Obwohl ihre Lebensdaten weit auseinanderliegen, führt sie hier der gemeinsame Herkunftsort beinahe zwingend zusammen und liefert zugleich den Gesprächsstoff. A hat sich nach einem frühen abenteuerlichen Abstecher ins Ausland in seiner Heimat niedergelassen und es dort zu wunderlichem Ansehen gebracht. B, ein trotz Berufsangabe schwer einzuordnender Luftibus, ist mit Stummheit geschlagen. Er hat sich einstweilen in die nächstbeste Grossstadt verfügt, scheint aber von seinen angestammten Gefilden nicht ganz loszukommen, auf die er sich vorsichtshalber gern im Präteritum bezieht.
B: (kritzelt hastig Sätze auf Zettel, die er dann A zuschiebt) Es war einmal ein Land, das war roh und dunkel. Es war einmal ein Land, in dem herrschte keine Klarheit. Es war einmal ein Land, das war ohne Konturen. Es war einmal ein Land, in dem herrschte von einem Ende bis ans andere ein unsägliches Geflunker.
A: (beschwichtigend) Unser Vaterland ist zwar kein Schlauraffenland, kein glückliches Arabien und kein reizendes Pay de Vaud, und seine Einwohner waren von jeher als unruhige und ungeschliffene Leuthe verschrieen. So viel aber darf ich doch sagen: Aller Orten, so weit ich gekommen bin, hab' ich eben so grobe, wo nicht viel gröbere - eben so dumme, wo nicht viel dümmere Leuth' angetroffen.
B: (in erneuter Verzettelung) Das Land war grün. Jede erdenkliche Art von Grün. Hellgrün im Mai. Regengrün. Schluck- und Trinkgrün. Saftgrün im Sommer.
A: (schwelgt in seiner pastoralen Vergangenheit) Welche Lust, bey angenehmen Sommertagen über die Hügel fahren - durch Schattenwälder streichen - durchs Gebüsch Einhörnchen jagen, und Vogelnester ausnehmen! Alle Mittag lagerten wir uns am Bach; da ruhten meine Geissen zwey bis drey Stunden aus, wenn es heiss war noch mehr. Ich ass mein Mittagbrodt.
B: (in gebrochenem Pathos) Im Verlaufe des späteren Nachmittags tritt die Sonne erschöpft und ausgewrungen, nicht aber ohne noch einmal Grösse zu zeigen, gelbes Gold pinselnd, rote Glut schmeissend, abendländisch und sinfonisch ab.
A: (in ungebrochener Begeisterung) Welch Vergnügen, dann am Abend, meiner Heerde auf meinem Horn zur Heimreise zu blasen! zuzuschauen, wie sie alle mit runden Bäuchen und vollen Eutern dastuhnden, und zu hören wie munter sie sich heimblöckten.
B: (zu einem finsteren Mollakkord entschlossen) Gerade vor dem Einnachten aber, wenn der Mond der Landschaft entsteigt, still jetzt! gebietet, unmissverständlich Schweigen einfordert, wird klar, dass es nichts zu sagen gibt und dass es keinem je gelingen wird, dieser Landschaft zu entlaufen.
A: (unbeirrt) Lieber, lieber Knabe! Beschreiben kann ich's nicht. Aber mir war schon oft, ich sey verzückt, wenn ich all' diese Herrlichkeit überschaute, und so, in Gedanken vertieft, den Vollmond über mir, einer Wiese entlang hin und hergieng.
B: (nicht weniger entschieden) Es war einmal ein Land, das war im Mondschein gesichtslos. Es war einmal ein Land, das war hinter dem Mond. Hätte das Wetter nicht bisweilen rundum Traurigkeit angezeigt, hätte es nicht immer schön geregnet im regengrünen Tal: Wir beide hätten keine Minute atmen können. A zieht erst seine pietistisch gefältelte Stirn noch krauser und lächelt gottergeben, B betreibt weiterhin sein poetisches Kritzelgeschäft.
Wer und wer? A ist der Titelheld aus Ulrich Bräkers Autobiographie «Lebensgeschichte und natürliche Ebentheuer des armen Mannes im Tockenburg» (1789); B ist August Abraham Abderhalden aus Peter Webers «Der Wettermacher» (1993).