DA IST SIE, ALS WÄRE NICHTS GEWESEN: die goldene Kuppel der Christ-Erlöser-Kathedrale. Sie krönt die Moskauer Silhouette. Sie steht am Ende der Blickachse eines jeden, der der Stadtmitte zustrebt. Aus der Ferne und von den Sperlingsbergen herab ist die Kuppel der grosse goldene Spiegel, der auch an düsteren Tagen das spärliche Licht bündelt und zum Glühen bringt.
Da ist sie, als wäre es immer so gewesen. Aber so war es nicht immer. Noch vor kurzem gab es an dieser Stelle keine Kuppel, erst einen rasch wachsenden massiven Rohbau. Und vor fünf Jahren war da, wo dieser Rohbau wuchs, nur eine grosse Pfütze gewesen, ein beheiztes Schwimmbad, das auch im Winter geöffnet hatte und vor sich hindampfte. Mit einem Schwimmbad an derart exponierter Stelle, im Herzen von Moskau, ein paar Schritte vom Kreml, musste es eine eigene Bewandtnis haben. Und bei weiterem Nachforschen stellt sich heraus: auch das war nur eine Übergangs- und Verlegenheitslösung gewesen.
Das Schwimmbad war nichts weiter als eine gefüllte Baugrube, wo der grösste je von Menschenhand ausgeführte Bau hätte errichtet werden sollen: der Palast der Sowjets. Er war schon bis zu den Fundamenten gediehen, als der deutsche Angriff auf die Sowjetunion die Arbeit an dem himmelstürmenden Projekt unterbrach; einem Projekt, das seinerseits einen Bau ablöste, der zuvor an genau dieser Stelle gestanden hatte: die alte Christ-Erlöser-Kathedrale, die nach mehr als einem halben Jahrhundert Bautätigkeit im Jahre 1882 eingeweiht worden war und 1932 gesprengt wurde, um eben dem künftigen Palast der Sowjets Platz zu machen.
Doch auch das ist nicht der Anfang der Geschichte. Als 1838 Zar Nikolaus I. zur Erinnerung an den Sieg über Napoleon den Grundstein für diese Christ-Erlöser-Kathedrale legen liess, fand er ein Territorium vor, auf dem bereits ein Kirchlein, eine Kapelle und ein Kloster standen, die abgetragen werden mussten.
Es ist wie beim Auseinandernehmen der berühmten russischen Matrjoschka, jener ineinandersteckenden Puppen. Wenn wir glauben, wir seien bei der kleinsten angekommen, stellt sich überraschend heraus: wir sind noch immer nicht bei der letzten angelangt.
Da ist sie also wieder: die Kuppel der Kathedrale. Nach nur zwei Jahren Bauzeit. Wiederherstellung eines monumentalen Baus zwischen zwei Moskau-Besuchen! Man fragt sich, ob es mit rechten Dingen zugeht, wenn sechzig Jahre Geschichte gelöscht sind und die Silhouette einer Stadt, an die man gewöhnt war, mit einem Schlag verändert ist. Aber wir sind nicht die ersten und nicht die einzigen, die diese Erfahrung in Moskau machen: die Erfahrung von ruckartiger Beschleunigung, die einen fast schwindlig werden lässt, und die Erfahrung von bleierner Zeit; der Wechsel von unerhörtem Aktivismus und deprimierender Apathie; heftige Zeigerausschläge und gegen Null sinkende Kurven, aufgezeichnet vom Barometer der russischen Geschichte. DEN MOSKAU-BESUCHERN in den dreissiger Jahren muss es so ergangen sein wie uns heute: auch sie erkannten Moskau nicht wieder. In der damaligen UdSSR gab es zahlreiche «Baustellen des Sozialismus», aber die grösste war gewiss die Hauptstadt selbst: die Metro, der Moskwa-Wolga-Kanal, die Reorganisation der Stadt mit neuen Parks und Wohnvierteln. Moskau, wie es im Generalplan von 1935 vorgesehen war, war eine neue Stadt: mit breiteren Strassen, mit monumentalen Plätzen, mit Hochhäusern anstelle von Holzhäusern.
