NZZ Folio 12/94 - Thema: Luxus   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Der wahre Luxus

Von Lilli Binzegger

Als Kind bekamen wir manchmal statt der selbstgemachten Zwetschgen- oder Johannisbeerkonfitüre gekaufte Vierfruchtkonfitüre zum Frühstück, aus der Kilobüchse, deren Blechdeckel ein Muster konzentrischer Ringe auf die zähe Masse zeichnete, die rot wie die Sünde war und ebenso süss. Da wussten wir, dass Sonntag war. Das war doch etwas anderes als Mutters ewiges Zwetschgenmus, das kein annähernd so feuriges Rot auf das Butterbrot zauberte, das ohne Geheimnis war und womöglich noch Spuren unserer eigenen Arbeit trug.

Die Vierfruchtkonfitüre enthielt vieles von dem, was den Luxus lexikalisch definiert: Sie war nicht lebensnotwendig und zweifellos teurer als das, was da sozusagen von allein an den Bäumen und Sträuchern vor unserem Haus wuchs (und die Mutter kostete ja nichts). Ihr Genuss war durchaus jenes bisschen ausschweifend, das ihn den Puritanern verdächtig und den Ökonomen sympathisch macht. Und ausserdem stand die Vierfruchtkonfitüre, so ganz ohne unsere Mühe, wie sie zustande gekommen war, auch für ein besseres Leben.

Luxus ist ein wandelbarer Begriff. Die Waschmaschine, der man einst den Sex-Appeal eines Ehemannes zuschrieb, ist längst zum (unpfändbaren) Gebrauchsgegenstand geworden; Champagnercüpli und Bratpoulet haben Karriere und den Festtag zum Alltag gemacht. Mancher, der einst vom tollen Job und vom teuren Auto geträumt hat, träumt jetzt in beidem vom einfachen Leben: Der Wohlstand verliert seine Verführungskraft, wenn man ihn hat, und seinen Glanz, wenn alle ihn haben. Während in armen Ländern die Menschen sich regelmässige Mahlzeiten nicht einmal vorstellen können, jagen hier die Gastronomen einander den Rang in der neuen Bescheidenheit ab; der Gute Mensch leistet sich - ohne damit wirklich Verzicht zu leisten - angesichts des Elends in der Welt heutzutage keinen Überfluss mehr.

Zeit, Raum und Ruhe sind der wahre Luxus geworden in einer Welt, die fortwährend zeit-, raum- und ruhefressende Dinge produziert. Auch dieser neue Luxus erfüllt vieles von dem, was den Luxus lexikalisch definiert: Er ist teuer und nicht direkt lebensnotwendig. Und sein Genuss ist durchaus auch jenes bisschen ausschweifend, das ihn Puritanern und Ökonomen verdächtig macht.


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