Epische Musik, ein Erzähler, eine Kamerafahrt über eine verschneite Waldlandschaft. Während das Bild von oben in eine Lichtung zoomt, kann ich mich schon sehen: Auftritt Supertom. Da stehe ich. Hingeworfen in eine unbekannte dreidimensionale Wildnis. Dieser kleine, dicke rothaarige Kerl im Comic-Stil wird für die nächsten vier Tage und vier Nächte mein Alter Ego sein. Er besitzt nichts als ein Hemd, eine Hose, ein Paar Schuhe und einen Hammer. Und jetzt? Was jetzt? Ich warte. Nichts geschieht. Nach einer Minute hoppelt ein Hase durchs Bild. Soll ich? Einsatz Hammer. Der Hase hört zu hoppeln auf und liegt platt im Schnee. Sonst geschieht nichts. Keine Fanfare, keine Belohnung. Aha. Kein primitives Prügelspiel! Nun sehe ich ein paar Zwerge im Halbrund herumstehen. Über dem Kopf des einen leuchtet ein Ausrufezeichen. Ich geh hin, klicke und erhalte mein erstes Quest, die erste Aufgabe. Gegen Wolfsfleisch soll ich Handschuhe kriegen. Auf zur Wolfsjagd!
Mehr als 1,5 Millionen Abonnenten sind weltweit beim Massive Multiplayer Online Role Playing Game «World of Warcraft» (WoW) registriert. Das Spiel kauft man im Laden, installiert es auf dem Computer zu Hause, kann dann aber nur übers Internet spielen, gegen monatliche Gebühren für Spielzeit. Am ersten Tag des Europastarts am 11. Februar 2005 waren 180 000 Spieler eingeloggt. Gemäss Angaben des Betreibers Blizzard Entertainment streifen täglich weltweit bis zu eine halbe Million Leute gleichzeitig durch die Welt des Fantasy-Landes Azeroth. Was erleben sie dabei? Was fasziniert sie so sehr, dass sie ihre ganze Freizeit vor dem Computer verbringen, gemeinsam Monster besiegen, Gegenstände sammeln, Handel treiben und ihre Charaktere Stufe um Stufe hochschrauben? Ein Selbstversuch soll Klärung bringen.
Aus Zeitgründen kann das Abenteuer nur über Ostern stattfinden. Mitte März ist WoW allerdings schon überall ausverkauft. Erst im elften Geschäft ergattere ich noch ein Exemplar inklusive 30 Tagen Spielzeit für 89 Franken. Eine Prepaid-Karte für 60 weitere Tage kostet 49.90. Meiner Freundin habe ich geraten, allein zum Snowboarden zu fahren. Das findet sie höchst seltsam. Um ihr die Harmlosigkeit meines Unterfangens zu beweisen, lasse ich sie beim Start zugucken. Ich spiele in einem Hobbykeller, fern von der Wohnung. Zuerst muss ich einen Charakter erschaffen. Zur Auswahl stehen Wesen wie Nachtelfen, Orcs oder Untote, die Magier, Krieger oder Jäger sein können. Den coolsten Eindruck machen mir Paladine, sie sind stark und können heilen. Meine Freundin will unbedingt einen Zwerg. Sie berät mich in Fragen des Stils, der Frisur und des Aussehens. Am Donnerstag um 18 Uhr 14 betritt der Zwerg-Paladin Supertom das Land Azeroth.
In der winterlichen Wildnis tummeln sich weitere Anfänger und probieren Befehlseingaben aus. Damakos und Fipsy legen gerade einen flapsigen Tanz in den Schnee. Die Bedienung mit der Maus ist simpel. Alles wird laufend erklärt, nach zehn Minuten habe ich die Grundlagen begriffen. Ich bekomme bald weitere Quests, muss Gegenstände suchen, wilde Tiere verprügeln, kochend heissen Morgentau zu Felix Windlebolt bringen. Für alles gibt’s Erfahrungspunkte. Diese befördern mich auf höhere Stufen und verleihen mir neue Fähigkeiten. In einer Gaststube darf ich kochen und muss Zutaten für Rezepte sammeln. Meine Freundin gibt ständig Anweisungen. Dann endlich geht sie nach Hause.
