NZZ Folio 05/09 - Thema: Do it yourself   Inhaltsverzeichnis

«Baumärkte inspirieren mich»

© SELBER MACHEN/Thomas Götz
Uta Schwarz mit ihrer Trophäe. «Ich habe nicht sehr viele Werkzeuge, und die, die ich habe, sind, ehrlich gesagt, richtiger Schrott.» Linktext
Eine deutsche Hausfrau ist «Selbermacher des Jahres 2008». Die 35-jährige Uta Schwarz aus Stralsund baute sich eine Küche aus Beton.

Von Jenny Niederstadt

Herzlichen Glückwunsch! Sie sind 2008 von der Zeitschrift «Selbermachen» aus 1300 – meist männlichen – Bewerbern zum «Selbermacher des Jahres» gewählt worden und haben ein Auto gewonnen.

Ja, aber das ist längst verkauft.

Warum das denn?

Mit einem Neuwagen kann ich nichts anfangen. Ich transportiere ständig Steine, Bretter, Schutt – da hätte ich nur Angst gehabt, das neue Auto dreckig zu machen oder den Lack zu zerkratzen. Ich habe den Wagen verkauft und das Geld in unser Haus investiert. Ausserdem habe ich noch ein Stück vom Garten im Hinterhof gekauft. Ehrlich gesagt: Ich habe während des Wettbewerbs ohnehin auf den zweiten Platz gehofft. Dafür gab es nämlich Gutscheine vom Baumarkt.

Gewonnen haben Sie mit Ihrer Küche aus Beton. Warum ausgerechnet Beton?

Ich mag Beton als Material. Es ist robust, wasserfest, hitzebeständig und passt sehr gut zu meinen gestalterischen Vorstellungen. Bei mir kann man über dem Herd noch ein paar Luftlöcher entdecken – eigentlich ein Fehler, aber dadurch wirkt mein Beton viel lebendiger.

Gefällt Ihnen Ihre Küche immer noch?

Sie ist genau so geworden, wie ich sie haben wollte. Sie hat Industriecharakter, finde ich. Und damit setzt sie einen guten Kontrapunkt zu dem mittelalterlichen Aussehen unseres Hauses. Wir wohnen nämlich in einem alten Hafenspeicher aus dem 14. Jahrhundert, sechs Stockwerke hoch; es ist der älteste Speicher in Stralsund. Ich restauriere das Haus seit drei Jahren, meist allein. Als wir eingezogen sind, gab es im obersten Stockwerk gerade mal zwei kleine Zimmer, ausserdem Küche und Bad.

War Ihnen klar, wie viel Arbeit auf Sie zukommt?

Für uns war der Zustand des Hauses sogar mit ein Grund, es zu kaufen. Wir wollten den Speicher ganz nach unseren Vorstellungen restaurieren. Natürlich war es zwischendurch anstrengend: vormittags bauen und nachmittags, bevor die Kinder nach Hause kommen, den Dreck wegputzen. Wir haben lange wie auf einer Baustelle gelebt. Nach und nach habe ich unsere Wohnung ausgedehnt: zuerst das Dach ausgebaut, dann die unteren Stockwerke restauriert. Vor zwei Jahren war die Küche dran.

Ist eine selbstgebaute Küche günstiger als eine gekaufte?

Viel günstiger! Ein Sack Zement kostet ja nur 2 Euro, den Sand dazu habe ich von der Baustelle gegenüber bekommen. Ohne Geräte hat die gesamte Küche vielleicht 500 Euro gekostet.

Haben Sie mit Ihrer Familie besprochen, wie sie aussehen soll?

Mit meinem damaligen Mann habe ich mich vorher beraten, ja. Er hat mir zum Beispiel auch beim Schleppen der Zementsäcke geholfen, aber den Rest habe ich allein gemacht.

Sie stellten sich mit Gummistiefeln in den 100 Quadratmeter grossen Raum und fingen einfach an, eine Küche zu giessen?

