NZZ Folio 07/96 - Thema: Versichert   Inhaltsverzeichnis

(K)eine Versicherung für meine Nase

Wie man bei Lloyd's landet.

Von Andreas Heller

WEINSCHMECKER sind Menschen von besonderer Einbildungskraft. Kaum tauchen sie ihre Nase in ein Glas, brandet auch schon eine Welle von Assoziationen durch ihren Kopf: Den Duft von Zigarrenkistchen, Schokolade oder Zedernholz glauben sie in einem reifen Bordeaux zu orten, an Sattelleder oder gar an einen Rossstall fühlen sie sich beim Genuss eines australischen Shiraz erinnert (was allerdings noch lange nicht heissen will, dass er ihnen missfällt). Nur eines kann sich kein Weinschmecker vorstellen: wie das Leben wäre ohne Nase.

Doch das Risiko besteht. Man denke an schwere Erkältungen, die einen Degustator bald einmal ausser Gefecht setzen können, wenigstens temporär; man denke, weitaus schlimmer, an Verletzungen des Gehirns, die für immer zum Verlust des Geruchssinns führen können; und dass einem das Schosshündchen oder die furiose Liebhaberin die Nase abbeisst, ist ja auch nicht ganz auszuschliessen. Überlegt man sich's genau, ist so eine Nase mancherlei Gefahren exponiert, weshalb einer, der etwas auf seine Nase hält, nicht schlecht beraten ist, sich gegen alle Eventualitäten zu wappnen.

«Sehr geehrte Damen und Herren», schrieb ich also an verschiedene Versicherungsgesellschaften, «erlauben Sie mir, dass ich mit einer auf den ersten Blick vielleicht etwas ungewöhnlichen Frage an Sie gelange.» Ich schilderte die Bedeutung meiner Nase für meine Weinleidenschaft und flunkerte nur insofern ein bisschen, als ich ausserdem behauptete, ich sei auch im Handel mit edlen Tropfen tätig. Sodann verwies ich auf Pianisten, die sich die kostbaren Hände versichern lassen, auf Sängerinnen und Fotomodels, die gleiches für ihre Stimmbänder beziehungsweise für ihre Busen tun. Frage deshalb: Gibt es auch Spezialversicherungen für Nasen oder das individuelle Geruchsvermögen?

Die Antworten der Versicherungen liessen nicht lange auf sich warten. Als erste schrieb die Berner Versicherung: «Leider können wir keine spezielle Versicherung der Nase anbieten. Wir bedauern, Ihnen keinen besseren Bescheid geben zu können, und wünschen Ihnen <gute Gesundheit>, damit Sie Ihren Beruf ungestört ausüben können.» Die Winterthur-Versicherung prüfte mein Anliegen, wie sie versicherte, «genau», wollte meine Nase aber ebenfalls nicht versichern. «Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass Ihnen die <Winterthur> keine entsprechende Versicherung anbieten kann, die Ihren Bedürfnissen vollumfänglich gerecht wird.» Auch die Zürich-Versicherung musste «leider» passen, wünschte mir aber trotzdem «recht viel Erfolg» in meiner «sehr interessanten Tätigkeit».

So erntete ich in Sachen Nasenversicherung nichts als Absagen. Immerhin waren die meisten angefragten Versicherungen so nett, mich auf Lloyd's Versicherungsmarkt in London hinzuweisen, wo man mir vielleicht am ehesten zu helfen wisse. «In unserem Bestreben, den Wunsch unserer Kunden nach einem umfassenden Versicherungsschutz sehr ernst zu nehmen», schrieb beispielsweise ein Herr Rossi von der «Winterthur», «empfehlen wir Ihnen deshalb, sich an Lloyd's of London, Zweigniederlassung Zürich, zu wenden.»

Drei Tage später ruft von sich aus ein Herr vom Büro John P. Gandolfi Insurance Brokers in Lugano an. Der Herr heisst Herr Willi und sagt, nachdem die Anfrage von der «La Suisse» direkt an ihn weitergeleitet worden sei werde er persönlich sich nun mit der Angelegenheit befassen und mein Begehren Lloyd's of London unterbreiten. Weiter meint Herr Willi, er sehe überhaupt kein Problem, dort meine Nase versichern zu lassen. Da habe man schon ganz andere Fälle gehabt.

«Spezialversicherung der Nase» ist der Fax überschrieben, der mich nach drei weiteren Tagen erreicht. Er enthält bereits die sogenannte Richtofferte, und zwar für den Fall eines Nasenunfalls. Von sich aus hat Lloyd's die Versicherungssumme auf 1 Million Franken festgesetzt. Diese soll gemäss dem Schreiben bei vollständiger Invalidität der Nase zur Auszahlung gelangen, das heisst, wenn «der Versicherte seine berufliche Tätigkeit nicht mehr ausüben kann». Als Jahresprämie werden dafür 2100 Franken gefordert.

Weiter schreibt Herr Willi, dass er leider noch keinen Markt für das Krankheitsrisiko gefunden habe, seine Bemühungen werde er jedoch fortsetzen. Nach drei weiteren Tagen der definitive Bescheid: Für das Krankheitsrisiko von Nasen ist in London kein Markt vorhanden. Weil es schwer kalkulierbar ist? Oder weil man das Risiko eines Schnupfens in England ganz einfach als zu hoch betrachtet? Auch Herr Willi weiss das nicht so genau, und leicht enttäuscht sage ich ihm, dass er mir nun halt ein Antragsformular zum Abschluss einer Versicherung, die das Nasenunfallrisiko deckt, schicken soll. Darauf erhalte ich einen dreiseitigen Fragebogen und einen siebenseitigen Vertrag.

Sind Sie Links- oder Rechtshänder? Arbeiten Sie an Maschinen? Nehmen Sie an Bobsleigh- oder Skeletonfahrten teil? Während ich den Fragebogen lese, frage ich mich, was das mit meiner Nase zu tun hat - sieht man einmal ab vom Risiko, dass man seine Nase an der Eiswand des Horse Shoe liegenlassen könnte . . . Ich blättere im Vertrag, der so klein gedruckt ist, dass man zum Brillenträger wird und auch dann noch nicht recht versteht, was gemeint sein könnte. Erst recht stutzig werde ich bei Artikel 6.2., der die Prozentsätze bei Verlust eines bestimmten Organs oder auch des Augenlichts regelt. Er soll für meinen speziellen Fall durch folgende Formulierung ersetzt werden: «In Abänderung von Art. 6.2 (Invalidität) gilt vereinbart, dass im Falle, dass die versicherte Person die Ausübung des Berufes als Weinschmecker bei dauernder totaler Invalidität nicht mehr ausüben kann, 100 Prozent der Versicherungssumme fällig wird.»

Totale Invalidität? Eigentlich hatte ich doch bloss die Nase gemeint. Und so fragt sich nun, wer hier wen an der Nase herumführen wollte.




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