NZZ Folio 12/06 - Thema: Freiheit   Inhaltsverzeichnis

Unschärfen der Freiheit

© Wim Wenders
New York, 2005. Linktext
Was heisst Freiheit eigentlich? Nicht dasselbe wie französisch «liberté», gälisch «Saoirse» oder chinesisch «zì yóu».

Von David Hesse

Ein Sitzplatz im Zugabteil, eine Nation, der Atem des Sorglosen, ein aus der Haft Entlassener, ein Gedanke, ein ungezähmtes Tier, eine Improvisation: Vieles kann im Deutschen frei sein. Müsste man einen deutschen Text in eine Sprache übersetzen, die kein Wort für Freiheit kennt, man hätte eine ganze Palette von neuen Wörtern zu bemühen, von denen jedes nur immer eine Bedeutungsfacette der deutschen Freiheit wiedergäbe.

Vor einer solchen Herausforderung stand vor tausend Jahren der St. Galler Benediktinermönch Notker (genannt der Deutsche, 950–1022). Er hatte sich an die Übersetzung des spätantiken Religionsphilosophen Boethius gemacht und dabei festgestellt, dass ihm für die lateinische libertas und das Adjektiv liber im Althochdeutschen kein Synonym zur Verfügung stand. Im Altertum war liber (griechisch eleutherós), wer kein Sklave war. Freiheit war ein sozialer Status, nicht ein abstraktes Ideal. Durch Sophokles fand der juristisch geprägte Begriff Eingang in die Philosophie. Cicero fragte: «Quid est enim libertas? Potestas vivendi ut velis.» (Denn was ist Freiheit? Die Möglichkeit zu leben, wie du willst.) Dabei war das Leben aller in den griechischen Stadtstaaten wie im Römischen Reich streng geregelt, und jeder noch so freie Nichtsklave konnte durch ein «Zuviel» an Freiheit, durch Masslosigkeit auffallen.

Notker der Deutsche rang mit der Sprache und verwen dete, wenn er bei Boethius auf liber traf, in der Übersetzung gereh, selbuualtig (mit Macht über das Selbst), uuilleuualtig, uuillig, inbunden, baldi (Kühnheit, Mut, Vermessenheit), umbeduungeni und natürlich auch fri (von der urindogermanischen Wurzel *preiH- = lieben, noch heute steht ja freien für das Werben des Liebenden). Es dürfte Notker selbst gewesen sein, der im Deutschen erstmals von einer friheit schrieb ( fri plus heit im Sinne von Stand, Charakter, Person). Spätere Bearbeiter seiner Schriften fügten frihalsi hinzu, den Zustand des «freien Halses», als ein Gegenstück zur Knechtschaft.

Bis sich aus dem konkreten Zustand der frihalsi die abstrakte Freiheit der Moderne herausbildet, dauert es Jahrhunderte. Politische Prozesse begleiten diese Entwicklung, wie bei der Betrachtung von Saoirse , dem irisch-gälischen Wort für Freiheit, deutlich wird. Bis ins 18. Jahrhundert findet sich Saoirse in den Quellen als Bezeichnung für Privilegien, zumeist Steuerfreiheiten der Adligen. Dann aber wandelt es sich zum universellen, jedem Menschen zustehenden Ideal der Selbstbestimmung. Zweifellos vollzog sich dieser Wandel vom Privileg der Eliten zum politischen Recht der Massen infolge der amerikanischen Unabhängigkeit (1776) und der Französischen Revolution (1789). Ein irischer Politslogan aus dem frühen 19. Jahrhundert lautet: «Where did the tree of liberty grow? In America. Where did its seeds fall? In Ireland.» Die irischen Dichter wussten um die Vorgeschichte der Saoirse (elitär und aristokratisch) und versuchten deshalb auch ganz neu zu benennen, was da aus den USA (liberty) und aus Frankreich (liberté) auf sie zukam; sie brachten eine gälisierte libeartaigh in Umlauf. Saoirse aber setzte sich durch. Nach dem Osteraufstand von 1922 erklärte sich Irland unter dem Namen Saorstát Éireann (irischer Freistaat) für unabhängig.

