NZZ Folio 10/92 - Thema: Die EG - Modell und Wirklichkeit   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Strandleben

Diesen Dialog führen zwei Figuren aus verschiedenen literarischen Werken. Wer sind sie?

Von Daniel Weber

Zwei Männer gehen am Stand entlang  - für beide ein schicksalhafter Ort, der für den einen Rettung bedeutete, für den anderen Vernichtung. Das Meer liegt regungslos; weit draussen bewegt sich ein kleines Fischerboot. A redet unermüdlich auf den einsilbigen B ein. B raucht viel und blickt aufs Meer hinaus; die selbstgefällige Geschwätzigkeit des älteren Mannes langweilt ihn.

A:    . . . und schliesslich hielt ich es einfach nicht mehr aus: Ich war so völlig darauf versessen, die Welt zu sehen, dass ich Ermahnungen meines Vaters in den Wind schlagen musste. Ich riss von York aus, wo ich 1632 geboren wurde, und liess mich vom ersten besten Schiff mitnehmen.

B:    (desinteressiert) Mir bot mein Chef eine Versetzung nach Paris an, aber ich sah nicht ein, weshalb ich hätte wechseln sollen. Man wechselt nie das Leben, eins ist so gut wie das andere.

A:    (hat nicht zugehört) Aber schon diese erste Fahrt stand unter einem ungünstigen Stern. Ganz zu schweigen von der zweiten, die ich leichtsinnigerweise unternahm. Mir scheint fast, ein geheimes, allmächtiges Schicksal treibe uns, zu Werkzeugen unseres eigenen Verderbens zu werden und, selbst wo es drohend vor uns steht, gewissermassen mit offenen Augen in unseren Untergang hineinzulaufen. Jedenfalls konnte wohl nur ein unabwendbarer, vom Schicksal verhängter Unstern, dem zu entfliehen mir nicht möglich war, mich gegen alle ruhigen Überlegungen und gegen die Beweise meiner innersten Gedanken und der deutlichen Lehren, die mir bei meinem ersten Versuch erteilt worden waren, zu einem solchen Entschluss bringen.

B:    (müde) Was heisst schon Unstern, Verderben. Jeder weiss, dass das Leben nicht lebenswert ist. Es ist doch einerlei, ob man mit dreissig oder sechzig Jahren stirbt; in beiden Fällen werden andere Männer und Frauen leben, und zwar Tausende von Jahren hindurch.

A:    (verständnislos) Wann immer mich solch finstere Gedanken quälten, tröstete ich mich selber, so gut ich konnte, und setzte das Gute dem Übel gegenüber, damit ich meinen gegenwärtigen Zustand von einem noch schlimmeren unterscheiden könnte. Wie hätte ich sonst nur schon die zwei Jahre überleben sollen, die ich von türkischen Piraten als Sklave gehalten wurde? Und erst recht später all die langen Jahre der Einsamkeit?

B:    (lakonisch) Ihnen fehlt das Bewusstsein für die Gleichgültigkeit der Welt.

A:     (aufgebracht) Ich habe mir schliesslich notgedrungen meine eigene Welt geschaffen! Mit meinen eigenen Händen! Und 28 Jahre lang habe ich darin, weitab von der zivilisierten Welt, gelebt!

B:    (sanft) Das ist doch ganz unwichtig.

A:    (zornig) Unwichtig! Ist das alles, was Sie zu sagen haben?

B:    Ich habe nie viel zu sagen. Erklärungen langweilen mich. Da halte ich eben den Mund.

A:    Was ist denn für Sie überhaupt wichtig?

B:    (hastig, um nichts weiter erklären zu müssen) In meinem Fall hatte die Schuld an allem die Sonne. Jetzt fällt die Sonne senkrecht auf den Sand, und ihr Flimmern auf dem Meer ist fast unerträglich - wie damals, als B die Tat beging, die ihn in die Todeszelle bringen sollte. A dagegen wurde nach seiner Rückkehr in die Zivilisation von Glück überhäuft. Daniel Weber

Auflösung Rätsel Folio Nr. 10: A ist Robinson Crusoe aus Daniel Defoes gleichnamigem Roman (1719); B ist Meursault aus Albert Camus' «Der Fremde» (1942).




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