NZZ Folio 02/06 - Thema: Berater   Inhaltsverzeichnis

Guter Rat -- Vom Umgang mit Verliebten

Von Christian Ankowitsch

Während die Bibliotheken überquellen von Ratgebern über die Liebe, sucht man vergeblich nach Experten, die einem sagen, wie man mit Verliebten umzugehen habe. Doch, einen gibt es. Adolph Freiherr Knigge hat sich in seiner berühmten Sammlung von Lebensregeln aus dem Jahr 1788 dieser Spezies angenommen und ihr ein eigenes Kapitel gewidmet.

Er beginnt es mit der abschätzigen Bemerkung, mit Verliebten sei «vernünftigerweise gar nicht umzugehn», handle es sich doch um Berauschte, für die die ganze Welt tot sei, «ausser ihrem Abgotte» natürlich. Man werde leicht mit ihnen fertig, indem man ihnen dabei zuhöre, wie sie von ihrem Liebsten sprechen – und das, «ohne zu gähnen». Nach kurzem Zögern fallen Knigge dann doch ein paar Dinge ein, zu denen Verliebte nütze seien. So könne man sich ihrer bedienen, wenn man «eine empfindelnde Seele» suche, mit der man klagen und winseln könne; auch seien die Aussichten, von Verliebten «ohne Sicherheit» Geld geborgt zu bekommen, ganz ausgezeichnet. Zudem eigneten sie sich ebenso hervorragend als Spielkameraden für Streiche oder Kindereien wie als dankbares Publikum: Ihnen könne man selbstgefertigte Verse, «Liederchen und Sonaten» vortragen und sie würden sie garantiert loben.

Für vollkommen widersinnig hingegen hält es Knigge, den Verliebten «Regeln über ihren Umgang miteinander zu geben»; sie seien selten bei «gesunder Vernunft». Versuche man es dennoch, sei das, als wolle man «einem, der die Kolik hat», zumuten, «nach Noten zu schreien».


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