NZZ Folio 11/94 - Thema: China   Inhaltsverzeichnis

Der Drache mit dem Januskopf

Schanghai und Guiyang - Wandel zweier Städte.

Von Urs Morf

DURCH DIE wohl weltweit höchste Konzentration an Baustellen führt die Fahrt von Schanghais Flughafen Hongqiao ins Stadtzentrum. Neuerbaute Einfamilienhaussiedlungen säumen den Weg - eine halbe Million und mehr amerikanische Dollar kostet hier eine fünfzig Jahre dauernde Pacht von hundert Quadratmetern Eigenheim im Grünen, mit echtem Carrara-Marmor im Bad und Satellitenfernsehschüssel auf dem Dach. Stossstange an Stossstange kriechen die Autos, zumeist vom Schanghaier «Volkswagen»-Joint-venture gebaute VW Santana. Dreissig Stockwerke hoch erheben sich die gläsern blitzenden Hochhäuser der Hongqiao-Entwicklungszone - und den Besucher beschleicht eine Vorahnung davon, wie irgendwann einmal das neue Schanghai aussehen wird.

«Vom Kopf ausstrahlend, wird der Fortschritt den ganzen langen Rumpf des Drachens erfassen», heisst das Motto des 1990 von der Pekinger Regierung abgesegneten Entwicklungsplans für die zweite Etappe der chinesischen Wirtschaftsreform. Der «Drachenkopf» in der blumigen Formulierung ist die 13-Millionen-Stadt Schanghai und die umliegende Region des Yangtse-Deltas. Der langgezogene Körper des chinesischen Nationalfabelwesens wiederum steht als Symbol für den Yangtse-Strom. Nach der ersten Reformphase der achtziger Jahre, während vor allem die südchinesischen Küstenregionen wirtschaftlich aufblühten, sollen nun Schanghai und die neugegründete Sonderwirtschaftszone Pudong zu einer chinesischen Megalopolis des 21. Jahrhunderts werden. Zugleich soll sich die Moderne dem Yangtse entlang auch ins ausgedehnte Hinterland ausbreiten. Tatsächlich hat die Politik der Öffnung und Reform in den letzten vier Jahren nicht nur das Yangtse-Tal, Kerngebiet Zentralchinas und Lebensraum eines Zwanzigstels der Menschheit, voll erfasst. Weit darüber hinaus ist selbst in den städtischen Zentren der abgelegensten und ärmsten Provinzen des Landes die neue Aufbruchstimmung deutlich spürbar geworden - so zum Beispiel auch in Guiyang, der Hauptstadt der als Armenhaus berüchtigten südwestchinesischen Binnenprovinz Guizhou.

SCHANGHAI IST ZWEIFELLOS die derzeit grösste Boomtown der Volksrepublik. Die «Drachenkopf-Politik» hat in der ältesten Industrie- und Handelsmetropole Chinas ein fieberhaftes Wachstum ausgelöst, und da mit Staatspräsident Jiang Zemin und «Wirtschaftszar» Zhu Rongji gleich zwei ehemalige Schanghaier Oberbürgermeister in Pekinger Spitzenpositionen aufgerückt sind, ist in der von der Zentralregierung jahrzehntelang finanziell bis zum Ausbluten geschröpften Hafenstadt für zusätzlichen Schub gesorgt.