Zum ersten Mal kommuniziert ein anderer Spieler mit mir. Parzi lädt mich zu seiner Gruppe ein. «Was will dieser aufdringliche Sack von mir?» denke ich, «das kann ich doch allein.» Eine Minute später bin ich tot; erlegt von zwei Schneefährtenlesewölfen. Aha. Gruppenbildung ist nötig. Erst jetzt fällt mir auf, dass überall Leichen anderer Spieler herumliegen. Sterben ist aber nicht so schlimm: Die Grafik wechselt auf Schwarzweiss, man wird auf einem Friedhof wiedergeboren, muss eine Weile seine Leiche suchen, dann geht es in alter Frische weiter. Ich entdecke 34 verschiedene Arten, schwarzweiss zu werden, stürze von Bergen, werde von Yeti-ähnlichen Wendigos vermöbelt und von Schneeleoparden verdroschen. Bei «Gretta Gantler Anglerbedarf» kaufe ich mir deshalb eine Angel und gehe eine halbe Stunde fischen.
Ich beginne eine Berufslehre als Minenarbeiter. Nur Minenarbeiter können Metalle abbauen, nur Schmiede Waffen fertigen, nur Schneider Kleider nähen. Um an Rohstoffe und Waren zu gelangen, ist man später gezwungen, in Arbeitsteilung mit Mitspielern anderer Berufe ein komplexes Wirtschaftssystem zu betreiben. Für den Computer bleibt man allerdings der willfährige «Gang-go» (gang go hole, gang go mache), wird man als Botenjunge und Monsterverprügler missbraucht. Spazieren geht nicht. Man rennt ständig voraus oder hinterher, oder jemand rennt einem entgegen, ein anderer in Panik quer durchs Bild, dahinter ein Bär.
Es gibt zuhauf Anspielungen auf Filme und Literatur, auf reale Menschen und andere Computerspiele. Azeroth ist unglaublich gross. Aberhunderte Quests sind versteckt. Man verirrt sich oft, und alles ist zu knapp: Zeit, gute Gegenstände, Platz für Ausrüstung, Geld, Kraft. «He, brauchst Du Hilfe?» quatscht mich plötzlich Guru an. Eigentlich schon. Nur merke ich erst jetzt, nach Stunden, dass ich keine Ahnung habe, wie man Antwort gibt. Stumm und hilflos bleibe ich stehen. Guru wettert: «Sag jetzt endlich Ja oder Nein!» Ich beschliesse, mal das 200-seitige Handbuch anzuschauen.
Plötzlich kommt die Meldung, dass der Server um 5 Uhr zur wöchentlichen Wartung heruntergefahren wird. Es ist 4 Uhr 30. Was, schon 4 Uhr 30? Ich realisiere erst jetzt, wie ich geschwitzt habe. Mein Schweiss riecht anders als üblich. Es ist purer Stress-Schweiss. Um 11 Uhr soll es weitergehen. Die Pause nutze ich für vier Stunden Schlaf. Beim Frühstück fragt mich meine Freundin, was ich erlebt habe, wie es mir ergangen sei. Ich komme mir vor wie ein Familienvater abends nach der Arbeit, erkläre ihr ausführlich die Vorteile von Rüstung 62 gegenüber Rüstung 47. Ist das nicht bescheuert? Doch meine Freundin scheint sich ernsthaft dafür zu interessieren.
Karfreitag, 11 Uhr, ich kann mich nicht einloggen. Der Server ist tot. Die Wartungsarbeiten dauern länger. Erst um 15 Uhr 30 geht es weiter. Die WoW-Homepage verzeichnet über 40 000 Aufrufe von genervten Spielern. Später wird Blizzard allen zwei zusätzliche Spieltage vergüten. Kaum bin ich wieder drin, treffe ich Paladino, der mich zum Mitglied seiner Gilde «Templerorden» befördert. Er schenkt mir einen selbstgemachten Kupfergürtel. Wow! Gilden sind cool. Als Mitglied unterstützt man sich gegenseitig. Jeder spezialisiert sich auf einen anderen Beruf, so dass man sich Rohstoffe und eigene Bastelarbeiten günstig zuschanzen kann.
«Supertom, Templerorden» steht nun für andere Spieler sichtbar über meiner Figur. Klingt wahnsinnig toll und hat einen lästigen Nebeneffekt: Alle denken, ich sei total erfahren, fragen mich ständig Zeugs und erwarten, dass ich Gruppen führe. Wenig später fliege ich auf dem Sattel eines Greifenreiters in die riesengrosse Zwergenstadt Ironforge hinein. Hunderte von anderen Spielern sind dort unterwegs, versteigern in Auktionshallen ihre Gegenstände, stehen vor Bankschaltern Schlange. Die Stadt ist so gross, dass ich den Empfänger eines Quest-Briefes fast eine Stunde lang suche. Durchfragen ist angesagt. Andere Spieler helfen prompt. Meine Freundin, die nie etwas mit Computerspielen am Hut hatte, surft inzwischen zu Hause auf einer WoW-Fan-Homepage und versorgt mich per SMS mit Tips. Ungefragt. Ihr Verhalten wird mir langsam suspekt.
