NZZ Folio 03/08 - Thema: Volksvertreter   Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 – Gewählt!

© Daniel Auf der Mauer, Zürich
Pius Segmüller, 55: Quereinsteiger mit Support der Schweizergarde. Linktext
Am 21. Oktober 2007 schaffen es 53 Kandidaten neu in den Nationalrat. Unter ihnen: Andrea Geissbühler (SVP), Brigit Wyss (Grüne), Christian Wasserfallen (FDP), Daniel Jositsch (SP) und Pius Segmüller (CVP). Ab heute ist für sie nichts mehr, wie es vorher war.

Von Andrea Strässle, Andreas Heller und Daniel Weber

Christian Wasserfallen, FDP: Maschineningenieur, 26

Nach dem Mittagessen schaltet Christian Wasserfallen den Computer ein und klickt auf die Website des Kantons Bern. Die ersten Landgemeinden haben die Wahllisten ausgezählt. Es läuft nicht schlecht für ihn. Er stürmt die Treppe hinunter in die Wohnung der Mutter, die im selben Mietshaus im Berner Elfenauquartier lebt, und ruft: «Du, ich bin überall dabei!» – «Schön, aber es ist ja auch noch früh», warnt Margret Wasserfallen, «da kann noch viel passieren.»

Margret Wasserfallen hat Erfahrung mit Wahlen. Ihr im Dezember 2006 an Krebs verstorbener Ehemann Kurt Wasserfallen war über zwanzig Jahre lang in der Politik, hat unzählige Wahlkämpfe ausgefochten. Er war Berner Stadtrat, Grossrat des Kantons Bern, Gemeinderat und auch Nationalrat. Dass ihr jüngerer Sohn, der seit vier Jahren Berner Stadtrat ist, den Sitz ihres Mannes im eidgenössischen Parlament zurückerobern könnte, erscheint ihr unwahrscheinlich – obwohl sich der Chrigu derart in den Wahlkampf reingehängt hat, dass er kaum noch zu Hause war, und einige Zeitungen ihn zum Favoritenkreis zählen. Margret Wasserfallen erhofft sich für ihren Sohn einen guten Ersatzplatz. So wie vor vier Jahren, als er zusammen mit dem Vater schon einmal für den Nationalrat kandidierte.

«Also, ich warte hier, Gewehr bei Fuss», sagt seine Mutter, als sich Christian Wasserfallen gegen 16 Uhr auf den Weg ins Berner Rathaus macht. Wie er dort ankommt, hat sich an der Lage nichts verändert. Er liegt knapp hinter dem Seeländer Marc F. Suter und dem Berner Oberländer Peter Flück. Um 18 Uhr zieht er mit den Jungfreisinnigen weiter ins Zunfthaus zur Pfistern zum Racletteessen. Jemand hat einen Laptop dabei. Wasserfallen hat mittlerweile Suter überholt, liegt aber noch immer hinter Flück. Die Runde verschiebt sich ins Hotel Adler, ins Wahlquartier der FDP. Als die Resultate aus der Agglomeration hereinkommen, hat sich das Blatt gewendet. Wasserfallen liegt vorn.

«Chrigu, du bist gewählt!» sagt der Parteipräsident Johannes Matyassy zuversichtlich. Aber Christian Wasserfallen traut der Sache noch nicht. Er ruft seine Mutter an: «Komm ins Rathaus, es sieht danach aus, als würde ich tatsächlich gewählt!» Margret Wasserfallen eilt aufs nächste Tram. Als sie um 23 Uhr im Rathaus erscheint, ist ihr Sohn hypernervös. In wenigen Minuten kommt das Resultat, und ausgerechnet jetzt will ein Reporter noch ein Interview: «Christian Wasserfallen, es sieht spannend aus…» In diesem Moment verkündet Staatsschreiber Nuspliger die definitiven Resul­­­tate. Christian Wasserfallen: 51 582 Stimmen. Er ist mit 6000 Stimmen Vorsprung auf Peter Flück gewählt.