Genau. Man muss sich nur trauen anzufangen. Zuerst habe ich die Grundplatte gegossen und mit alten Fliesen belegt. Dann habe ich aus Leichtbausteinen den Rahmen für die Küchengeräte gemauert und darauf die Verschalung für den Beton gebaut. Da muss man sehr exakt arbeiten. Bei mir sieht man trotzdem die Übergänge, aber das stört mich überhaupt nicht. Die Kanten habe ich mit Dreiecksleisten abgeflacht, die Arbeitsfläche mit Ausgleichmasse geglättet und schliesslich mit lebensmittelechter Natursteinpolitur imprägniert. Vor dem Giessen mussten noch die Leitungen verlegt werden – und fertig, nach sechs Wochen. Nur die Gasleitungen für den Herd habe ich nicht selber gelegt. Da darf nur ein Fachmann ran.

Woher können Sie das alles?

Mir hat es schon immer Spass gemacht, zu bauen und zu basteln. Ich bin in Rumänien gross geworden, wir wohnten mitten im Wald. Das habe ich geliebt. Ich hatte gar keine Spielsachen, sondern habe mir im Wald Hütten gebaut, mit Stöcken gespielt, geschnitzt. Dann sind wir nach Deutschland gezogen, und ich kam auf eine Waldorfschule. Dort lernt man die verschiedenen Handwerke kennen: weben, tischlern, schmieden, mauern, backen, Schmuck herstellen und so weiter. Das hat mich fasziniert. Zu Hause habe ich für meine Puppen Pullis gestrickt und Möbel gebaut, später habe ich auch die Puppen selbst gemacht. Ich habe für mein Zimmer Möbelstücke restauriert. Im Garten gegraben und gepflanzt. Gemalt und gezeichnet habe ich sowieso ständig. Ich kann einfach nicht stillsitzen, sondern werkle gerne.

Was ist denn Ihr Lieblingswerkzeug?

Meine Hände. Damit kann ich am präzisesten arbeiten. Die Steinwand da drüben zum Beispiel habe ich mit den Händen verputzt, weil ich wollte, dass man die Backsteine noch erkennt. Andere nutzen dafür mehr Werkzeuge. Aber ich möchte jeden Winkel erreichen, jede Rundung zeigen – das kann ich nur mit den Händen.

Eine Werkzeugsammlung haben Sie trotzdem?

Ich habe nicht sehr viele Werkzeuge, und die, die ich habe, sind, ehrlich gesagt, richtiger Schrott. Irgendwo gefunden oder billig gekauft. Ich kann für Werkzeug nicht viel Geld ausgeben. Wenn Freunde mal zum Helfen vorbeikommen, schlagen sie die Hände überm Kopf zusammen: «Was? Damit hast du euer ganzes Haus renoviert?» Und ein echter Handwerker würde sich gruseln, wenn er meine Sammlung sähe. Ich merke das ja an meinem Freund. Der ist Tischler und pflegt sein Werkzeug. Das ist ihm wertvoll. Er hat auch jede Menge gute Maschinen. Gelegentlich leihe ich sie mir aus. Selbst leisten könnte ich sie mir nicht: Ich muss mit 300 Euro Baugeld im Monat auskommen. Aber damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich gehe trotzdem gerne in Baumärkte. Das inspiriert mich. Und ich brauche ja viel Material.

Nimmt man Frauen im Baumarkt ernst?

Natürlich. Mittlerweile arbeiten da auch Frauen, ganz selbstverständlich. Und es gibt sowieso viel mehr heimwerkende Frauen, als man denkt. Wenn ich allerdings Handwerker um Rat bitte, erwähne ich nicht immer, dass ich gerade dabei bin, ganz alleine ein 450-Quadratmeter-Haus zu restaurieren. Ich mache ja wirklich alles selbst: Fenster setzen, Heizungsrohre löten, Treppen einbauen. Für solche Arbeiten holen auch viele Männer einen Fachmann. Dem Handwerker, der die Gasleitungen verlegt hat, standen auch prompt die Haare zu Berge, als er hörte, dass ich den Rest der Küche alleine bauen wollte. Dann aber hat er von Tag zu Tag gesehen, wie ich arbeite – und heute fachsimpeln wir miteinander.

