NZZ Folio 12/91 - Thema: Verführungen   Inhaltsverzeichnis

Die neckischen Phantasien der Gene

Feststellungen zum Flirten aus wissenschaftlicher Sicht.

Von Daniele Muscionico

Die Filmversion ist nicht viel länger als ein Wimpernschlag: Er gewinnt das 24-Stunden-Rennen von Le Mans; sie, die ebenso wunderschöne wie unnahbare Filmdiva, Konzernherrin, überreicht ihm den Pokal. Ihre Augen begegnen sich. Sie verstehen.

Die klassische Version erfordert einen Abend, leise Musik, Cognac, Kerzenlicht: Man lernt sich kennen, plaudert, er gibt ihr seine Telefonnummer - und sie ruft tatsächlich an.

Etwas länger dauert die gemachte Version: Sie arbeiten zusammen, treffen sich bei ornithologischen Beobachtungen und singen im gleichen Chor. In der Röte eines Sonnenaufgangs verdichtet sich ihre gemeinsame Leidenschaft zur Vogelwelt zu einer neuen . . .

Die Regeln der Liebeswerbung kann man lernen - behauptet in ihrem neuesten Buch, «Liebe auf den zweiten Blick», die amerikanische Psychologin Judith Sills. Während im oberbayrischen Andechs (der Welt bekannt durch das Andechser Bier und das Andechser Kloster) Verhaltensforscher in einer mit deutscher Gründlichkeit geführten Untersuchung zum gerade entgegengesetzten Ergebnis gelangt sind. In der Forschungsstelle für Humanethologie in der Max-Planck-Gesellschaft wird der Flirt - oder prosaischer: menschliches Werbeverhalten - von einem internationalen Team von Wissenschaftern auf neodarwinistischem Hintergrund zergliedert und ergründet. Mit einem «Flirt-Experiment», einem Standardversuch aus der Sozialpsychologie, hat Versuchsleiter Dr. Karl Grammer nicht nur Eros entschleiert, er entmachtet auch die Casanovas, Belamis und Poussierstengel dieser Welt. Er glaubt schlüssig beweisen zu können, dass sich zwei unbekannte Menschen während der ersten Minuten ihrer Begegnung als (Straf-)Gefangene ihrer «biologischen Programme» verhalten.

Das Fazit der Untersuchung mag männliche Eitelkeit auch an einer zweiten Stelle empfindlich treffen - und Feministinnen möglicherweise beflügeln: Denn, so Grammer, was Männer während der ersten gemeinsamen Minuten «leisten», ist in Wirklichkeit die «Leistung» der Frauen.

Um verlässliche Daten zu erlangen, wählten die Wissenschafter nach dem Zufallsprinzip jeweils zwei einander unbekannte Schüler aus einer Besuchergruppe am Max-Planck-Institut aus, führten sie in einen Raum, liessen sie dort unter einem Vorwand während zehn Minuten allein und filmten sie mit versteckter Kamera. Dabei wurde von der Annahme ausgegangen, dass - falls es zu Werbeverhalten kommen soll - dem Partner vorgängig erkennbare «Bereitschaft» signalisiert werden muss.

Hier kommt nun der schillernde Komplex «Attraktivität» zum Zuge. Die «Bereitschaft» der Männer, ihr Interesse an der Partnerin nämlich, ist um so grösser, je attraktiver die Frau auf sie wirkt. Nichts Neues. Nichts Neues? Und was hält man davon: Ein Mann kalkuliert in diesem Prozess auch mit dem Bild von sich selbst; für je attraktiver er sich selber hält, um so geringer schätzt er das Risiko, dass eine Frau seine Annäherung ablehnt. Weiblicherseits ein wohlbekanntes Phänomen. Wie oder was aber ist die «attraktive», die anziehende Frau? Die Antworten fallen hochglänzend ins Haus und ins Auge, sind in der Werbung und in Weltformat nachzusehen, in den Printmedien nachzublättern.

Um der Wissenschaft das Wort zu reden: Zur männlichen Einschätzung von «Attraktivität» werden in erster Linie Körperschemata herangezogen. Das Verhältnis der Schulterbreite zur Taille und zu den Hüften (relevant für beide Geschlechter) und die Darstellung und Betonung der sekundären Geschlechtsmerkmale (relevant nur mehr mit Blick auf die Frau). Man erinnere sich hier an die modischen Kunstgriffe, mit denen Männer durch die Jahrhunderte ihr Körperimage aufzuputzen pflegten: die wattierten Schultern, die schulterbetonten Jacken, Kleider, die, anders als bei Frauen - welchen man etwa das Korsett beliebt machte (denn wie handlich lässt sich so eine Wespentaille umspannen und hochheben) -, indessen nie so weit gingen, dass sie beengt oder gar Schmerzen verursacht hätten. Des männlichen, taxierendes Blicks wegen sind Frauen seit je blutige Opfergänge gegangen, und der Mythos Schönheit fordert heute seinen Blutzoll nicht minder hoch.

