NZZ Folio 12/92 - Thema: Supermarkt E-Musik   Inhaltsverzeichnis

Häuser, Häuser -- Über den Dächern von Suburbia

Von Roman Hollenstein

Australiens Mythos vom Outback, von Sonne, Busch und hartem Leben hat auch in Lindsay Clares Haus in Mooloolaba Spuren hinterlassen. Seine Kraft holt es aus der Rückbesinnung auf die lokale Baukunst, die letztlich auch den internationalen Erfolg der neuen Architektur des Kontinents begründete. Doch während der gefeierte Glenn Murcutt Wellblechhäuser in die Landschaft integriert und Gabriel Poole im Regenwald Zelthäuser baut, beschäftigt sich der 40jährige Jungstar Clare mit der suburbanen Wirklichkeit des weitgedehnten Stadtkonglomerats an Queenslands Sunshine Coast.

Deswegen ist das Haus, das Clare 1991 für das Ehepaar McWilliam realisierte, nicht ein das rauhe Leben von einst romantisch überhöhendes Refugium. Vielmehr versteht es sich als kritische und doch auch optimistische Antwort auf die Baukultur der allzu schnell gewachsenen Region. Aus ihm spricht ebenso urbanes Selbstbewusstsein wie auch der Wille, sich vom städtebaulichen Chaos abzusetzen, sich «schwebend» Luft und Raum auf dem beengten Grund zu schaffen. Zur Strasse hin erscheint der Bau kubisch verschlossen mit leicht geneigten Dächern und marinegrauer Sperrholzhaut, die an Strandhütten gemahnt. Meerseitig aber öffnet sich das Haus: Hier dominiert die aufgestelzte Veranda, halb Flügel und halb Schiffsdeck, auf der es sich selbst an heissen Sommertagen beim Anblick des Pazifiks erträglich leben lässt.

Diese Veranda ist eine Reverenz an Queenslands alte Häuser und eine klimatische Notwendigkeit. Scheint ihre expressive Keilform Hans Scharouns Geist verpflichtet, so lassen die Winkel im Grundriss und im Schnitt, die schrägen Stelzen und das unbestimmte Schweben entfernt an Frank Gehry denken. Die Sperrholzwände schliesslich verleihen dem Haus das kompakte Aussehen einer konstruktivistischen Skulptur, deren strenge Volumen durch die graphischen Elemente der schattenspendenden Lattenroste und der Sonnendächer bewusst gemildert werden. Was wie ein dekonstruktivistisches Spiel der Formen wirkt, ist - in einem additiven Bauvorgang - ganz empirisch entwickelt worden: aus dem Grundriss, aus den Bedürfnissen nach Licht und Aussicht, aber auch nach offenen, den kühlen Brisen ausgesetzten Räumen.

Der Bezug zur Landschaft und zum Klima ist grundlegend für Clares Theorie. Wie der von ihm verehrte Alvar Aalto sieht er im Verständnis von Lokalität und Tradition den Ausgangspunkt architektonischer Innovation. Entsprechend beruht das Haus auf einer sorgsamen Analyse des Ortes. Topographie, Sonne, Wind und Regen werden zu ordnenden Elemente einer Architektur, die ihren Ausdruck in natürlichen Materialien und in zeitgemässer Technik findet. An umweltgerechtem Bauen interessiert, versucht Clare nicht nur Natur und Architektur zu versöhnen, sondern ein Modell zu bieten für Queensland und andere subtropisch feuchte Zonen.

Zyklonsichere Stützen, Sonnenblenden und luftige Veranden lassen eine ausdruckstarke Architektur entstehen, die nicht gekünstelt oder modisch wirkt. So sind die vordergründigen Bezüge zum Dekonstruktivismus aus der lokalen Tradition und der Konstruktion erklärbar: Steht doch in Queensland jedes herkömmliche Haus auf Stelzen. Selbst das gewagt auskragende Obergeschoss gründet auf einer klar lesbaren Tektonik. Denn die hier angewandte Konstruktion aus Holz und Stahl verunmöglicht Verunklärungen, die bei Stahlbeton üblich sind.

Lattenroste wahren die Privatsphäre zur Strasse hin und gewähren gleichzeitig verstohlene Ausblicke. Sie halten zudem an der besonders exponierten Westfassade Hitze und Regen ab. Hingegen lassen die Sonnendächer und die Pergolen auf der fast ganz verglasten und zum Meer hin offenen Nordseite die wärmende Wintersonne tief in das unklimatisierte Haus eindringen, blenden jedoch die Sommerhitze aus, ohne sich dabei der Meeresbrise in den Weg zu stellen, die die erwünschte Ventilation bringt.

Letztlich jedoch scheint dieses gewagt asymmetrische Haus in seinem Streben nach einer klimagerechten und humanen Lösung weniger der australischen Hütte als anderen Beispielen der pazifischen Kultur verwandt: Japans leichten und transparenten Häusern ebenso wie Schindlers kalifornischen Bauten mit ihren spannungsreichen Wandkonstellationen. Das eigentliche Zentrum all dieser Häuser bildet ein zwischen Aussen- und Innenraum vermittelnder Bereich, der allerdings in Mooloolaba den Bezug zur Erde aufgibt, um als Sonnendeck über den Dächern von Suburbia zu schweben.

Wie subtil dieses Haus auf Queenslands hartes Licht zu reagieren weiss, zeigt die Farbgebung: Dem dunklen Grau der Aussenwände, das auch im grellen Sonnenschein die Volumen geschlossen erscheinen lässt, antworten im Inneren lichte Töne. Von einer raffinierten Lichtführung profitieren die in zartem Gelb und fahlem Blau gehaltenen Räume. Sie ordnen sich um das zentrale Treppenhaus. Vorbei an einem Schlafraum mit Bad und überdachter Veranda öffnet es sich zum diagonalen Blick durchs ganze Haus. Gibt sich der zurückversetzte Schlafraum im Obergeschoss verschlossen, so fliessen Salon, Küche, Studio und Deck um so freier ineinander.

Sie erzeugen - durch die spannungsreichen Fassaden angekündigt - eine Raumdynamik, geprägt von Ausblicken, die bald als gerahmtes Bild die Stadt und die fernen Glasshouse Mountains zeigen, bald als Panorama auf Meer und Berge gehen. Wenn abends Licht durch die Gitterroste, die Luken und die Fenster dringt, spürt man erst die pittoreske Qualität des Hauses, die durch die Metall- und Holzstrukturen ins Expressive gesteigert wird.


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