NZZ Folio 05/97 - Thema: Jugendkultur   Inhaltsverzeichnis

Schlafen kann ich, wenn ich tot bin

Ein Rückblick auf zehn Jahre Techno.

Von Philipp Anz

LONDON, HYDE PARK, SPEAKER'S CORNER, MÄRZ 1996. Links wird Gott gepriesen, rechts der Kapitalismus attackiert, dazwischen steht einer und prophezeit, dass demnächst die Ausserirdischen landen würden, um uns zu retten. Es gebe eine Gruppe, erklärt er, die sich schon lange um Kontaktaufnahme mit ihnen bemühe: die Ravers. Deren Tanzstil, das Wedeln mit den Armen in der Luft, sei Signalsprache, und wer schon einmal dem Bodenpersonal zugeschaut habe, welches am Flughafen mit seinen Kellen die Jets einweise, wisse, was das bedeute: «Come down, it's safe to land!»

Sind nette ETs an allem schuld?

ZÜRICH, VOLKSHAUS, WINTER 1989. Via Ibiza hatte 1987 eine Musik England erreicht, die sich seit Beginn der Achtziger in Chicago und Detroit entwickelt hatte, aber erst in England mit dem Acidhouse-Fever und dem ersten Summer of Love zu einem Flächenbrand wurde, der 1988 auch Zürich erfasste. Ein Schulkollege und ich hatten in der Zeitung darüber gelesen, die Platten im «Let's Dance» auf Radio DRS 3 gehört und beschlossen, uns das Ganze einmal live anzusehen.

Wir kauften uns extra T-Shirts mit Smileys drauf, die, wie wir aus der Zeitung wussten, Erkennungszeichen dieser neuen Musik waren. Eigentlich gingen wir lieber an Konzerte, Discos waren uns zu bieder, und die letzten Tanzerfahrungen hatten wir an Schulfesten gemacht, wo es primär um möglichst cooles Rumstehen und Beäugen des andern Geschlechts ging. Das hier war eine andere Welt - wild, ausgelassen und ohne Regeln. Auf der Bühne standen Royal House und spielten «Can you feel it?». Nie zuvor in meinem Leben hatte ich so viel und so lange getanzt. Als wir am frühen Morgen erschöpft und verschwitzt in die Kälte traten, wussten wir beide, dass nichts mehr so sein würde, wie es gewesen war. Ein halbes Jahr später hörte mein Freund Hip Hop und ich Punk.

Trotzdem, was sich als kurze Affäre angelassen hatte, wurde zur grossen Liebe. Auf Punk folgten zwar verstärkte Gitarren aller Art, und irgendwo und irgendwann hatten auch Country, Hip Hop und französische Chansons ihre grossen Momente. Aber immer wieder und je länger, je mehr wurde elektronische Musik zum Mittelpunkt meines akustischen Alltags, synchronisierte sich mit meinem Pulsschlag. Denn in ihrem Zentrum stehen Rhythmen, und was gibt es Schöneres, als dazu zu tanzen?

Die elektronische Klangwelt lässt sich körperlich erfahren, man kann sie erkunden, ausfüllen: mit Bewegungen, Bildern, Aussagen und Schweiss. Sie ist mein Paralleluniversum, mein Nimmerland. Es ist eine Klangwelt, die sich konstant verändert und weiterentwickelt, die keine Grenzen zu kennen scheint, ständig entsteht Neues, taucht jemand auf, der es schafft, völlig anders zu klingen. Eine Klangwelt, die nie langweilig wird. Ich tapse in ihr herum wie Alice im Wunderland und bin immer wieder begeistert, dass hinter dem Horizont ein neuer Stil auftaucht.

LONDON, EFFRA ROAD, BRIXTON, 14. MÄRZ 1992. Ich besuchte eine Freundin, die in London lebte. In Briefen hatte sie bereits von den irren Parties erzählt, die dort stattfanden, und angekündet, mich notfalls in Handschellen mitzuschleppen. Und so machte ich mich an jenem Samstagabend auf den Weg zu einem Warehouse in Brixton - damals spielte sich noch fast alles an illegalen Parties in leeren Lagerhallen ab - und auf eine Reise, die auch fünf Jahre später noch nicht zu Ende sein sollte.