Wie heftig der Erneuerungsrausch ist, der Schanghai gepackt hat, wird jedem Besucher bald einmal klar. Im traditionellen Zentrum von Schanghai, dem Hafenviertel am Huangpu-Fluss, der die Stadt mit dem Yangtse und dem Meer verbindet, stecken wir endgültig im Verkehrsstau. Zwar sind auch hier bereits etliche moderne Stahl-Beton-Glas-Kolosse erbaut worden, die die hohen kolonialen Gebäude überragen. Doch die Enge der Strassen dazwischen ist geblieben. Fast alle stammen sie noch aus der Zeit, als sich der Verkehr auf einige herrschaftliche Kutschen und ein paar wenige Autos beschränkte, denen Fussgänger und Rikschas ziehende Kulis gefälligst auszuweichen hatten. In Schanghai ist der Begriff Kuli (auf chinesisch: bittere Kraft) geprägt worden. Heute versperren sich hier Millionen drängelnder Menschen, altersschwache Gelenktrolleybusse, eine halbe Million Autos, Motorräder und zahllose Fahrradfahrer gegenseitig den Weg. Von morgens um sieben bis abends nach neun Uhr steht die ganze Stadt jeweils am Rand des totalen Verkehrszusammenbruchs. Die zwanzig Kilometer lange Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt kann ohne weiteres zwei Stunden in Anspruch nehmen. Vertreter der ausländischen Unternehmen aller Branchen, die allein in den letzten zwei Jahren in Schanghai mehr als dreitausend Niederlassungen und Joint ventures mit chinesischen Partnerfirmen gegründet haben, klagen über tägliche Arbeitswege von drei bis vier Stunden.

Auch Hua Jianmin, Präsident der Schanghaier Planungskommission, bereitet von den vielen Problemen, die den städtebaulichen Wildwuchs begleiten, die chronische Verstopfung der Strassen die grösste Sorge. Seit Anfang 1993 nehme die Anzahl der Autos in der Stadt um durchschnittlich fünftausend pro Monat zu. Eine wenigstens vorübergehende Verbesserung der Situation verspricht er sich von der 25 Kilometer langen Stadtautobahn, deren Eröffnung auf Jahresende geplant ist. In nur zwölf Monaten hat die Stadtregierung den ersten von Ost nach West verlaufenden Bogen einer sechsspurigen Ringhochstrasse und dazu noch eine Nord-Süd-Verbindung rücksichtslos quer durch Altstadt- und Wohnquartiere fräsen lassen. «Nein», sagt Hua, «mit den Bewohnern der Schneise hat es keine nennenswerten Schwierigkeiten gegeben, die haben wir einfach in Neubauten am Stadtrand umgesiedelt.» Eher problematisch, aber durchaus lösbar sei gewesen, sagt der Technokrat nicht ohne Stolz, dass der sandig-schlammige Baugrund bis zu vierzig Meter tiefe Betonfundamente für die Tragpfeiler der Strasse notwendig gemacht habe.

DER LEITER der hiesigen Niederlassung eines Schweizer Chemiekonzerns führt einen amerikanischen Geschäftsfreund zum abendlichen Bummel in die Nanjing Lu. Die östliche Hälfte dieser mehr als acht Kilometer langen Strasse gilt traditionell als Chinas bestausgestattetes Konsumparadies. Vierhundert aus der Kolonialzeit stammende Kaufhäuser und Ladengeschäfte sind hier in letzter Zeit teils liebevoll renoviert, teils durch protzige Hochhäuser ersetzt worden. Tausende von Neonreklamen verwandeln ein bereits über einen Kilometer langes Stück der Nanjing Lu abends in ein Lichtermeer. In allen Farben und Grössen fluoreszierende chinesische und westliche Schriftzeichen werben für ein Warenangebot, zu dem Coke und Pepsi, Gucci-Handtaschen und Mode von Benetton ebenso zählen wie Phönix-Fahrräder und Kameras der Marke Seemöwe aus einheimischer Produktion. Die Masse der Konsumenten, die Ellbogen an Ellbogen den Schaufenstern entlang drängen, ist stets so dicht, dass die Nanjing Lu seit Jahren tagsüber für Velos gesperrt ist: Bis zur Ladenschlusszeit um neun Uhr - Schanghai hat siebenmal die Woche Abendverkauf - dienen die Fahrradspuren als willkommene Trottoirverbreiterung.