Er macht einen Luftsprung. Vor zehn Monaten, nach dem Tod des Vaters, wollte er die Politik hinschmeissen. Und nun der Triumph. Er lässt den Reporter stehen und eilt zu seiner Mutter, seinem Bruder und den Kollegen von den Jungfreisinnigen. Dem Politiker, der immer für Härte plädiert, rinnen die Tränen übers Gesicht. «Das ist einfach der Hammer!» sagt er immer wieder. Dann telefoniert er seiner Freundin Alexandra Thalhammer, die einen Sprachaufenthalt in Frankreich macht: «Du, ich habe es geschafft…» In seiner ersten Stellungnahme sagt er: «Gern hätte ich meine Freude mit meinem Vater geteilt. Ihm widme ich meinen Sieg.»

Pius Segmüller, CVP: Sicherheitschef Fifa, 55

Um 13 Uhr hält es Pius Segmüllers 18-jährige Tochter Stephanie nicht mehr aus: «Ich stelle jetzt den Fernseher an.» Der Sohn Tobias und die Ehefrau Therese sind gleicher Meinung. Zwar hatte der Vater für den Wahltag die Parole ausgegeben «Vor 16 Uhr werden weder Fernseher, Radio noch Internet eingeschaltet», aber jetzt zappt sich seine Familie ungeduldig durch die Programme bis zu Tele Tell. Pius Segmüller verbringt den Sonntag zu Hause in seiner Attikawohnung am Rande von Luzern. Der Sicherheitschef der Fifa, ehemals Kommandant der Schweizergarde, hat sich im Freizeitdress – Faserpelz mit dem Aufdruck «Guardia Svizzera Pontifica», Trainerhose und Adiletten – aufs Sofa gefläzt, liest Zeitungen und vertreibt sich die Zeit mit Kreuzworträtseln. Doch schliesslich setzt auch er sich vor den Fernsehapparat. Der Lokalsender meldet, dass die CVP gut im Rennen liege. Die Chancen für den Neuling Segmüller sind intakt.

Nun wird Segmüller, der sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen lässt, plötzlich nervös. Er zieht sich zurück in sein Büro und sucht im Internet nach aktuellen Meldungen. Um 14 Uhr 30 kommt die Nachricht, dass es der CVP, die mit zwei Listen angetreten ist, wohl kaum zu einem zusätzlichen Sitz reichen werde. Segmüller verspürt eine leise Enttäuschung, aber da klingelt das Telefon. Ein Wahlhelfer ist am Apparat: «Pius, es sieht gut aus für dich! Du hast im ganzen Kanton Stimmen gemacht, und wahrscheinlich wird die zweite CVP-Liste einen Sitz erhalten. Bis später!» Eines ist klar: Die zweite Liste muss einen Sitz gewinnen, nur dann hat er eine Chance.

Für 16 Uhr hat die Luzerner CVP ihre Leute ins Wahlzentrum im ehemaligen Hotel Union aufgeboten. Doch Segmüller will noch einen Spaziergang machen, in Ruhe ein wenig durchatmen. Als er gegen 17 Uhr im Wahlzentrum eintrifft, fehlen zwar noch die Stimmen aus der Stadt und aus Emmen, aber er liegt eindeutig in Führung, und alles deutet darauf hin, dass die zweite Liste einen Sitz machen wird. Eine halbe Stunde später steht das Ergebnis fest. Segmüller nimmt freundlich lächelnd die Glückwünsche entgegen. Dann zieht er sich in eine ruhige Ecke zurück und ruft seine Frau an: «Es hat gereicht», flüstert er ins Handy.

Die Stimmung im Hotel Union ist verhalten. Die Partei hat ihr Ziel, den vierten Sitz, verpasst. Und ein Bisheriger musste dem Quereinsteiger Segmüller Platz machen. Der abgewählte Landwirt Franz Brun wird mit einer stehenden Ovation verabschiedet. Der Applaus für Pius Segmüller, der erst vor drei Jahren der CVP beigetreten ist, bleibt dagegen bescheiden. Immerhin bekommt auch er einen Blumenstrauss. Bald verlässt er das Lokal, um sich im Regierungsgebäude den Medien zu stellen. Eine Stunde später trifft er sich mit seiner Frau und Freunden in der «Laterne» zum Abendessen und feiert im kleinen Kreis. Es wird nicht spät. Um 23 Uhr sind die Segmüllers wieder zu Hause.

