Als er im Januar letzten Jahres eine Gastprofessur in Leipzig annahm, schien der weitere Lebensweg des eben sechzigjährigen Kurt Biedenkopf eher von der Politik weg in die Lehrtätigkeit zu führen. Seine unkonventionellen, gelegentlich das Establishment provozierenden Ideen stiessen parteiintern zunehmend auf Kritik. Als schliesslich auch die Wähler Nordrhein-Westfalens der von ihm geführten CDU eine Absage erteilt hatten, legte er im Frühling 1987 den Vorsitz nieder und kehrte als einfacher Abgeordneter in den Bundestag zurück. Die ihm immer wichtige Verbindung zur Praxis hielt er als Berater für einen grossen Verlag aufrecht.
Diese Tätigkeiten allein vermochten in einer Zeit des sich abzeichnenden grossen Umbruchs den regsamen Geist allerdings nicht zu befriedigen. Auf einem Symposium über die Einführung der Marktwirtschaft in Osteuropa äusserte er im Juni 1989 Ideen, die von der Überzeugung getragen waren, dass die Umgestaltung nicht nach irgendwelchen Patentrezepten vor sich gehen könne, gefragt seien vielmehr pragmatische Lösungen. Biedenkopf konnte damals freilich nicht ahnen, dass er nur 16 Monate später selber auf dem Prüfstein der Geschichte stehen würde. Kaum hatte er seine Vorlesungstätigkeit aufgenommen, wurde er seiner Ansichten und Kenntnisse wegen, und gewiss auch wegen seines kämpferischen Temperaments, in die Politik zurückgeholt. In den sächsischen Landtagswahlen errang er für die CDU die absolute Mehrheit, und am 27. Oktober 1990 wählte ihn das Parlament mit 120 von 152 Stimmen zum Ministerpräsidenten des fünf Millionen Einwohner zählenden Freistaats Sachsen.
Die sächsische Staatskanzlei am rechten Elbufer von Dresden ist ein robustes Regierungsgebäude aus der Zeit der Jahrhundertwende. An die Pracht der eleganten, feingliedrigen, zum Teil verspielten, im Zweiten Weltkrieg durchwegs zerstörten Barockbauten auf der anderen Seite des Flusses reicht es nicht heran. Als die DDR, in der es keine Länder gab, noch existierte, war hier die Bezirksverwaltung eingerichtet; nun ist der dumpfe Mief der SED einer offenen Atmosphäre gewichen. Im Amtszimmer des Ministerpräsidenten fällt der Blick auf ein grosses, abstraktes Bild des Dresdener Malers Göscher, auf eine Steinplastik, die das Bombardement des Zwingers überstanden hat, auf ein Schaltelement der Telefonzentrale Dresden und auf eine Federzeichnung des Karikaturisten Murschetz. Die Anordnung wirkt zufällig, macht aber gleichwohl Sinn. Die Skulptur vom Zwinger erinnert an Sachsens grosse Zeit, an jene glücklichen Jahrzehnte, da Dresden ein weithin ausstrahlendes Zentrum der Kunst war. Das abstrakte Ölbild lädt den Betrachter ein, einen Moment stillzuhalten, nachzudenken und die Dinge von einer andern Seite zu betrachten. Das mechanische Schaltelement, dessen Funktionsweise der Ministerpräsident mit sichtlichem Vergnügen erklärt, steht für die Zeit, die man hinter sich lassen will; eben wurde das System aus Grossvaters Zeiten durch eine digitale Zentrale ersetzt.
Die Zeichnung des Karikaturisten Murschetz schliesslich mag dem Landesherrn dann weiterhelfen, wenn sich seine Zuversicht im politischen Kleinkrieg verflüchtigen sollte. In Zweiergruppen stemmen Männchen Felsbrocken einen Berg hinauf. Eines der Gespanne befindet sich im jähen Aufstieg, eines hat den Bergkamm erreicht. Das dritte hat ihn überschritten - und siehe da, der Stein hat sich wunderbarerweise in einen Ballon verwandelt und schwebt davon. «Wir befinden uns auf Stufe eins», sagt Kurt Biedenkopf lächelnd, «das Ziel ist noch in weiter Ferne. Aber unerreichbar ist es nicht.»