Als ich um 2 Uhr nochmals beim grossen Hauptplatz in Ironforge vorbeilümmle, ist dort eine gewaltige Party im Gang. Dutzende Spieler flössen ihren Charakteren sinnlose Mengen Zwergenmalz ein, erzählen Witze und tanzen in einer ausgelassenen Masse mit unterschiedlichen Tanzstilen. Surrealer geht es nicht. Kneift mich, Freunde! Als ich um 5 Uhr 22 in den Schacht einer Zwergen-U-Bahn falle, beschliesse ich, dass es Zeit ist, mich auszuloggen.
Am Samstag um 10 Uhr bin ich wieder drin. Wie ein Fliessbandarbeiter absolviere ich Quest um Quest und rege mich auf, wenn ich Eberdärme für eine Blutwurst benötige, aber sämtliche Eber, die ich schlachte, keinen Darm haben. Meine Freundin hat es nicht zu Hause ausgehalten. Sie war in der Zürcher City, um WoW für sich selber zu besorgen. Erfolglos. Bald muss ich sie an den Computer lassen. Anstatt die Kampffähigkeit meines Superzwergs zu steigern, sammelt sie Rezepte, grillt Fleisch, kocht Suppen und Eintöpfe und hat unheimlich Spass. Plötzlich wird sie als Verstärkung für einen Monsterkampf rekrutiert. Guru ist auch in der Gruppe. Meine Freundin hat wenig Übung. Die Monster stürzen sich auf Guru, er stirbt und motzt. Ich fürchte um meinen Ruf! Irgendwo da draussen denken immer mehr, dass Supertom ein Dödel ist.
Als meine Freundin schlafen geht, übernehme ich wieder und spiele die Nacht durch. Ich bin nicht allein. Egal wo ich mich in Azeroth gerade aufhalte, ich treffe selbst um 5 Uhr früh noch Dutzende anderer. Viele haben Stufen erreicht, für die sie mehrere hundert Stunden investiert haben müssen. Mir wird schwindlig. Woher haben die alle diese Zeit? Wer sind die bloss?
Am Sonntagvormittag überkommt mich das Gefühl, dass ich es langsam gesehen habe. Irgendwie sind die Quests immer gleich: Monster verkloppen und den Gang-go machen. Am Anfang ist man schwach, und die Monster sind schwach. Dann wird man stärker, und die Monster werden stärker. So what? Ich realisiere jedoch, dass das Spiel in der Gruppe immer taktischer und anforderungsreicher wird. Aber weshalb soll ich nach der Halskette eines Mädchens im See tauchen? Die Halskette wurde doch schon Zehntausende Male von anderen Spielern gefunden und Zehntausende Male dem Mädchen zurückgebracht. Das ist doch völlig unrealistisch! Meine Freundin freut sich diebisch über meine Sinnkrise und übernimmt wieder. Erst die Nachtschicht geht wieder an mich.
Am Ostermontag um 7 Uhr nach durchwachter Nacht auf Stufe 20 angelangt, erschrecke ich beim Blick in den Spiegel: Wie ein Hund seinem Meister gleicht, sehe ich plötzlich wie mein Zwerg aus. Ich sollte mich mal rasieren! Als ich am Abend Azeroth endgültig verlasse, habe ich zwei Kilo abgenommen. Ich vergass zu essen. Ständig musste ich mich konzentrieren, um nicht andere ins Unheil zu reiten. Ich habe das Gefühl, mehr erlebt zu haben als sonst in zwei Monaten, ja erlebt, nicht nur gespielt. Ich habe mit Zerborster gegen Troogs gekämpft, ich habe mit Johnnyblue im Sumpf Krokodile verdroschen, ich habe mit Rosenwater Minen durchsucht, ich bin an der Seite von Altersack gestorben. Als ich angelte, angelte Tantefreddy neben mir. Ich war vier Tage online und habe höchstens fünf Prozent von Azeroth gesehen. So viel gäbe es noch zu entdecken! Und ich habe das Gefühl, dass die ganze Welt WoW spielt. Der Suchtfaktor ist gross. WoW bedient den Sammeltrieb, den Ehrgeiz, immer besser zu werden, und ist eine Zeitvernichtungsmaschine.
Meine Freundin hat mich gebeten, den Computer in ihre Wohnung zu stellen. Seither ist sie unter dem Namen Zwärgli in Azeroth unterwegs. Bitte behandelt sie gut, stört sie nicht beim Kochen und grüsst sie von mir, wenn ihr sie trefft.
Mehr zu «World of Warcraft»: www.wow-europe.com/de;
Tom Felber ist NZZ- Redaktor und Spielexperte; er ist Mitglied der Jury für das <Spiel des Jahres>.