Ein Wunder, dass der historische Kern, vor dessen Liquidierung die radikalsten Vertreter der Städtebau-Avantgarde nicht zurückgeschreckt waren, überhaupt erhalten blieb. Freilich war er schwer beschädigt und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt worden. Seit dem furchtbaren Jahr 1929, in dem die Zwangskollektivierung und die Industrialisierung begannen, in dem kulturrevolutionär aufgeputschte Jugendliche Kirchen und Klöster stürmten und die Glocken von den Türmen stiessen, war das von Hunderten von Kuppeln und Glockentürmen bekrönte Moskau enthauptet: die «Gottlosen» hatten aufgeräumt, und ihr grösster Triumph sollte - Hand in Hand mit fanatischen Architektur-Avantgardisten - die Zerstörung der Christ-Erlöser-Kathedrale werden. Das Standbild Alexanders III. vor dem Portal war längst demontiert, die Glocken hatten längst zu läuten aufgehört, der Patriarch war vertrieben, aber sie stand noch in ihrem weissen Ornat.
Die Kathedrale demonstrierte, dass es in nächster Nähe zum Machtzentrum im Kreml noch etwas anderes gab und dass die Gemeinde der Gläubigen nicht verloren war, solange das Gotteshaus stand. Seine Demontage ist genau dokumentiert, in Tagebüchern und Filmen. Der Widerstand der zwölf Meter dicken Fundamente, der dann mit Sprengstoff gebrochen wurde. Moskau, das von den Entsetzlichkeiten der Kollektivierung draussen im Land so gut wie nichts mitbekam, erfuhr die neue Gewalttätigkeit, die in der «Revolution von oben» lag, in dieser Sprengung der Christ-Erlöser-Kathedrale.
Aber sie war nicht nur ein «Kultgebäude», über dessen künstlerischen Wert man geteilter Meinung sein konnte. (Die Kunstkritik der Zeit hielt die Kathedrale für ein Stück missglückter und geschmackloser Architektur.) Sie war ein Stück Russland. Sie war errichtet worden mit den Spenden und Mitteln der Bevölkerung, wohlhabender wie armer Leute. Bedeutende Künstler hatten über ein halbes Jahrhundert an Reliefs, Fresken und Ikonostasen gearbeitet. In der «Dombauhütte» erhielten die besten Handwerker aus dem ganzen Russischen Reich ihre Ausbildung. Sie war nicht nur Symbol für die reaktionäre Politik unter Nikolaus I. - ausgedrückt im Motto der Dreieinigkeit von Orthodoxie, Autokratie und Volk -, sondern sie stand auch für den Mythos der über den Eindringling Napoleon triumphierenden Nation. So war die Kathedrale ebenso ein Symbol des Regimes und seiner Unbeweglichkeit wie einer Zeit, in der sich etwas Neues zu Wort meldete: das Volk, die Kaufleute, die im Viertel um die Kathedrale ihre Häuser und Villen errichteten, das auf höchste technische Standards verpflichtete Handwerkertum.
Welche Ironie, dass es so viele Parallelen gibt zwischen der Kathedrale und ihrem Nachfolgebau, dem Palast der Sowjets. Auch die Christ-Erlöser-Kathedrale hatte eine Zäsur markiert. Sie war errichtet worden in einem neuen Moskau, das an die Stelle des im Brand von 1812 untergegangenen mittelalterlichen und hölzernen Moskau getreten war. Es war das Moskau der klassizistischen «Adelsnester» anstelle der Bojarenhöfe, der geometrischen Strassenführung anstelle des Dörflich-Verwinkelten. Im neuem Sakralbau sollte sich das rechtgläubige Europa, also Byzanz, manifestieren.