Brigit Wyss, Grüne: Umweltjuristin, 47

Der Blick durch das Küchenfenster fällt direkt auf die Aare, die sich grauschwarz durch Solothurn wälzt. «Die freie ­Natur ist unsere Freiheit», steht auf dem Hundertwasser-Plakat über der Eckbank. In zwei Stunden schliessen die Wahllokale. Brigit Wyss, ihr Lebenspartner Stelios und Sohn Dimitri blättern durch die Listen der Kandidaten. Sie sind zurzeit nur zu dritt, die Pflegetochter Karin ist auf Asienreise. Auf Platz drei der Liste 4, Grüne: Brigit Wyss, Juristin im Umweltbereich. Auf Platz sieben der Liste 13, SP/Juso: Dimitri Wyss, Schüler. Vater Stelios setzt beide je zweimal auf seine Wahlliste. Mutter und Sohn frotzeln. «Stell dir vor, Dimi, du hättest eine Nationalrätin zur Mutter…» Der 18-jährige Maturand grinst. «Wäre ja noch schöner!» Wenig später radeln die drei hinauf zur Solothurner Stadtkanzlei. Brigit Wyss betritt das Wahllokal, grüsst nach links und rechts. «Und, Evelyn, wie läufts?» fragt sie eine der Frauen des Wahlbüros. Wyss wirft das Couvert mit ihrer Wahlliste in die Urne. Sie ist eine von 2 373 071 Schweizerinnen und Schweizern, die an diesem Wochenende ihre Vertreter ins eidgenössische Parlament wählen.

In der Genossenschaftsbeiz Kreuz haben die Grünen und Bunten Solothurn den Saal zum Wahltreff hergerichtet. Etwa zwanzig Parteikollegen diskutieren: Schaffen wir es nach 16 Jahren wieder in den Nationalrat? Die Medien hielten es für möglich und handelten die Parteipräsidentin Iris Schelbert als Favoritin. Die Spannung steigt mit jeder ausgezählten Gemeinde. Kurz vor 14 Uhr wird Brigit Wyss von Iris Schelbert aus der Runde gerissen. «Wir müssen ins Rathaus», sagt sie. «Ich glaube, wir haben den Sitz – und ich glaube, du hast ihn.»

Ohne richtig zu verstehen, greift Brigit Wyss nach ihrem Mantel. Ihre Gedanken wirbeln durcheinander: Ich? Das kann nicht sein. Warum nicht Iris? Auf dem Weg zum Rathaus strecken sich ihr bereits Hände entgegen, wollen gratulieren. Sie ist verunsichert: Steht das Resultat denn schon fest? Als sie im Rathaus eintreffen, sind immer noch nicht alle Stimmen ausgezählt, doch an der Wahl von Brigit Wyss zweifelt ausser ihr keiner mehr. Plötzlich ist auch ihr Lebenspartner Stelios da und schliesst sie in die Arme, ein Journalist von Tele Bärn fragt sie nach ihrer Handynummer für eine spätere Live-Schaltung. Sie lacht mit Tränen in den Augen. «Ich habe kein Handy.»

Andrea Geissbühler, SVP: Polizistin, 31

Eine halbe Stunde vor Mitternacht reisst ihr Handy Andrea Geissbühler aus dem Schlaf. Es ist ihr Vater. Sie versteht nicht recht, was er ruft, da lärmt jemand im Hintergrund, die Stimme der Mutter, die sich fast überschlägt. Ist ihre Mutter Sabina womöglich gewählt worden? Jetzt klingelt auch noch das Telefon. Geissbühler drückt das Handy ihrem Freund in die Hand und nimmt den Hörer ab. Ein Arbeitskollege aus der Polizeizentrale ist am Apparat. Was sagt er? Er gratuliere zur Wahl? Sie versteht gar nichts mehr. «Ach was, ihr wollt mich auf den Arm nehmen.»

