NZZ Folio 04/02 - Thema: Unterwegs   Inhaltsverzeichnis

Da geht die Post ab

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Stadtfahren erfordert Konzentration und Nerven, als Velokurier musst du dein Velo beherrschen, du überholst die stehende Kolonne und denkst dir den schnellsten Weg aus, schleichst um Fussgänger, grüsst die kreuzenden Kuriere und springst Randsteine auf und ab.

Von Karin Locher

Mein Job als Velokurierin ist zwiespältig. Heute fiel mir das gerade wieder mal auf. Ein Job zwischen Hasstiraden und Glücksgefühlen, zwischen Lastwagen und Taxifahrern, zwischen Adrenalin und Müdigkeit, zwischen Beschleunigen und Bremsen.

Heute kam ich aus der Stadt raus. Nach Küsnacht Itschnach, via Zollikon, und schliesslich zurück nach Zürich. Itschnach, ich hab nicht einmal gewusst, dass es dieses Wort gibt, geschweige denn, dass das ein Ort ist, und schon gar nicht, wo der Ort liegt. Ein Name, den ich noch nie gehört habe, eine Gegend, mir völlig fremd. Ich freute mich. Das gibt es selten. In der Stadt kenne ich jede Ecke. Wird ein neues Lokal eröffnet, fällt es mir auf. Ich weiss, wo man am günstigsten Getränke kaufen kann, wer die besten Sandwiches belegt, welche Baustelle zu umfahren ist. Ich kenne die Strassennamen, ich weiss, wo die Strassen beginnen und enden, auf welcher Höhe die Hausnummer 97 liegt und ab welcher die Steigung beginnt.

Velokuriere sind wandelnde Stadtpläne und Auskunftsstellen zugleich. Nicht selten wird man auf der Strasse angesprochen und nach dem Weg gefragt. Zweite Querstrasse links, die erste rechts, fünftes Haus auf der linken Strassenseite, roter Neubau. So viel haben wir mit den Taxifahrern gemeinsam. Damit hat es sich aber auch schon. Den Taxis schenke ich besondere Aufmerksamkeit. Ich weiss nicht, woher das kommt, aber irgendwie scheinen viele von ihnen auf uns Velokuriere ganz generell wütend zu sein. Neidisch vielleicht. Weil wir schneller vorankommen, weil wir wendiger sind und nicht im Stau stehen. Taxifahrer schneiden dir ganz gerne mal den Weg ab, drängen dich an den Strassenrand, bis du nur noch mit einer Vollbremsung aus der Klemme kommst, hupen, fahren zu schnell und zu nah an dir vorbei. Es kommt mir vor, als würden sie ihr Territorium markieren.

Ich gebe mir Mühe, mich nicht ärgern zu lassen, was nicht jeden Tag gelingt. Manchmal wächst ein Klumpen in meinem Bauch. Ich lasse mich mitziehen, anstecken von der Aggressivität, von diesem seltsamen Alltag, der auf der Strasse herrscht. Beim nächsten Rotlicht hole ich den Taxifahrer also wieder ein, stelle mich vor ihn, schicke ihm einen Kuss durch die Frontscheibe und grinse, was ihn rasend macht. Er setzt zu einem Dauerhupen an. Oder ich trommle beim Vorbeischlängeln an seine Fensterscheibe und zeige ihm meinen wunderschönen Mittelfinger. Er drückt aufs Gas, als wolle er mich umfahren, tut es aber nicht. Es wird grün. Ich fädle mich in den Verkehr ein und bin auch schon weg.

Der Verkehr ist eine eigentümliche Sache. Es gibt Tage, da schauen alle nur geradeaus - Vollmond vielleicht. Das merkt man schon nach der ersten halben Stunde, wenn einem das Herz dreimal stehengeblieben ist. Wenn die Vollbremsung nur noch ganz knapp ausgereicht hat, wenn das Adrenalin blitzartig durch den Körper spritzt, der Atem kurz aussetzt. An diesen Tagen versuche ich besonders aufmerksam zu sein. Es ist, als wäre man unsichtbar. Ein Fussgänger tritt auf die Strasse, ohne einen Blick nach links zu werfen, und steht plötzlich vor meinem Vorderrad. Ich ziehe den Lenker nach rechts, fahre eine Kurve über das Trottoir und schwenke zwei parkierte Autos weiter vorne wieder auf die Strasse. Zwei Fussgänger, von diesem Manöver aufgeschreckt, fluchen laut vor sich hin.

Am sichersten fährt man durch die Stadt in der Annahme, man sei tatsächlich unsichtbar. Man fährt zwischen zwei Autokolonnen auf einer Haupttransitachse. Je schneller, desto sicherer. Mit dem Verkehr Tempo halten, am besten zwischen Frontscheibe des hinteren und Rücklichtern des vorderen Autos. Nie parallel zum Rücksitz fahren, denn der Lenker könnte aus irgendeinem Grund abbiegen oder einen Schwenker machen. Und das kann er fast immer. Lastwagen mit Anhänger im Auge behalten, Kreuzungen, Einfahrten, Fussgängerstreifen, parkierte Wagen. Es gibt Stellen, wo man dich nicht kommen sieht, und solche, da kannst du die verlorene Zeit wieder aufholen.

