In gewisser Hinsicht ist die Schwester eine Provokation. Die Rosie für die Annie. Und die Annie für die Rosie. Schaut einem ins Gesicht wie das eigene Spiegelbild und ist in Wahrheit doch der Gegenbeweis – so ganz anders wie sie das Leben nimmt. Wer also macht’s richtig? Diese Frage stellt sich, seit nunmehr 99 Jahren. Es ist die Ähnlichkeit, die den Vergleich verlangt. Und so ist die Schwester nicht nur Provokation, sie ist der Massstab. Am Ende der einzige, der zählt.
Nach Adliswil sind es vom Zürcher Hauptbahnhof zwanzig Minuten mit der S-Bahn. Nicht lange her, da standen hier nur drei Höfe, die Seidenweberei, die Kirche, die Schule und nicht viel mehr. Nicht einmal Strom gab’s. Während ihres doppelten Menschenlebens aber ist das Dorf ausgewuchert zum Vorort. Annie hat zusehen können, sie ist nie weggezogen; Rosie hat immerhin ein halbes Jahrhundert in Kilchberg gewohnt, fünf Kilometer von hier. Als sie mit 80 Jahren zurückkam, schaffte sie ihren Hausstand auf einem Anhänger mit dem Mofa rüber.
Jede wohnt in ihren eigenen vier Wänden – Annie nördlich der Bahnlinie den Berg hinauf, Rosie auf der Südseite. Unter einem Dach? «O nein! Das hat schon früher nicht geklappt.» Da sind sie sich einig.
Blitzende Augen, den Schalk im Blick, alle beide. Aus erstaunlich zähem Holz geschnitzt, die Damen. Schnellen Schrittes eilen sie dem Besucher entgegen. Zwar hat das Alter ihre Bewegungen eckig werden lassen, die einst pausbäckigen Gesichter apart. Doch geblieben ist ein inneres Leuchten, eine unbändige Kraft. Und geblieben ist der Wunsch, zu gefallen – wenn möglich ein bisschen besser als die Schwester.
Beide tragen das Haar kinnlang, Annie hat ihres braun gefärbt und wellig geföhnt, Rosie nicht, Annie ist geschminkt, Rosie nicht. Schöne Kleider lieben sie beide. An diesem Tag: schmal geschnittene Röcke, feine Blusen, elegante Schuhe. Allerdings nicht die gleichen.
«Bischt du s Annilie, oder bischt du s Rosilie?» Kaum jemand habe es früher auf Anhieb gewusst, sagt Annie, «und uns war es einerlei». Sie schliefen in einem Bett, und weil bei den Grossen am Tisch kein Platz mehr war, assen sie auf zwei Schemeln hockend, die Teller auf einem Stuhl. Sie waren die jüngsten von neun Geschwistern. «Das hat gerade noch gefehlt!» riefen die anderen, als die Zwillinge 1907 geboren wurden. Und auch später, wenn die Zwillinge «ein neues Röckli brauchten, gingen die Grossen in Opposition». Der Vater war Schuhmacher und hatte Mühe, die Familie sattzukriegen; morgens um vier fing er an, das Leder für die Sohlen zu klopfen, und im Nachbarhaus sass der Schmied und schlug den Amboss. Das schnelle gedämpfte Klopfen des Leders und der schwere klirrende Schlag des Metalls – «das war unsere Musik», sagt Annie und fügt hinzu: «Schön war’s!» So wie das Leben überhaupt. Annie erinnert sich genau. Rosie auch. Es sind dieselben Stichworte, die ihnen einfallen. Und wie Wetterleuchten zieht die Erinnerung über ihre alten Gesichter.
Kneipp-Kaffee und Brot. Beeren pflücken, barfuss im Wald, grosse Kinderschar. Spielzeug gab es keines. Gesang umso mehr. Und am Sonntag die Sonntagsschule. 1911 kam das elektrische Licht. Es liess das kleine Häuschen anders aussehen. Und dann der Tag, als der deutsche Kaiser zu Besuch kam in die Schweiz, 1912 war das. Die Fabrik wurde für einen Tag geschlossen, alle mussten sich fein anziehen und nach Zürich reisen, um Kaiser Wilhelm zu begrüssen. Nicht lange drauf der Weltkrieg, der Erste. Aus dem elsässischen Mülhausen drangen die Kanonenschüsse bis nach Adliswil. In diese Zeit fällt der Hunger. Einmal durften sie in die Ferienkolonie ins Appenzellerland; da gab es genug Milch, und auf den Kissen lag ein Bettmümpfeli. Und ach ja, 1919 ist der Zürichsee zugefroren. Da hat die Mutter noch gelebt. Sie starb, als Rosie und Annie 15 waren, gerade konfirmiert. Viel zu früh, nicht zu begreifen. Schwer war die Kindheit. Und glücklich. «Bischt du s Annilie, oder bischt du s Rosilie?» Die Selbstbehauptung war damals noch keine Notwendigkeit. Oder doch?