Während Marlene Dietrich ihr «anziehendes» Gesicht lediglich mit vier Backenzähnen zu bezahlen hatte, wird heute «Attraktivität» längst teurer gehandelt. Die Grenze liegt dieser Tage nicht mehr bei der operativ-künstlerischen Umformung einzelner Körperteile. Den Trend geben Brustimplantate an, in Grösse und Form wünschbar, die dem (männlichen) Busenfreund ein millimetergenaues «Handling» garantieren. - Das als Exkurs und zum besseren Verständnis, welch neckischer Phantasien sich die Gene im Kampf der Geschlechter bedienen . . .

Nun zeigen die Ergebnisse des Grammerschen «Flirt-Experiments», dass Frauen, die besonders körperbetont ausstaffiert sind, männlicherseits als mögliche Sexualpartnerinnen eingeschätzt werden, nicht aber als Partnerin, mit der sie eine längere Beziehung eingehen möchten. Soll dieses Phänomen als Angst vor Hahnreischaft bewertet werden oder, anders: als weise Vorsicht des ohnehin biologisch schwächeren, männlichen Geschlechts, das bemüht ist, Konkurrenz, den Wettbewerb, zu vermeiden?

Auffallend ist, dass bei der Einschätzung der Frauen die körperliche Attraktivität des Mannes kaum ins Gesicht fällt. Frauen orientieren sich nach Grammer an einem anderen Gesichtspunkt: am sozialen Status. Auch das eine nette Erkenntnis. Sollten nicht auch Frauen beziehungsweise ihr «biologisches Programm» daran interessiert sein, sich nur mit einem anziehenden, attraktiven, also «genetisch fitten» Partner einzulassen? Oder sollte der soziale Erfolg eines Mannes Rückschlüsse auf dessen psychische und physische Verfassung zulassen? Ist den Frauen vielleicht ein Schritt, nämlich die Emanzipation von ihrem «biologischen Programm», gelungen, den der nackte Affe Mann sich zu tun weigert - oder zu tun gar nicht in der Lage ist?

Die Forscher fragten sich: Ob und in welcher Art ist der Geruch bei der ersten Bewertung des Partners relevant? Dabei unterscheiden sie die Geruchswahrnehmung der Frau während ihres Monatszyklus und während der übrigen Tage. Man isolierte die im männlichen Achselschweiss vorkommende Substanz Androsteron, die Frauen allgemein als unangenehm empfinden. Zum Zeitpunkt der Ovulation aber, die Forscher wollen das schlüssig beweisen können, ändert sich diese Einschätzung: Nun beschrieben die Frauen in einem Schnuppertest den Geruch plötzlich als angenehm und anziehend. Messerscharf lautet die Konklusion Grammers: «Verheiratete Frauen gehen genau zum Zeitpunkt der maximalen Konzeptionswahrscheinlichkeit fremd.» - Nichts also mit Emanzipation und freier Wahl; im effektivsten Moment schmeisst die Natur die Frau an die Brust des Fremden . . . Soviel in Klammern.

Stehen eine beiderseitige Bereitschaft, ein Interesse füreinander fest und Darmgeräusche, Herzklopfen und Augenflimmern physiologisch zwischen ihm und ihr, können die «biologischen Programme» ihre Macht vollends entfalten: das Werbeverhalten kann beginnen, der Flirt kann sich entzünden. Und bereits nach dreissig Sekunden, so Grammer, wird sich entscheiden, ob die beiden bald in einem haltlosen Flächenbrand versengen oder nur in Dunst und Rauch eingenebelt werden.

