NZZ Folio 10/91 - Thema: Über Bücher   Inhaltsverzeichnis

Bestseller

Widerspiegelt die Liste die wahren Verkaufszahlen?

Von Hartmut Panskus

Dieser Tage wird, wenn alles nach Wunsch und Plan verläuft, ein neues Buch auf der Bestsellerliste auftauchen - der Roman «Scarlett» von Alexandra Ripley, der vor kurzem erst ausgeliefert wurde. Es ist die Fortsetzung von Margaret Mitchells «Vom Winde verweht», dem bisher meistverkauften Roman der Welt. Und seit 55 Jahren würden die Leser gerne wissen, wie es mit Scarlett und Rhett weiterging.

Diese Fortsetzung muss unter allen Umständen ein Bestseller werden - für den Verlag. Er hat für die deutschen Rechte im voraus 1,3 Millionen Mark bezahlt. Hinzu kamen das Honorar für die Übersetzung und der hohe Werbeetat - enorme Investitionen. Lizenzhonorare für Taschenbuch- und Buchgemeinschaftsrechte und für den Vorabdruck in einer Illustrierten vermögen diese Investitionen vermutlich nur zum Teil zu decken.

Das Buch muss unbedingt zum Bestseller werden - auch für den Buchhandel. Er hat den Roman in schwindelerregenden Stückzahlen eingekauft: 140 000 Exemplare. Es dürfte sich hierbei um die bisher höchste Erstauslieferung eines Buches handeln. Und genau aus diesem Grund lässt sich ausrechnen, dass «Scarlett» mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Bestsellerliste gelangt. Viele Buchhändler werden den Roman bei der Bestseller-Umfrage an erster Stelle nennen. Denn sie haben sich mit ihren hohen Vorbestellungen selber unter Druck gesetzt - und nun müssen sie sich von diesem Druck wieder befreien.

Womit die Frage bereits angedeutet ist, die im Zusammenhang mit Bestsellerlisten immer wieder auftaucht: Sind sie manipuliert? Und auch die Antwort hat sich schon angedeutet: Ja, in gewissem Sinne, denn es liegt am System der Erhebung. Nehmen wir das Beispiel der im «Spiegel» publizierten Bestsellerliste, weil sie wohl die meistbeachtete ist. Erhoben wird sie von der Branchenzeitschrift «Buchreport», und die Prozedur läuft folgendermassen ab: Woche für Woche versendet das Magazin an 250 repräsentativ ausgewählte Buchhandlungen eine Vorschlagsliste von 75 Buchtiteln (die bestverkauften der Vorwoche), und die Buchhändler streichen darauf ihre jeweils 15 meistverkauften Bücher an. Sie können auch selber das eine oder andere Buch eintragen, wenn es sich bei ihnen gut verkauft, womit sich die Liste auch gleich erneuern soll. Und damit beginnt das Dilemma. Denn die Sortimenter schauen nicht auf ihren PC-Schirm, wie man aus Erfahrung weiss, und ausserdem fehlt ihnen oft die Zeit, die Verkaufszahlen genau zu eruieren. Aus diesem Grund streichen sie die Titel auch nach Gefühl an oder nach einem sorgenvollen Blick auf die gefüllten Bücherregale. Relevant für die Nennungen ist nicht zuletzt, ob ihnen persönlich ein Buch gefällt oder nicht. Doch ergibt das präzise Zahlen?

Dazu ein Beispiel: Rosamunde Pilchers Roman «Der Muschelsucher» hat sich bis Spätsommer über 150 000 Mal verkauft und stand auf der «Spiegel»-Liste weit vorne. Von Milan Kunderas Roman «Die Unsterblichkeit» wurden im etwa gleichen Zeitraum um die 20 000 Exemplare mehr abgesetzt, wie die Statistik seines Verlages sagt, doch ist das Buch aus der «Spiegel»-Liste schon vor Monaten verschwunden. Der Verlag, Carl Hanser, hat dafür nur eine Erklärung: Es liegt an den Buchhändlern, die das Buch nicht mehr genannt haben, aus welchen Gründen auch immer. Eine Buchhändlerin bestätigt es: «Nach einer Weile wollen wir neuen Büchern Platz machen, und dann nennen wir bisherige Bestseller nicht mehr. Das geschieht fast automatisch.»

In der Schweiz ist das System ein wenig anders, und es soll solche Fehlerquellen vermeiden helfen. Hier werden, im Auftrag des Schweizerischen Buchhändler- und Verleger-Verbandes SBVV, zwar ebenfalls Buchhandlungen befragt - um die dreissig jede Woche -, doch ohne vorgegebene Titel. Man eruiert nicht absolute Verkaufszahlen, sondern erhebt eine «Trendsellerliste» mit den meistgefragten, nicht meistverkauften Titeln. Es werden nicht absolute, sondern relative Verkaufszahlen aufgeführt. Man will auf diese Weise berücksichtigen, was auch in kleinen Buchhandlungen gut läuft, selbst wenn von einem Buch nur zehn Exemplare verkauft wurden.

Wie auch immer, was auch immer erhoben wird - die nachweislich meistverkauften Bücher tauchen ohnehin auf keiner der üblichen Listen auf, weil sie den Kriterien wie Neuerscheinung, Sachbuch, Roman oder Taschenbuch nicht entsprechen. Das lässt sich beispielshalber ersehen aus der nüchternen EDV-Verkaufsliste, welche die grosse Basler Buchhandlung Jäggi monatlich publiziert. Da erscheinen dann plötzlich Wanderbücher, Kochbücher, Wörterbücher oder auch «Der kleine Prinz» als die wahren Renner.

Hartmut Panskus ist Fachjournalist für das Verlagswesen und lebt in München.


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