NZZ Folio 07/08 - Thema: Dubai   Inhaltsverzeichnis

Dubai sein ist alles

© Helvé Halna, Paris
Eindeutige Angebote in einem Nachtclub in Jumeirah. Linktext
Russische Prostituierte, afrikanische Juwelen, Heavy-Metal-Festivals in der Wüste und ein Drink, der 7500 Dollar kostet: Dubais Nachtleben ist überbordend. Man feiert hart an der Grenze des Erlaubten.

Von Martin Johnson

Es ist zwei Uhr morgens im «400 Club», einem vornehmen Nachtclub unweit der Superautobahn Sheikh Zayed Road. Die dröhnende Tanzmusik ist für einige Sekunden verstummt, die Scheinwerfer beleuchten einen der Tische im hinteren Teil des Raums. Eine Doppelmagnumflasche Moët & Chandon wird dort einer Gruppe protzig gekleideter Männer in Designerjeans und mit etwas zu weit auf­geknöpften Hemden serviert. Einer packt die Flasche und versprüht den Champagner, als hätte er einen Grand Prix gewonnen. Die aufgetakelten Mädchen am Tisch quieken vor Freude, die anderen Gäste schauen neidisch.

Die Szene wird sich heute Nacht im «400 Club» und in ähnlichen Etablissements in der ganzen Stadt noch oft wiederholen. In Dubai gibt man das Geld mit beiden Händen aus. Vor den Türen der extravaganten Nachtclubs, die zumeist zu den glitzernden Luxushotels gehören, warten ­Ferraris, Porsches und fette SUV auf ihre Besitzer. Die Mode-Aficionados tragen ihre Designerlabels wie Ehrenabzeichen, sie würden sich auch gut machen in New York, South Beach Miami oder London.

Derartig demonstrative Dekadenz wäre vor zehn Jahren im Herzen des Mittleren Ostens undenkbar gewesen. Aber seit das Projekt Dubai in allen Medien in die Schlagzeilen gekommen ist, sind solche Szenen typisch für das Sündenbabel am Persischen Golf. Und was soll’s: Solche Geschichten locken den internationalen Jetset an. Sie zeigen aber nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Kaleidoskop von Dubais Nachtleben. Richtig Farbe erhält es erst durch die afrikanischen Tauchbars, die russischen Tanzclubs, die philippinischen Bordelle und die zahllosen anderen Möglichkeiten zur Ablenkung von der Wirklichkeit.

Nur Hotels und eine Handvoll Sportclubs haben das Recht, Alkohol auszuschenken. Genaugenommen dürfen sogar die Hotelgäste nur in ihrem Hotel Alkohol trinken – Muslimen ist es grundsätzlich untersagt. Nichtmuslime, die in Dubai wohnen, müssen eine Alkohol­lizenz beantragen, die es ihnen erlaubt, in Bars zu konsumieren oder hochbesteuerten Alkohol in einem der diskreten Läden zu erwerben, die vom Kartell der alkoholvertrei­ben­den Unternehmen geführt werden.

So weit die Theorie. In der Praxis werden aber nicht alle Gesetze befolgt. Vielmehr sind sie als Ermahnung an die Trinker zu verstehen, die lokalen Gepflogenheiten zu berücksichtigen. Die Polizei verwarnt oder verhaftet jeden, der sich in der Öffentlichkeit betrunken zeigt. Zuwiderhandelnde werden bis zu 24 Stunden in Gewahrsam genommen – oder länger, falls der Delinquent sich zur Wehr setzt. Zivilfahnder der Kriminalpolizei mischen sich unter die Gäste der Bars und Clubs. So funktioniert Dubai: diskret wird alles überwacht und effizient bekämpft, möglichst bevor Touristen und Weltpresse es überhaupt bemerken.

