NZZ Folio 01/94 - Thema: Pleiten   Inhaltsverzeichnis

Falliere und lerne

Vom Nutzen und Schaden der Pleite.

Von Beat Gygi

In grosser Spannung hat sich der Chemiker am Montag morgen auf den Weg ins Labor gemacht, um das Resultat seines jüngsten Versuches zu prüfen. Dreizehn Jahre wiederholter Enttäuschungen und die Tatsache, dass ihm in seiner ganzen Forscherkarriere noch kein einziges Mal eine chemische Synthese von grösserem Wert geglückt ist, blendet er aus, wenn er sich ausmalt, welch durchschlagenden Erfolg, welch ein Ansehen ein positives Versuchsresultat bedeuten könnte. Gegen Mittag weiss er indessen, dass auch dieser jüngste Ansatz in einer Sackgasse geendet hat. Zerknirscht beginnt er den achtzehnten grossen Fehlschlag in seiner Laufbahn als Forscher eines grossen Chemieunternehmens zu verdauen - er, der sich seinerzeit als brillanter Student bei einem Nobelpreisträger in die Kunst des «Kochens» eingearbeitet hat.

Obwohl der Chef seine destruktiv anmutende Arbeit wiederholt lobt, trägt der Forscher schwer am Schicksal, immer in Sackgassen zu geraten. Beim Klagen über seine Serie von Minipleiten stösst er aber auf wenig Echo, denn andere Leute (die die Welt nicht vorwiegend durchs Reagenzglas betrachten) finden den Ausdruck Pleite hier reichlich dramatisch und rücken seine Situation ins rechte Licht: Ein echter Pleitier wäre er etwa dann gewesen, wenn er an jenem Montag morgen sich auf den Weg gemacht hätte, um beim Konkursamt die Zahlungsunfähigkeit seiner Firma zu erklären. Pleite machen heisst mehr als Scheitern im Labor - es bedeutet auch, die Geldgeber mit den Trümmern eines einst hoffnungsvollen Unternehmens zu konfrontieren. Pleite bedeutet Flucht, Flucht des Gescheiterten vor den Gläubigern, die ihm seinerzeit Mittel überlassen haben; Flucht auch aus der Verantwortung, meist unter den Schutz des Gesetzes. Geregelt werden solche Fluchten in Konkursverfahren - und diese sind härter als der Projektwechsel eines im Konzern eingebetteten Forschers.

Dies lenkt des Chemikers Blick auf die «freie Wildbahn» der Märkte: Mit leichtem Schaudern sieht er, welchen Anforderungen Unternehmer im Kapitalismus genügen müssen. Wer für seine Forschungs- und Entwicklungspläne keine Geldgeber zu gewinnen vermag, wer Hoffnungen nicht in Kredite umzumünzen weiss, hat Mühe, ins Rennen einzusteigen. Und wer die Grundlage für seine Geschäfte nicht innert nützlicher Frist selber erarbeiten kann, fliegt aus der Bahn und zieht nach der Bruchlandung erst noch den Zorn der Gläubiger auf sich. Rasch sind diese dann zur Stelle und reissen sich um das, was unter den Trümmern des Unternehmens noch zu finden ist. Ohnmächtig müssen Unternehmer zusehen, wie die Verwertung ihrer Maschinen grosse Teile jenes Wertes vernichtet, den sie ihrer Ansicht nach in der weiterbestehenden Firma entfaltet hätten. Profitieren dürften allenfalls ausseramtliche Konkursverwalter, denn dieses Geschäft - von Juristen für Juristen erdacht - wird nach anfallendem Aufwand abgegolten, so dass ein geschäftiges, prozessorientiertes Hinziehen des Verfahrens dieser Branche immer gelegen kommt.

Der Chemiker spinnt den Faden weiter, versucht sich in die Rolle eines Pleitiers zu versetzen. Mit seiner Veranlagung zum Aufspüren von Sackgassen hätte er mit einer eigenen Firma sicher schon zwei-, drei-, viermal Pleite gemacht. Bereits sieht er sich Anlagen und Geschäftsbeziehungen aufbauen, gegen Behörden ankämpfen und chronisch Geld verlieren. Bei der Vorstellung, wie er als Pleitier den Weg in Schande und Versenkung anzutreten hätte, und beim Gedanken, dass in der Schweiz gegenwärtig pro Arbeitstag über dreissig Unternehmen den Geist aufgeben, bekommt er Hühnerhaut. Eine Zeitungsnotiz über die Schliessung seiner Firma würde genau das illustrieren, was er als Brutalität des kapitalistischen Wettbewerbs empfindet.

Assoziationen zur biologischen Evolution verdüstern die Stimmung des Naturwissenschafters erst recht - Gedanken an den mörderischen Kampf ums Dasein, an dieses Rennen, bei dem die Schwächeren auf der Strecke bleiben und Arten aussterben. Freilich will er die biologische Evolution nicht direkt mit der Entwicklung einer Wettbewerbswirtschaft vergleichen, aber die beiden Prinzipien Variation und Auslese springen doch als zentrale Merkmale beider Regelsysteme ins Auge - und die Auslese à la Darwin erscheint ihm brutal.