Die ersten dreissig, alles entscheidenden Sekunden also: Die Kontaktaufnahme beginnt mit einem Blick. Und der, so die Ergebnisse des Experiments, geht häufiger von Frauen als von Männern aus. Erfreulich! Ein Irrglaube also, dass das zarte Netz formalisierter Mann-Frau-Beziehungen aus kunstvollen Fäden obsessionsloser, weiblicher Abhängigkeitsbeweise gesponnen ist? Ein männliches «Schau-mir-in-die-Augen-Kleines» ist für den Verlauf der Entwicklung jedoch weit wirkungsvoller, als wenn Frau den ersten Blick wagt. Der männliche Blick ist Öl ins Feuer, der weibliche ein Fächeln. Haben sich die beiden zu einem ersten Augenkontakt samt einem Lächeln entschieden, ist die Zukunft des Paars auf prosperierendem Weg. Während dieser ersten Phase, sagt die Ethologie, «ermutigt» oder «entmutigt» die Frau den Mann. Als «ermutigend» gelten Signale wie eine offene Körperhaltung, das Heben der Brauen, ein Lächeln, das Berühren des Gesichts und das Senken des Blicks. Die Frau, die ihren Körper abdreht, den Blickkontakt meidet oder den Partner fixiert, ohne zu lächeln, wird sein Interesse eher kühlen. In dieser Phase beginnen die Beteiligten auch ihre Kleider zu richten oder die Haare zurückzustreichen. (Aber noch längst sind wir nicht dort, wo der Prinz Rapunzel anfleht, ihm zur Erlösung aus der Impotenz ihr Haar herabzulassen, wie der Psychologe Bruno Bettelheim das alte Volksmärchen deutet.)

Sobald nun beide, sie und er, Signale der Bereitschaft senden, muss sich für die Feministin das Bild der aktiven Frau, die als erste dem Mann ein Zeichen ihres Interesses sendet, nachtschwarz verfinstern: Für den weiteren Verlauf nämlich, behaupten die Forscher, spielt die weibliche Submission die Hauptrolle. Sie beschreiben das typische Verhalten der Frau (Mann bedenke: als Wirkung der «biologischen Programme»!) wie folgt: Die Frau zieht ihren Kopf zwischen die Schultern, senkt ihn und hält ihn leicht schräg, der Mund ist geöffnet, die Arme werden vor den Körper geführt und die Handflächen gezeigt: Nimm mich, ich bin dein. - Überrascht? Haben Frauen denn je gelernt, amazonengleich zur Waffe zu greifen und um das Objekt ihrer Begierde zu kämpfen? Frauen lächeln; sie ziehen sich zurück und bieten symbolisch als beschwichtigende Geste den nackten Hals dar, um das beliebte Bild Konrad Lorenz' zu gebrauchen.

Und wie Zoologen davon sprechen, dass das Verhalten untergeordneter Tiere (wie Ducken und Angstgrinsen) in vielen Situationen dominantes Verhalten provoziert, ja erst auslöst, wirft sich nun auf das submissive Verhalten der Frau hin der Mann in Positur. Es fallen die ersten Worte, und die werden, nicht unerwartet, von ihm gefällt. Erfolgreiche männliche Flirter zeichnen sich dadurch aus, dass sie Pausen vermeiden und fliessend sprechen - ja mehr der Mann spricht, desto höher schätzt die Frau sein Interesse an ihr ein; je attraktiver sie ihn findet, um so mehr spricht sie. Zur möglichen Enttäuschung vieler Flirtstrategen können die Ergebnisse belegen, dass der Gegenstand des Gesprächs für eine «beginnende Paarbildung» irrelevant ist. Der Inhalt und die Art zu sprechen, man ahnt es, ist indes geschlechtsabhängig.

Das Grammersche «Flirt-Experiment» legte hauptsächlich drei Kunstgriffe offen. Der erste ist eine vollständig «phatische Gesprächseröffnung» im Sinne des Austausches von Gemeinplätzen: «Heute ist das Wetter schön  . . .» und ähnliches der Gattung. Die zweite Strategie hat den Zweck der Selbstdarstellung; die dritte schafft einen gemeinsamen Bezugsrahmen, bringt Themen auf, die beide betreffen können. Beim Betrachten der Versuchsreihe fällt als erstes aber die hohe Frequenz des lauten Lachens auf. In der Tat liegen die Durchschnittswerte pro zehn Minuten bei zwölf «lauten Lachern» für die Männer und fünfzehnmaligem Gelächter für die Frauen. Dabei lachen sie öfter stimmhaft, während sich Männer eher tonlos erheitert zeigen. Lautes Lachen, so die Interpretation der Verhaltensforscher, ist eines der nonverbalen Zeichen, das gegenseitige Übereinkunft signalisieren soll. Dass die Frau öfters lacht, erklären sie damit, dass sie ihre Absicht eher indirekt, durch nonverbales Verhalten, ausdrücke, während er vor allem Selbstdarstellung in Worten betreibe.

Männer, die «geborenen Selbstdarsteller» im Sinne des Wortes, werden nach einem ersten Augenkontakt allesamt, vom Altherrn bis zum Studenten, diesem einen Automatismus anheimfallen. Sie verfügen dazu über ein vielgestaltiges «Imponierverhalten»; das heisst, dieses verfügt über sie, übernimmt es doch recht eigentlich die Herrschaft über die Herren. Sprach- und Bewegungsanalysen belegen: Männer handeln nach Strategien des Marketings und des Eindrucksmanagements. Und das wirkt in der Tat - wenn auch nicht immer positiv - auf die Frau ihres Ansinnens. Männer «posieren», sie bewegen sich kaum, und wenn, dann recken oder strecken sie sich, stellen die Haare, putzen das Gefieder; in der Unterhaltung gebrauchen sie viel häufiger als Frauen das Personalpronomen «ich»; sie bedienen sich qualifizierender Satzglieder («grösser», «besser»), die von Frauen kaum und wenn, dann im negativen Sinn benutzt werden («ich kann das nicht so gut mit der Technik»). Im männlichen Sprachgebrauch steht der Komparativ hingegen in einem positiven Kontext, ja er bezieht sich auf die Sprechenden selber. Mit anderen Worten: das Ziel des Mannes ist, der Frau die Einsicht beliebt zu machen: «Ich bin der Grösste.»

Damit erweist er sich allerdings als schlechter Taktiker. Denn Direktheit in der Verführung ist nicht gefragt! Und je deutlicher Mann bemüht ist, sich als der Einzige und Richtige anzubieten, desto schlechter wird er im Wettbewerb abschneiden. Der Mensch von herrlichem Willen, der beabsichtigt, Frauen im Sturm «zu nehmen», wird schneller als andere seine geblähten Segel streichen müssen. Ihm sei statt purer Sprachprotzerei ein vieldeutiges Lachen ans Herz gelegt; damit wird er möglicherweise wenn auch nicht ans Ziel kommen, so doch so rasant nicht auf Grund laufen.

Den «Druck des Wettbewerbs» also machen die Forscher für das schnellere und offensivere Handeln des Mannes verantwortlich; die Frau muss von seiner unbestechlichen Qualität überzeugt sein, bevor der keulenschwingende Nebenbuhler die Höhle betritt. Ob dem Mann das gelingt oder ob er das Interesse an ihr verliert, das nun liegt in den Händen der Frau. Sollte sie dieses Wissen nun zu übermässigem Lachen reizen, wird das (anders als beim Mann) nicht zu ihrem Vorteil sein - sofern sie damit tatsächlich ihr Interesse an ihm ausdrücken will. Lachen nämlich wird als Signal hoher Bereitschaft verstanden; Männer aber (wie beschrieben) lehnen Frauen ab, die sich als erreichbar darstellen.

Die Wissenschafter haben festgestellt, dass sich Männer vielmehr darauf verlassen, «wie unsicher die Frau in ihrer Gegenwart ist». Je unsicherer sie sich gibt, desto sicherer ist sich der Mann, ihr Verhalten durch seine «Attraktivität», seine einnehmende Wirkung ausgelöst zu haben.

Ins weibliche Repertoire der Willensäusserungen gehört laut Programm das lautlose Abdrehen des Körpers, um die Konturen dem Mann deutlicher sichtbar zu machen; das Öffnen der Beine, der scheue oder vielleicht aufmunternde Blick, das Neigen und häufige Nicken des Kopfes, das Übereinstimmung und Ermunterung suggerieren soll - ihm bedeuten möge, dass ihr seine Versorgerqualitäten für den möglichen Nachwuchs zureichend scheinen?

Und als ob die flirtende Frau im Handbuch der feministischen Psychologie gelesen hätte und um die These wüsste, dass spontane Initiative und Selbstvertrauen das Kräftegleichgewicht der Mann-Frau-Beziehung stören, tut sie ihr Interesse an ihm nun in kleinen, zierlichen Gesten und niedlichen Bewegungen kund: Manierismen, wie das Spielen mit einer Haarsträhne, ständiges Kopfnicken, Kichern, das Einknicken des Spielbeines, das Übereinanderschlagen der Beine, bei dem ein Fuss um den Knöchel des anderen gelegt wird. In ihrem Sprechen setzt die Frau als Zeichen ihres wachsenden Interesses dramatische Bedeutungsakzente, die, wie um Bestätigung bittend, den Eindruck von Überraschung, guter Laune, verspieltem Zögern vermitteln und von sphinxhafter Verrätselung sind. Welch kokettes Zaudern, welch putzige Verweigerung einer klaren Aussage - vor so viel kopfloser Devotion muss jedes Herz wie eine Buttercrèmetorte schmelzen und ganz entschieden den Mann zur Tat auffordern: Er wird ihr seinen starken Arm reichen. Mit beiden Händen soll sie nach seiner genetischen Fitness greifen. Oder will Dornröschen noch einmal hundert Jahre schlafen?

Daniele Muscionico gehört der Lokalredaktion der NZZ an.


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