Dubai ist eine vielköpfige Hydra, die erst in der Nacht so richtig zum Leben erwacht. Um einen Augenschein von ihr zu nehmen, empfiehlt sich ein Besuch der Khalid Bin Al Walid Street, auch «Bankerstrasse» genannt, an einem Freitagabend. Die Strasse ist gesäumt von schäbigen Drei­sternehotels, Computerläden, billigen indischen Restaurants und Schneidern. Eine Sturmflut der Ausgelassenheit überrascht hier selbst trinkfeste Partylöwen. Beginnen wir um 21 Uhr im «Waxy O’Connor’s», einer irisch inspirierten Bar im Hotel Ascot. Schon seit der Mittagszeit bevölkert das vornehmlich britische Publikum diese anspruchslose, schwach beleuchtete Spelunke. Dank Kampfpreisen tanzt die rauflustige Meute schon auf den Tischen, stolpert über Stühle und torkelt zur Bar für eine weitere Runde billiger Drinks. Es macht den Gästen sichtlich Spass – auch wenn ihr Auftreten eine bedenkliche Werbung für «irische Kultur» ist; immerhin endet der Abend nicht wie in der Heimat mit einer Schlägerei auf der Strasse. Die meisten hier sind erfahren genug, um das Gesetz nicht zu übertreten, egal wie viel sie getrunken haben.

Viel lustiger ist es eine Etage höher im selben Hotel. Das «Troika» ist ein Stück Moskau, verfrachtet in das Herz Dubais. Das Servierpersonal ist russisch, Speisen und Getränke sind russisch, und 90 Prozent der Gäste gehören zur beträchtlichen russischen Community. Sie besteht aus zwei Gruppen: Die einen arbeiten hart für ein besseres Leben, die anderen spekulieren in der «Wir fragen nicht, woher Ihr Geld kommt»-Wirtschaft des Emirats. Ein Abend im «Troika» beginnt um 23 Uhr, an den Tischen unterschiedlichste Charaktere, unter anderem die notorischen zigarrenbewehrten Geschäftsmänner, umschwärmt von leichten Mädchen. Eine grossartige Tanzgruppe meistert pirouettendrehend den Grat zwischen Broadway-Klassiker und russischer Folklore. Sie sind laut und sehr unterhaltsam.

Nur fünf Minuten von hier, im «Rush Inn Hotel», glaubt man sich schon auf einem anderen Kontinent. Im «African Club» ist das Publikum vor allem afrikanisch. Mit ihren teuren Importspirituosen und schweren Juwelen wirken einige sehr vermögend. Andere sehen aus, als hätten sie ihre letzten Ersparnisse zusammengekratzt für eine Flasche Bier. Zwielichtige Gestalten lungern in den dunklen Ecken des Clubs; Frauen tauchen aus dem Nichts auf und machen mit eindeutigen Gesten Angebote. Es wirkt und riecht hier mies. In vieler Hinsicht ist es das auch, aber wie in fast allen Lokalen dieser Kategorie ist man auch im «African Club» darauf bedacht, das Gesetz nicht zu übertreten – zumindest nicht offensichtlich –, weshalb man sich als Gast recht sicher fühlt.

Apropos leichte Mädchen: Fünf Taximinuten weiter an derselben Strasse liegt der «International’s York Club», einer der einschlägigen Nachtclubs der Stadt. Egal, wo man hinschaut: zierliche Asiatinnen, deren samtiges Haar anmutig auf nackte Schultern fällt, afrikanische Schönheiten auf Highheels, skeletthafte russische Blondinen mit gefälschtem Versace-Schmuck. Mädchen, wohin man blickt, mindestens doppelt so viele wie Männer. «Woher kommst du?» säuseln sie dir ins Ohr und greifen nach deinem Ärmel. Zuerst wehrst du ihre Einladung noch höflich ab, aber nachdem du mehrmals die immergleiche Frage mit der immergleichen Antwort pariert hast, wird es langsam nervig, und du sagst ihnen klipp und klar, du habest kein Interesse. Es sei denn, du hast doch Lust auf mehr als einen kleinen Drink …

Dies ist die schäbige Schattenseite von Dubais wildem Nachtleben. Bars wie der «International’s York Club» sind der Arbeitsort von Mädchen, die sich ihren Unterhalt mit ständig neuen Junggesellen und Geschäftsleuten auf der Suche nach dem schnellen, billigen Kick verdienen. Viele der Frauen unterstützen ihre Familien in ihren verarmten Heimatländern. Andere sind Opfer von Menschenhändlern, gefangen in einem Land, das sie nicht mehr verlassen können, weil ihr Visum abgelaufen oder weil der Pass vom Arbeitgeber eingezogen worden ist. Diese Welt steht im krassen Gegensatz zu den Sitten des Landes, und die Berichte der internationalen Presse über Dubais Rotlichtmilieu sind beschämend für die Regierung. 2006 wurden deshalb in einem Rundumschlag die berüchtigtsten Bars geschlossen. Das Geschäft mit der Lust geht trotzdem weiter.