Wie der spätere Palast der Sowjets hat auch die Christ-Erlöser-Kathedrale eine komplizierte Vorgeschichte - gescheiterte Ideen, vergebliche Wettbewerbe und einen gebrochenen Baumeister. Die Kathedrale sollte ursprünglich hoch über der Stadt, auf den Sperlingsbergen, errichtet werden, fast genau an der Stelle, wo in den letzten Lebensjahren Stalins der Bau der Lomonossow-Universität begonnen wurde. Alles war symbolisch: der Ort über der Moskwa, eine Art neues Jerusalem über dem Jordan; die Komposition des Baus, ein Dreistufenbau, der Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist symbolisierte; das Datum der Grundsteinlegung, der fünfte Jahrestag des Einmarsches der Grande Armée in Moskau.
Wie für den späteren Palast der Sowjets sollte auch für die Kathedrale das ganze Imperium seinen Beitrag leisten. Leibeigene Bauern wurden zusammengetrieben und Steinbrüche angelegt. Labrador, Gold, Malachit, Porphyr aus Sibirien und Karelien - das ganze Reich sollte in das Werk eingehen. Die Kathedrale, deren Bau nach dem Projekt von Konstantin Thon 1839 dann endlich begonnen wurde, war erst ein halbes Jahrhundert später fertig. Grösser, prächtiger, kostbarer als alles bis dahin Geschaffene. ES WAR SCHWIERIG, dieses Jahrhundertbauwerk in den Schatten zu stellen. Aber es gelang - wenigstens auf dem Papier. Die Geschichte des Palastes der Sowjets, dieses nie errichteten Bauwerkes, ist so etwas wie die Geheimgeschichte des sowjetischen Gesellschaftsentwurfs. Seine Anfänge reichen zurück in die frühen zwanziger Jahre, als mit einem «Palast der Arbeit» etwas ganz Neues geschaffen werden sollte: etwas anderes als ein Parlament, überhaupt mehr als nur eine politische Institution, eine Art soziales Gesamtkunstwerk, in dem debattiert und gearbeitet werden sollte. Ausgestattet - charakteristisch für die Zeit - mit Antennen, über die das revolutionäre Proletariat mit der ganzen Welt Funksprüche austauschen würde.
Das Gebäude musste an exponierter Stelle stehen. Man suchte lange in der Umgebung des Kreml, in der Jägerzeile (wo später ein anderer Bau des Stalinschen Moskau entstand, das Hotel Moskwa), in Kitajgorod, wo der alte Kaufmannshof umfunktioniert werden sollte (was im übrigen derzeit geschieht: es soll ein postmodernes Kulturzentrum daraus werden). 1929, im Jahr des frontalen Angriffs auf die Kirche, bissen sich die Vorschläge für den Bauplatz just an dem Ort fest, wo die Kathedrale stand. Eine militante Gottlosenbewegung und radikale Modernisten hatten sich gefunden. Beide störte es nicht, dass die arme Sowjetunion damit eine der imposantesten Bauten des Landes verlor. Die politische Exekutive wurde unter Druck gesetzt, bis der Befehl zur Sprengung der Kathedrale erteilt war.
Als die Kathedrale in sich zusammenstürzte, war das Gegenprojekt noch nicht ausgearbeitet. In drei Wettbewerben, anfangs mit starker internationaler Beteiligung, später immer mehr beschränkt auf die einheimischen Vertreter des sozialistischen Neoklassizismus, schälte sich das Projekt für den Bau der Zukunft heraus. Für einen kurzen Moment war das Gelände westlich des Kreml zum Konzentrationspunkt der Phantasie und der Imagination der besten Architekten der Welt geworden. Aus dem Westen waren es Hans Poelzig, Walter Gropius, Le Corbusier, Erich Mendelsohn, Naum Gabo, die teilnahmen, aus der UdSSR die Gebrüder Vesnin, Konstantin Melnikow und viele andere. Der Palast der Sowjets war so etwas wie die ästhetische Parallelveranstaltung zum Wettbewerb um das Gebäude des Völkerbundes in Genf.