Die Fassade der fünfstöckigen, von zuckenden Stroboskopblitzen beleuchteten, aus dem bunten Lichtermeer herausstechenden World of Electronics bewundernd, sagt der Amerikaner: «Das sieht ja fast aus wie in Hongkong!» Nicht auf den Mund gefallen, mischt sich - in feines Tuch gewandet und mit tragbarem Telefon ausgerüstet - einer der allgegenwärtigen Schanghaier Yuppies ein: «Wartet nur noch ein paar Jährchen, ihr Ausländer, wenn ihr dann Hongkong besucht, werdet ihr sagen, das sieht ja schon fast so aus wie in Schanghai!» Doch Schanghai will nicht nur mit möglichst grossen Mengen verbauten Zements und mit bunten Neonlichtern den Aufbruch ins nächste Jahrhundert demonstrieren. Nach den ehrgeizigen Plänen der chinesischen Regierung soll die Stadt sich auch den Rang der wichtigsten Finanz- und Handelsmetropole des Fernen Ostens zurückerobern, den sie bis zum Bürgerkriegs-sieg von Maos kommunistischen Bauernrevolutionären eingenommen hatte.

Darum hat Peking 1991 begonnen, ausländische Banken wieder ausdrücklich zur Gründung von Niederlassungen in Schanghai zu ermuntern. Bereits haben 29 grosse Finanzinstitute die Gelegenheit wahrgenommen. Ihre Filialen dürfen Devisenkredite organisieren, Aussenhandelsgeschäfte finanzieren und gar an der Schanghai Securities Exchange, Chinas erster Aktienbörse, mitmischen. Und die ausländischen Financiers sind zweckoptimistisch überzeugt davon, dass sie auch nicht mehr lange vom Abwickeln der Geschäfte in der Landeswährung Yuan ausgeschlossen bleiben, die - weil besonders profitträchtig - bisher den chinesischen Staatsbanken vorbehalten sind. Bis dahin bezahlen sie, gelegentlich tief seufzend, die mittlerweile nach jenen von Tokio, Hongkong und London viertteuersten Büromieten der Welt.

Zu einer richtigen internationalen Finanzdrehscheibe gehört freilich ebenfalls der Sinn für stilvolles Repräsentieren. Dem Hafenfluss Huangpu entlang verläuft Schanghais eigentliche Nobelmeile, der legendäre Bund. Hier befanden sich bis 1949 die Schanghaier Niederlassungen und Kontore von über zweihundert ausländischen Firmen und Banken, die während des Jahrhunderts der ersten, unfreiwilligen Öffnung Chinas mit dem Import von Opium, das sie mit barem chinesischem Silber bezahlten, und billigen Industrieprodukten sowie dem Export von Seide, Textilien und Rohstoffen riesige Vermögen verdienten.

Nun sind die Fassaden der Kolonialgebäude an der Huangpu-Promenade, einstmals eine der berühmtesten Skylines der Welt, von den jahrzehntealten Russ- und Dreckschichten befreit worden. Und nachts wird die restaurierte Pracht von Halogenscheinwerfern angestrahlt; der Bund soll als Wallstreet von Asien wiederauferstehen. Bereits haben Schanghais Stadtväter den Bewohnern die sukzessive Räumung der Banken- und Büropaläste befohlen, denn durch deren geplante Vermietung an die 1949 enteigneten ursprünglichen Besitzer soll die chronische Ebbe in der Stadtkasse beseitigt werden.

Bisher haben ausländische Banken und Handelsfirmen, etwa die Hongkong and Shanghai Banking Corporation, weit weniger begeistert als erwartet auf das Angebot reagiert, wieder in ihre ehemaligen Lokalitäten einzuziehen. Die meisten schrecken vor den enormen Kosten zurück, die mit dem Umzug verbunden sind. Denn zusätzlich zum Mietzins von 100 Dollar pro Quadratmeter im Monat müssten die Unternehmen mit Investitionen in Millionenhöhe rechnen, um die oftmals während Jahrzehnten von chinesischen Familien als Wohnraum genutzten Prachtbauten mit den heute üblichen Klima-, Telekommunikations- und Computeranlagen auszustatten.

