Es war einmal ein Kind, das wollte nicht laufen. Und zwar partout nicht. Sitzen: ja. Stehen: na, gut. Gehen: nein! – So lautete seine erste Weltanschauung. Mutter und Vater waren verzweifelt.
Das Kind wurde zwei, drei, vier, fünf Jahre alt; die Gleichaltrigen waren längst am Ringen und Springen, am Hampeln und Trampeln, und Nachbars Töchterchen hüpfte gar auf einem Bein! Nur dieses fussfaule Kind blieb im Kinderwagen sitzen und wartete voller Vorfreude, dass sich die Räder endlich in Bewegung setzten. Es war ein rot lackierter Buggy Primera mit Aufprallschutz, Überrollbügel und Bremse auf beiden Hinterrädern.
Das Kind schien sich in seinem Fahrzeug wohl zu fühlen: Versonnen fuhr es mit den Fingerchen über das gerippte Profil der Gummipneus. Und manchmal, wenn keiner schaute, hopste es ein bisschen auf und ab, um die Federung, das Kugellager und die Felgen zu testen. Wahrscheinlich hätte Klein Klaudius – denn das Kind war natürlich ein Junge – seinen roten Buggy am liebsten zu einem Baby-Boliden aufgemotzt: mit mindestens sechs Zylindern, Einspritzmotor und Doppelauspuff. Aber die Mutter hatte statt Motoren- nur Musikgehör, und statt «Hoch auf dem roten Wagen» sang sie ihrem Kind lahme Wiegenlieder vor. Oder ausgebremste Balladen aus den betrüblichen Zeiten, da sich die Menschheit mangels Kraftfahrzeugen noch zu Fuss durchs Leben quälen musste.
So wurde Klaudius vierzehn, bis er den ersten Zweitakter unter sich spürte. Jetzt aber gab er das Steuer nicht mehr aus der Hand. Er schoss durch die schläfrigen Gassen seines Heimatstädtchens und fuhr Rennen gegen den eigenen Schatten. Ruhe gab Klaudius nur, wenn es an seinem Motor etwas zu schrauben, etwas abzuschleifen oder anzubohren gab. Oder wenn der Briefträger auf seiner Vespa neue Motorsport-Magazine ins Haus brachte, aus denen Klaudius alle Fotografien von roten Rennwagen herausschnipselte, um sie in seiner Kammer auf die Tapete zu kleben: reihenweise, wie eine benzinblütige Ahnengalerie.
Sobald Klaudius endlich Manns genug war, um sich einen Schnauzbart stehen zu lassen, wurde er Rennfahrer. Er zog einen roten, feuerfesten Rennfahreranzug an, setzte einen roten Sturzhelm auf und fuhr los. Natürlich fuhr er ausschliesslich rote Rennautos und eines Tages sogar einen Ferrari. Er war auf allen Rundstrecken des Planeten zu Hause. Wenn er in Silverstone und in Hockenheim, in Indianapolis oder Imola bis zum Abwinken im Kreis fuhr, fühlte er sich wie auf einer nicht enden wollenden, nie enden sollenden Weltreise. Und wenn die immergleichen Wiesen und Wälder, die Menschenmassen und die Vogelschwärme an ihm vorbeischossen, dann schwirrten ihm auch die immergleichen Sätze durch den Kopf: Solange du in Fahrt bleibst, wirst du gut fahren! Solange du gut fährst, musst du nicht gehen! Solange du nicht gehen musst, musst du nicht sterben! Solange du unterwegs bist, wirst du leben!
Natürlich wäre Klaudius eines Tages Weltmeister geworden. Aber dann brach ihm an der Ostküste Amerikas, am Ende der längsten Geraden der Rennstrecke von Long Beach, zuerst das Bremspedal und dann der Rücken. Der Aufprall war so schrecklich, dass manche Leute auf alle Zeit kein Autorennen mehr anschauen konnten. Klaudius hingegen fragte die Männer, die ihn auf einer Bahre zur Notaufnahme rollten: «Wann kann ich hier wieder weg?»
Eine Weile lang lag Klaudius in der gleichen Versunkenheit im Spitalbett wie damals als Kind in seinem roten Buggy. Dann setzte er sich plötzlich auf, liess sich ins Cockpit eines bereitstehenden Rollstuhls gleiten (der von einem leistungsfähigen Elektromotor angetrieben wurde) und fuhr ins Freie. «Ach, es tut mir so furchtbar leid für Sie», jammerte ein Fan, der ihm draussen auf dem Gehsteig die Ideallinie versperrte. «Aber was haben Sie denn?» rief Klaudius glücklich, «sehen Sie nicht, dass ich fahre?!»
1980 verunfallte der Schweizer Autorennfahrer Clay Regazzoni so schwer, dass er seither querschnittgelähmt ist. 2006 fährt er mit einem Handgas-betriebenen Rennwagen u. a. die Tour de Corse und das 8000 km lange Rally Carrera Sudamericana.