Erinnerungen an einen Abend in Kufstein: In den flûtes, in grossen und kleinen Kelchen, perlte der Schaumwein; roter Burgunder funkelte in dickbauchigen und eleganten, schlanken Gläsern; ein Bordeaux verströmte seinen Duft - der Tisch war ein weites Gläsermeer, in das Professor Claus J. Riedel, Besitzer der gleichnamigen Glashütte in Tirol, immer wieder sein Riechorgan eintauchte, um dann mit dröhnender Stimme zu kommentieren, weshalb der vergorene Saft in diesem Glas anders schmecke als in einem andern und weshalb nur ein Glas das richtige sein konnte: der von ihm eigens für den jeweiligen Wein kreierte Kelch natürlich.
Wein und Zunge sind die Parameter in der Theorie des rührigen Glasfabrikanten böhmischen Ursprungs. Denn jeder Weintyp weist unterschiedliche Ausprägungen der wesentlichen Inhaltsstoffe wie Säure, Süsse, Gerb- und Bitterstoffe auf. Und die menschliche Zunge ist ebenfalls dergestalt geartet, dass sie die verschiedenen Geschmacksstoffe vor allem an bestimmten Stellen registriert, nämlich: an der Zungenspitze die Süsse, am mittleren Rand die Säure und weiter hinten die Bitterstoffe. Daraus lässt sich nun laut Riedel folgern, dass bei der Konzeption eines Glases zu berücksichtigen ist, dass der Wein nicht einfach in den Mund fliesst, sondern auf die für seine Eigenschaften prädestinierten sensiblen Stellen auf der Zunge. Riedel: «Der Wein muss auf die Zunge springen. Und das Sprungbrett dazu ist der spezifische Neigungswinkel der Glaswand zur Öffnung des Kelches.»
Degustatorisch liessen sich diese Ausführungen insofern nachvollziehen, als der Champagner deutlich besser gefiel in der sich nach oben verjüngenden Tulpe als aus der flûte oder aus der Schale; dem Weisswein behagte das schmale Glas besser als das dickbauchige, während der Burgunder nur in diesem Trinkgefäss sein volles Bouquet zu entfalten vermochte. Ist der Neigungswinkel der Glaswand am Punkt der Öffnung also das Geheimnis des richtigen Glases? Gerade diese Frage liess sich freilich auch an diesem Abend nicht restlos klären. Denn: Kaut und wälzt man den Wein nicht ohnehin im Mund, bevor man ihn hinunterschluckt? Anderseits zeigte sich, dass der Glasdurchmesser, der in Funktion zum Luftkontakt steht, ebensoviel zur Entfaltung beiträgt wie der ominöse Neigungswinkel von Glaswand und Öffnung.
Die Diskussion ums richtige Glas birgt zweifellos die Gefahr, dass sie schnell einmal in akademische Höhen abhebt. Unbestritten bleibt dabei lediglich, dass es dem Weingenuss förderliche und dem Weingenuss abträgliche Gläser gibt und dass man doch unterscheiden sollte zwischen verschiedenen Typen.
Dies festgestellt, sind mindestens drei Regeln zu beachten:
Finger weg von Grossmutters altem Tand, den verzierten oder bemalten Gläsern. Gläser zum Trinken dürfen mit keiner Art von Schnickschnack den Blick auf die Farbe des edlen Tropfens trüben. Weingläser - auch Weissweingläser - sollten sich zur Öffnung hin verjüngen; sich öffnende Kelche lassen das Bouquet verschwenderisch verströmen, statt der Nase zuzuleiten.
Je wuchtiger der Wein, desto wuchtiger das Glas. Burgunder und Barolo entwickeln sich am schönsten in Gläsern mit grossem Durchmesser; Bordeaux-Weine gehören in Gläser mittlerer Grösse und Weissweine in die zierlichen.
Daraus lässt sich ableiten, dass es sich lohnt, den Haushalt zumindest mit drei verschiedenen Glastypen zu bestücken (Riedels vornehme Sommelier-Linie - siehe Illustration - aus Kristallglas sei dabei besonders empfohlen).
Wer solches nicht (ver)mag, der trinkt am besten aus dem sogenannten INAO-Glas, dem offiziellen französischen Weinprobierglas, welches ohne Not als Kompromiss akzeptiert werden darf: Vergleichsproben zeigten, dass dieses Glas fast jedem Wein gut zu behagen scheint. Nicht ganz befriedigend ist freilich dessen Ästhetik sowie die Tatsache, dass in diesem nur 10 cm hohen Gläschen nur eine Degustationsmenge von rund 50 ml Platz hat - und das kann halt manchmal schrecklich wenig sein . . .