Als im dritten Wettbewerb dem Projekt von Boris Iofan und Wladimir Gelfrejch der erste Preis zuerkannt wurde, war von den lakonischen Linien der Funktionalisten und Konstruktivisten nichts geblieben. Boris Iofan, der an der Petersburger Akademie seine Ausbildung erhalten und Jahre im italienischen Exil gelebt hatte, lieferte einen Entwurf, der in jeder Hinsicht ein Symbolbau der Stalin-Epoche werden sollte. Seine Dimension signalisierte, worum es den neuen Herren ging. Sie wollten ein Gebäude der Superlative, das mit 420 Metern höher war als das Empire State Building und dessen Kongresssaal 21 000 Menschen fasste. Die demokratische Idee vom Räteparlament, um das sich die Vesnins und Mendelsohn noch Gedanken gemacht hatten, war dahin: das ganze Gebäude sollte als Sockel für eine siebzig Meter hohe Lenin-Statue dienen.
Die benachbarten Stadtteile wollte man für den Neubau weiträumig abreissen. Der Palast der Sowjets war gedacht als das neue Zentrum, das neue Herz der Hauptstadt. Im heutigen Moskauer Zentrum gibt es einige Gebäude, die in Dimension und Aussehen bereits Mass nehmen an dem geplanten, dann aber nicht ausgeführten Turm: das Hotel Moskwa von Alexei Schtschussew, das Gosplan-Gebäude und auch das berühmt-berüchtigte «Haus der Regierung», das Juri Trifonow in seinem Buch «Das Haus an der Moskwa» beschrieben hat. Auch die Hochhäuser, die erst nach dem Krieg errichtet wurden und jedem Moskau-Besucher als Musterbeispiel des «Zuckerbäckerstils» vorgeführt werden, waren bereits eingeplant und ästhetisch auf dieses neue Herz ausgerichtet.
Aber es sollte nicht dazu kommen. Moskau bekam nach dem Krieg zwar seine Hochhäuser, nicht aber den Palast der Sowjets. Die für die Fundamente vorgesehenen Stahlträger wurden nach dem Beginn des «Unternehmens Barbarossa» umgeschmiedet zu Panzersperren, die Bauarbeiten für die Kriegszeit eingestellt, und als die Arbeit wiederaufgenommen werden konnte, war der Diktator, der den Bau befohlen hatte, gestorben.
Der Rest ist Agonie. Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschew hatte andere Sorgen. Schritt für Schritt wurde das monströse Projekt fallengelassen. An seiner Statt kam der banale, aber immer noch zu gross geratene Kongresspalast im Kreml, für den noch in den sechziger Jahren Kirchen abgerissen wurden und in dem fortan neben Parteikongressen auch Rockkonzerte stattfanden. Die aufgegebene Baugrube wurde zum Schwimmbad umfunktioniert. SO SEGENSREICH der Bauabbruch des Palastes der Sowjets war, so verheerend für Moskau wirkte sich die Bautätigkeit der sechziger Jahre aus. Statt «Palästen für Arbeiter» sollten nun Wohnungen für alle und Büros gebaut werden. Man propagierte die Rückkehr zur Funktionalität und Sachlichkeit der zwanziger und frühen dreissiger Jahre, den Wiederanschluss an die internationale Entwicklung. Was dabei herauskam, war niederschmetternd. Massenbauten von sehr schlechter Qualität, ästhetische Dutzendware, grossmassstäbliche Eingriffe in das Stadtgewebe. Die einfallslosen Glastürme am Neuen Arbat, die rollbahnähnlichen Schneisen, die in eines der dichtesten und ältesten Stadtquartiere geschlagen wurden, sind bis heute das Monument für die zerstörerische Kraft des Neomodernismus dieser sechziger Jahre. Er hat kaum eine landmark von Rang hervorgebracht, wohl aber Moskau flächendeckend mit monotonen Gebäuden überzogen, die heute verfallen und vielerorts abgerissen werden müssen.
Wann immer in Moskau zu neuen und grossen Projekten ausgeholt wurde, war das alte und kleine Moskau in Gefahr. Einen Eindruck vom neuen, nachsowjetischen Moskau konnte man sich nun verschaffen an den 850-Jahr-Feiern der Stadt im September vergangenen Jahres. Das war eine Art deadline für ein grandioses Restaurationsprogramm, eine Leistungsschau dessen, was eine Stadt vermag, wenn sie nur will. Wieder gab es Meldungen von Superlativen. Die kürzesten Bauzeiten, die grössten Projekte, die kostbarsten Materialien.