peng. die grosse liebe auf den zweiten blick. hier bleibe ich, für immer. genau hier an dieser stelle. ich bleib' einfach stehen, dann dreht sich die erde nicht mehr weiter. so good. mehr. hey, hast du eine zigarette? klar doch. thanks. no problem. grins. hey matrose, wir sind auf demselben dampfer. stell dir mal vor, die «enterprise» würde jetzt durchs dach krachen. cool. würdest du einsteigen? was heisst hier einsteigen, die würden aussteigen und hierbleiben. cool. grins. see you. yeah. houps, wieso ist es plötzlich so hell. die sonne scheint. klar. die sonne scheint? nein, das kann nicht sein. ich bin doch gerade erst reingekommen. hey, hier hat's ein glasdach. hast du gesehn, ein glasdach. und die sonne scheint. oh. wow. jetzt kann ich all die leute sehen. irgendwie schonungslos real irreal. die tanzen einfach weiter. dort hinten joggt ja einer. der joggt wirklich. hey, das ist ja wirklich ein jogger. hey, hast du den jogger gesehen? klar, die joggen hier am morgen immer rein. cool. was ist denn jetzt wieder mit der musik los? fertig? nein. scheisse. die party kann doch nicht zu ende sein, die kann einfach gar nicht gar nie zu ende sein. schlafen kann ich, wenn ich tot bin. mehr.

In meiner 92er Agenda steht unter diesem Datum: «God gave rave to you!»

ZÜRICH, SOMMER 1992. Zurück aus London, hatte ich nur noch eines im Kopf: Techno. Ich wollte darin eintauchen, und zwar möglichst tief, ich wollte es leben. Und wie es so ist mit einer neuen Liebe, man ist begierig darauf, möglichst viel über jenen Teil ihrer Biographie zu erfahren, in dem man noch keine Rolle spielte. Ich ergriff alles, was mir zum Thema in die Hände kam, und innert dreier Monate hatte ich die dreijährige Lücke geschlossen.

Vor allem aber wollte ich selber aktiv werden, wollte diese Musik nicht bloss zu Hause für mich hören, sondern sie auch andern Leuten vermitteln. Ich wollte Platten auflegen und DJ sein. Nicht weil absehbar war, dass aus DJs die neuen Popstars werden sollten. Sondern weil es nichts Schöneres gibt, als eine umwerfende Platte mit mehreren Leuten anzuhören und so die Begeisterung hochzuschaukeln. Dieses Gefühl wird nur von etwas übertroffen: wenn man selbst diese Platte aussucht und auf den Plattenteller legt.

In dieser Zeit lebte ich für das Wochenende. Montags und dienstags zehrte ich jeweils vom gerade Erlebten, vom Überschwang der Gefühle. Der Mittwoch war meistens hart, ein schwarzes Loch. Aber ab Donnerstag konnte ich mich schon wieder auf den nächsten Anlass vorbereiten und freuen.

Es war die Zeit, in der Zürich den ersten Rave in der alten Börse erlebte, die wirklich guten Parties aber an ausgefallenen Orten stattfanden: in der Tunnelröhre des Hornbachkanals, in einer Parkanlage am See, in einem Velotunnel, in einem leeren Schiessstand im Albisgütli . . . Es war die Zeit, in der man sehr schnell Kontakt knüpfen konnte. Wer jedesmal bis zum Schluss der Party blieb, kannte sich rasch. Ich lernte die abgespaceten Raver kennen, die cleveren Organisatoren, die schon bald zu Kleinunternehmern aufstiegen und mit Grossanlässen viel Geld verdienten, und vor allem die Organisatoren und DJs, die vom Barbetrieb bis zur Musikanlage alles selber betreuten. Darunter viele, die zu meinen Freunden wurden. Es war die Zeit, in der ich begann, über Techno zu schreiben (schliesslich wollte auch der Mittwoch gefüllt sein), und meine DJ-Premiere hatte.

oh, oh, oh. welche platte lege ich bloss als erste auf? ich will ja nicht die tanzfläche leer räumen. aber die hits darf man nicht zu beginn bringen, die müssen später kommen. als höhepunkt. meine hand zittert, wenn ich die nadel auflege. ich bin doch nicht nervös! meine platten sind gut. aber die andern djs haben zwei koffer voll mit dabei. und ich habe all meine platten mitgenommen. und die kiste bloss zur hälfte gefüllt. nevermind. never. mind. gute platte. wirklich gute platte. okay, am mischpult alles richtig, mal schauen, wie's auf der tanzfläche aussieht. sie tanzen. sie tanzen! hmmh, als nächstes die platte. jawohl. und dann die. go with the flow. to the sound. the sound. sound.

Ein langer Sommer, in dem nachts in Zürichs Kellern der Beat das Gesetz war und im September sogar den Tag aus dem Rhythmus brachte.