Manchmal, wenn auch selten, bekamen die Zwillinge fünf Rappen in die Hand gedrückt und kauften sich Zeltli. Am Abend haben sie zusammen in ihrem Bett gelegen, Rosie weiss es noch genau, und «sehr langsam mit Verstand und Genuss geschleckt». Auf das Strecken kam es an. «Häsch no vil?» fragte im Dunkeln die eine die andere. Meistens hat Rosie gewonnen. «Ich habe immer geschaut, dass ich das Höchste erreiche», sagt sie. Sie sei ehrgeiziger gewesen als die Annie, habe bessere Noten gehabt und mehr gespart.
In der Schule war’s genauso. Rosie hatte die Ambition zur Extraarbeit – egal ob in der Handarbeitsstunde, wenn es darum ging, fürs Nachthemd einen Sack aus weissem Leinen zu fertigen, oder ob in Französisch. «Sie war vielleicht ein bisschen gescheiter», sagt Annie. «Oder wie sagt man heute? Materialistischer!»
Nachher gingen beide in die Fabrik, trotz Sekundarschule und Französisch, wie alle im Dorf, und am Zahltag mussten sie alles dem Vater hergeben. 125 Franken gab es für zwei Wochen Arbeit an den Webstühlen. «Aber nebst dem Weben haben wir auch Allotria getrieben», sagt Annie, «wir haben Manicure gemacht und Charleston getanzt.» Und plötzlich breitet sie die Arme aus und ruft jubelnd: «Seide! Satin! Georgette! Crêpe de Chine!»
Die Mädchen aus der Fabrik bekamen fünf Meter Stoff für 10 Franken. «Ich hatte eine Freundin im ersten Couture-Atelier von Zürich», flüstert Annie, «die hat mir heimlich mit einem Original-Schnittmuster aus Paris ein Kleid genäht.» Und so erschien Annie Bühler aus Adliswil in Pariser Haute Couture aus reiner Seide auf dem Weihnachtsfest des Turnvereins. Überhaupt liebte sie Feste, die weltlichen. Sie war im Töchterchor und im dramatischen Verein, hat auf der Bühne gestanden und mit tiefer Stimme gesungen «Man nennt mich Miss Vain». Wie Zarah Leander. Als sie davon spricht, versinkt sie und kehrt lange nicht zurück.
«Ich hab das Leben leicht genommen, die Rosie tragisch.» Dabei verzieht Annie die Brauen, als wolle sie sagen, der Mensch habe doch die Wahl. Sie habe jedenfalls immer gelacht. «Wenn du nur nicht mal so viel weinen musst, wie du lachst», haben die Leute gesagt. «Aber die, die später hat weinen müssen, war ich», sagt Rosie, «so war das.» Da nagt im Stillen die Frage nach der Gerechtigkeit.
Rosie ging nicht tanzen, «man sah es ja als Sünde an». Dabei habe sie gern getanzt, «noch heute, wenn im Radio ein Walzer gespielt wird, drehe ich mich hier», sagt sie und deutet energisch auf das kleine Rund Sonnenlicht in der Mitte des Zimmers. Damals allerdings lehrte sie Sonntags in der Kirche und gab sich im Gottesdienst den Predigten hin. «Ich hörte gern die gescheiten Männer», sagt Rosie. «Einige waren so erfüllt, man wurde richtig geschüttelt durch das Wort Gottes.»
Wochentags stand auch sie am Webstuhl. Und mit exakt dem gleichen Leuchten in den Augen, der gleichen grossen Geste ruft sie aus: «Seidentaft! Schillertaft! Duchesse! Und O! Merveilleux!» Nur dass sie sich halt eine andere Jugend geschneidert hat – aus der Seide.
Als 1931 dann auch der Vater starb, lebten Annie und Rosie allein im Elternhaus. Doch es ging nicht gut. Tanzvergnügen und Sonntagskirche kollidierten. Die eine hielt mit der Nachbarin ein Kaffeekränzchen, schmückte sich heraus und ging tanzen, die andere kehrte den Boden, bereitete das Nachtmahl und heizte den Ofen. Sagt Rosie, und Annie sagt: «Ist das denn heute noch wichtig?»
Als in den 1930er Jahren die Wirtschaftskrise kam und die Weberei schliessen musste, schulte Rosie um ins Kaufmännische, zog in ein altes Bauernhaus nach Kilchberg und arbeitete fortan als Buchhalterin. Zunächst bei einer Grossgarage in Zürich, dort stellten die Fremden, die in den feinen Hotels abgestiegen waren, ihre Autos ein; am Samstag mussten 20 bis 30 Wagen geputzt werden, Rosie polierte die Fenster. Annie hingegen war direkt von der Fabrik zur Druckerei des «Sihltalers» gewechselt und blieb ein Arbeitsleben lang die «Drucker-Annie». Büro, Schalter, Druckmaschinen, Inseratwesen, «sogar die Todesanzeigen musste ich den Leuten formulieren». Später wurde der Allgemeintext «aus berechnerischen Gründen im Hauptgeschäft am Zürisee gedruckt», da mussten sie in Adliswil nur noch mit der Druckplatte für den Lokalteil hantieren.