Nun hat sich der Forscher aber einmal mehr verrannt: Das Mitgefühl für die Einzelfälle hat ihm die Sicht auf die gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge verstellt. Evolution bedeutet - auf biologischer wie auf wirtschaftlicher Ebene - nämlich auch eine dynamische Weiterentwicklung, lässt neue Arten entstehen. Wer in Konkursen lediglich ein Werk der Zerstörung, die Vernichtung von Kapital und Arbeitsplätzen erblickt, übersieht wichtige Facetten des Wettbewerbs; Firmenschliessungen zeugen auch von einer lebendigen Wirtschaft, sind das Spiegelbild der florierenden Betriebe. Die besseren Unternehmen verstehen im Wettbewerb mit den weniger effizienten Firmen Finanzmittel, Boden, Arbeit und Wissen offenbar besser zu nutzen, entlöhnen all dies höher und entziehen mit der Zeit den Lahmeren die Existenzgrundlage. Pleiten setzen somit auf einen Schlag jene Menschen und Mittel frei, die bis dahin für weniger produktive Zwecke absorbiert worden sind. Dass beispielsweise in Russland die Konkurse ausbleiben, bedeutet, dass die Verlustgeschäfte weiterhin knappe Ressourcen aufzehren, diese zu Schrott verarbeiten und gleichzeitig die Realisierung neuer Ideen behindern.

Konkurse befreien zudem die gescheiterten Unternehmer von nicht mehr erfüllbaren Verpflichtungen. Fast im Stil einer Generalabsolution nehmen sie die Last von den Schultern der wirtschaftlichen Irrfahrer - und geben sie frei für neue Initiativen. In Europa gilt es zwar als eher anstössig, wenn ein Unternehmer nach einer Pleite sogleich wieder eine Firma ins Leben ruft, die möglicherweise da weiterfährt, wo das alte Engagement Schiffbruch erlitten hat. Gefragt ist vielmehr jahrelange Zerknirschung und Zurückhaltung. In den USA dagegen ist das Aufrappeln nach dem Sturz nicht nur alltäglich, sondern auch salonfähig. Etliche Unternehmer schaffen den grossen Durchbruch erst mit der vierten oder fünften Firma, gewitzt und geläutert durch die früheren Fehler.

Den Lernwilligen unter den Menschen enthüllen Pleiten nämlich wertvolle Informationen über Pfade, die man künftig nicht einschlagen sollte. Auch der Chemiker wird nun langsam dem Gedanken zugänglich, dass er - trotz scheinbaren Misserfolgen - für seinen Konzern eigentlich Gold wert ist. Denn bei der Suche nach neuen Klebstoffen hat er bisher alle Irrwege mit einer Geschwindigkeit aufgespürt, die viel Geld und Zeit sparte: Vage Forscherhoffnungen zerronnen jeweils rasch in seinen Tests, so dass das Unternehmen selten zu einer teuren Jagd nach Phantomen verleitet wurde. Neue Erkenntnisse über Fehler gewinnt man aber nur, wenn jemand sich auf solchen Pfaden überhaupt vorwagt und den Misserfolg demonstriert. Pleiten sind ein Indiz - zugleich auch der Preis - dafür, dass in einer Wirtschaft auf breiter Front nach Neuerungen gesucht wird.

Freilich dürften die positiven Seiten von Pleiten all jenen nur ein schwacher Trost sein, die im Einzelfall schwer an einem Krach zu tragen haben. Wer die Kosten eines Bankrotts konkret zu spüren bekommt, wird kaum an der Nutzenseite der Spielregeln interessiert sein. Auch den Chemiker bedrängt die Frage, ob einige krasse Pleitefälle nicht von einer Degeneration des Wirtschaftssystems zeugen. Da werden Mittel in einer Weise umverteilt, die hoffnungsvolle Pläne schockartig durchkreuzt. Auf einen Schlag sehen sich die Gläubiger ihrer Ansprüche beraubt, und oft verliert der Konkursit selber sein Vermögen. Am Zusammenbruch zu kauen haben zudem andere Parteien, die irgendwann in das gescheiterte Unternehmen «investiert» haben: die Arbeiter etwa, die ihr Können speziell auf den Betrieb ausrichteten, oder Lieferanten, die ausstehenden Guthaben nachtrauern.