Dem Bund gegenüber, auf der anderen Seite des Huangpu-Flusses, liegt «Schanghais Zukunft», die Sonderwirtschaftszone Pudong. Als die chinesische Zentralregierung 1990 ihren «Drachenkopf-Entscheid» fällte, beschloss sie zugleich, Pudong (übersetzt heisst das einfach Ostufer) den mit Steuerprivilegien verbundenen Sonderstatus zu verleihen, um ausländische Investoren anzulocken. Pudong, ein von Huangpu und Yangtse und vom Ostchinesischen Meer umspültes Landstück, ist mit 522 Quadratkilometern Fläche zwar grösser als ganz Alt-Schanghai am Westufer des Huangpu-Flusses. Bis dahin war es jedoch dünn besiedelt und wurde fast nur zum Gemüseanbau genutzt. Kernstücke der neuen Sonderzone sind das Finanz- und Handelszentrum Lujiazui, der Zhangjiang Hi-Tech Park, die Jinqiao Export Processing Zone, ein zwölf Quadratkilometer grosses Gelände für den Bau eines internationalen Flughafens und die Freihandelszone Waigaoqiao, die bis zum Jahr 2010 zum grössten Containerhafen der Welt ausgebaut werden soll.

Direkt am Ufer des Huangpu überragt die «Perle des Orients» als dreibeiniger Koloss die im Bau befindlichen zukünftigen Finanztempel von Lujiazui. Das 468 Meter hohe neue Wahrzeichen Schanghais, im Sommer dieses Jahres nach weniger als drei Jahren Bauzeit fertiggestellt, ist Asiens höchster Fernsehturm. Nachts spiegeln sich in den violett-metallisierten Oberflächen der drei «Perlen-Sphären» des Turms, deren jede Sendeanlagen, Aufnahmestudios, Restaurants und Konferenzräume enthält, matt die Lichter der Nanjing Lu und der Grossbaustellen von Pudong.

Ein Heer von Wanderarbeitern aus allen Teilen Chinas baut hier in mehreren Schichten rund um die Uhr Hochhäuser, Fabrik- und Lagerhallen gleich im Dutzend. Bis Ende des nächsten Jahres werden die ersten dreissig von insgesamt hundert geplanten Wolkenkratzern der neuen Finanz- und Handelszone Lujiazui bezugsbereit sein. Fünf der staatlichen chinesischen Grossbanken wollen dann ihren Geschäftssitz dahin verlegen. 1996 wird dort auch die Aktienbörse, die jetzt noch im umgebauten Theatersaal des ehemaligen Astor- House-Hotels einquartiert ist, ein neues Lokal beziehen. Ein Grund mehr für die ausländischen Banker, sich zu fragen, wozu sie sich denn eigentlich in repräsentativen, aber altmodisch-unpraktischen Kolonialbauten am Bund teuer einmieten sollen.

Pudong kann man nicht mehr wie früher nur mit der Huangpu-Fähre, die schwarze Dieselqualmwolken ausstösst, erreichen. Die Sonderwirtschaftszone ist jetzt mit Alt-Schanghai durch einen zwei Kilometer langen Autotunnel, der unter dem Fluss hindurchführt, und zwei grosse Strassenbrücken verbunden. Die in nur 29 Monaten erbaute, insgesamt 7658 Meter lange Yangpu-Brücke, deren sechsspurige Fahrbahn 48 Meter über der Wasseroberfläche schwebt, gilt als längste Schrägseilhängebrücke der Welt.

