ES IST EINE BÖSE WELT böser Menschen, die sich in Carl von Linnés «Nemesis Divina» auftut, einem Werk, das der berühmte Naturforscher vor aller Welt geheimhielt und als geistiges Testament dem Sohn vermachte mit der Warnung, es niemandem zu zeigen, ansonsten Verfolgung und Tod drohten.
Zeit seines Lebens hatte Linné, der Schöpfer der modernen Pflanzen- und Tiersystematik, Gottes Herrlichkeit in der Natur geschaut und in Büchern gepriesen. Diese Sammlung loser Blätter hingegen, die er in einem Futteral verwahrte, handelt von der Hölle auf Erden. Erst 1968, über zweihundert Jahre nach dem Tod des Autors, ist sie vollständig veröffentlicht worden.
Nemesis, die griechische Schicksalsgöttin, spielt die tragende Rolle in dieser göttlichen Tragödie, in der Auge um Auge, Zahn um Zahn vergolten wird nach dem Grundsatz «Gott bemerkt, weiss alles und vergisst nichts». Es ist ein Gott der Rache und nicht der Gnade, der da waltet und für Ordnung sorgt in einem Jammertal von Mördern, Huren und Halsabschneidern. Episoden aus Büchern und dem Leben, Fälle aus seiner Arztpraxis, Anekdoten und Gerüchte, Aberglauben und Schauergeschichten hat Linné zu einer «Theologia experimentalis» zusammengetragen - einer Psychopathologie des Alltagslebens voller Verzweiflung, Schwermut, Düsternis. Deren Lehre ist: Gott straft wenn nicht sofort, so doch sicher, wenn nicht den Sünder, so dessen Kinder und Kindeskinder.
Da ist nichts von der frohgemuten Erkenntnislust des botanischen Sonntagskindes Linné, das hinauszieht in die Welt, um das Buch der Natur Seite um Seite mit stets neuem Entzücken umzublättern. Hatte der «Kanzleibeamte des Herrgotts» in seinen Autobiographien noch ein Bild seiner selbst entworfen, das in der Erkenntnis gipfelt, Gott habe ihm vergönnt, «mehr seiner geschaffenen Werke zu sehn als irgendein Sterblicher» vor ihm, so übt er sich hier in Demut. Auch er ist bloss «aus einem Tropfen schäumender, abscheulicher Wollust» entstanden, eingetreten «durch eine hässliche Pforte neben Kot und Urin» und «täglich scheissend, geil: Ein Sack Kot».
Ein kalter Hauch weht aus diesen dunklen, dürren Blättern, der einen frösteln macht. Lakonisch der Stil, in tausendfachen Artbeschreibungen geschult: «Der Bauernknecht schwängert 2 auf einmal. Die eine Magd wird publique ehrlose Hure. Die andere mordet ihr Kind heimlich. Der Bauernknecht nimmt die zweite zur Frau. Sie bekommt, als sie einmal braut, Schwindel, fällt in den Braukessel und wird zu Tode gekocht.»
Der Mensch ist frei, Verbrechen zu begehen und Schuld auf sich zu laden, Strafe und Sühne aber sind zwingend. Da wäre etwa die Geschichte von der Bauernwitwe, deren Mann ihres Verhältnisses mit dem Knecht wegen vor Gram stirbt, worauf sie diesen zum Mann nimmt, der ihre Tochter schwängert, deren Kind wiederum man im Ofen verbrennt: alle drei werden sie hingerichtet. Oder die von der Pastorin, die hurt, eine Trinkerin zur Tochter hat und zwei Söhne, die sich duellieren, bei welcher Gelegenheit der eine den anderen totsticht. Oder die vom Wirt, der dem Gast nach dem Leben trachtet und an seiner Statt, da der nachts hinausgegangen ist, um nach den Pferden zu sehen, den eigenen Sohn erschlägt, den er in der Kammer als Komplizen placiert hat.
Was Linné in der Welt der Menschen empörte, hatte ihn in der Welt der Pflanzen - dies zur Empörung vieler seiner Zeitgenossen - amüsiert: die Natur der Orgie. In seinem Sexualsystem der Klassifikation, in dem er die Staubgefässe und Stempel der Pflanzen den menschlichen Geschlechtsorganen gleichsetzte, hatte er zwischen monogamen und polygamen Pflanzen, zwischen «Ehefrauen» und «Strassenmädchen» unterschieden. Da wurden «Hochzeiten, allen sichtbar» gefeiert oder eben «heimlich» abgehalten, da lagen «Ehemann und Weib» liebend «in einem Bett» oder hatten ein «doppeltes Schlafgemach», da ging es drunter und drüber bis zum Inzest. Sitten und Temperament des 18. Jahrhunderts kamen dieser «Liebe der Pflanzen» entgegen; manchen indes galt Linné als botanischer Pornograph.
Die Gesellschaft, so niederträchtig und verworfen sie ihm erscheint, will er so mustergültig geordnet haben wie die Herbarien. Linnés Auge offenbaren sich Symmetrien; Handlungen und Folgen bilden einander ab. Der Offizier, der eine Magd schwängert, die ihr Kind mordet und verbrannt wird, kommt selber in einem Brand um. Der Mörder, der sein Opfer mit drei Kugeln durch den Magen erschiesst, bekommt «den Krebs im Magen mit 3 Löchern». Und dem Mann, der seine Frau nicht vor dem Ertrinken retten mochte, beginnen fünf Jahre später die Finger zu faulen.
Bisweilen bringt erst die Strafe das Verbrechen an den Tag, und wer scheinbar schuldlos leidet, hat gewiss etwas zu verbergen: «Etwas war vorher gesündigt worden, mir unbekannt», pflegt Linné vorsorglich anzumerken und ist sich sicher: «Die Folgen bekommt die Nachwelt zu sehen.» Es gibt eine durch Gottes Gerechtigkeit wiederhergestellte moralische Harmonie auch da, wo menschliches Recht versagt.
Schwindsucht, Bluthusten, Not und Tod sind der Preis für die Sünde. Der Unglückliche ist von Gottes Finger gezeichnet, der Kranke schuldig. Das ist die unmenschliche Konsequenz von Linnés Lehre, Resultat seines Ordnungsdranges und Dogma einer idée fixe, in der es den Zufall nicht geben darf. Wie immer braucht es Opfer, die den Pfad der Tugend säumen.