Der Geschmack jener Madeleine, die Proust in Tee tauchte auf der Suche nach der verlorenen Zeit, beschwor diese herauf: «Und dann war mit einemmal die Erinnerung da.»
Die Einsicht des Dichters in die Funktionsweise des Gedächtnisses ist heute als Hebbsche Regel Gemeingut in den Wissenschaften, die sich mit dem Gehirn und der Frage befassen, wie intelligente Maschinen beschaffen sein müssten. Prousts neuronales Netzwerk, würde man sagen, liess die Vergangenheit ins Bewusstsein treten, weil es an einer Stelle - und dazu reichte das Aroma des einst bei Tante Léonie in Combray genossenen Gebäcks - angeregt war.
Dass ein unerbittliches Gedächtnis ins Verderben führt, wissen wir von Borges' Funes, dem Mann, der sich «an jedes Blatt jedes Baumes in jedem Wald» erinnerte - um den Preis des Verlustes abstrakter Begriffe. Denken heisst vergessen lernen. Die Welt in unserem Kopf hat mit der Welt draussen - wir wollen einmal annehmen, dass es sie gibt - nur teilweise zu tun. Wärme und Kälte, Farben, Töne und was immer wir empfinden, existieren drinnen; draussen sind das Temperaturen, Wellenlängen, Frequenzen von Luftschwingungen, und weder Magnetfelder noch Röntgenstrahlen, noch Ultraschall vermögen wir wahrzunehmen - nur auf die Fragen, die unsere Sinnesorgane an die Welt stellen, gibt das Gehirn eine Antwort.
Schon Montaigne hat sich über diese Beschränktheit verwundert, hat bezweifelt, «ob der Mensch mit allen natürlichen Sinnen versehen sei». Er wusste nichts von Neuronen und Axonen, Synapsen und Transmittern. Auch er hatte Einsicht ins Gehirn kraft seines Gehirns.
Noch heute sind die Mittel der Wissenschaft, die Schädeldecke zu lüften, bescheiden - trotz aller faszinierenden Technik. Hirnforschung bleibt eines der grossen Abenteuer der Menschheit; das jüngst ausgerufene «Jahrzehnt des Gehirns» hat begonnen. Im vorliegenden Heft kommen vorab Wissenschafter verschiedener Fachrichtungen zu Wort. Dem aufmerksamen Leser werden Widersprüche - selbst was «Fakten» betrifft - nicht entgehen. Eine unité de doctrine vortäuschen zu wollen wäre bei diesem Gegenstand sträflich: noch birgt die komplexeste Materie des Universums mehr Rätsel, als sie preisgibt.