Im Englischen stand das aus dem Französischen entlehnte liberty im 18. Jahrhundert noch wie die lateinische libertas für das Gegenteil von Sklaverei. 1788 dann verkündete George Washington: «The sun of liberty is set: you might light up the candle of industry and economy.» Das Konzept liberty, da in den USA anscheinend verwirklicht, verlor an Dringlichkeit und wandelte sich zu jenem staatspolitischen Abstraktum, das es heute ist. An seine Stelle trat freedom, das für die Freiheit des Individuums steht, für Selbstverwirklichung und Liberalismus.

Das späte 18. Jahrhundert war die grosse Zeit der Freiheit, davor hatte sie es eher schwer. «Die französische liberté ist kein direkt aus dem Latein ererbtes Wort», erklärt Christian Seidl vom Indogermanischen Seminar der Universität Zürich. Vielmehr stammt liberté aus dem Hochmittelalter, als lateinische Texte zum Auftakt von Humanismus und Renaissance neu übersetzt wurden und man nach Pendants zur libertas suchte. «Letztere war am Ende des Altertums aus dem alltäglichen Sprachgebrauch verschwunden», sagt Seidl. Als die Franken in das Gebiet des heutigen Frankreich zogen, wurde dort das Ethnonym frank zur Bezeichnung für das Privileg des freien Mannes.

Misstrauisch gegenüber der Aufklärung und der Propagierung nationaler Unabhängigkeiten waren die antidemokratischen Slawophilen im Russland des 19. Jahrhunderts. Zwar entstand auch dort ein Wort für die juristische Freiheit, svoboda , doch wurde es gern als seelenloser Westimport abgetan. Der Religionsgelehrte Georgi Fedotow, der kurz nach der Revolution der Bolschewiken Russland verliess, schrieb im amerikanischen Exil, das russische Volk «träume und singe von der volja», nicht aber von svoboda, die sich anfühle wie eine fremde «Übersetzung der französischen liberté».

Svoboda und volja sind die beiden Wörter, die die russische Sprache für Freiheit kennt, wobei letzteres heute nur noch in der Folklore anzutreffen ist. Bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts war volja (das auch Wille bedeuten kann) eine Art «wilde Freiheit» ohne Grenzen. Dann wurde sie in den Gefangenenlagern der Sowjetunion umgemünzt auf das «Leben jenseits der Gefängnismauern». Volja evoziert ein Bild der offenen Landschaft, die in ihrer ganzen weiten Wucht den kleinen Menschen verschwinden lässt. Während von «gesetzlicher» svoboda ohne weiteres gesprochen werden kann, verlässt die Welt der Gesetze, wer hinaus in die volja zieht. Es ist die Freiheit der Kosaken. Die Linguistin Anna Wierzbicka glaubt, volja sei geprägt von den historischen Erfahrungen der russischen Bauernschaft, sei der Traum der Schollengebundenen von der Flucht aus der Leibeigenschaft. Und der Moskauer Linguist Aleksei ? Smelev führt aus, dass der mitunter leicht bedrohliche Unterton in volja ein Erbe sei aus «archaischer Zeit», als der Zivilisation, dem geordneten mir (Welt, Frieden, Weltall), noch die Wildnis, das Fremde entgegengesetzt wurde.

Im Deutschen fehlt ein Wort für «wilde» und weiten Raum erfordernde Freiheit, auch das Englische kennt kein vergleichbares Konzept. Das sei dem Westler eben grundsätzlich fremd, sagt der Geograph Dmitri Ore s ?kin, das «Steppenwort» volja sei der «westlichen Mentalität» unverständlich. Nach der romantisch-slawophilen Auffassung, die in Putins Russland wieder sehr im Schwange ist, will das russische Volk keine langweilige Demokratie, sondern schwelgt in der urslawischen Hoffnung auf ein Leben jenseits des Zarenjochs. Svoboda ist die kleingeistige, enge, europäische Bürgerfreiheit, die im Leben eines Russen nie Ausgleich sein kann für den Traum von der grenzenlosen Freiheit der Steppen, für volja.

Im Japanischen kann Freiheit (jiyu) im Gegensatz zu unserem Freiheitsverständnis auch negativ besetzt sein. Der Grund dafür liegt in der Vorgeschichte des Worts, das eigentlich aus dem Chinesischen stammt (zì yóu) und in Japan jahrhundertelang als Negativum für Masslosigkeit und Willkür verwendet worden war, als Gegenstück zu japanischen Tugenden wie amae (liebevolle Abhängigkeit), giri (Verpflichtung gegenüber anderen) oder on (Schuld). Als in Japan zu Ende des 19. Jahrhunderts Intellektuelle der Meji-Zeit politische Schriften des Westens übersetzten, fehlte ihnen (wie den irischen Dichtern des 18. Jahrhunderts) ein Wort für liberty und liberté. Wohl dank Nakamura Masanaos Übersetzung von John Stuart Mills «On Liberty» setzte sich jiyu für politische Freiheit durch, vor anderen Kandidaten wie fuki (Zwanglosigkeit, Unabhängigkeit), jishu (Selbstbestimmung), kanko (Nachsicht).