Zurück ins glitzernde Dubai der Reichen und Schönen, wo Club-Promotoren um die besten DJ buhlen, mit denen sie Nacht für Nacht Tausende Gäste in ihre Clubs locken können. Künstler wie Tiësto, Sasha und Carl Cox liefern die angesagten DJ-Sets, die man eher auf Ibiza oder in Berlin vermuten würde als in der arabischen Wüste. «Das hier ist das Ibiza des Mittleren Ostens. Unglaubliche Summen werden jeden Donnerstag und Freitag im Nachtleben ausgegeben», sagt ein prominenter lokaler DJ, «ausländische DJ verdoppeln ihre Gagenforderung, sobald sie für Dubai gebucht werden.» Die Stimmung in den Clubs ist genauso wie in jenen der westlichen Welt. Ausser dass Alkohol – teure Cocktails und grelle Shots – statt Pillen und Kokain konsumiert wird. Dubai hat eine Null-Toleranz-Haltung gegenüber Drogen. Und wer dieses Gesetz übertritt, darf sich auf eine saftige Freiheitsstrafe von mindestens vier Jahren gefasst machen. Der britische BBC-Radio-DJ Grooverider trat im Februar 2008 seine vierjährige Haftstrafe an. Eine kleine Menge Haschisch war am Flughafen in seinem Gepäck gefunden worden. Solche drakonischen Strafen führen dazu, dass die meisten Dubaier im Nachtleben nie mit Rauschgift in Berührung kommen. Drogenkonsum findet nur hinter den geschlossenen Türen verschwiegener Cliquen statt.

Aber wer braucht schon Drogen? Der Alkohol ist gut und fliesst in Strömen. «Wir hatten einen russischen Kunden, dessen Rechnung sich auf 60 000 Dirham (17 000 Franken) belief – an einem einzigen Abend», erzählt ein Clubbesitzer. «Ein anderer hinterlegte 30 000 Dirham (8000 Franken) an der Bar und sagte, er wolle Champagner.» Die Lust auf das Extravagante ist der Motor des Nachtlebens von Dubai. Die weltweit wichtigsten Restaurants, Bars und Clubs haben alle ein Auge auf die Emirate geworfen – angestachelt von den Erfolgen jener, die den Schritt in den Mittleren Osten gewagt haben, wie etwa die «Buddha Bar» aus Paris.

Wie immer, wenn es um den kühnsten Luxus in Dubai geht, stellt das Burj-al-Arab-Hotel, das «teuerste Hotel der Welt», alles in den Schatten. Dessen «Skyview Bar» präsentierte kürzlich einen neuen Drink: «27.321». Die 27 steht für die Etage, auf der die Bar liegt, 321 ist die Höhe des Hotels in Metern. Der Whisky-Cocktail kostet 7500 Dollar. Die Basis ist ein 55-jähriger Macallan Single Malt, dazu kommen getrocknete Bitterfrüchte und selbstgemachter Passionsfruchtzucker. Der Cocktail wird auf Eis serviert, das aus der Macallan-Destillerie in Schottland eingeflogen wird, und dazu gibt es einen speziellen Holzrührer, der aus einem Macallan-Eichenfass geschnitzt wurde. Der Drink wird in einem Baccaraglas aus 18-karätigem Gold kredenzt, das der Käufer behalten darf. Kein Wunder, dass Naomi Campbell das «Burj al-Arab» für ihren mit Stars gespickten 40. Geburtstag wählte.

Überall in Dubai entstehen immer opulentere Hotels; wie stählerne Schmetterlinge entpuppen sie sich aus ihren Baugerüsten. Und alle sind sie ausgestattet mit den Standards, die es hier braucht, wenn man um die Gunst der Reichen buhlen will: Champagnerbars, kostspielige Restaurants und verrückte Clubs. Für die modewusste Klientel bauen Designerlabels wie Versace oder Armani eigene Hotels.

Warum dieser Grössenwahn? Das fragen viele, die Dubai befremdet aus der (zumeist europäischen) Ferne betrachten. Die Antwort ist einfach: Wer um die reichsten der ­Reichen buhlen will, muss Schauplätze und Ereignisse anbieten können, die den flüchtigen Geschmack dieser anspruchsvollen Klientel befriedigen.

