NZZ Folio 02/05 - Thema: Normen   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Schatten der Meere

Der Walhai ist der grösste Fisch: 15 Tonnen schwer, 18 Meter lang, saugt 6000 Liter Wasser pro Stunde in seinen Schlund, kann seinen Magen umstülpen - die Bibel müsste umgeschrieben werden.

Von Herbert Cerutti

Wer als Sporttaucher zum ersten Mal einem Walhai begegnet, braucht gute Nerven. Da taucht aus dem Blau des Ozeans ein Schatten auf, wird grösser und immer grösser. Schliesslich schwimmt ein Wesen so mächtig wie ein Autobus auf das Menschlein zu. Und wenn das Tier auch noch sein Riesenmaul aufsperrt, in das man geradewegs hineinschwimmen könnte, muss man schon sehr fest an die Friedfertigkeit des Monsters glauben.

Der Walhai (Rhincodon typus) ist in der Tat ein sanfter Bursche. Bis zu 18 Meter lang und 15 Tonnen schwer und damit der grösste aller Fische, frisst er lediglich Plankton, kleine Krebse und Schwarmfische wie Sardellen. Von einem neugierigen Menschen nimmt der Riese kaum Notiz. Fühlt sich das Tier belästigt, entschwindet es ohne Hast in die Tiefe. Sporttaucher leisten sich zuweilen den Spass, die meterhohe Rückenflosse des Walhais zu packen und so per Huckepack durch das Blau zu rauschen.

Der Walhai liebt warme Gewässer. Er lebt rund um den Globus in den tropischen und subtropischen Meeren zwischen etwa 30 Grad nördlicher und 35 Grad südlicher Breite, wobei er seichte Küstengewässer mit Temperaturen zwischen 21 und 25 Grad Celsius besonders mag. Eine Megaparty für die Walhaie veranstalten alljährlich die Korallenriffe, wenn die Korallenpolypen Millionen von rosafarbenen Kugeln, gefüllt mit Eiern und Spermien, ausstossen. Dann verwandelt sich das Meer für Wochen in eine eiweissreiche Suppe, was alsbald Heerscharen von Planktontierchen herbeilockt. Der Planktonreichtum wiederum bringt Fischschwärme und auch die grossen Fresser wie Minkwale, Mantas und Walhaie ins Revier.

Zur Touristenattraktion ist mittlerweile die Korallenlaichzeit kurz nach dem Märzvollmond am westaustralischen Ningaloo-Riff bei Exmouth geworden. Zieht der Walhai sonst meist allein durch die Meere, kommen die Tiere gleich dutzendweise zum Gourmettreffen ans Riff. Der Walhai auf Fresstour gleicht einem gigantischen Staubsauger. Hat der Hai sein Maul üblicherweise an der Kopfunterseite, befindet es sich beim Walhai zuvorderst an der Schnauze. Trifft das Tier nun auf eine Planktonwolke, öffnet es das Maul zum mächtigen Rund und saugt das Wasser mitsamt der Beute in seinen Schlund. Mit Geruchsorganen links und rechts am Oberkiefer lokalisiert der Walhai die schwimmende Planktonmasse und putzt mit pendelnder Kopfbewegung die Herrlichkeit aus dem marinen Napf.

Jonas im Walhai

Man kann auch Walhaie beobachten, die sich mit offenem Mund senkrecht unter die Wasseroberfläche in die Strömung hängen und mit rhythmischem Auf und Ab Beute machen. Hat der Walhai einen flinken Sardellenschwarm vor seiner Schnauze, braucht es zum Jagderfolg entsprechende Dynamik: Wie eine Lawine fegt der Riese jetzt mitten in den Fischschwarm, um mit einem gewaltigen Schluck das fliehende Volk zu fangen.

So saugt der Hai pro Stunde um die 6000 Liter Wasser in den Schlund. Um in seinem Leib Plankton und Fischchen von der Wasserflut zu trennen, verfügt das Tier über ein raffiniertes Siebsystem. Wie alle Fische holt sich auch der Walhai den zum Atmen nötigen Sauerstoff über die Kiemen direkt aus dem Wasser. Beim Walhai öffnen sich in der Schlundwand Schlitze, die zu den zehn Kiemenspalten an der Kopfoberseite führen. Da die Eingänge zu den Schlitzen mit sehr engen Borstenrechen geschützt sind, kann der Hai das Kleingetier aus dem Wasser filtern, indem er periodisch das Maul schliesst, mit den Schlundmuskeln das Wasser durch den Rechen in die Kiemen drückt und schliesslich den am Rechen hängen gebliebenen Segen herunterschluckt.

Der riesige Wasserdurchsatz lässt zuweilen auch schwerverdauliche grössere Fische oder unverdaulichen zivilisatorischen Schrott im Haimagen landen. Um solchen Ballast los zu werden, verfügt der Walhai über ein erstaunliches Talent. Mit langsamer Bewegung vermag er seinen Magen wie einen Staubsaugersack durch die Maulöffnung nach aussen zu stülpen und nach dem Spülvorgang ebenso sachte wieder einzufahren.

