NZZ Folio 07/93 - Thema: Woodstock   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Von Feinschmeckern

Von Manfred Papst

Dieses Gespräch führen zwei Figuren aus zwei literarischen Werken. Wer sind sie?

EINKAUFSPARADIES. A und B stehen zusammen vor einem Degustationsstand, wo ihnen Tiefkühl-Minipizzas in vier revolutionären, aufsehenerregenden Geschmacksrichtungen angeboten werden. Sie vertilgen mit souveräner Beiläufigkeit weit mehr Häppchen, als zur Beurteilung der Gerichte erforderlich wären. Beide haben ihre besten Jahre hinter sich und neigen zur Fülle; auf gepflegte Kleidung legen sie keinen übertriebenen Wert.

A:      Verdammter Fertigfrass!

B:      Wenn ich da an meine neun Köchinnen denke, die mir durch die Zeiten halfen . . . 

A:      Als meine Mutter mit mir schwanger ging, elf Monate übrigens, ass sie einmal sechzehn Fass, zwei Eimer und sechs Töpfe voll Kutteln.

B:      Innereien werden heute gern verächtlich gemacht. Aber was gibt es Besseres als etwa Rinderherz, mit Backpflaumen gefüllt, über dem offenen Feuer geröstete Schafsnieren oder Gänsemagen, -herz und -hals in gerührtem Blut, mit Wurzelwerk und Birnenschnitzen schwarzsauer gebunden?

A:      Wir assen zum Frühstück schon frische Fladen mit Weintrauben, Muskateller, Riesling oder Gutedel. Die trieben wie ein Sauspiess. Da hat sich manch einer beschissen, der nur zu furzen glaubte! (er erhält von der Verkäuferin einen strafenden Blick, fährt aber unverdrossen fort) Deshalb wurde das Gebäck auch «Winzerglaube» genannt.

B:      Fladen gab es bei uns auch: aus Eichelmehl und Schwadenkorn, das wir auch für die Grütze nahmen, dazu natürlich Glumse. (mit einem Blick auf die Verkäuferin) Damals kannte man das zimperliche Getue noch nicht! Ich kann mich einer Zeit erinnern, da wir einzeln assen und gesellig unsern Kot beschauten.

A:      (zustimmend) Was wollen auch Leute, die sich noch nie mit einem warmen flaumigen Gänschen den Arsch gewischt haben, von Lebensart wissen!

B:      Ich gäbe jetzt alles für einen Kalbskopf in Kräuteressig. Oder Schweinebauch mit Pfifferlingen! Schafskäse zu geräucherter Dorschleber! Scholle in Honigbier!

A:      Die zivilisierten Mägelchen vertragen ja nichts mehr. Man glaubt alles besser zu wissen heute. Dabei habe ich schon über die Kräfte und Eigentümlichkeiten des Brots, von Wasser und Wein, Fleisch und Fisch, von Beeren, Kräutern und Wurzeln alles gelernt, was Plinius, Athenäos, Dioskurides, Julius Pollux, Galenos, Porphyrios, Oppian, Polybios, Heliodor, Aristoteles, Aelianus und andere dazu geschrieben haben.

B:      (wehmütig) Wo gibt es noch Fischsuppe aus dem Sud bis zum Zerfall zerkochter Dorschköpfe, grün gemacht mit Kapern und Dill? Die Fischaugen, die weiss in ihr schwammen, bedeuteten Glück. Und was bedeutet eine Minipizza? Gar nichts.

A:      (merkt, dass die Verkäuferin wieder zuhört, und legt noch etwas zu) Ich habe einmal zur Vorbereitung des Magens auf ein Abendessen einen Lattichsalat gegessen, in dem sich sechs Pilger aus Saint-Sébastien versteckt hatten. Frass sie ratzeputz auf, hielt ihre Pilgerstäbe für Schneckenhörner. Sie schmeckten vorzüglich. Wie sagt man bei uns? Ein Straussenmagen kann Pflöcke mit Senf vertragen!

PS: Dem Schöpfer von A vergab Papst Paul III. Verstösse gegen die Ordensregeln; er wird seine Gründe gehabt haben. B war von Anfang an da, will sagen: seit der Zeit, da die Frauen noch drei Brüste hatten, und er trägt keinen Namen.

Wer und wer? Gurt A. Naag und ?, natürlich!

Auflösung: A ist Gargantua aus François Rabelais' "Gargantua und Pantagruel" (1532) B ist der Erzähler aus Günter Grass' "Der Butt" (1977).


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