NZZ Folio 10/94 - Thema: Sprache   Inhaltsverzeichnis

Carte blanche -- «Im Anfang war das Wort!»

Von Urs Widmer

«Im Anfang war das Wort!» sagte der Schöpfer, als er das All - und mit diesem die Erde - mit einem Urknall erschaffen hatte, dessen Stärke ihn selber überraschte. So berichten es jedenfalls die alten Bücher. Aber warum sagte er das, der Schöpfer? Darum: In seiner Sprache sind «Wort» und «Urknall» Synonyme. In seiner Sprache macht Sinn, was in unserer Unsinn ist.

Er, der Einsame, der Ewigkeiten lang Stumme, sagte seinen Gedanken mit Lauten, die uns getötet hätten, hätten wir sie vernommen. Die uns versengt hätten, denn sie waren aus Flammen und Feuer. Ein einziges Wort des Schöpfers vermag durchs ganze Firmament zu rasen und alle Sterne in Glut zu versetzen. Seine Gestalt, sähen wir sie, triebe uns in den Wahnsinn. Sie ist unbeschreibbar. Dabei, ihm selber ist sein Sprechen ein angenehmes Gurren - obwohl es durch ganze Sternbilder dröhnt und deren Konstellation verändert -, und wenn er sich in den vorbeiziehenden Nebeln eines anderen Alls spiegelt, lächelt er ob seiner Anmut.

Andere Schöpfer anderer Alle halten sein Sprechen denn auch gut aus, so wie wir Menschen das mit den Dialekten anderer Menschen tun. Sie empfinden keine Panik, wenn sie ihn erblicken, so wie er sie in aller Ruhe betrachtet, denn alle Schöpfer sind sich ähnlich. Sie sind weder böse noch lieb. Sie sind einfach sehr gross, und so kommt es, dass ihnen zuweilen ein Haar entgeht, das von unserm Haupte fällt. - Wer die Schöpfer geschaffen hat und was dieser Schöpferschöpfer dabei gesagt hat, ist ein Gedanke, den wir nicht denken sollten. Geschweige denn, aus wem der Schöpfer unseres Schöpfers hervorgegangen ist und so weiter.

Jedenfalls, kurz nach jenen Anfängen - laut zwar, aber sprachlos - sah unser Schöpfer von seiner unvorstellbar hohen Warte auf unsre kleine Erde hinunter, die ihm in dem ganzen Chaos des Urbeginns noch gar nicht besonders aufgefallen war: und siehe, sie gefiel ihm. Sie war blau, grün, leuchtend. Sie war viel schöner als der Uranus oder der Andromedanebel. Berge und Ebenen unter einer glasklaren Luft, die zu atmen ein Genuss war. Reine Wasser, kraftstrotzende Bäume und Blumen in den herrlichsten Farben. Die Kontinente waren noch nicht auseinandergebrochen, so dass Lotosblumensamen von Kanada nach China wandern konnten und Eichhörnchen in die andere Richtung. Tiger und Zebras überall, jeder des andern Schicksal und sprachlos mit diesem einverstanden.

Auch die ersten Menschen, als es sie endlich gab, knurrten allenfalls, Laute ohne grossen Sinn. Das heisst, der Sinn war jedem klar. Sie traten in eine Distel und jaulten, und wenn sie ganze Hände voller Heidelbeeren fanden, lachten sie. Das definierte sie als Menschen. Die Sonne schien auf sie nieder, die Nacht stürzte auf sie herab, Schnee deckte sie zu, Regen taute sie auf. Die Natur war fühllos, Freund und Feind, und sie waren wie die Natur. Keiner dachte, er sei grausam, weil keiner dachte und jeder grausam war. Jeder trug den Tod in sich, bewusstlos. Niemand litt, weil das Leiden aller so gewaltig war, dass es nicht gefühlt werden konnte. Kein Mensch war glücklich, und keiner war unglücklich. Glück und Unglück waren nicht zu unterscheiden.