Dass die Hauptpersonen, die Pleitiers selber, in einigen Fällen gewaltigen Profit aus dem Bankrott schlagen, erregt in der Regel am meisten Empörung. Der Gläubiger vertraut dem Kreditsuchenden ja Mittel an und hofft, dass dieser damit sorgfältig arbeite. Glauben und Hoffen ziehen nun aber auch Typen an, welche das Wirtschaften samt zugehörigen Spielregeln effektiv als Spiel verstehen und versuchen, mit minimalem Arbeitsaufwand an fremde Mittel zu gelangen. Ehrlichkeit und Seriosität sind dabei Schlüsselinstrumente: Kann einer diese Tugenden überzeugend mimen, ist der Zugang zum Geld rasch geebnet. Der mit fremden Mitteln «arbeitende» Jongleur hat eine wichtige Etappe erreicht, wenn er ungeschoren bis zum Punkt gelangt, an dem die angehäuften Schulden nicht mehr sein Problem, sondern jenes der Gläubiger sind.

Gaukler, die mit geschickter Kommunikation im Kopf der Gläubiger etwas zu konstruieren vermögen, das Krediten würdig scheint, wirken bisweilen auch faszinierend. Selbst der Chemiker erinnert sich an solche Meister in der Produktion von Illusionen, die Gläubiger zur Überlassung von Millionen bewegen konnten, um dann bei scheinbar produktiver Geschäftigkeit grosse Teile davon zu ihren Gunsten aufzuzehren. Schillernde Pleitiers, die sich so lange geschickt zu verkaufen wussten, bis die Blase platzte und Versprechungen sich in Schall und Rauch auflösten, gelten aber meist als weitaus verwerflicher als das Fussvolk der kleinen Konkursiten, welche sich redlich abgerackert, die Renditezone aber doch nie erreicht haben.

Da Unannehmlichkeiten Menschen immer äusserst kreativ werden lassen, haben sich für den Umgang mit Pleiten Gebräuche herausgebildet, die dem Einzelfall etwas von der tödlichen Schärfe nehmen und dennoch die Entwicklung der Wirtschaft nicht allzu stark bremsen sollen. Freilich gibt es keine Versicherungen gegen Pleiten, doch lassen sich beispielsweise mehrere Projekte mit unterschiedlichen Risiken zusammenlegen. Ein grösseres Unternehmen - dies dürfte dem Chemiker bekannt vorkommen - bildet unter anderem ein solches Sicherheitsnetz, indem die profitablen Geschäftszweige die eine oder andere Verirrung abfedern können, ohne dass die Gestrauchelten ein Konkursverfahren erdulden müssen.

Gemeingefährlich wird indessen die Kreativität der ineffizienteren Unternehmer dann, wenn sie der Sanktion durch die Marktkräfte gänzlich auszuweichen trachten. Wie im Wirtschaftsleben üblich, suchen Bedrohte jeweils den Schutz (oder den Schatz) dort, wo er am ehesten zu finden ist: beim Staat. Entsprechendes Lobbying lässt sich unter der Etikette Arbeitsplatzsicherung ebenso verkaufen wie unter dem Titel Technologieförderung. Wann immer sich Pleiten zu gesamtwirtschaftlichen Problemen auswachsen, sind denn auch meist Leute involviert, die dank staatlicher Abfederung die Folgen ihres Handelns - beispielsweise der leichtfertigen Gewährung von Krediten - nicht vollständig zu tragen haben.

Nur wenige Bürger der westlichen Welt werden wohl bewusst wahrgenommen haben, dass sie den Weg aus der internationalen Schuldenkrise mit ihrem Geld haben ebnen helfen, dass sie als Steuerzahler beispielsweise den exponierten amerikanischen Geschäftsbanken via Währungsfonds indirekt unter die Arme gegriffen haben. Und die Folgen der unsorgfältigen Kreditgewährung durch die Berner Kantonalbank tragen nicht die seinerzeit Verantwortlichen, sondern die Steuerzahler, die häppchenweise daran zu kauen haben, dass das Institut über die Runden gerettet wurde. Diese diffuse Verteilung der Verluste auf die Bevölkerung, der Zugriff auf die Mittel anderer bedingen eine weitgehende Verfügungsgewalt, und über diese Gewalt verfügt im Prinzip nur der Staat. Verirrungen werden damit gleichsam subventioniert. Das Risiko, dass der Staat selber je bankrott gehen würde, ist im übrigen verschwindend klein, denn das Zugriffsrecht auf das Steuersubstrat eröffnet ihm notfalls eine reichlich fliessende Quelle, die etliche Verlustlöcher zu kompensieren und Parasiten zu speisen vermag.

Fliessende Quellen, lecke Gefässe, Parasiten, Diffusionen . . . wenn der Chemiker so arbeitete, dürfte er sich nie mehr in seinem Labor blicken lassen. Verschmutzte Lösungen kann er nicht durch Verdünnung aufwerten. Will er das Wertvolle daraus gewinnen, wird er dies allenfalls durch Destillation in ein neues Gefäss hinüberretten und den Rest wegschütten. Stolz über diesen alles klärenden, disziplinenverbindenden Vergleich zwischen Destillationen und Pleiten macht er sich auf ins Labor, an den nächsten Versuch.

Beat Gygi ist Wirtschaftsredaktor der NZZ.


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