Der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Milton Friedman hatte bei einer Chinareise im Jahr 1992 auch Pudong einen Besuch abgestattet und anschliessend die Entwicklungszone abschätzig als Potemkinsches Dorf bezeichnet. Für einmal hat der Wirtschaftsguru voreilig geurteilt. Zwar steht noch nirgends geschrieben, dass bis zum Jahr 2010 die ehrgeizigen Ausbaupläne für Pudong-Schanghai vollständig realisiert und dazu noch grösstenteils mit ausländischem Kapital finanziert werden können. Zwei Jahre nach Friedmans Besuch ist Pudong jedoch offensichtlich schon weit über das Stadium einer reinen Reissbrettphantasie hinausgediehen. Und ebenso offensichtlich hat Alt-Schanghai, nach Jahren einer von Peking erzwungenen Stagnation, das Entwicklungstempo gleich um mehrere Gänge hochgeschaltet.

Dass dieser Overdrive seine Tücken hat, liegt auf der Hand. In zahlreichen Discos, Hotel- und Karaoke-Bars floriert die Prostitution der sogenannten Singsong-Girls - wie einst in den dekadent-kolonialistischen dreissiger Jahren. Die sozialen Unterschiede vergrössern sich beängstigend schnell. Bereits gibt es in Schanghai wieder Tausende von Bettlern. Laut Planungschef Hua arbeiten schon mehr als zwei Millionen junge Schanghaier in gutbezahlten White collar jobs im Finanzsektor und in Joint-venture-Betrieben, zugleich stehen aber Hunderte von krisengeschüttelten Textilbetrieben, einst Schanghais industrielles Herzstück, vor der Schliessung. Und derweil die modisch gekleidete und perfekt geschminkte Schanghaier Jeunesse dorée unter dem Neonhimmel der Nanjing Lu nach neuen teuren Konsumartikeln Ausschau hält, balgt sich in der gleichen Strasse oft ein halbes Dutzend zerlumpter Gestalten um jeden Pappbecher Coke, der nicht leergetrunken in einem Abfallbehälter gelandet ist.

Langfristig das grösste Problem Schanghais ist jedoch, dass sein Wachstumsboom nicht nur ins Hinterland ausstrahlt, sondern dort auf die Unterbeschäftigten eine unwiderstehliche Sogwirkung ausübt. «Kein einziges Schlüsselprojekt unserer Stadt hätte ohne Wanderarbeiter gebaut werden können», hatte Chen Zhengxing, stellvertretender Generalsekretär der Stadtregierung, im vergangenen Januar erklärt, kurz bevor die letzte grosse Welle von Wanderarbeitern nach Schanghai schwappte. Gleichzeitig warnte er: «Aber man muss auch sehen, dass keine Stadt der Welt den Druck solch unbegrenzter Scharen von Arbeitssuchenden ohne Schaden überstehen könnte, wie ihn die aus ganz China herbeiströmenden arbeitssuchenden Bauern auf Schanghai ausüben.» Inzwischen ist deren Zahl auf über drei Millionen angestiegen, und auch in der Stadtregierung glaubt keiner mehr, dass sie einfach so in ihre Heimatdörfer zurückkehren werden, wenn dereinst das «Potemkinsche Dorf» Pudong fertiggebaut sein sollte.

SZENENWECHSEL. Guiyang ist die Hauptstadt der Binnenprovinz Guizhou, die in einem kargen, bergigen Hochland liegt, 1500 Luftlinienkilometer südwestlich von Schanghai, und von dort in gut zwei Flugstunden zu erreichen. Die Reise per Bahn, das Verkehrsmittel der ärmeren Chinesen, kann dagegen bis zu einer Woche in Anspruch nehmen. Drei Viertel der heute knapp 34 Millionen zählenden Bevölkerung von Guizhou sind Han-Chinesen, der Rest gehört einer von insgesamt zwölf Ethnien an wie etwa den Miao, Dong, Buyi, Gelao, Yao, Yi oder Tujiao, die von Han-chinesischen Eroberern ab Mitte des 16. Jahrhunderts systematisch aus den fruchtbareren Gebieten in abgelegene Hügelzonen verdrängt wurden.