Einen Augenblick später steht sie vor dem Fernseher und starrt auf den Bildschirm. «Resultat Kanton Bern, Nationalrat, 26 Sitze», heisst es da. Darunter sind die Portraits der zehn Gewählten der SVP aufgereiht. Ein Bild nach dem andern wird gross in den Vordergrund gerückt, der Name des Gewählten genannt: Amstutz, Haller, Graber, Joder, Waldfluh, Schenk, Grunder, Aebi, von Siebenthal – und zuletzt, unten rechts, tatsächlich, ist sie, Andrea Geissbühler. «Erst in dem Moment, als ich mein Bild sah, wusste ich: Es ist wahr.»

Sie zieht sich an. Ihr Freund chauffiert sie in die Halensiedlung zu ihren Eltern. Erst ein paar Stunden ist es her, seit sie dort gemeinsam Fondue gegessen haben. Während der Kommentator im Fernsehen von einem Wahlkrimi sprach, tunkten sie ungerührt Brotstücklein in den geschmolzenen Käse. Weder sie noch ihre Mutter, mit der sie den Wahlkampf bestritten hatte, rechneten damit, gewählt zu werden. Umso grösser ist jetzt die Aufregung im Hause Geissbühler, ein Korken knallt, Gläser klingen. Die Mutter schwankt hin und her zwischen Enttäuschung und Begeisterung. Wer hätte das gedacht: Sie, die ehemalige Berner Grossrätin, wird übertrumpft von ihrer 31-jährigen Tochter, die noch nie ein politisches Amt ausgeübt hat.

Andrea Geissbühler findet, es sei zu spät fürs Rathaus, den Treffpunkt von Presse und Kandidaten. Stattdessen fährt sie in die Polizeizentrale und feiert mit ihren Kollegen. «Nimm doch morgen frei», offeriert der Chef. Nichts da, meint die frisch gewählte Nationalrätin. Und so fährt sie um 2 Uhr 30 nach Hause und fällt ins Bett.

Daniel Jositsch, SP: Strafrechtsprofessor, 42

Wird es reichen? Daniel Jositsch wirft einen langen Blick auf den Bildschirm und presst die Lippen zusammen. Erst ein kleiner Teil der Stimmen ist gezählt, er liegt auf Platz acht. Bei den letzten nationalen Wahlen 2003 hatte die Zürcher SP zehn Sitze erobert, doch die wird sie kaum halten können. Bei den kantonalen Wahlen im April 2007, bei denen er es in den Kantonsrat schaffte, brach die SP ein und verlor siebzehn Sitze. Aber Chantal Galladé, seine Parteigenossin und engste politische Vertraute, muntert ihn auf: «Das reicht, du bist drin. Schlimmstenfalls wirst du Neunter.»

Es ist 16 Uhr an diesem wolkenverhangenen Sonntag, immer mehr Journalisten in ausgebeulten Hosen und schlecht sitzenden Jacketts bevölkern das Medienzentrum Walcheturm in Zürich. Als auf den Bildschirmen die erste Hochrechnung erscheint, traut Daniel Jositsch seinen Augen nicht. Er dreht sich um zu Chantal Galladé und blickt sie ratlos an.

«Was ist los?» fragt sie.

«Wir haben nur noch sieben Sitze.»

«Jetzt musst du halt ein bisschen Gas geben. Du musst dran glauben!»

Und in dem Moment springt er auf der Rangliste der bereits ausgezählten Stimmen von Platz acht auf Platz fünf. Vermutlich trafen gerade die Resultate der Gemeinde Stäfa oben am Zürichsee ein, wo er wohnt, aber Chantal Galladé sagt: «Siehst du!»

Jositsch wurde von seiner Partei auf Platz fünfzehn der SP-Liste gesetzt. Er hat also nur dann eine Chance, wenn Wählerinnen und Wähler vor ihm liegende Kandidaten von der SP-Liste streichen oder ihn auf die Listen anderer Parteien setzen. Kurz vor 18 Uhr liegt er immer noch auf Platz fünf. Ein paar Journalisten im Walcheturm drängen ihn zu einer Stellungnahme, aber er winkt ab.

