NZZ Folio 08/98 - Thema: Grossbauten   Inhaltsverzeichnis

Der Modellbauer

Von Brigitte Selden

HOLZGERUCH hängt in der Luft. Das Kreischen der Säge übertönt jäh jedes andere Geräusch. Die computergesteuerte Maschine fräst winzige Geländer aus. Neben einer Schleifmaschine stehen Miniaturhochhäuser, gegenüber liegen Brückenpfeiler, wie für Liliput gemacht. In der Werkstatt von Dumeng Raffainer im Zürcher Altstadtquartier entstehen keine Puppenstuben, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte. Seit rund 35 Jahren schreinert der Unterengadiner zusammen mit seinen Mitarbeitern Holzmodelle von Brücken, Bahnhöfen, Museen und Hochhäusern.

Am Anfang ist die Idee. Auf sie folgen Skizzen und Pläne. Doch das Körperhafte, den Raumeindruck, vermögen Zeichnungen nur schwer zu vermitteln. Das Architekturmodell dagegen ist ein ideales Mittel, den Stand der Planung in jedem Entwurfsschritt festzuhalten. Als Überprüfungsinstanz ist es ein wesentliches Instrument - gerade im Zeitalter computerunterstützter Entwurfsmethoden. Die dreidimensionale Mikroarchitektur ist das Verbindungsglied zwischen Idee und Ausführung. Nicht zuletzt deshalb ist das Modell schon seit der Frührenaissance ein geschätztes Anschauungsmittel. Dem Architekten hilft es, seine in Zeichnungen festgehaltene Idee zu überarbeiten und den Bauherrn anhand des plastischen Beispiels von seinen Entwürfen zu überzeugen.

Modellbauer sind direkt an diesem Entwurfsprozess beteiligt. Zusammen mit dem Architekten entwickeln Dumeng Raffainer und seine Mitarbeiter selbst kleinste Details. Wie beispielsweise Türgriffe, Geländer oder Handläufe aussehen sollen, wird an Modellvorlagen diskutiert. Dann wird die endgültige Form ausgetüftelt. Mit den meisten seiner Kunden, zu denen international renommierte Architekten wie Santiago Calatrava, Hans Kollhoff, Peter Zumthor und Theo Hotz gehören, arbeitet Raffainer schon jahrzehntelang zusammen. Der Modellbauer muss die Handschrift des Architekten genau kennen. Er muss in der Lage sein, aus der Zeichnung die körperliche Form abzulesen.

Santiago Calatrava beispielsweise entwickelt seine Bauten fast ausschliesslich am Modell. Schon in der frühesten Entwurfsphase lässt er anhand von Skizzen die ersten Modelle herstellen. Raffainer, ein bescheiden und zurückhaltend wirkender Mittfünfziger, setzt Calatravas Vorliebe für Extremlösungen plastisch um. In der hell erleuchteten Werkstatt entstehen komplizierte Bauteile im Miniaturformat wie etwa das organisch-expressive Rippengewölbe des Bahnhofs Stadelhofen oder die Pfeilerabschlüsse der Lusitania-Brücke in Merida. An ihnen nimmt der Architekt dann Korrekturen und Veränderungen vor, bis seine Grossprojekte ausgereift sind.

Die Arbeit des Modellbauers beschränkt sich aber nicht auf das Gerüst. Durch seine Hand wird das künftige Gebäude fast real. Ein anderthalb Meter grosses Hochhaus für Frankfurt von Kollhoff beispielsweise ist bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Eingangstüren und Fenster sehen täuschend echt aus. Minuziös werden mit Holzteilchen Vor- und Rücksprünge in der Fassade angedeutet, um die Spannung zu betonen. Zusammen mit den millimeterweise hervorspringenden Fensterprofilen erzeugen sie die Licht- und Schattenspiele auf der Aussenhaut des Gebäudes.

Modelle bestehen meist aus zusammensteckbaren Teilen. Das Dach lässt sich abheben, so dass man einen Blick ins Innenleben des Gebäudes werfen kann. Man sieht das Treppenhaus mit Stufen, Absätzen und Geländern, die Anordnung der Gänge und Räume und deren Möblierung. Mit Hilfe von Sägen, Hobeln und Schleifmaschinen entstehen in der Hinterhofwerkstatt von Dumeng Raffainer sogar detailgetreue Schreibtische, Bürostühle und Schränke, werden Cafeterien und Eingangshallen eingerichtet. Der Modellbauer entwirft ein Abbild der künftigen Wirklichkeit. Beispiele wie das 2,7 × 2,2 m grosse Informationsmodell der fast sieben Hektaren grossen Baustelle am Potsdamer Platz in Berlin, das Raffainer Anfang der neunziger Jahre herstellte, sind also nicht nur wirkungsvolle Anschauungsmittel. Die hölzernen Zeugen dokumentieren die Idee - als Gegenstück zur gebauten Realität.


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