NZZ Folio 01/06 - Thema: Statistik   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Manche mögen Eis

© RDB / CORBIS / Galen Rowell
Das Fell des Moschusochsen hält achtmal wärmer als Schafwolle. Linktext
Wenn das Thermometer in arktischen Gefilden unter minus 60 Grad fällt, bleibt nur der Stoiker unter den Huftierarten warm: der Moschusochse.

Von Herbert Cerutti

Fällt im Herbst der erste Schnee, holen wir den Pullover aus dem Schrank und setzen uns ans behagliche Feuer. Für die Tierwelt aber beginnt der alljährliche Kampf gegen den Hunger und das Erfrieren. Eine beliebte Strategie ist die Flucht in wärmere Gefilde, wie sie Schwalben und Störche praktizieren. Die Gemse überlebt im eisigen Hochgebirge dank dem im Bergsommer angefressenen Fettpolster und einem dicken Winterfell. Schneehühner und Mäuse entfliehen der Kälte, indem sie im schützenden Schnee Höhlen graben.

Und wie überwintern Tiere im hohen Norden, wo das Thermometer zuweilen auf minus 60 Grad fällt? Das Karibu (Rentier) lebt im Sommer in der nordamerikanischen Tundra, wo auch die Kälber geboren werden. Im Herbst ziehen die Tiere in riesigen Herden Hunderte von Kilometern südwärts in die Wälder der Taiga. Ganz anders der Moschusochse.

Als einzige Huftierart trotzt er selbst dem strengsten Winter im arktischen Norden und bleibt das ganze Jahr in seinem nur ein paar Dutzend Quadratkilometer grossen Revier. In den Flusstälern und den Küstenebenen der baumlosen Tundra spriesst über dem wasserundurchlässigen Permafrost in den Sommermonaten eine saftige Vegetation. Der Moschusochse lebt hier in kleinen Gruppen von durchschnittlich sieben Tieren. Er ernährt sich von den Blättern der Zwergweiden, von Gräsern, Kräutern, Seggen, Flechten und Moosen.

Für eine positive Nahrungsbilanz, bei der der Körper Gewicht zulegen kann, bleiben dem Moschusochsen nur zwei bis fünf Monate. Während des langen arktischen Winters müssen die Tiere dann von ihren Fettreserven leben. Haben schlechtes Wetter oder ungünstige Weidebedingungen den Fettaufbau behindert oder bleibt der Schnee im Frühsommer ungewöhnlich lang liegen, droht dem Moschusochsen der Hungertod.

Stirn wie ein Dampfhammer

Um auch im Winter wenigstens etwas Futter zu finden, scharren die Tiere mit ihren breiten, scharfkantigen Hufen Trichter in den Schnee. Behindert eine dicke Harschkruste die Suche, hebt der Ochse den Schädel und lässt seine zu einer schweren Hornplatte verwachsene Stirn wie einen Dampfhammer auf den Boden knallen. Von den freigescharrten Futterkratern profitieren auch Schneehasen und Schneehühner, die deshalb während der kalten Jahreszeit treue Begleiter der Moschusochsen sind.

Tobt ein Blizzard über das offene Land, wird der Moschusochse zum Stoiker. Mit dem Hintern zum Wind kauert er auf dem frostigen Boden, die kurzen Beine eng unter dem Körper gefaltet, die Ohren ins Nackenfell gepresst. Ist der Polarsturm nach Tagen endlich vorbei, liegt die Herde wie schneeverwehte Erdhügel in der trostlosen Landschaft. Um solche Unbill zu überleben, hat die Natur den Moschusochsen mit einem der wärmsten Haarkleider aller Säugetiere ausgerüstet: Unter den über einen halben Meter langen Deckhaaren wächst im Herbst eine dichte Unterwolle, weich wie Kaschmir und achtmal wärmer als Schafwolle.

Als natürliche Feinde hat der Moschusochse nur Wölfe und Eisbären zu fürchten. Nähern sich die Räuber, stellen sich die Ochsen Schulter an Schulter der Gefahr. Wird die Herde von Wölfen umzingelt, formiert sich die Ochsenmauer alsbald zum Verteidigungsring – aussen die hörnerbewehrten Köpfe, innen die wehrlosen Kälber. So wirkungsvoll solche Taktik gegen Raubtierattacken ist, dem jagenden Menschen erlaubt sie ein risikoloses Näherkommen auf Schussdistanz.
Frühe Polarforscher haben zur Nahrungsbeschaffung für Mannschaft und Schlittenhunde Massaker angerichtet. Allein von 1888 bis 1891 verkaufte die Hudson’s Bay Company 5408 Moschusochsenfelle. Um Kälber für zoologische Gärten zu beschaffen, löschten Tierfänger noch bis 1925 kurzerhand die Herde der erwachsenen Ochsen aus.

Die Rückkehr nach Europa

Der Moschusochse ist seit 1917 in Kanada und seit 1974 in Grönland geschützt; lediglich die Inuit dürfen jährlich eine begrenzte Anzahl erlegen, um Fell und Wolle zu verkaufen. Mittlerweile haben sich in Kanada und Grönland die stark dezimierten Bestände wieder auf 80 000 Tiere erholt. Ebenfalls gut entwickelt haben sich die in den 1930er Jahren an der arktischen Westküste Alaskas wieder angesiedelten Moschusochsen.

Und mit den aus Ostgrönland stammenden und heute etwa hundert Tiere starken Beständen in Norwegen und Schweden ist der urtümliche Wiederkäuer auch wieder nach Europa heimgekehrt. In prähistorischen Zeiten war er dort weit verbreitet, vor 4000 Jahren fiel er dann aber vermutlich dem wärmer gewordenen Klima sowie den steinzeitlichen Jägern zum Opfer.


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