Verkehrfahren hat eine eigene Faszination. Mit dem Rennvelo um den Zürichsee fahren würde mich spätestens beim zweiten Mal langweilen. In der Stadt kann dir das nicht passieren. Stadtfahren erfordert Konzentration und Nerven, du musst dein Velo beherrschen und dich auf das Material verlassen können, du überholst die stehende Kolonne und denkst dir den schnellsten Weg aus, schleichst um Fussgänger, grüsst die kreuzenden Velokuriere und springst Randsteine auf und ab. Niemals fahre ich die gleiche Strecke wie am Tag zuvor. Nie weisst du im Voraus, wo du heute noch überall hinkommen wirst.

Und heute komme ich also aus der Stadt raus. Die Empfangsdame, die mir den zu überbringenden Umschlag aushändigt, meint mit einem mitfühlenden Lächeln: Heute ist aber kein schönes Wetter zum Velofahren. Ich glaube, ich höre den Satz diesen Nachmittag zum zwölften Mal.

Es ist düster draussen, das ist wahr. Der Himmel ist verhangen, trübe Sicht, keine zehn Grad warm und leicht regnerisch. Ideales Velowetter, frische, kühlende Luft auf den erwärmten Gliedern, ein leichter Nieselregen im Gesicht, kein Ozon spürbar und wenige Menschen auf der Strasse. Ich überlege mir, welchen Standardspruch ich diesmal zur Antwort geben soll. Ich könnte ihr meinen Handschuh zeigen mit der Aufschrift Gore Tex, oder ich könnte sagen, das meinen nur die, die den ganzen Tag im Büro sitzen müssen. Oder: besser bei schlechtem Wetter draussen als bei gutem Wetter drinnen. Oder: Sie sind heute die zwölfte Person, die das zu mir sagt. Ich mache Striche, wenn ich mal was Neues höre. Am Ende antwortete ich gar nicht. Sie meinte es ja nur freundlich. Einmal kam ich in ein Bürozimmer zu einem gut gekleideten Herrn, der seit dem frühen Morgen so vertieft über seine Akten gebeugt war, dass er noch gar nie durchs Fenster geschaut hatte. Und es herrschten sintflutartige Zustände draussen. In einer Lache stand ich also vor seinem Pult. «Ja, regnet es denn?» - «Nein, ich bin bloss durch eine Feuerwehrübung gefahren.» Abends sitzen wir Velokuriere auf den Sofas zusammen und tauschen die besten Antworten aus. Diese hab ich mir einmal gemerkt und in mein Repertoire aufgenommen. «Ich bin in den Zürichsee gefallen», wäre die Alternative gewesen.

Die hab ich jetzt also, die Sendung für Itschnach. Eine weitere muss in Zollikon abgegeben, eine dritte in Küsnacht um vier Uhr geladen sein. Bis dahin sind es noch fünf Minuten. Ich werde zu spät kommen, die Kunden sind bereits informiert. Es gilt, so schnell wie möglich dorthin zu gelangen, es gilt, stehend die Steigungen hinaufzutreten, die Treppen rennend zu bewältigen. Plötzlich bist du im Stress, plötzlich bleibt dir keine Zeit mehr, um dir übers Wetter, die Kunden und den Verkehr Gedanken zu machen. Dein Kopf ist ganz allein beim nächsten Wegstück. Meine Beine drehen sich schnell, die runde, geliebte Bewegung, das Surren der Räder auf dem nassen Asphalt, die Konzentration auf die nächste Kreuzung.

Ich erreiche den Kunden in Zollikon um 16 Uhr 02. Keuchend, schwitzend, mit rotem Kopf. Frag bloss nicht, ob’s kalt draussen sei, denke ich und strecke ihm den Umschlag hin. Er fragt nicht, sondern grüsst mich freundlich. Ein kurzes Lächeln, schnell eine Unterschrift, ein Aufwiedersehen im Hinausrennen. Ich sitze schon wieder im Sattel. Es ist 16 Uhr 04. Ich muss runter zum See, nach Küsnacht, der Neubau mit dem Coop, hat der Disponent gesagt. Sie erwarten dich bereits.

Das Haus erreiche ich um 16 Uhr 10. Die Kunden fünf Minuten später. Es ist eines jener Gebäude mit sieben Eingängen und endlosen Korridoren. Das nächste Mal nehme ich das Velo mit rein, denke ich mir und suche den richtigen Lift. Tatsächlich, sie erwarten mich, freudig. So zu hetzen hätten Sie nun auch wieder nicht gebraucht, antworten sie, als ich mich mit purpurrotem Kopf für die Verspätung entschuldige. Nicht?

Und dann, dann sitze ich wieder auf meinem Velo und habe das nächste Wegstück im Kopf.

Karin Locher ist seit gut drei Jahren Velokurierin und arbeitet bei der Genossenschaft Veloblitz. Sie lebt in Zürich.



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