Mit der Liebe war es schwierig. Auf jedem Fest lernte man jemanden kennen, sagt Annie. «Aber es schwuppte nicht! Und ich dachte mir: Ja, in Gottes Namen, wir werden alte Jungfern! Wie ergeht es denn uns?» Noch 60 Jahre später ist ihr das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. «Heutzutage funkt es überall», wundert sie sich, «auch bei Männern, die schon eine Frau haben, es funkt und funkt. Aber damals …» Doch Annie hatte Glück. Sie war es, die mit 40 Jahren tatsächlich noch einen Mann zum Heiraten gefunden hat, den Otto. «Nur für Kinder war es zu spät.»
Rosie hat nie geheiratet. Zwar gab es da mal einen Herrn, aber der hat letztlich nicht wollen. «Sieben Jahre habe ich geweint», sagt Rosie und richtet den Blick nach innen. «In der Liebe habe ich mich mit Brosamen begnügen müssen.» Und sie fügt hinzu: «Küssen ist doch etwas Schönes. Nichts ist Sünde, wenn es von Herzen kommt. Heutzutage allerdings küsst man beinahe zu viel.»
Sie ist auf Reisen gegangen, war mit dem rollenden Hotel in Indien, Pakistan und Afghanistan. Abenteuerlich und bescheiden, so ist Rosie. Mit 84 ist sie nach Australien geflogen und dort durch Korallenriffs getaucht. So etwas fiele der Annie im Traum nicht ein, die hat es lieber komfortabel. Gemeinsam mit Otto hat sie auf der Vespa ganz Europa bereist und ist in guten Hotels abgestiegen. Und einmal sind sie mit Quelle Deutschland auf Weltreise gegangen. «So schön war das!»
Doch nun ist der Otto bald schon dreissig Jahre tot. So wie alle Geschwister. Und die allermeisten Freunde. Selbst der Neffe ist schon 80. Annie und Rosie haben alle überlebt, nur einander nicht. Als neige sich ein grosses rauschendes Fest dem Ende zu, die Gäste gehen langsam, und zurück bleiben die Gastgeber. Immerhin sind sie zu zweit. Doch es gelingt ihnen nicht, gemeinsam Revue passieren zu lassen. «Wir sehen uns nicht allzu oft», sagt Rosie, «es ist schad.» Am Montag im Kirchenkreis, das schon, ja. Und manchmal fahren sie gemeinsam in die Ferien, eine Woche ins Bündnerland. Doch meist hockt jede auf ihrem Hügel. Wenn eine krank ist, sagt die andere: «Ich komme nicht. Sonst erbe ich das.» Annie bewohnt drei Zimmer – sehr ordentlich, ein bisschen bieder, aber elegant, mit Blick ins Grüne. «Zu viele Bäume», sagt sie empört, «ich mag lieber Autos und Menschen.» Einmal in der Woche kommt die Putzfrau, Rosie putzt ihre Wohnung selbst. Wenn Annie krank ist, ruft sie die Ärztin, «eine junge Frau, die den Busen ein bisschen freilässt. Das ist doch ein schöner Anblick.» Rosie hingegen würde selbst dann keinen Arzt rufen, wenn sie den Kopf unterm Arm trüge.
Bei Rosie ist es bunt, überladen, chaotisch und doch in jedem Winkel originell. In ihrem Einzimmer-Appartement reihen sich drei Sekretäre an zwei Bauernschränke, und wo Luft ist, hängt Rosie Kunst hin. Von den Künstlern erstanden «zu ihrer Unterstützung». Mittendrin Stapel von Papier: «Politik», sagt Rosie und haut drauf. «Ich will zum Bundesrat und mich beschweren.» Dass ledige Frauen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, nur 80 Prozent der Rente kriegen, findet sie ungerecht. «Nur weil die Annie verheiratet war, bekommt sie hundert Prozent.»
Fast ist es, als raunten sie einander immer noch zu: «Häsch no vil?» Nur die Nähe von damals – unter einer Decke nachts im Dunkeln – will sich nicht mehr einstellen. Hartnäckig verweigern sie einander jeden Trost. «Ist das nicht eine Katastrophe?» sagt Annie, «dabei fehlt mir ihre Liebe.» Und sie fügt hinzu: «Wenn sie doch nur artig wäre und einverstanden!»
So leben Annie und Rosie. Und eines Tages, wenn das Unvermeidliche geschehen wird und eine stirbt, wird es für die andere sein, als springe die Schwester mitten im Spiel von der Wippe.
Die Zwillinge Annie Rohner-Bühler und Rosie Bühler wurden 1907 in Adliswil im Kanton Zürich geboren. Sie waren die jüngsten von insgesamt neun Geschwistern. Die Mädchen besuchten die Sekundarschule und arbeiteten danach in der Seidenweberei in Adliswil. Später liess sich Rosie Bühler zur Buchhalterin ausbilden und arbeitete bei diversen Firmen. Annie Rohner-Bühler war 40 Jahre lang in der Druckerei von Adliswil beschäftigt, wo unter anderem der «Sihltaler» gedruckt wurde. Annie Rohner-Bühler ist seit 30 Jahren verwitwet, Rosie Bühler hat nie geheiratet. Beide Zwillinge haben keine Kinder.
Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.