SIE KOMMT aus dem sibirischen Tomsk. Sie erinnert an eine silberne Rakete, sie ist extrem schwer zu schlucken, horrend teuer und soll für alles gut sein. Vermutlich ist sie ein religiöses Phänomen. Sie heisst «Lebensretter» oder in versucht wissenschaftlicher Präzision autonomer Elektrostimulator (ESA).
Die Identität des Kürzels mit dem der Europäischen Raumfahrtbehörde ist von sprechender Zufälligkeit. Das All der russischen ESA ist der menschliche Körper, und zwar ziemlich pauschal: Sie wird geschluckt oder eingeführt, in den Darm oder in die Vagina. Die Dosierung sieht, je nach Krankheitsbild, auch zwei kombinierte Möglichkeiten vor. ESA unterstützt die Verdauung, hilft bei Impotenz und Frigidität, lindert Nierenleiden und Prostatabeschwerden, unterstützt die Bauchspeicheldrüse ebenso wie die Leber. Sie ist ein Mittel gegen Herzinsuffizienz und Diabetes. Und endlich macht sie ein Ende mit Migräne und Stress.
1985 erhielt das wunderheilsame Medikament die Zulassung durch das sowjetische Gesundheitsministerium. Als ein Staatsgeheimnis war die Pille den Mitgliedern des Politbüros vorbehalten. Der «Lebensretter» sollte die sowjetische Staatsspitze mit elitärer und futuristischer Gesundheit auszeichnen.
Das Wundermittel in einem Edelstahlmantel, fast drei Zentimeter lang und fast einen Zentimeter dick, war absolut das Grösste, was eine kleine Pille sein kann. Die Zulassung des Medikaments wurde 1995 erneuert. Seit die kommunistische Partei kein Monopol mehr hat, ist ESA zwischen Moskau und Petersburg frei erhältlich. Da die Pille aber etwa 100 Dollar pro Stück kostet, sucht die Herstellerfirma Komponent begreiflicherweise auch ausserhalb eines Staats, in dem das monatliche Durchschnittseinkommen kaum 10 Dollar beträgt, nach neuen Absatzmärkten.
Die französische Zeitschrift «Science & Vie» stellte die Pille vor einigen Jahren mit freundlicher Skepsis vor und hielt es nicht für ausgeschlossen, dass ESA legal oder doch eher unter der Hand nach Frankreich kommen könnte.
Wie der Name autonomer Elektrostimulator vermuten lässt, umschliesst der Metallmantel ein elektronisches «Herz», das tatsächlich «schlägt». Ein Mikroprozessor überträgt die Spannung, die durch drei winzige hintereinander geschaltete Batterien aus Silberoxyd entsteht, in elektrische Impulse. ESA gibt also keinen chemischen Wirkstoff ab. Die Riesenpille ist immer wieder verwendbar: Sie wird genau so ausgeschieden, wie sie geschluckt oder eingeführt worden ist.
Magensaft oder Absonderungen der Schleimhäute stellen den Kontakt zwischen dem Plus- und dem Minuspol der Batterie her. Je nach dem Milieu, in dem sich die Pille befindet (Darm, Vagina, Magen), fliesst dann ein unterschiedlich schwacher Strom.
«Science & Vie» berichtet von einem französischen Probanden, der seine Erfahrungen mit ESA kühl zusammenfasst: Eine Viertelstunde nach Einnahme der Pille habe sein Magen angefangen, alle drei Sekunden zu hüpfen, das habe dann 24 Stunden angedauert.
Der Gedanke liegt nahe, dass die geheimnisvolle Pille des Politbüros gefährlich sein könnte. Rein theoretisch erwogen die französischen Wissenschafter die Möglichkeit eines Kurzschlusses, der im Zusammenhang mit Körpergasen (im Darm, im Magen) eine Explosion hervorrufen könnte; wenn die Pille sich öffnete, wäre an eine gefährliche Vergiftung mit Silberoxyd zu denken, auch allergische Reaktionen, ausgelöst vom Metallmantel, seien nicht auszuschliessen. Die wahrscheinlichste aus der Liste der ungewöhnlichen Nebenwirkungen schien allerdings ein Darmverschluss zu sein.
Was die positive Wirkungsweise von ESA betrifft, ist es möglich, dass die elektrischen Impulse, die die Pille provoziert, träge Muskeln stimulieren. Das könnte zum Beispiel in Magen und Darm verdauungsfördernde Wirkung haben. Dass ESA aber in irgendeiner Weise heile, hielten die Franzosen nach ihren Tests für ausgeschlossen.
Im neuen Russland hat ESA die Aura eines gesunkenen Kulturguts, das einst nur für eine Elite zu haben war; sie vereinigt scheinbar komplizierte Elektrotechnik und Medizin. Sie ist teuer und suggeriert ihre Kostbarkeit durch einen silbernen Metallmantel; sie verspricht Potenz durch eine kaum zu schluckende, kaum zu verkraftende Grösse.
Ist ESA, die Kremlpille, der Traum, den der Schlaf einer Mangelgesellschaft gebiert, in der es schon schwierig genug ist, sich ein Aspirin zu besorgen? Was die Pille des Politbüros jedenfalls exemplarisch zeigt, ist jener erstaunliche Glanz, der auch dem unsinnigsten Präparat zukommen kann, wenn man nur daran glaubt.