Freut es Sie besonders, diese Auszeichnung als Frau bekommen zu haben?

Das ist doch egal. Frauen und Männer haben ein ähnliches Geschick fürs Handwerken, Frauen trauen sich nur viel weniger zu. Dabei sind Arbeiten wie Mauern oder Löten nicht schwierig, man muss sie nur üben. Viele klassische Frauenarbeiten finde ich viel komplizierter. Zum Beispiel koche ich überhaupt nicht gerne. Das stresst mich, wenn ich in der Küche stehe und etwas koche, was dann auch noch allen schmecken soll, dem Mann, den Kindern.

Sind die Kinder stolz auf Sie?

Nee, gar nicht. Sie haben das zumindest noch nie zum Ausdruck gebracht. Ich restauriere ja nicht nur unser Haus, sondern bastle und baue auch sonst viel. Als die Kinder kleiner waren, habe ich ihnen zum Beispiel Puppen geschneidert und einen Bobbycar aus Holz gebaut. Für sie ist das wohl selbstverständlich. Auch, dass das Obst und das Gemüse für die Spielküche selbst gefertigt ist. Mittlerweile macht das meine Tochter sogar selbst: Die Gurke hier hat sie gefilzt.

Und was sagen Freunde?

Die finden das toll, vor allem die Frauen. Für meine alleinerziehenden Freundinnen war ich lange so etwas wie der Mann im Haus. Ich habe für sie kleinere Arbeiten erledigt wie Lampen montieren und Böden verlegen.

Ihr Hobby geht auf die Knochen, oder?

Ja, ich bin ja eine eher kleine, zierliche Frau. Nachts habe ich manchmal Schmerzen in den Armen und eingeschlafene Hände. Meine Schultern und der Nacken tun mir eigentlich dauernd weh. Trotzdem wache ich jeden Morgen auf und überlege, was ich heute erledige. Durch die Kinder komme ich aber nur vormittags dazu, von acht bis etwa drei Uhr. Und das auch nur an vier Tagen die Woche.

Sind Sie zwischendurch auch mal genervt von den Bau­arbeiten?

Ich mag wirklich alle Heimwerkerarbeiten gerne. Nur monotones Arbeiten macht mich wahnsinnig. Schauen Sie sich mal hier im Haus die Decken an: Überall sind diese baumstammdicken Querbalken und Stützpfeiler. Auf denen war eine dicke Schicht Kalk. Die musste ich von Hand abbürsten. Das Zeug darf man nicht einatmen, also musste ich das Ganze auch noch mit Atemschutz erledigen. Und zum Schluss musste ich diese endlosen Meter Balken auch noch ölen. Schrecklich.

Wollten Sie schon mal alles hinschmeissen?

Nein, da muss man durch! Es gab nie den Punkt, an dem ich aufhören und einfach die Handwerker holen wollte. Und wir haben ja Glück: Die wirklich umfangreichen Arbeiten hat der Vorbesitzer erledigt, also die Fassade und das Dach. Das Dach hätte ich nicht gern erneuert. Handwerklich hätte ich mir das noch zugetraut, Dachdecken ist ja keine Hexerei. Aber ich habe nicht die Ausrüstung dazu, also ein Gerüst, lange Leitern, Gurte und so weiter.

Woher nehmen Sie das Selbstvertrauen, alles hinzubekommen, notfalls auch das Dachdecken?

Wenn man erst einmal mit einem kleinen Projekt angefangen hat, merkt man, was man alles kann. Und dann wird man mutiger und macht den nächsten Schritt.

Wie lange werden Sie noch an Ihrem Haus bauen?

Noch etwa ein Jahr, denke ich, dann ist es fertig. Ich habe auch schon ein neues Projekt im Kopf: Das Nachbarhaus steht leer. Dorthin könnte ich einen Durchbruch machen und auf dem Dach ein Terrasse anlegen. Das wäre ideal. So viel Sonne!

Jenny Niederstadt ist freie Journalistin; sie lebt in Hamburg.

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