Es gibt Vermutungen, dass der gute Jonas nicht von einem echten Wal, sondern von einem solchen Walhai versehentlich verschluckt und alsbald wieder per Magenkutsche im seichten Gewässer deponiert worden sei – schleimbedeckt zwar, aber unversehrt. Der Walhai wurde erstmals 1828 von der Zoologie wahrgenommen und wissenschaftlich klassifiziert, nachdem Fischer vor der Küste Südafrikas das seltsame Wesen an der Harpune gehabt hatten. Anfang der 1 930er Jahre bemühte sich Eugene Gudger vom American Museum of Natural History in New York um die Erforschung des Walhais. Jahrzehntelang sammelte er sämtliche Berichte von Fängen und auch von unbeabsichtigten Kollisionen von Schiffen mit den knapp unter der Wasseroberfläche ruhenden Riesenfischen. Dabei zeigte sich eine Verteilung der Spezies rund um den Globus, mit Schwerpunkt in den Gewässern der Philippinen.

Als Gudger im Jahre 1956 starb, erlahmte auch das Interesse an der Walhaiforschung. So bleibt bis zum heutigen Tag manches in der Entwicklung und im Verhalten des Riesenfisches rätselhaft.

Seltsam ist schon das äussere Kleid. Der Walhai trägt auf der Körperoberseite ein dichtes Muster aus gelblichweissen Flecken und Streifen. Aus grösserer Distanz löst diese Zeichnung die massive Fläche des Tieres auf und wirkt so als Tarnung. Doch wozu muss sich ein Tier tarnen, das wegen seiner Körperfülle keine natürlichen Feinde hat? Eine Hypothese sieht im individuellen Fleckenmuster eine soziale Erkennungsfunktion der meist weit verstreut im Meer lebenden Tiere. Eine andere Aufgabe der Pigmentflecken wäre ein Schutz vor der UV-Strahlung für die häufig nahe der Wasseroberfläche schwimmenden Tiere.

Mindestens teilweise gelöst ist das Rätsel der Fortpflanzung. Walhaie können 70 Jahre oder vielleicht noch viel älter werden; geschlechtsreif werden sie mit etwa 30. Wo und wie die Walhaie sich zur Paarung finden, weiss man jedoch nicht. Eine zufällige Entdeckung hat vor wenigen Jahren immerhin geklärt, was im Bauch der Mutter passiert. 1995 wurde ein elf Meter langes Walhaiweibchen vor der Küste Taiwans harpuniert. Verteilt auf zwei Uteri, fanden die erstaunten Fischer 300 Föten von 42 bis 63 Zentimetern Länge. Damit war bewiesen, dass Walhaie lebendgebärend sind und nicht Eier legen, wie man bis anhin glaubte.

Die Falschmeinung war 1953 entstanden, als im Golf von Mexiko ein 36 Zentimeter grosses Riesenei mit einem embryonalen Walhai darin gefunden wurde. Dass die Jungen noch im Mutterleib aus den Eierkapseln schlüpfen und dass das gefundene Ei deshalb einer verunglückten Schwangeren gehört haben musste, wurde also erst vierzig Jahre später klar.

Touristen ritten auf den Tieren

Der Walhai ist nirgendwo ein häufiger Fisch; wie viele Tiere es insgesamt rund um den Globus gibt, ist unbekannt. Für das Überleben der Walhaie vorteilhaft ist der Umstand, dass das weiche Fleisch auf dem Weltmarkt nicht viel gilt. In Taiwan allerdings ist der Walhai eine Delikatesse; es werden jährlich um die hundert Tiere erlegt. Und auf den Märkten in Hongkong und in Indien tauchen auch Flossen von Walhaien auf. In Japan, wo sonst fast alles, was schwimmt, auf den Teller kommt, wird der Walhai als Glücksbringer von den Fischern geschont. Denn sein Auftauchen deutet auf planktonreiches Gewässer hin, was alsbald weitere Planktonfresser und schliesslich auch den begehrten Thunfisch anlockt.

Am wertvollsten ist heute der Walhai als Touristenmagnet. Als auf den Philippinen in jüngerer Zeit vermehrt Walhaie für den taiwanesischen Markt erlegt wurden, erkannte der damalige Präsident Fidel Ramos den weit höheren Wert der lebendigen Tiere. 1998 erliess er ein totales Fangverbot. Und innert Kürze entwickelte sich in Donsol, einem vormals armen Nest 400 Kilometer südlich von Manila, ein blühender Ökotourismus.

Das «Butanding-Watching» (so wird der Walhai dort genannt) geriet bald ausser Kontrolle. Tausende von Besuchern wurden mit Auslegerbooten direkt über die Leiber der friedlich treibenden Haie geschifft, wo das Volk dann ins Wasser sprang, die Tiere betatschte und auf ihnen ritt. Im Chaos kenterten Boote; Schwimmer wurden durch die Schiffsschrauben verletzt – die Walhaie zeigten zunehmende Scheu. Heute müssen die Ausflugsboote mindestens fünf Meter Abstand von den Haien halten, und das Tauchen mit den Tieren ist untersagt.

Auch am legendären australischen Ningaloo-Riff sahen sich die Behörden schliesslich gezwungen, die Walhaie vor der Zudringlichkeit der Besucher zu schützen. Hier müssen die Boote sogar 30 Meter von den Tieren entfernt bleiben, und innerhalb eines Radius von 250 Metern um den Hai herum darf sich jeweils nur ein einziges Boot während höchstens 90 Minuten aufhalten. Wer mit den Haien schwimmen will, darf die Tiere nicht berühren und muss mindestens einen Meter Distanz halten.

Denn nur mit dem nötigen Respekt lässt sich verhindern, dass die von Natur aus friedlichen Riesen nicht eines Tages genug von der menschlichen Gesellschaft haben und in die Einsamkeit der Ozeane entschwinden.


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