RICHTIG LEBEN MIT GERI WEIBEL Die Ferienfrage GERI WEIBEL gehört nicht zu den Leuten, die in den Ferien völlig ausspannen können, denn dazu müsste er ja die Gabe besitzen, im Augenblick zu leben. Geri lebt aber eher in der Zukunft. Und die ist, gerade was die Ferien angeht, voller Risiken. Damit sind nicht die kalkulierbaren gemeint wie Flugzeugabstürze, Entführungen, Haifischattacken, unerforschte Tropenkrankheiten, Lebensmittelvergiftungen und öffentliche Auspeitschungen für den Besitz eines Rohypnols. Gemeint ist zum Beispiel das Risiko, den falschen Ort zu wählen. Es belastet Geri das ganze Jahr, ausser während der Ferien selbst. Dann ist es mehr die Vergangenheit, die ihn beschäftigt: das Risiko, den falschen Ort gewählt zu haben.
Je grösser das Ferienangebot, desto unübersichtlicher wird es politisch, ökologisch, weltanschaulich und sozial. Manchmal beneidet Geri Weibel die Generation vor ihm, die nur darauf achten musste, nach Möglichkeit Franco-Spanien und Obristen-Griechenland zu meiden. Und selbst wenn ihr das einmal nicht ganz gelang, passierte ihr nicht, was Izmir passierte, als er vor ein paar Jahren nach Foca fuhr.
Izmir hiess Alfred Huber, bis er sich in jenem verhängnisvollen Sommer für Clubferien entschied, etwas, das damals gerade im Gegentrend zu den plötzlich als etwas spiessig geltenden Individualferien lag. Alfred Huber hatte Foca nach eigenen Angaben allein auf Grund des spanisch oder italienisch klingenden Namens und der Prospektinformation «keine speziellen Einrichtungen für Kinder» gebucht. Erst im Flugzeug habe er realisiert, dass der Ort in der Türkei liegt. Nicht weit von Izmir. Seither ist er für die Habitués der «SchampBar» Izmir. Auch Geri nennt ihn so. Aber mit einem unguten Gefühl, angesichts der Tatsache, wie leicht so etwas passieren kann. Nicht auszudenken, wie sie ihn zum Beispiel heute nennen würden, wenn er damals nicht noch rechtzeitig hinter sein Maghreb-Zagreb-Missverständnis gekommen wäre.
Politisch ist man in der «SchampBar» inzwischen nicht mehr ganz so streng. Im «Mucho Gusto» schon. Auch ökopolitisch. Carl Schnell, das Gewissen des «Mucho Gusto», hat zwar in Fragen der «ecological correctness» an Autorität eingebüsst, seit er am Flughafenzoll drei Stunden festgehalten wurde, als er mit achthundert Gramm zerknüllter Alufolie und neunzehn leeren Taschenlampenbatterien einreiste, die er aus Entsorgungsnöten von seinen Trekkingferien aus Nepal zurückgeflogen hatte.
Trotzdem bleibt für Geri Weibel die Umweltbilanz ein Kriterium bei der Wahl seiner Feriendestination. Wenn auch vielleicht nicht mehr ein so entscheidendes wie noch vor ein paar Jahren, als er vier Tage seiner zwei Wochen Griechenland der zugigen Bahnfahrt geopfert hatte, die Woche schwere Angina nicht eingerechnet. Jetzt fliegt er zwar, wenn es sein muss, aber er informiert sich dabei über den Flugzeugtyp und gibt dem mit dem günstigsten Pro-Kopf-Treibstoffverbrauch den Vorzug.
Seit März untersucht Geri Weibel jede Äusserung von Robi Meili, dem Trendbarometer des «Mucho Gusto», auf für die Ferienfrage verwertbare Hinweise. Bedeutet «New Yorks Kriminalitätsrate ist total im Keller», dass man nach New York soll oder dass New York gerade noch als Ziel für AHV-Ausflüge toleriert wird? Und darf er aus «wenn schon Religion, dann Buddhismus» schliessen, dass Ferienziele mit buddhistischer Staatsreligion im Trend liegen?
Hongkong wäre ziemlich buddhistisch. Aber da hätte man am 30. Juni sein müssen, sagt Robi Meili. «Mehr zu spät kommen als im Juli 1997 nach Hongkong kann ein Mensch im Leben überhaupt nicht.» Und Carl Schnell fügt hinzu: «Ganz zu schweigen von Tiananmen.»
Geri Weibel hat den Aspekt der Einbindung Hongkongs in die Kollektivschuld Tiananmen nach dem Zurückfallen an China nicht bedacht. Nicht aus Gleichgültigkeit, mehr aus Mangel an Übersicht. Seine intensive Beschäftigung mit den Detailfragen des Lebens trüben manchmal seinen Blick für die grossen Zusammenhänge. So bucht er um ein Haar Bali («nicht mehr so freakig», wie Freddy Gut, die Modeautorität der «SchampBar», sich ausdrückte), bis man ihn im «Mucho Gusto» auf den Zusammenhang Timor-Suharto-Bali aufmerksam macht.
Zwei Wochen vor Ferienbeginn entscheidet sich Geri Weibel für Nummer Sicher: Er bleibt in Zürich. «Badeanstalt, Gartenwirtschaften, lesen, null Stress», so seine Antwort, als sich Carl Schnell nach seinen Ferienplänen erkundigt. «Ferien in der Schweiz? Nach Eizenstat? Ich weiss nicht.»
Jetzt prüft Geri Weibel Städteflüge in die neuen Bundesländer.