Um 20 Uhr verlässt Daniel Jositsch das Medienzentrum und fährt mit dem Tram ins «Cooperativo». Im SP-Stammlokal beim Stauffacher sitzen die Genossinnen und Genossen an den roten Resopaltischen, und Karl Marx blickt streng von der Wand auf das Debakel: Die SP Zürich hat drei ihrer zehn Sitze verloren. Die Stimmung schwankt zwischen Katzenjammer und Galgenhumor. Jositsch setzt sich nicht, er kriegt jetzt keinen Bissen runter. Unruhig tigert er auf und ab, den Blick auf die Leinwand geheftet, auf der die Website des Statistischen Amts zu sehen ist. Der Professor für Strafrecht an der Universität Zürich, Major der Schweizer Armee, kann nichts tun ausser warten. Er bläst die Backen auf und schnauft tief aus. Als jemand ruft «Das Resultat ist da!», rennen alle zur Leinwand, die Journalistin von Tele Züri schaltet ihren Scheinwerfer ein – Fehlalarm. Der Scheinwerfer geht wieder aus. Gegen Mitternacht reicht jemand Daniel Jositsch einen Cognac. Er liegt inzwischen auf Platz sieben, damit wäre er gewählt, aber in der Stadt haben Kandidaten von ausserhalb immer einen schweren Stand. Mit jedem ausgezählten Stadtzürcher Wahlkreis schrumpft sein Vorsprung auf die bisherige Nationalrätin Vreni Müller-Hemmi: Von 1219 Stimmen auf 993, dann auf 472, und jetzt erwartet man das Resultat aus dem Kreis 7/8, wo seine Konkurrentin wohnt. Um 0 Uhr 30 erscheint die Zahl auf der Leinwand: Er führt noch immer, mit 186 Stimmen. Vreni Müller-Hemmi packt ihren Blumenstrauss und geht nach Hause.

Das «Cooperativo» hat sich geleert, knapp zwei Dutzend Freunde von Daniel Jositsch harren noch mit ihm aus. Jetzt fehlt noch der Kreis 4/5, er wird über Sieg oder Niederlage entscheiden. Zäh bewegen sich die weissen Zeiger auf der Wanduhr über das rote Zifferblatt. Um 2 Uhr sagt Jositsch entnervt zu Regierungsrat Markus Notter: «Du, was ist da eigentlich los? Zählen die überhaupt noch?» – «Ja, sicher, die müssen», beschwichtigt ihn Notter, ruft dann aber doch im Wahlbüro 4 an, um sich zu vergewissern. «Es ist noch einer dran», meldet er. Endlich, es ist 2 Uhr 30, springt auf der Leinwand die Anzeige der ausgezählten Stimmen von 98 auf 100 Prozent. Jositschs Handy klingelt, er nimmt nicht wahr, wer ihm gratuliert, er starrt auf die Zahlen: Er ist mit 92465 Stimmen, mit 44 Stimmen Vorsprung vor Vreni Müller-Hemmi, in den Nationalrat gewählt worden.

«44 Stimmen», murmelt er erschöpft, während er umarmt wird. Vor der Kamera von Tele Züri sagt er abgekämpft: «Ich freue mich, dass es zum Schluss für mich so herausgekommen ist. Aber es ist schade, dass es für meine Partei nicht ein Tag ist, an dem man wirklich feiern kann.» Ein bisschen gefeiert wird dann doch noch im «Cooperativo», Nationalrat Jositsch spendiert Prosecco.

Und dann bekommt er schlagartig Hunger. Mit Martin Naef, dem Präsidenten der Kantonalzürcher SP, bricht er um 4 Uhr auf in den Kreis 4, der ihn so lange auf die Folter gespannt hat; sie landen in einer Pizzeria in der Langstrasse. Dann begleitet er Naef, der um die Ecke wohnt, nach Hause, trinkt mit ihm ein Glas schlechten Rotwein, den sie unterwegs gekauft haben, und macht sich zu Fuss auf durch die erwachende Stadt in sein Büro am Rechtswissenschaftlichen Institut an der Rämistrasse. Er steigt ins Untergeschoss, um zu duschen und sich zu rasieren, zieht sich um, und pünktlich um 8 Uhr 15 erscheint er zum Sitzungsbeginn im Kantonsrat. Das ist Ehrensache.



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