Als CDU-Generalsekretär wurde er zuweilen in leicht gönnerhafter Manier als «Professor» apostrophiert. Nun ist Kurt Biedenkopf zwar von Haus aus Rechtsprofessor, aber sofern die Etikettierung Kathederweisheit insinuiert, ist sie unzutreffend. Ein gewisser Hang zum Dozieren ist ihm zwar eigen, doch vermittelt er mehr persönliche Erfahrung und pragmatische Erkenntnis als Doktrin. Die offene katholische Weltsicht, die dahinter steht, ist spürbar, ohne dass sie penetrant wirken würde.
In der Tat ist die Umstellung von der realsozialistischen Ökonomie auf den Markt derzeit die wohl spannendste politische Herausforderung. Über ihre anerkannten Vorzüge hinaus hat die Marktwirtschaft Verhalten und Denken der Menschen geprägt. «Sie ist eine kulturelle Leistung», sagt Biedenkopf, «nur in der offenen Gesellschaft entwickeln die Menschen die Fähigkeit, sich selber zu organisieren und Initiative zu entfalten.» Zu seinen bestimmenden Eindrücken der ersten Monate gehört so die Erkenntnis, dass der vormundschaftliche Staat das Verhalten der Menschen nachhaltiger geprägt haben muss, als er vermutet hatte. «Mit Gesetzen allein lässt sich ihre innere Einstellung nicht ändern; Initiative und Verantwortung müssen erlernt werden», hat Biedenkopf erkannt, doch ist er als liberaler Katholik davon überzeugt, dass die zeitweilig verschütteten Anlagen der Menschen wieder zum Vorschein kommen werden. In öffentlichen Erklärungen wie in privaten Gesprächen vermeidet er jene abwertende Pauschalkritik am fehlenden Arbeitswillen der «Ossis», die in den letzten Monaten viel böses Blut verursacht hat: er hält es für richtiger, die Leute zu ermutigen. Sachsen, das einst zu den hochentwickelten Industriegebieten Europas gehörte, hat günstigere Voraussetzungen für die Umstellung als Länder ohne industrielle Tradition.
Die mit dem gesellschaftlichen Umbruch einhergehenden Schwierigkeiten sind auch so noch gewaltig. Viele in unrentablen Betrieben Beschäftigte wurden arbeitslos. Biedenkopfs Hoffnung geht dahin, dass sich ein Teil der gegenwärtig in der Schattenwirtschaft Tätigen selbständig mache. In diesem Sinne sind die in fünf Monaten eingegangenen 43 000 Anträge zur Führung von Gewerbebetrieben ermutigend. Inhaltlich decken sich die Gesuche freilich selten mit den Mangelberufen. «Zurzeit meldet sich jeder mit dem, was er am besten kann, als Tankwart oder als Verwalter einer Videothek, das ist der Anfang.» Zum Wiederaufbau des von der DDR sträflich vernachlässigten Handwerks wird ein Schulungszentrum eingerichtet. Über die CDU-Anhänger hinaus akzeptieren die Sachsen den in Ludwigshafen am Rhein geborenen Ministerpräsidenten mittlerweile als einen der Ihren, sie haben Biedenkopf adoptiert. Er, der hier lediglich einige Jugendjahre verbracht hat, hat sich mit Elan zum Anwalt Sachsens gemacht, und er hat dank seinen vielfältigen Beziehungen etliche dicke Fische an dieses Land gezogen wie etwa die 800-Millionen-Mark-Investition eines Versandhauses. Als überzeugter Europäer scheut er sich aber auch nicht, Sachsen auf Wege zu weisen, die ein einheimischer Politiker nicht ohne weiteres einzuschlagen wagte. Das Land soll nicht nur Empfänger westdeutscher Hilfe sein, sondern seinerseits zur Entwicklung der Nachbarregionen Böhmen, Mähren und Schlesien beitragen.
Hier gibt es Möglichkeiten der Zusammenarbeit und Arbeitsteilung, die unter dem Realsozialismus völlig brach lagen. Zugverbindungen und Strassen müssen verbessert werden; heute verkehren die Züge in der Region mit einer Geschwindigkeit von höchstens 50 Kilometern pro Stunde. «Spitzengeschwindigkeiten von 160 wären schon eine schöne Leistung», meint der Regierungschef; die Einführung von Hochleistungszügen hält er, ganz der Praktiker, allerdings für utopisch - vorläufig.
Zusammenarbeit ist Biedenkopf wichtiger. So könnten Tschechoslowaken und Polen in sinnvoller Weise an die Europäische Gemeinschaft herangeführt werden. «Eine Aufgabe für eine Generation!» Das Schlusswort des Wahlsachsen klingt ernst und zuversichtlich zugleich.