ZÜRICH, INNENSTADT, 5. SEPTEMBER 1992. Die erste Street Parade findet statt - wie die Berliner Schwester als Demonstration für «Liebe, Friede, Freiheit, Grosszügigkeit und Toleranz» angekündigt. Mit fünf Love-Mobiles. Doch leider haben die Verantwortlichen noch keine Erfahrung und ihre Wagen mit Anlagen bestückt, die auf Zimmerlautstärke krächzen. Einzig der kleine Bus des Underground-Kollektivs Brothas & Sistas pumpt laut und fröhlich - und rettet die erste Street Parade. Knapp tausend Personen tanzen hinter ihm durch die Strassen. «I can feel your presence in the air!» tönt es vom Wagen. Trillerpfeifen antworten, Techno macht sich auf, unbekanntes Terrain zu erobern. Belustigte bis empörte Blicke am Strassenrand. Ein Mädchen tanzt auf einen distinguierten Herrn im Anzug zu, der sich entsetzt abwendet. Generationen prallen aufeinander. Fünf Minuten später klettern einige auf die Skulptur von Max Bill und schaffen es, aus den Zuschauern Teilnehmende zu machen. Oben Tanz als Wegweiser in alle Himmelsrichtungen, unten Walzer in seiner elektronischen Variante: «We are one family!»

ZÜRICH, EIN PLATTENLADEN, WINTER 1994. Keine Worte sind verständlicher als die einer Bassdrum. Techno gleicht Esperanto. Vergiss Babel, die Technowelt redet in Zungen. Ein Beat ist ein Beat ist ein Beat. Den versteht jeder. In Detroit wie in Zürich. Die Plattenläden sind die Kommunikationszentren der Technoszene. Hier wird das schwarze Gold ausgetauscht, die internationale Währung in Technoworld: unzählige Vinylscheiben mit Klängen, die - eingeklemmt in die Millimeter zwischen den Rillen - einem den Weg zu ganzen Galaxien eröffnen können. Sie stammen aus Deutschland, England, Benelux, Italien und den USA - hier trifft sich die Welt in einem kleinen Raum. Hier liegen die Flyers auf, werden die neusten internationalen News ausgetauscht, brodelt die Gerüchteküche. Hier braucht man bloss ein Label, einen Plattentitel, einen Produzentennamen zu erwähnen, um beim Gegenüber eine ganze Assoziationskette auszulösen und von ihm sofort verstanden zu werden. Hier ist mein Zuhause.

Ich stehe hinter dem Tresen und höre laut Platten. Ein Privileg, das man als Stammkunde hat. Der Verkäufer ist kurz verschwunden und hat mir die Aufsicht übertragen. Plötzlich steht vor mir ein Kid mit Zipfelmütze, der knapp über den Tresen reicht.

Die Zipfelmütze: «Haben Sie Perplexer?»

Ich (leicht irritiert): «Was?»

Die Zipfelmütze: «Diese Platte mit den Dudelsäcken, die ist in der Hitparade!»

Mir dämmert's langsam, dass das wohl dieses Stück sein muss, das ich ein paarmal an Raves gehört habe und jedesmal schrecklich fand.

Die Zipfelmütze: «Die müssen Sie haben!»

Ich (noch irritierter): «Ich glaube schon.»

Nach fieberhafter Suche finde ich die Platte. Er nimmt sie, hört sie sich an, wobei er immer wieder mit der Hand die Platte hin- und herdreht, als ob er damit scratchen wollte, und kommt zurück.

Die Zipfelmütze: «Was kostet die bei Ihnen?»

Ich (nun völlig irritiert): «15 Franken. Aber du kannst mir du sagen, wir hören ja dieselbe Musik.»

Die Zipfelmütze (reicht mir das Geld): «Sag mal, findest du nicht auch, dass das ein megageiler Track ist?»

Da wusste ich, dass sich etwas verändert hatte.

ZÜRICH, ÜBERALL, 12. AUGUST 1995. Ein schöner Samstag. Radio LoRa sendet seit 48 Stunden nur noch elektronische Musik. Wo immer ich bin, höre ich sie. Go with the flow. Seit einem Jahr habe ich mich mit nichts anderem als mit Techno beschäftigt, mit Patrick Walder zusammen das Buch «Techno» fertiggestellt. Interviews, Vorträge, Techno, ich. Ich, Techno. Immer, wenn ich Leute traf, die Techno «langweilig, blöd, keine Musik usw.» fanden, habe ich versucht, ihnen diese Initialerlebnisse von 89 und 92 zu schildern. Mein Geburtsdatum erlaubt mir nicht einmal den Mythos, an Woodstock gezeugt worden zu sein, und als Punk gross war, habe ich Kasperliplatten gehört. Diese Parties, diese Musik, House und Techno: hier hatte ich zum erstenmal das Gefühl, nicht bloss Geschichten aus der Vergangenheit zu hören, sondern in der Gegenwart zu leben. Meistens haben sie es nicht verstanden.

Ich hatte einen fast missionarischen Drang, die ganze Welt an meinem kleinen Geheimnis teilhaben zu lassen. Das hat sich gelegt. Meine grosse Liebe hat mich mit Millionen anderen betrogen. Wenn alle darüber reden und alles in einem Buch nachlesen können, wenn 300 000 an der Street Parade tanzen und Familien mit Bratwurst und Klappstuhl am Strassenrand zuschauen, dann ist es kein kleines Geheimnis mehr. Eigentlich will ich ja bloss Teil einer Bewegung sein, deren Beteiligte tanzen, als ob ihnen ein dunkler Fürst mit dem Meissel ins Kreuz hämmert. Nur folgt diesem Traum immer ein Albtraum, in dem ich nackt, nur mit einem Energy-Shirt bekleidet, einen Veitstanz auf Bergen von CDs aufführe und irr lachend Schallplatten aus dem Fenster schmeisse. Vielleicht ist dies die Midlife-crisis eines Technojunkies nach schnellen Jahren auf der Autobahn. Vielleicht entspricht ein Raverjahr sieben Menschenjahren. Und vielleicht folgt auf jede durchtanzte Samstagnacht ein Sonntagmorgen.

LONDON, MÄRZ 1997. Samstagnacht. Draussen vor den grossen Clubs stehen die Leute sich die Füsse platt. Gleichzeitig wählen einige andere 0181 959 75 25, um den Ort der heutigen Warehouse-Party in Erfahrung zu bringen. In den Taxis läuft Kiss FM, elektronische Musik. Irgendwie hat man das Gefühl, dass sich eine ganze Stadt im Rhythmus dieser Musik bewegt: Techno, House, Ambient, Trip Hop, Easy Listening, und vor allem Drum'n'Bass. All over. In den Kleiderläden an der Oxford Street, in der Werbung am Fernsehen, an den Marktständen in Brixton, in den Pubs und in vorbeifahrenden Autos - überall hört man elektronische Klänge.

Ich sitze in der U-Bahn und lese «Disco Biscuits - New Fiction From The Chemical Generation». «Chemical Generation» lautet der Überbegriff, den sie in England meiner Generation verpasst haben, die so sehr von Parties und elektronischer Musik beeinflusst wurde. Eine Generation, die sich überall bemerkbar zu machen beginnt: in Kunst, Literatur, Film, Design, Mode und so weiter. Und plötzlich steht sie wieder vor mir, meine grosse Liebe, und lächelt mich an, wie damals. Ich will nur noch eines: Hand in Hand mit ihr durch diese Stadt streifen, die längst Teil einer Jugendbewegung geworden ist.

Ocean of Sound. Geschwindigkeit. Supermarket of Styles. Sampling. Diebesgut. Postmoderne. Global Village. Soap operas. Chaostheorie. Hypertext. Mental Ground Zero. Apokalypse. Pre-Millenium Tension.

HYDE PARK, SPEAKER'S CORNER. Sonntagmorgen. Links wird Gott gepriesen, rechts der Kapitalismus verflucht. Und dazwischen steht auf einem Harass derselbe Typ wie damals, erzählt von den Ausserirdischen, die bald kommen werden, erzählt von den Ravern und ihren Handbewegungen. Und fragt: «Wisst ihr, was sie bedeuten?» Ich brülle laut: «Come down, it's safe to land!» Der Typ schaut mich irritiert an: «Woher weisst du das?» Einer der notorischen Corner-Störenfriede mit einem «Leicester City»-Schal um den Hals schreit an meiner Statt: «Er war oben, bei ihnen.» Der Typ auf dem Harass blickt auffordernd in meine Richtung. Ich murmle etwas betreten: «Nicht ganz, aber ich hab's fast zehn Jahre lang versucht.» «Komm doch nach vorne und erzähl davon», fordert er mich auf. Alle schauen mich an. Ich setze ein wissendes Lächeln auf und antworte: «Nein, danke.»

Philipp Anz, Zürich, arbeitet beim Schweizer Fernsehen für das Magazin «Zebra» und schreibt über Musik.


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