Die Taxifahrt vom ehemaligen Militärflugplatz nach Guiyang, mit vierzig Kilometern doppelt so lang wie jene vom Flughafen Hongqiao in die Schanghaier Innenstadt, dauert nur eine gute halbe Stunde. Auf der kurvenreichen Asphaltstrasse über spärlich bewaldete Hügel beschränkt sich der Verkehr während der ersten Hälfte der Fahrt auf einige schwarze Kaderlimousinen. Ab und zu begegnet uns ein Pferdefuhrwerk oder ein Grüppchen Bauern auf dem Fahrrad.

Die mit Kalksteinplatten gedeckten Häuschen aus Trockensteinmauern rufen chinesische Erzählungen über die traditionelle Armut in Guizhou in Erinnerung. Als Maos Truppen 1934 auf dem legendären «Langen Marsch» durch Guizhou zogen, waren die Bewohner vieler Dörfer so arm, dass sie pro Familie nur ein einziges Kleidungsstück besassen, weshalb sich in Anwesenheit von Ortsfremden jeweils nur ein Familienmitglied vor die Haustür traute. Auch beobachteten die Soldaten der Roten mit einigem Entsetzen, dass Schlafmohn das wichtigste Anbauprodukt vieler Gegenden der Provinz war und dass manche arme Familie zwar über beachtliche Vorräte an Opium verfügte, jedoch kaum etwas zu essen hatte. Seither ist zwar auch in Guizhou der allgemeine Lebensstandard stark gestiegen, und selbstverständlich hat die chinesische KP nach 1949 in Guizhou wie anderswo Opiumsucht und -produktion radikal ausgerottet. Nun baut man in Guizhou Reis und Mais an. Doch leben nach offiziellen Angaben immer noch acht Millionen, fast ein Viertel der Bevölkerung der Provinz, unter der absoluten Armutsgrenze. Über sechzig Prozent ihrer Einwohner können weder lesen noch schreiben, und nur etwas mehr als die Hälfte der Dörfer verbindet eine Strasse mit der Aussenwelt.

Auf dem Talgrund zwischen hochaufsteigenden bewaldeten Hügeln erweitert sich die Flughafenstrasse auf den letzten fünfzehn Kilometern zu einer vierspurigen Autobahn. Nach einer weit geschwungenen Kurve fällt zwischen zwei hohen Karstkegelbergen hindurch der Blick auf Guiyang - und wir sind überrascht: Auch die vermeintlich rückständige, in einem Talkessel gelegene Provinzkapitale präsentiert sich als moderne Stadt. Auch hier, wie in Schanghai und offenbar in ganz China, scheinen die Wolkenkratzer wie Pilze aus dem Boden zu schiessen.

Das Guizhou Park Hotel ist ein von oben bis unten mit Spiegeln verglastes Hochhaus. Ein zweiter Blick auf das Panorama der Stadt, aus dem Zimmer im 27. von insgesamt 29 Stockwerken, bestätigt den ersten Eindruck: Wenn schon, dann ist Guiyang ein Armenhaus in Renovation; bereits ist das Stadtbild weitgehend von den Quadern moderner Bauten geprägt, zahlreiche Kräne zeigen an, wo überall noch weitere Hochbauten errichtet werden.

Sun Jingshan, Leiter der Planungskommission von Guiyang, bedient sich einer Anekdote, um den Aufschwung in seiner Stadt zu erklären. Die ursprüngliche Bedeutung des Namens Guiyang, sagt er, sei eigentlich «Südlich des Berges Gui». Weil es in Guiyang wegen der geographischen Lage besonders häufig und ausgiebig regnet, wird jedoch in der ganzen Volksrepublik stets spöttisch auf die Doppelbedeutung der beiden Schriftzeichen hingewiesen, die das Wort Guiyang bilden: man kann sie auch als «kostbare Sonne» verstehen. Ausgerechnet der berüchtigte Dauerregen aber ist laut Sun zu einem Segen für Guiyang geworden, seit Wirtschaftsreform und Industrialisierung den in ganz China chronisch herrschenden Mangel an elektrischer Energie immer weiter verschärfen: Mit ihren zahlreichen, nie versiegenden Flüssen ist die Gegend eine Art riesiger natürlicher Energiespeicher, dessen Potential noch nicht vollständig genutzt wird. Gemäss Chefplaner Sun müssten ohne die Stromlieferungen aus den Wasserkraftwerken von Guiyang bereits jetzt ein beträchtlicher Teil der Fabriken etwa im südchinesischen Wirtschaftswunderland Guangdong die Produktion einstellen. In ganz Guizhou sind zahlreiche weitere Stauwerke im Bau, die die aus dem Stromexport stammenden Einnahmen der Provinz weiter erhöhen sollen.