Und in der Tat war es für Leute, die das sowjetische Moskau kannten, kaum begreiflich, wie all dies möglich war: dass eine Stadt wieder zu leuchten begann, dass Häuser und Plätze, über die ein jahrzehntelanger Grauschleier sich gelegt hatte, wieder Farbe bekamen. Die Schichten, aus denen Moskau besteht, traten wieder ans Tageslicht, und wir bekamen eine Stadt zu sehen, von der wir geglaubt hatten, sie sei längst verschwunden. Die Kuppeln hatten wieder Gold aufgelegt, die Adelspalais schimmerten wieder in den Pastelltönen, die es nur in Russland gibt, Gelb, Rosa, Türkis oder Blau. Ein Illuminationskünstler, der seine Sache in Hollywood gelernt haben musste, tauchte nachts die Stalinschen Zuckerbäckerbauten in Weiss, und siehe da: an ihnen war nichts «Asiatisch-Orientalisches» mehr, das die Leute früher darin entdeckt haben wollten, das Original war wieder kenntlich geworden: die Fassaden rund um den Central Park, die Stalins Architekten studiert hatten. KÖNNTE ES AM ENDE SEIN, dass Moskau wieder zu jener «Prärie der Architektur» geworden ist, die Walter Benjamin schon einmal vor langer Zeit ausgemacht hatte? Jedenfalls geht es wild zu und her. Moskau ist, wenigstens was Mieten und Renditen angeht, in die Weltspitze aufgerückt. Die Umverteilung von Grund und Boden, von besten Lagen und architektonischen Juwelen, ist abgeschlossen, noch bevor das Gesetzeswerk, das solches regelt, verabschiedet ist. In ästhetischer Hinsicht gilt: Alles ist erlaubt. Es gibt keinen Kanon und keine Autorität, die einen durchsetzen könnte. Spiegelnde Glasfassaden finden wir neben den Ornamenten der dreissiger Jahre, die Türmchen der Postmoderne neben den Erkern im Zuckerbäckerstil, goldene Kuppeln, die sich in metallverkleideten Portalen spiegeln, Trash-Architektur vis-à-vis von Tudor-Villen, breschnewistischer Pomp und Kitsch neben einer wiederentdeckten Einfachheit des Neuen Bauens. Keine Kombination ist ausgeschlossen: Moskauer Jugendstil, konstruktivistische Provokation, Stalin-Empire und die Embleme des internationalen Stils, der in Moskau nicht anders aussieht als in London oder Kuala Lumpur.
Die Architekturkritik, die es wieder gibt, und die Auseinandersetzungen, die mit grosser Leidenschaft um das neue Gesicht Moskaus geführt werden, klingen oft pessimistisch und resignativ. Aber wie immer die Stilrichtungen auch genannt werden mögen - Disneyland, Neomonarchismus, Eurostyle -, entscheidend scheint mir etwas anderes zu sein. Entscheidend ist der Bauwille, das Baugeschehen, und dass die Verhältnisse in Bewegung gekommen sind. Noch nie ist ein neuer Stil aus dem Stand kreiert worden. Es ist ganz undenkbar, dass ein Moskau, das aus jahrzehntelanger Erstarrung erwacht und wieder in die Zeit eingetreten ist, auch schon die Form gefunden haben könnte, in der sich sein neues Lebensgefühl und sein neuer Stil äussern werden. Stil braucht Zeit. Und der Ort, an dem er ausgebrütet wird und zur Form gelangen kann, ist nirgendwo anders als in Moskau-Babylon.
Geschichte wiederholt sich nicht. Wie qualvoll und an Verwirrungen reich die Suche nach dem Stil des neuen Moskau auch werden mag, die Regeneration der Stadt hängt nicht mehr vom Willen eines Einzelnen und von heroischen Stosseinsätzen ab. Moskau hat wieder angefangen, aus sich heraus zu leben. Moskau ist endlich eine Metropole wie andere auch.
Karl Schlögel lehrt Osteuropäische Geschichte an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder.