NZZ Folio 12/03 - Thema: Kitsch und Kult   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Alles, was gerecht ist

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Von Wolf Schneider

HEILIGE KÜHE sollten nicht hinken. Eine, die auf zwei Beinen lahmt, ist die «Gerechtigkeit». Die Philosophen, die das grosse Wort seit mehr als zwei Jahrtausenden umkreisen, haben die Kuh nicht heilen können; und noch mehr humpelt sie, seit ihr im 19. Jahrhundert der Sprengsatz «sozial» vor die Hufe fiel. Anno 2003 ist Gerechtigkeit in Deutschland gar der zentrale Begriff der politischen Debatte geworden – und dies, obwohl ein Wort, das fast alles heissen kann, eben des halb fast nichts besagt. Wir könnten erwägen, es aus dem Verkehr zu ziehen.

Von seinen vier Grundbedeutungen machen ja mindestens zwei uns Kopfzerbrechen. Klar definiert ist nur die juristische Gerechtigkeit: die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz, der Richterspruch ohne Ansehung der Person. Das ist geradlinig gedacht, wie das Wort «gerecht» es fordert: seinem Ursprung nach das Gerade, das Geordnete; die Rechtschaffenheit und die Rechtschreibung haben diesen Sinn bewahrt. Der juristischen Gerechtigkeit ist die moralische verwandt: von Platon in das Gebot gegossen, jeder müsse das haben, was ihm gemäss sei. Was aber ist das, das «Gemässe»? Gerade da beginnen die Probleme.

Auch die religiös definierte Gerechtigkeit kann Grübler nicht trösten. Zwar: «Der Gerechte muss viel erleiden, aber aus alledem hilft ihm der Herr» (Psalm 34, 20); ähnlich Matthäus 5, 6: «Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.» Wenn es so einfach wäre! Sozialistische Parteien hätten dann nie eine Chance gehabt.

Die Debatte darüber, wie soziale Gerechtigkeit rechtsstaatlich herzustel len sei, begann um 1870: Da riefen deutsche Professoren wie Adolph Wag ner, von den Liberalen als «Kathedersozialisten» verspottet, den Staat auf, die sozialen Gegensätze radikal zu mildern. Marx nahm ihren Einfluss auf – Nietzsche schrieb 1878: «Der Sozialismus treibt den halbgebildeten Massen das Wort ‹Gerechtigkeit› wie einen Nagel in den Kopf.»

Mit der Besteuerung konnte man den Anfang machen. Während bei der Proportionalsteuer, dem Zehnt, wie sie im Mittelalter hiess, der Reiche zwar mehr Steuern als der Arme entrichtete, der Prozentsatz aber gewahrt blieb, ergriff zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Steuerprogression vom Abendland Besitz: auch prozentual sollte der Reiche mehr bezahlen – eine gewollte Ungleichbehandlung im Dienst der neuen, der sozialen Gerechtigkeit. Der Staat schröpft die Reichen, und so kann er mit der Umverteilung zugunsten der Armen beginnen.

Seitdem ist die «soziale Gerechtigkeit» ein tanzender Deckel auf einem brodelnden Topf. Wenn amerikanische Manager 200-mal so viel verdienen wie mittlere Angestellte, dann hat vermutlich eine Mehrheit das Gefühl, dies sei wohl übertrieben. Aber wie viel mal höher dürfte ihr Einkommen sein? Und wer soll das wonach entscheiden? Und entscheidet es sich heute vielleicht anders als gestern?

Ja, sagt der Generalsekretär der deutschen Sozialdemokraten, Olaf Scholz: Im Juli 2003 bezeichnete er den Begriff der sozialen Gerechtigkeit als nicht mehr zeitgemäss. Da er vor allem auf die Verteilung vorhandener Mittel setze, sei er nicht mehr haltbar, wenn wegen Kinderarmut und Überalterung die Mittel schrumpften. Es gelte vielmehr, auf eine «Teilhabe-Gerechtigkeit» hinzuarbeiten (ein neuer Begriff für das alte Schlagwort von der Chancengleichheit). Die SPD-Linke reagierte empört: Wer so rede, zerstöre eben das, was die Sozialdemokratie den anderen Parteien voraushabe, ihr «visionäres Mehr».

Der Aufruhr war noch im Gange, da rief der Vorsitzende der Jugendorganisation der CDU den nächsten Entrüstungssturm hervor: «Ich halte nichts davon», erklärte er im August, «wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidar gemeinschaft bekommen … Früher sind die Leute auch an Krücken gelaufen.» Asozial, menschenverachtend! schallte es ihm entgegen, und auf die erste Seite der deutschen Zeitungen sprang das erst kurz zuvor aufgekommene Schlag wort «Generationengerechtigkeit».

Gerechtigkeit also nicht nur zwi schen Zeitgenossen, sondern auch zwischen Grosseltern und Enkeln! Warum sollten die wenigen Jungen den vielen Alten den Mallorca-Urlaub finanzieren, während sie selbst unter der Last ihrer Rentenbeiträge zusammenbrechen? «Warum eigentlich soll ein Jahrgang, der seine Geburten reduziert hat, nicht mithelfen, die Konsequenz zu tragen?» fragt der Soziologe Peter Gross (Universität St. Gallen).

So wird sie immer neu problematisiert, die soziale Gerechtigkeit, und kein Gericht hat die Autorität, zu entscheiden, welches Mass an Teilhabe oder Umverteilung das gerechte wäre. Die Politiker werden sich weiter streiten, und mit der Logik kommt keiner voran. Realistisch klingt am ehesten der Vorschlag des amerikanischen Philosophen John Rawls von 1971: Gerecht sei eine Gesellschaft, in der die Verteilung des Vermögens und der Bildungschancen von allen als «fair» empfunden werde. Empfunden, das ist es! Oder zynisch zugespitzt: Die soziale Gerechtigkeit liesse sich dann als hergestellt betrachten, wenn der Staats präsident sie in der Weihnachtsansprache als annähernd erreicht bezeichnen kann, ohne dass die Bürger ihn mit Tomaten bewerfen.




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