Nichts war zu unterscheiden. Alles hing, auf diffuse Weise, mit allem zusammen. Niemand konnte sagen, wo das Eichhörnchen anfing und wo die Tanne aufhörte, auf der es herumsprang. Was noch Gras und was schon Kuh war. Es gab keine Begriffe, die sie getrennt hätten. Selbst der Schöpfer hatte da immer wieder seine Probleme und hielt den blauen Himmel, den er durch die Blätter der Eiche sah, für einen Teil von dieser. Der Mensch erst. Die Savanne, sein Lebensort, war ein unteilbares Ganzes. Nur empirisch konnte er feststellen, dass dieser Teil der Savanne (Löwe) ihn frass, während jener (Schachtelhalme) es nicht tat.

So erkannte der Schöpfer, dass es zwar eine grossartige Leistung gewesen war, die Schöpfung zu schöpfen, dass aber der wirkliche challenge - um es in der Art der damals noch nicht erschaffenen Amerikaner zu sagen - darin bestand, das Geschöpfte zu benennen. Dem Diffusen Verbindlichkeit zu geben. Das Einmalige wiederholbar zu machen. Das Erfahrene mitteilbar. Geschichte zu schaffen, Zeit, Raum. Bewusstsein. Der Schöpfer war sehr einsam, das dürfen wir nicht vergessen. Und weil er auch sehr klug war, hätte er gern jemanden gehabt, mit dem er sich hätte unterhalten können. Hie und da wenigstens, so alle zehn Millionen Jahre. Zwar hatten die andern Schöpfer ähnliche Sehnsüchte, aber wenn sie sich irgendwo in einem neutralen All trafen und zu plaudern versuchten, blieben ihre Zusammenkünfte steif und unbefriedigend.

Der Schöpfer suchte also andere Gesprächspartner. Ihm gefielen die Zebras ganz gut, auch die Wale, aber etwas zufällig entschied er sich dann für die Menschen. Er dachte an so was wie eine informelle Akademie oder an eine Art Insel der Glückseligen, wo schöne Männer und kluge Frauen am Meeresufer auf weissen Steinen lagerten, Trauben assen, Quellwasser tranken und sich über das Wirkliche sowie über Erfundenes, Abwesendes, Unwahres und Unwirkliches unterhielten. Vor allem über letzteres. Ein Wort gäbe das andere. In das herrliche, aber irgendwie auch saudumme Dasein käme Sinn, Witz, Humor, Hoffnung und Herz. «Ich könnte mich», dachte der Schöpfer, «so schrumpfen, dass ich auf der Erde Platz fände. Ich könnte mir Menschengestalt geben und mich unter meine Geschöpfe mischen. Niemand, wenn ich mich nur ein bisschen dumm stelle, würde meine Göttlichkeit ahnen. Natürlich könnte ich die Menschen nicht in der Göttersprache ansprechen, das wäre Mord, aber vorsichtig, selber stammelnd und flüsternd, könnte ich, zusammen mit meinen Wesen, eine Menschensprache erfinden.»

So tat er es. Der Schöpfer, der jetzt durchaus beschreibbar war - untersetzt, hängende Arme, Keule in der Hand -, setzte sich irgendwo im Zweistromland aus oder an den Hängen des Berges Ararat. Er war bald von Männern und Frauen umringt, die aus ihren Höhlen gestürzt kamen. Er redete mit ihnen, den Grunzern und Knurrern, sagte «Löwe», «Schachtelhalm», «Eichhörnchen» und «Baum». Alle sperrten Ohren und Münder auf. Zuweilen fiel er ins göttliche Sprechen zurück, aus Vergess, und dann stürzte ein Angesprochener schreiend um, mit geplatzten Trommelfellen. Oder ein Dornbusch brannte und setzte die in Panik, die das Wunder sahen. Aber bald waren alle so hingerissen von dem neuen Sprechen - nur die ganz Alten schwiegen weiterhin verstockt -, dass sie es selber versuchten. Bald waren der Akkusativ, die kausale Konjunktion und das reziproke Pronomen in aller Munde.