Aber eines darf man nicht vergessen: Dies ist immer noch der Mittlere Osten, und hier haben nicht immer die Hedonisten das letzte Wort. Von Zeit zu Zeit erinnern die Behörden daran, dass sie es sind, die die Regeln der Party bestimmen. Religiöse Feiertage etwa haben den Vorzug vor einer hippen Party. Während des muslimischen Fastenmonats Ramadan sind Shops und Clubs abends früher ­geschlossen, und jegliche Musik muss auf Hintergrundlautstärke reduziert sein. Anfang dieses Jahres wurde kurzerhand verboten, öffentlich Musik zu spielen. Niemand weiss mit Gewissheit zu sagen, wie es, über Nacht, zu diesem Erlass kam – und warum er in aller Stille einige Wochen später wieder zurückgenommen wurde. Aber man kann darauf wetten, dass die Regierung einfach die Clubbesitzer daran erinnern wollte, wer hier das Sagen hat.

Neben dem überbordenden Luxusleben gibt es aber auch eine ganze Reihe erschwinglicherer Unterhaltungsmöglichkeiten. Da die grösste Bevölkerungsgruppe der Emirate nach wie vor Muslime sind, die keinen Alkohol konsumieren sollten, sind wie überall im Mittleren Osten auch in Dubai die Shi­sha-Cafés, wo man die Wasserpfeife raucht, sehr verbreitet und populär. Wer sich durch die Altstadt Dubais treiben lässt, etwa in Bur Dubai oder Deira, stösst unweigerlich auf diese kleinen Cafés, in denen Gäste sich mit einem Kaffee, einem Tee oder einem Fruchtcocktail entspannen.

In der verwinkelten Altstadt kann man eine völlig andere Seite Dubais kennenlernen: Ein Klassiker ist «Ravi’s», ein pakistanisches Restaurant im Stadtteil Satwa, wo Taxifahrer, Schuster, aber auch Touristen das hervorragende Essen und die lebendige Atmosphäre geniessen. Schliesslich gibt es eine Fülle kleiner Bars und Restaurants in den weniger glamourösen Hotels, in denen Ausländer mit geringeren Einkommen unterkommen. Hier kann man philippinischen Coverbands lauschen, Karaoke singen oder sich zum Freitagsbrunch treffen – einer Tradition der Briten in Dubai, die neben einem reichhaltigen Buffet meist auch jede Menge Drinks einschliesst.

Schwieriger zu finden, aber präsent ist die flüchtige Schwulenszene, die immer wieder temporär eine bestimmte Bar zu ihrem Hauptquartier auserwählt. Meistens genau so lange, bis der Besitzer kalte Füsse bekommt und aus Angst vor Sanktionen der Regierung das Programm wechselt und damit die schwulen Gäste vertreibt. Nicht zu verachten ist auch die Independent-Szene, populär vor allem bei den Fashion-Fans, die für dekadente Cocktailbars nur ein Achselzucken übrig haben. Blutjunge Rockbands spielen in illegalen Clubs, da die offizielle Altersgrenze bei 21 Jahren liegt. Rock und Heavy Metal werden in Dubai, wie im ganzen Mittleren Osten, hoch verehrt. Wer es nicht glaubt, sollte das zweitägige Desert Rock Festival besuchen, bei dem jedes Jahr 15 000 junge Rock-, Gothic- und Hardcore-Fans internationalen Stars zujubeln. Zuerst wundert man sich, woher diese blassgesichtigen Kinder mit ihren schwarzen Lidstrichen und The-Cure-T-Shirts kommen. Und dann versteht man, dass auch sie einfach Angehörige weiterer Subkulturen sind, die hier eine Nische gefunden haben.

Dubais pulsierendes kosmopolitisches Nachtleben ist voller Merkwürdigkeiten und Widersprüchlichkeiten. Das ist keine Überraschung, wenn man sich vergegenwärtigt, wo auf der Weltkarte Dubai liegt. Denn was man nie vergessen darf: Die Kernelemente jeder guten Party – Alkohol, Tanzen, spärlich bekleidete Mädchen – stehen im totalen Widerspruch zu den konservativen, muslimischen Wurzeln der Stadt. Weil Dubai diesen Widerspruch aushalten will, müssen Kompromisse gefunden und Gesetze gebogen werden. Die Stadt beherrscht bisher die hohe Kunst, auf dem schmalen Grat zwischen Gestern und Morgen zu balancieren. Sie weiss sogar darauf zu tanzen.

Martin Johnson ist Journalist in Dubai.

Übersetzung: Mikael Krogerus.

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