Bahren in den Operationssaal karren, wo ein Team erfahrener Chirurgen, ehrgeiziger Assistenten und attraktiver Schwestern einmal mehr einen uns allen lieben Menschen dem Tod entreissen? Emergency Room, mit Doktor Brinkmann, Schwester Stefanie und dem Arzt, dem die Frauen vertrauen?
Und dann klingelt es, genau um drei Minuten nach neun, und noch während das Faxpapier aus dem Gerät ruckelt, piepsen die Pager. Es ist ein T 402, und zwar ein D 4, also ein geplanter Transport mit dem Krankenwagen und nicht mit dem Rettungswagen - das Unaufregendste, was man sich vorstellen kann. Eile tut nicht not. Herr Meier setzt sich selbst ans Steuer, der junge Arzt, Herr Dambach, auf den Nebensitz. Am Bordcomputer vor ihm drückt er die erste von fünf Tasten, womit er quittiert, dass wir den Auftrag übernommen haben. Die zweite wird er betätigen, wenn wir am Ort angekommen, die dritte, wenn wir mit dem Patienten unterwegs zum Ziel sind, die vierte am Ziel und die fünfte, wenn alles zum nächsten Einsatz wieder bereit ist. So ist dokumentiert, wie viel Zeit wofür gebraucht wurde und wo womöglich wertvolle Minuten verlorengingen; alle Daten, die simultan der Einsatzzentrale übermittelt werden, werden auf einem kleinen Zettel ausgedruckt. Der Fax, unser Einsatzbefehl, haftet per Magnet am Armaturenbrett: «Grund: ärztliche Einweisung. Kommentar: Rheumapatient» steht darauf, neben der Adresse und einer Zahlenfolge - «XY 678372/243416», den Koordinaten für den Helikopter, falls einer vonnöten wäre.
Der Patient, Herr J., liegt im Bett und macht einen durchaus munteren Eindruck. Kein Problemfall, sagt der erste Blick, bis einem die Bedeutung seiner Mitteilung klar wird: Er ist 140 Kilogramm schwer und kann weder selber aufstehen noch gehen. Natürlich wohnt er im vierten Stock, und natürlich . . . Doch, einen Lift gibt es, aber die Bahre hat nicht Platz darin.
Herr Meier stellt bedächtig ein paar Fragen, will genau wissen, was er ihm zumuten kann und was nicht, denn dass die Wunde der Rückenoperation, der er sich unterzogen hat, nun eitert und er wohl nochmals unters Messer muss, ist schlimm genug. Nun gilt es, alles zu vermeiden, was die Sache noch schlimmer macht. Schliesslich hieven wir Herrn J. gemeinsam hoch, er stützt sich mit beiden Händen auf einen von uns und trippelt zum Lift. Sich unten auf die Bahre zu legen, wäre weiter kein Problem, wäre die nicht lediglich zehn Zentimeter hoch. So tief kann Herr J. nicht in die Knie. Also fixieren wir die Bahre am Fuss der Mauer und stemmen sie schräg in die Höhe; Herr J. sitzt ab und legt sich vorsichtig nieder. Dann senken wir die Last zu Boden, jedes der 140 Kilos, und tragen Herrn J., nachdem er in die Decke eingewickelt und mit zwei Gurten festgezurrt ist, zu dritt zum Krankenwagen auf den Bahrentisch. Kopfvoran wird er ins Auto geschoben.
Hätte es keinen Lift gegeben, hätte die Feuerwehr kommen müssen mit der Autodrehleiter. Man bekommt, sagt Herr Dambach, den Blick dafür und kann auch ausser Dienst kein Haus mehr betreten, ohne die Lage für den Rettungsfall abzuschätzen: Déformation professionnelle.