Einen Grossteil der Einnahmen hat die Provinzhauptstadt bisher zur Modernisierung des Verkehrsnetzes verwendet. Gute Strassen verbinden Guiyang jetzt mit Restchina. Das innerstädtische Strassennetz gilt mittlerweile als eines der besten im Land. Ausserdem hat Guiyang - «wir setzen hier nicht auf den Privatverkehr», sagt Sun - pro Kopf der Bevölkerung die höchste Dichte an öffentlichen Verkehrsmitteln aller Städte der Volksrepublik. Guizhou ist schliesslich auch die einzige chinesische Provinz, deren gesamtes Eisenbahnnetz bereits elektrifiziert ist.

Damit ist die Basis für einen weiteren Aufschwung gegeben. Bereits haben Unternehmen aus anderen Provinzen und ausländische Firmen begonnen, in den Abbau der in Guizhou neben der Wasserkraft ebenfalls reichlich vorhandenen Braunkohle-, Bauxit- und Phosphatvorkommen zu investieren. Neugegründete Joint ventures mit ausländischen Unternehmen brachten Schwung in manchen Staatsbetrieb, der zuvor jahrzehntelang vor sich hingesiecht hatte, und bauten in Guiyang moderne Hochhäuser. Sun räumt freilich ein, dass auf Grund des tiefen Entwicklungsstandes jeder Fortschritt besonders stark ins Gewicht fällt.

Ein Rundgang durch die Stadt enthüllt weitere Überraschungen: Im Gegensatz zu den gesichtslosen Neubauquartieren Schanghais sind in Guiyang auf dem Grund der Strassenschluchten, zwischen den neuen Betonklötzen, lange Streifen klassischer Chinatowns erhalten geblieben - jedes Quartier für sich ein in Jahrzehnten gewachsener Organismus, gebildet aus dicht aneinandergebauten, leicht windschiefen Häuschen. In jedem Häuschen befindet sich ein gemauertes Erdgeschoss mit Küche und Ladenlokal oder Werkstatt, darüber, im Holzaufbau des ersten Stocks, nur über eine steile Leiter zu erreichen, liegen die privaten Räume, das Ganze von geschwungenen, pflanzenüberwucherten, schiefergrauen Tonziegeldächern gedeckt und von geistervertreibenden Dachreitern behütet. Hier lebt das alte China noch.

Neben den grosszügigen Hauptverkehrsadern durchziehen zahlreiche schmale, verwinkelte Seitenstrassen mit lebhaften Märkten die Stadt Violette Auberginen, hellgrüner junger Kohl, Ingwerwurzeln, rote Paprikaschoten, gelbe Maiskolben, Schweinehälften, Hühner in riesigen Bambuskörben, lebende Fische, Schildkröten und Frösche in Wannen, Kleider und Haushaltartikel - alles wird hier unter lautstarkem Feilschen und Schnattern gehandelt.