Die staatspolitisch-technische Bedeutung, die dem chinesischen zì yóu in Japan verliehen worden war, wurde bald auch in China benötigt und um 1900 reimportiert. «Bis dahin war zì yóu im Chinesischen viele Jahrhunderte lang ein sehr abstrakter, gleichsam leerer Begriff gewesen», sagt Andrea Riemenschnitter, Professorin für chinesische Sprache und Literatur an der Universität Zürich. Zì yóu steht in enger Beziehung zur Reise, zum Ausbruch aus dem konfuzianischen Regelwerk der Pflichten. Im 2. und 3. Jahrhundert trafen sich Dissidentenzirkel unter dem Motto zì yóu und gaben sich leichten philosophischen Gesprächen hin, anstatt vorschriftsgemäss Klassiker zu rezitieren. Von aussen wurde solches Betragen kritisch betrachtet, und zì yóu lud sich in jener negativen Weise auf, die später in Japan der Politisierung des Begriffs im Wege stand.

In der chinesischen Verpflichtungsgesellschaft, in der Geschenke und Gefallen einen Geschäftspartner mehr binden als jedes Schriftstück, ist zì yóu bis heute ein abstrakter, im Alltag wenig relevanter Verfassungsbegriff, erklärt Robert Gassmann, Professor für Sprache und Literatur der chinesischen Antike. Weder könne die zì yóu als Gegenstück zur Gefangenschaft verwendet werden, noch könne man sich nach zì yóu sehnen. Auch wilde Tiere sind laut Gassmann niemals frei, sondern nur wild: «So wie ein zügelloser Mensch als Tier bezeichnet werden kann, sind wilde Tiere in erster Linie gesellschaftslos, unverpflichtet. Das ‹edle Wilde› existiert nicht in China. Wild sein heisst kulturlos sein.»

Paradoxerweise nahm die Modernisierung China viel konkrete, individuelle Freiheit. War in der klassischen Welt der Arm des Staates zu kurz, um den Riesenraum des Reiches lückenlos zu beherrschen, so bewies der Kommunismus brutale Effizienz bis in die hintersten Landeswinkel. Dass China sich heute in kleinen Schritten wieder liberalisiert, dass in Handel und Industrie neue Freiräume geschaffen werden, hat laut Andrea Riemenschnitter auch zur Folge, dass das semantische Potential von zì yóu wieder entdeckt wird. Wie jeder Aufbruch in die Zukunft geht auch der chinesische einher mit einer Besinnung auf die Herkunft, das kulturelle Wurzelwerk.

Wird hier die eigene Tradition zitiert als Antithese zur westlichen Freiheit, die in den Augen vieler in den vergangenen Jahren an Glanz verloren hat? Die Chinesen wären nicht allein damit: Die russisch-orthodoxe Kirche hat unlängst die Genfer Menschenrechtskonvention und ihr Recht auf Freiheit abgetan als eine Idee des Westens, die nicht auf Russland angewandt werden könne. Islamistische und andere Terroristen profilieren sich als Kämpfer gegen einen vermeintlichen Demokratie-Imperialismus und verstehen die westliche Freiheitssendung als Aggression. Pazifistische Globalisierungsgegner in London und New York schliesslich orten unanständige Freiheiten des Marktes oder sehen ihre eigenen Bürgerfreiheiten durch Antiterrorgesetze eingeschränkt.

Gefährdet das viele Reden von der Freiheit am Ende ihren Gehalt? Kann man im Namen der Freiheit Kriege führen und dann die «french fries» in «freedom fries» umbenennen, wenn Frankreich sich dem Irakkrieg verweigert? Die im Ersten Weltkrieg in den USA eingeführte antideutsche Bezeichnung für Sauerkraut, «liberty cabbage», hat sich jedenfalls nicht durchsetzen können.

David Hesse ist Redaktor der NZZ am Sonntag.

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