NZZ Folio 07/94 - Thema: Zum Mond   Inhaltsverzeichnis

Fremde Sitten -- Umgetopft

Von Gerald Sammet

Die Frage, wo die Weltmitte liege, hat Philosophen beschäftigt, Politiker zu Kriegen verleitet und Literaten zu phantastischen Reisen angestiftet. Antworten haben sie alle gefunden, aber nirgends sicheren Grund. Der Ort, auf dem wir stehen, ist immer zweideutig: Mitte für uns, Peripherie für die andern. Den Achilpas, einem australischen Stamm, hat ihr Schöpfer Numbakula einen Gummibaum hinterlassen, von dem es heisst, an seinem Stamm sei er hinauf in den Himmel gestiegen. Seither bezeichnet der Baum ihnen das Zentrum ihres Siedlungsgebiets und die Mitte der Welt. Nun sind die Achilpas Nomaden, und wenn der heilige Stamm des Numbakula sich gelegentlich neigt, fassen sie dies als einen Hinweis auf das nächste Ziel ihrer Wanderung auf. Am Ankunftsort wird der Orientierung verheissende Gummibaum wieder im Boden verpflanzt.

So ereignet sich die Lebensreise der Achilpas einerseits in einer realen Geographie und wird andererseits von den Koordinaten eines göttlichen Bezugssystems vorgegeben, bei dem Weg und Ziel, Ruhe und Bewegung, Aufbruch und Ankommen eine Einheit verkörpern. Nur Numbakula selbst wurde nie wieder gesichtet. Mit seinem Weggang hat er die Suche nach der Mitte zu einer von den Menschen zu lösenden Aufgabe gemacht.


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