Im Triemlispital in Zürich schieben wir die Bahre auf einen Rolli und diesen in den Bettenlift. Geschickt gelingt es Herrn J., nachdem die Schwester im Krankenzimmer das Lager auf gleiche Höhe gebracht hat, sich von der Bahre über den Bauch auf eine Seite und damit ins Bett zu wälzen. Nun ist er wieder da, wo er schon einmal war, und wir wünschen ihm, er möge bald wieder dort sein, wo wir ihn abgeholt haben. Zurück in Affoltern, heisst es Retablieren, die Bahre mit frischen Tüchern beziehen, den Krankenwagen in die Garage stellen. Eine Stunde und zweiundvierzig Minuten hat der Einsatz gedauert.
Auch im Rettungsdienst gilt Eile mit Weile. Herr Blickenstorfer ist vor langen Jahren darauf geprüft worden, langsam und sicher zu fahren; selbst mit Blaulicht hat man bei Rot keinen Vortritt. Man darf keine Risiken eingehen, will man nicht noch mehr Schaden anrichten, als man an einem Unfallort ohnehin schon antrifft. Und selbst da ist Hast nicht geboten. Das Hauruckverfahren - Auflesen, Einladen und Abfahren - gehört der Vergangenheit an. Stabilisieren heisst die Devise; erst wenn die Patienten so weit versorgt sind, kann es losgehen. Das kann manchmal bis zu einer Stunde dauern, was Passanten und Beteiligte oft nicht verstehen, sie fragen, warum sich nichts tut, drängeln. Oder dann will man weg, kann aber nicht, weil die Polizei die Personalien aufnehmen und den Alkoholtest machen will. Und die Medien gieren nach Bildern. Nicht zu reden von den Automobilisten, denen ein Rettungssanitäter in signalroter Hose keinen Eindruck macht. Man muss schon aufpassen, sagt Herr Dambach, dass sie einem nicht über die Füsse fahren.
Doch die Verkehrsunfälle haben abgenommen, paradoxerweise weil es mehr Verkehr und wegen Stau weniger Frontalkollisionen gibt. Dafür gibt es mehr psychisch Gestörte, Menschen, die durchdrehen und sich dagegen wehren, abgeholt und eingeliefert zu werden. Bisweilen muss die Polizei um Hilfe gerufen werden.
Und dann gibt es Fälle, in denen man nicht weiss, was eigentlich los ist. Da steht ein Auto auf einem Parkplatz, nachts, mit einem drin, der zwar atmet, aber sich nicht rührt und fast erkaltet ist. Drogen, aber welche? Und was für ein Gegenmittel?
Was bleibt, wenn man jahrelang im Rettungsdienst tätig ist? Ein paar Geschichten, schöne und traurige. Die neunzigjährige Frau, die einen Schenkelhalsbruch erlitten hatte und mit den jungen Ärzten schäkerte, dass es eine Freude war; der Infarktpatient, an dem vorbei sie die Treppe hoch in den dritten Stock gestürmt sind, während der gute Mann, gekleidet und mit dem Köfferchen in der Hand, unten an der Haustür bereitstand. Aber dann die Bilder des Grauens, die einen nicht verlassen. Der kleine Bauernbub, der vom Traktor gefallen und vom eigenen Bruder überfahren worden ist; die ganze Familie war dabei. Nichts mehr zu machen, und doch hofften alle auf ein Wunder.
Es kann auch vorkommen, sagt Herr Guthauser, der als Notarzt dem Rettungsdienst Affoltern vorsteht, dass man zu schnell ist. Wäre man etwas später am Unfallort, wäre der Patient gestorben, und das wäre vielleicht besser, als ihn an die Maschine zu hängen ohne jede Aussicht auf ein neues Leben.
Aber das ist die Ausnahme, und immer wieder, nach jedem Ernstfall, fragen Herr Meier und seine Leute sich, was sie noch besser, noch effizienter hätten machen können. Leben retten ist ihr Job, und den Tod festzustellen, sind sie nicht einmal berechtigt: Das darf, selbst wenn er augenscheinlich ist, nur ein Arzt tun.
Peter Haffner ist Redaktor bei NZZ Folio.
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|