Irgendwann einmal warf der Schöpfer wie nebenbei seinen Lieblingssatz in die Diskussion - eine echte Marotte, wenn wir uns dem Schöpfer gegenüber ein Urteil erlauben dürfen -, und alle nickten und wiederholten die Erkenntnis. «Im Anfang war das Wort.» Klar, das war ja eindeutig, man sah es an ihnen. Keiner merkte in der Euphorie des neuen Sprechens, dass das Wort nicht im Anfang, sondern im Ende ist. Damals, in jenen Urzeiten, begann das Ende. Erst wenn das Bezeichnete zu verschwinden beginnt, vervielfältigt sich der Begriff bakteriengleich. So lange fraglos genügend Luft um uns herum war, hat niemand von der Luft gesprochen. Nie. Wer, ausser dem von Kürenberg, wollte denn wissen, dass der Vogel, den er «mere danne ein jar gezochen» hatte, ein Falke war? Solange der Himmel von Falken wimmelte? Heimatliteratur jedenfalls gibt es erst, seitdem die Heimat selbst ausstirbt.

Zusammen mit der Sprache begann die Furie des Verschwindens auf Erden zu wüten. Vor dem Eingreifen des Schöpfers hatten die Menschen sich nicht gelangweilt, auch wenn sie monatelang vor dem Eingang ihrer Höhle hockten, stumm, und nur hie und da ein Affe in der Ferne vorbeizog oder ein Auerochs. Jetzt aber spürten sie die Zeit, wie sie immer schneller raste, und obwohl sie ihnen immer knapper wurde, fingen sie damit an, sie mit immer mehr Wörtern totzuschlagen.

Jeder weiss, wie es weiterging. Als der Schöpfer einmal in seinen Himmeln weilte, riefen die alleingelassenen Menschen gleich «Wolauff!», und dass sie einen Turm bauen wollten, der bis in den Himmel reiche. Der Schöpfer fuhr hernieder und las ihnen die Leviten, in der einzigen Sprache, die es gab. «Sihe», sagte er auf Sumerisch oder allenfalls auf Akkadisch. «Es ist einerley Volck und einerley Sprach vnter jnen allen, vnd haben das angefangen zu thun. Sie werden nicht ablassen von allem das sie furgenommen haben zu thun. Wolauff, lasst vns ernider faren und jre Sprache da selbs verwirren, das keiner des andern Sprache verneme.»

Seither sind wir mit dem Englischen geschlagen, dem Finnischen, dem Sardischen, dem Slowenischen, dem Koptischen, dem Mandingo, dem Athapaskischen und dem Bayrischen. Und noch vielen anderen Idiomen, die wir alle gerne hergäben, kriegten wir dafür jenes erste Sprechen wieder, das der Schöpfer den Knurrern und Grunzern unter den Palmen Mesopotamiens oder an den Felshängen jenes gerade eben erloschenen Vulkans beigebracht hatte und das im Chaos von Babel verlorenging. Seither reden wir, reden und reden. Immer mehr, immer dröhnender. Wir reden, Sprachlemminge, unserm Ende entgegen, das dann erreicht sein wird, wenn keiner mehr schweigt.

Niemand weiss, wohin sich der Schöpfer verkrochen hat. An den äussersten Rand des Universums vermutlich. Dort hört er uns immer noch, aber leiser. Vielleicht mag er, aus so ferner Distanz, das vertraute Geräusch sogar. Vielleicht erinnert es ihn an einst.

Denn von den Rändern her - die Aufzeichnungen der Raumsonde Voyager bestätigen es - klingt unser kollektives Reden schon heute ziemlich genau so wie jenes Rauschen, das wir zu hören vermeinen, wenn wir mit unsern allerstärksten Hörsonden in die Tiefen des Alls horchen, und das wir für das Echo des Urknalls halten, der einmal im Anfang gewesen war.


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