NZZ Folio 10/03 - Thema: Im Büro   Inhaltsverzeichnis

Wein und Sein -- Hans-Jost Frey: das Glas, der Vers, der Wurm

© Caspar Martig
Hans-Jost Frey ist emeritierter Professor mit unversnobtem Vergnügen am Wein.
Linktext
Von Peter Rüedi

ALS SORTENTYPISCHES Exemplar eines Literaturprofessors sieht er sich nicht. Hans-Jost Frey lehrte von 1970 bis 1998 an der Universität Zürich ein Fach, von dem er sagt, es sei «eigentlich» nicht zu definieren. Die Komparatistik, die vergleichende Literaturwissenschaft, hat das 19. Jahrhundert erfunden. Sie war zuerst (und ist es zum Teil heute noch) Einflussforschung, befasste sich mit Fragen wie jener nach der Rezeption Goethes durch die französischen Romantiker oder Shakespeares durch die Deutschen. Ihn hat das, bei allem Respekt, eher weniger interessiert. Frey stand der amerikanischen Richtung näher, die sich mit Literaturtheorie befasst, mit Poetik mehr als mit Poesie.

In Zürich und überhaupt sei die Komparatistik eine Art Oase, «was natürlich nicht heisst, dass rundherum Wüste wäre». Frey ist ein höflicher Mann, Behutsamkeit ist bei ihm Takt, nicht Taktik. Eine Charaktereigenschaft. Von allem Akademischen hat er sich nicht erst seit seiner Pensionierung gelöst. Die Leser seiner Bücher seien eher die Dichter gewesen. Seine jüngste Publikation mit dem preziösen Titel «Wortstellungen zur Stellung der Poesie» (2002) ist nicht selbst Poesie, aber auch nicht so etwas wie ein Büchsenöffner zu den Geheimnissen der Dichtkunst. Die erklären hiesse sie verpassen. Was, genau gelesen, Literatur bewirkt, ist eine Sensibilisierung für Sprache und also für alles Reden auch jenseits von ihr.

Der Sprache nähert sich Frey mit einer in langem Umgang erworbenen Vorsicht, fast mit Scheu, immer aufmerksam für ihre Eigenbewegungen, für die Unerklärbarkeit des Unerklärbaren und doch Offensichtlichen. Dann schreibt er Sätze wie diesen: «Streng argumentatives Reden versiegelt die Fugen, durch die, ihm Fragen einpflanzend und seine Samen verstreuend, der Wind in den Text fahren könnte.» Nein, Philologendeutsch ist das nicht.

Wo er kann, baut Frey Widerstände gegen das voreilige Verständnis von Sprache auf. Er ist eine Art mit Verdunkelung operierender Aufklärer. Das ist nicht widersprüchlicher, als wenn der Komparatist sagt, das Vergleichen sei «eigentlich nichts Fruchtbares»; wichtig, zumal für die Studenten, sei die Horizonterweiterung durch das unvermittelte Nebeneinanderstellen von Texten. Geisselt er die allgemeine «Sprachvergessenheit», wird der tastende Sensibilist zum radikalen Moralisten. Das ist der andere Frey.

In seinem Haus steht kein Fernsehapparat. Freys grosse Bibliothek ist ein verspiegelter Schrein. Zwischen Baudelaire, Leopardi, Yeats und Stifter: keine Trivialität, nirgends. Wohl aber, in einer Ecke, angrenzend an eine erstaunlich geräumige und funktionale Küche, eine ungewöhnlich umfangreiche Sammlung von Kochbüchern. Die Erde hat uns wieder.

Der dritte Frey hat ein Leben diesseits der Sprache und hantiert freudvoll mitten im materiellen Leben. Nicht nur seine Desserts sind legendär. Mit Vergnügen lässt er in gepflegtester Konversation einen Casinowitz knallen. Der Mann hat neben der arielischen seine kalibanische Seite. Beide versöhnt sein unversnobtes Vergnügen am Wein; er sei ein Liebhaber, kein Kenner.

Nicht einmal der Flasche, die auf uns wartet, nähert er sich mit kultischer Ehrfurcht, dabei verdiente sie die wie kaum eine. Der Château Montrose 1994 ist ein feingliedriger Riese, wie alle Weine dieses grossen Cru aus St-Estèphe braucht er Geduld, mehr, als Frey in diesem Fall aufzubringen gewillt ist. Dieser Cabernet ist ein Monument seiner selbst, ein Klassiker. Noch ist, bei diesen geballten Tanninen, bei so mächtiger Adstringenz, erst zu ahnen, wie der Wein sein wird, wenn wir nicht mehr sind, und also wird der Trunk zu einem unfreywillig leichtsinnig aufgetischten memento mori. Ein Hammer, um es sprachvergessen auszudrücken.

Hans-Jost Frey hat die Flasche aus Sentimentalität vorzeitig aus dem Keller gehoben. Der Montrose war sein erster nennenswerter Bordeaux, 1970 kaufte er davon vier Kisten Fünfundfünfziger. Er schaut durchs Glas in die Dämmerung und zitiert von ungefähr Hölderlins Gedicht «Andenken»: «Es reiche aber, / Des dunkeln Lichtes voll, / Mir einer den duftenden Becher, / Damit ich ruhen möge.»

Frey ist zu gebildet, um mit Bildung zu protzen. Will auch sonst zum Thema «Wein und Literatur» wenig beizutragen haben, «da mich ja solche thematischen Fragestellungen nie so sehr interessiert haben». Meint doch, dass die Dichter neben der rauschhaften Grenzüberschreitung – «es gibt nur etwas, was die Freude dessen, der eine Flasche Wein trinkt, aufwiegt: von der Flasche trunken zu werden» – im Wein immer auch «die Beruhigung suchten, das Langsame; es gehört zu seiner humanen Natur».

Dass im gesprochenen Französisch der Vers und das Glas homonym sind, ein Gleichklang, scheint ihm immerhin kein Zufall. Le verre, le vers. Auch das Grün der Rebenblatts passt: le vert. Und le ver? Der Wurm ist, was an uns allen und auch am Wein nagt. Wein und Zeit, lacht Frey, wäre auch ein Titel.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.