Am Abend verwandeln sich auch die Trottoirs der grösseren Strassen der Innenstadt in riesige Märkte. Die Stadt scheint entfesselt zu sein: Überall legen Kleinhändler auf improvisierten Ständen Waren aus, Anbieter von zerlesenen Büchern und Comic-Heftchen begnügen sich mit einem am Boden ausgebreiteten Tuch als Unterlage. Das Angebot reicht von trivialen Dingen wie Schnürsenkeln, Gürtelschnallen, Haarbürsten und billigem Schmuck bis zu jungen Hunden - «frisch aus Peking importiert!» -, die ein junger Mann feilbietet. Ein alter Bauer kauert am Boden und flicht mit flinken Fingern aus frisch geschnittenen Bambusspänen Frösche, Wasserbüffel und Libellen. Freiluftküchen haben Hochbetrieb, «fliegende Köche» verkaufen von Dreirädern aus Schälchen heisser Nudeln, über Becken mit glühender Holzkohle werden Maiskolben geröstet und Maismehlfladen, die man mit scharfer Sauce isst - Guiyang beweist, dass die Chinesen die eigentlichen Erfinder des Fast food sind.

Jiang Juezhong, Vizebürgermeister von Guiyang, führt das Spektakel auf einen Anfang der neunziger Jahre gefassten Grundsatzentscheid der Stadtregierung zurück: «Für uns als arme Stadt, die ohnehin nicht allen einen Arbeitsplatz bieten kann, heisst Marktwirtschaft, über die in China soviel diskutiert wird, in erster Linie, einfach Märkte zulassen, dem Einzelnen die Möglichkeit geben, Geschäfte und Gewinn zu machen.» Selbst die Pekinger «Volkszeitung» hat, so erzählt Jiang, schon über dieses «Guiyang-Phänomen» geschrieben. Als nach einiger Zeit Klagen laut wurden, das Marktgewimmel auf den Strassen blockiere selbst die Eingänge der grossen Ladengeschäfte, führte die Verwaltung die Regelung ein, dass die Kleinhändler auf den Trottoirs der Hauptstrassen erst von sechs Uhr abends an ihre Waren auslegen dürfen.

Jetzt herrscht, wie Jiang Juezhong sagt, ein neuer, nicht ungefährlicher Trend: Die Märkte locken immer mehr Bauern aus den armen Dörfern in die Stadt. Dem versucht die Provinzregierung dadurch zu begegnen, dass sie in den oftmals in reiner Subsistenz verharrenden Dörfern den Anbau vermarktbarer Landwirtschaftsprodukte propagiert und Tourismusprojekte als zusätzliche Einkommensquellen fördert. Den besonders armen Minderheitenvölkern soll durch Vermarktung von Folklore und durch die touristische Erschliessung der riesigen Tropfsteinhöhlen und spektakulären Wasserfälle geholfen werden, die in ihren Wohngebieten entdeckt worden sind.

EINEN SATZ sagt in Guiyang irgendwann fast jeder, sei es der Liftboy im Hotel oder der Nudelverkäufer, sei es der Beamte der Stadtverwaltung: «Wir wissen, dass wir nie wie Peking, Hongkong oder Schanghai werden können - aber das wollen wir auch gar nicht. Wenn wir hier etwas Geld machen können, ziehen wir es vor, mit Freunden gut essen und trinken und tanzen zu gehen, statt stets danach zu trachten, immer noch mehr zu verdienen.»

Wenn sich der wirtschaftliche Entwicklungsrückstand der kleinen Boomtown Guiyang - und anderer, ähnlicher Städte im Hinterland - gegenüber den grossen Boomtowns wie Schanghai zumindest nicht weiter verschärft, so hält diese hedonistisch-resignative Stimmung vielleicht an. Damit könnte möglicherweise die soziale Entwicklung im ganzen Land stabilisiert werden. Wenn nicht, so werden neben immer grösseren Heerscharen bäuerlicher Wanderarbeiter bald auch zahlreiche Bewohner der Binnenstädte Richtung Küste ziehen und Schanghai verwandeln - statt wie geplant in die Megalopolis des 21. Jahrhunderts in einen weiteren grossstädtischen Drittwelt-Albtraum im Stile von Mexico City oder Bombay.

Urs Morf ist Chinakorrespondent der NZZ in Peking.


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