NZZ Folio 02/95 - Thema: Das Rote Kreuz   Inhaltsverzeichnis

Wie funktioniert das IKRK?

Von Dominik Landwehr

Was ist die Grundlage für die Arbeit des IKRK?

Grundlage bilden die vier Genfer Konventionen von 1949 und die Zusatzprotokolle von 1977. Diese Abkommen enthalten Bestimmungen über Schutz und Hilfe für Opfer von Kriegen und Konflikten. Fast alle Staaten der Welt haben die Abkommen unterschrieben und sich damit verpflichtet, sie zu respektieren.

Was sind seine wichtigsten Aufgaben und Tätigkeiten?

IKRK-Delegierte sind in vier Bereichen aktiv:

Besuche von Kriegs- oder Sicherheitsgefangenen (politische Gefangene), medizinische Hilfe und Nahrungsmittelhilfe, Suchdienst für Angehörige von Opfern, Verbreitung des humanitären Völkerrechtes.

Wo ist das IKRK überall tätig?

Das IKRK ist in 60 Ländern aktiv: in 23 afrikanischen, 7 lateinamerikanischen, 9 europäischen, 12 asiatischen und 9 Ländern des Nahen Ostens. Hinzu kommt eine Beobachterdelegation am Uno-Hauptsitz in New York.

Welches ist derzeit das grösste Operationsgebiet des IKRK?

In Rwanda arbeiten zurzeit 160 Delegierte. Die Hilfsaktion hatte 1994 ein Jahresbudget von 150 Millionen Franken. Im ehemaligen Jugoslawien arbeiten 120 Delegierte - die Aktion hatte 1994 ein Budget von 82 Millionen Franken.

Wie lange dauern die Einsätze im Durchschnitt?

Die Dauer der Einsätze ist unterschiedlich und beträgt je nach Einsatzgebiet und Erfahrung des Delegierten einige Monate bis zu mehreren Jahren. Zurzeit dauern Einsätze in den umkämpften Gebieten im ehemaligen Jugoslawien drei bis sechs Monate. Einsätze an anderen Orten dauern in der Regel mindestens ein Jahr.

Für die Angehörigen von medizinischen Berufen gelten andere Regelungen: Kürzere Einsätze von wenigen Monaten sind hier möglich, falls der oder die Betreffende bereits früher für das IKRK gearbeitet hat.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigt das IKRK?

Das IKRK beschäftigt total rund 6500 Personen. Davon arbeiten rund 650 am Hauptsitz und rund l000 im Feld. Zusätzlich werden lokale Kräfte rekrutiert. Ihre Zahl schwankt, sie lag 1993 durchschnittlich bei 4800 Personen.

Noch vor einigen Jahren mussten alle IKRK-Mitarbeiter, die via Genf angestellt wurden, Schweizer sein. Diese Bestimmung wurde vor kurzem etwas gelockert. Heute werden auch Nichtschweizer eingestellt, allerdings führt ihr Weg über eine nationale Rotkreuzgesellschaft, die sie für eine erste Mission aussuchen und in der Regel auch bezahlen muss. Erst danach können sie direkt von der IKRK-Zentrale angestellt werden.

IKRK-Mitarbeiter verdienen weniger als Angestellte von Genfer Firmen, auch weniger als Uno-Mitarbeiter in vergleichbaren Positionen. Verglichen mit privaten Hilfswerken in der Schweiz und im Ausland zahlt das IKRK aber gute Löhne.

Wie wird man IKRK-Delegierter?

Der Wunschkandidat oder die Wunschkandidatin ist etwa 30 Jahre alt, hat eine Berufsausbildung oder einen Hochschulabschluss, einige Jahre Berufserfahrung und bringt Motivation für eine humanitäre Arbeit und die Bereitschaft mit, auch schwierige Arbeits- und Lebensbedingungen zu akzeptieren. Er oder sie ist in der Regel unverheiratet oder bereit, für eine gewisse Zeit allein zu leben. Das IKRK wünscht, dass der Kandidat bereits Erfahrungen mit anderen Kulturen gemacht hat.

Wie viele Bewerber gibt es jährlich?

4000 bis 5000. Davon werden 150 bis 250 Kandidatinnen und Kandidaten angestellt. Im Durchschnitt findet jeden zweiten Monat ein zweiwöchiger Einführungskurs für neue Delegierte statt.

Welche Rolle spielen die Frauen im IKRK?

43 Prozent aller IKRK-Angestellten sind Frauen. Am Genfer Hauptsitz arbeiten mit 53 Prozent mehr Frauen als im Feld, wo ihr Anteil 35 Prozent beträgt. Es gibt nur wenige Frauen in Kaderpositionen, denn Heirat oder Mutterschaft sind für IKRK-Mitarbeiterinnen häufig Gründe, die Organisation zu verlassen: Im Feld sind 18 Prozent der Kaderstellen von Frauen besetzt, im Hauptsitz 27 Prozent.

Wie gross ist das Budget des IKRK, und woher kommt das Geld?

1994 betrug das Budget 949 Millionen Franken. Gemäss den Genfer Abkommen finanzieren die Signatarstaaten gemeinsam die Arbeit der Organisation. Es gibt aber keine Pflichtbeiträge, und so sind es in erster Linie die westlichen Industrienationen, die das IKRK finanzieren. Die grössten Geldgeber sind die USA mit 187, die Schweiz mit 82 und die EU mit 80 Millionen Franken. Weitere wichtige Donatoren sind Schweden, Deutschland, Holland, Kanada und Japan. Rund ein Zehntel des Gesamtbudgets wird von den nationalen Rotkreuzgesellschaften getragen: Hier sind Deutschland mit 17,5, Grossbritannien mit 13, die USA, Norwegen und Japan mit je 5 Millionen Franken führend.

In der Schweiz wird auch der private Spendenmarkt immer wichtiger: 1993 erbrachte er 13 Millionen Franken, 10 Millionen Franken waren Legate. Wenig Freude an den Aktivitäten des IKRK auf dem Schweizer Spendenmarkt hat man beim Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) in Bern. Das SRK leistet selber erhebliche Beiträge ans IKRK (1993: 4,5 Millionen Franken) und sieht es deshalb nur ungern, wenn das IKRK um Spenden wirbt. Die beiden Institutionen wollen in Zukunft mehr zusammenarbeiten und haben im Januar 1995 erstmals eine gemeinsame Spendenaktion in der Schweiz durchgeführt.

Wie werden die Gelder vom IKRK ausgegeben?

1993 wurden total 811 Millionen Franken ausgegeben. Davon entfielen 20 Prozent auf den Hauptsitz und 80 Prozent auf die Feldaktivitäten; davon wiederum ging fast die Hälfte nach Afrika. Rund ein Drittel wurde in Osteuropa, namentlich im ehemaligen Jugoslawien, gebraucht; Asien und der Nahe Osten machten zehn Prozent aus, Lateinamerika fünf.

Wie wird die Verwendung dieser Gelder kontrolliert?

Das IKRK erstattet den Geberländern regelmässig mit einem sogenannten Situationsreport Bericht. Die diplomatischen Vertreter der Geberländern stehen in Genf und im Feld laufend mit dem IKRK in Kontakt. Die Treuhandgesellschaft ATAG Ernst & Young kontrolliert die Buchhaltung am Hauptsitz, das Unternehmen Peat Marwick überwacht die Verwendung der Gelder im Feld.

Was bedeutet das Emblem des Roten Kreuzes? Was der Rote Halbmond?

Das rote Kreuz ist ein international anerkanntes Symbol. Es schützt die Opfer von bewaffneten Auseinandersetzungen, Sanitätseinrichtungen und -personal, im Kriegsfall auch Spitäler, Flugzeuge, Lastwagen usw., die mit dem Rotkreuzemblem versehen sind.

Das rote Kreuz ist kein christliches Symbol, sondern eine Reverenz an die Schweiz, wo der Rotkreuzgedanke seine Wurzel hat. Der rote Halbmond ist gleichwertig und in den Genfer Abkommen von 1949 ausdrücklich erwähnt. Er wird in islamischen Staaten anstelle des Roten Kreuzes verwendet.

Was ist das Schweizerische Rote Kreuz - worin besteht der Unterschied zum IKRK?

Das Schweizerische Rote Kreuz ist eine von 163 nationalen Rotkreuzgesellschaften, die heute vom IKRK anerkannt werden. Im Gegensatz zum IKRK ist das SRK vor allem in der Schweiz aktiv, unter anderem im Gesundheitswesen und in der Flüchtlingshilfe. Im Ausland, heute im speziellen in Osteuropa und in der Dritten Welt, leistet es Entwicklungsarbeit.

Das SRK ist eine eigene, neutrale und unabhängige Organisation. Der Dachverband der nationalen Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften ist die Internationale Föderation. Das IKRK, die Föderation und die 163 nationalen Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften bilden zusammen die Bewegung vom Roten Kreuz/Roten Halbmond.

Welchen diplomatischen Status hat das IKRK?

Mit der Schweiz und mit 46 weiteren Staaten hat das IKRK ein sogenanntes Sitzabkommen geschlossen. Dort geniesst das IKRK den Status einer internationalen Organisation. Das bedeutet, dass dem IKRK Unabhängigkeit, Unverletzlichkeit seiner Räume und Archive sowie Immunität vor der jeweiligen Gerichtsbarkeit garantiert sind.

In Ländern, mit denen das IKRK kein derartiges Abkommen hat, muss mit den jeweiligen Regierungen über alle Einzelfragen verhandelt werden - dazu gehören neben den Belangen, die direkt mit der Hilfsaktion zu tun haben, auch Visumsfragen, Zollbestimmungen, Steuerfragen und dergleichen.


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