NZZ Folio 02/01 - Thema: Interaktiv   Inhaltsverzeichnis

Was Ihr wollt

«Big Brother» hält die Fans nicht nur im Fernsehen bei der Stange.

Von Margrit Sprecher

Es ist bei weitem nicht das einzige hässliche Gebäude hier. Leere Fabriken mit dunklen Fensterhöhlen stehen in der Nachbarschaft, Baulager und Häuser wie Geschwüre. Wie's halt ist, wenn man im Nowhere von der Autobahn herunterfährt. Kein Ding aber wirkt so still und fremd wie der Container. Nur nachts, wenn ihn Scheinwerfer grell beleuchten, kann man an Vertrautes denken, an militärische Versuchsstationen beispielsweise, Grenzübergänge, Hochsicherheitstrakte und andere Zwischenreiche. Fenster gibt's keine; die Tür sieht man erst, als zwei Schwarzgekleidete in ihr verschwinden. Das Blech verschluckt sie so rasch, als hätte es sie nie gegeben. An Spitzentagen starren eine halbe Million Menschen auf das Ding. Wird wieder ein Bewohner entlassen, pilgern sie zu Hunderten in die morastige Talsenke. Die Jüngsten kommen mit der S-Bahn; die Älteren laden ihr Auto voll mit Arbeitskollegen aus dem Laden, der Werkstätte oder dem Wohnblock. Dann verbarrikadieren die Glattfelder ihre Häuser und bieten die Feuerwehr auf. Und vor dem Container halten Wachhunde, Sicherheitsmänner und Abschrankungen die Brandung der Massen zurück.

Bereits Stunden vor dem Ereignis haben unzählige Schuhe das Erdreich um den Hochaltar der Fernsehunterhaltung zerwühlt. Spruchbänder ragen über die Köpfe: «Ruedi, du bist nicht allein!» «Daniela, wir lieben dich!» Mädchentrauben im kreischfreudigsten Alter hängen an der Absperrung. Ihre Wimpern sind dick mit schwarzer Tusche verklumpt, ihr Wissen über das Big-Brother-Geschehen ist prüfungsreif, ihre Meinung über die Container-Bewohner so konservativ wie das Weltbild der SVP: Daniela ist die Beste, weil sie für alle kocht, Conny kommt sich zu gescheit vor, und Big Brother Schweiz ist besser als Big Brother Deutschland: «Dort putzen sie nie und haben einen Saustall.»

Noch heftiger kauen ihre Kiefer nur, wenn sie an Remo denken: «Remo isst wie ein Schwein und geht wie ein Affe.» Remo muss raus. Längst schon haben sie sein Verfalldatum ins Abwähltelefon getippt. Jetzt wollen sie dabei sein, wenn ihr Urteil vollstreckt wird. Tatsächlich taumelt Remo, einem Astronauten gleich, der erstmals wieder festen Boden unter den Füssen verspürt, drei Stunden später in seinen Badelatschen aus dem Container und mitten hinein ins triumphierende Geheul der Teenies. So viel Macht haben sie sonst weder in der Familie noch in der Schule, noch an der Lehrstelle.

Das macht die Minderjährigen zu den wirksamsten Big-Brother-Virus-Schleudern; unentwegt sorgen sie für die Verbreitung der Epidemie. Wer in der Pause nicht weiss, dass eine Nomination nichts mit dem amerikanischen Präsidentenzirkus zu tun hat und Filou nichts mit einem Gauner, bleibt ausgeschlossen vom Gespräch. Wer sich im Vorortszug nicht darüber austauschen kann, ob Olivier seinen rundlichen Bauch zu häufig zeigt, fühlt sich im Abteil so allein gelassen wie der Schweizer Delegierte in der Europäischen Union.

Im Internet-Forum auf www.bigbrother.ch, wo man mittlerweile bei 60 000 Einträgen ist, dreschen sie in sinnfreiem Stakkato auf feindliche Fangruppen los; in der Internet-Rubrik «Darling of the day» belohnen sie das coole Verhalten ihres Lieblings 300 000 mal mit einem Mausklick. In E-Mails an Big Brother äussern sie ihre düsteren Vermutungen über Schummeleien, wenn anschliessend die Kurve ihres Günstlings nicht so rasant ansteigt wie diejenige des Weltbevölkerungswachstums. Inzwischen unterhalten sich viele Teenies häufiger mit Big Brother als mit ihrer eigenen Familie.

Schwer zu sagen, ob er seiner grossen Hände wegen zu diesem Job gekommen ist oder ob seine Hände durch den Job so gross geworden sind. Unsichtbar für die Kameras, kniet er im Schatten der Tribüne und schlägt sie hallend zusammen, wann immer eine Big-Brother-ReWatch auf dem Bühnentischchen landet, ein Big-Brother-Song, ein Big-Brother-Brettspiel oder ein Big-Brother-Kochbuch. Brav fallen die Zuschauer ins Klatschen ein, und auf Dani Fohrlers Gesicht, das auch bei abartigsten Gästen stets unbeweglich bleibt, malt sich freudige Überraschung. Nach der TV3-Big-BrotherTalkshow kann der Zuschauer sämtliche Begleiterscheinungen des BB-Booms online bestellen. Als Misserfolg im elektronischen Handel erwiesen sich nur die mit Big Brother beschrifteten Leibchen, Mützen, Jacken und Schirme. Wer will sich schon öffentlich als Fan orten lassen.

Auch die Big-Brother-Zeitschrift, die wöchentlich in einer Auflage von 10 000 Stück erschien und 3 Franken 90 kostete, fand zu wenig Abnehmer. Das bunte Blatt blieb keineswegs liegen, weil «Bravo» daneben geradezu intellektuell wirkt; die gedruckten Nachrichten erwiesen sich im Zeitalter der Instant-Triebbefriedigung schlicht als zu schwerfällig. BB-Fans wollen es täglich, ja stündlich: 7700 abonnierten die Container-News als Turbo-Infos auf dem Computerbildschirm, 3400 bekommen sie täglich zweimal frisch aufs Handy geliefert: als SMS-Nachricht. Für nur 30 Franken im Monat können sie auch im Büro auf dem Natel nachlesen, ob sich Remo die Zehennägel geschnitten und Janine ihre Haarwurzeln blond nachgefärbt hat.

Trotz solcher Informationsflut bleibt bei vielen das vage Gefühl zurück, dass ihnen Big Brother das Wichtigste vorenthält, sie mit vorgekauten Newsbrocken und zensurierten Fernsehausschnitten abspeist. Deshalb werfen sie, meist nach der Sendung, ihren Computer an, um sich auf www.bigbrother.ch mit eigenen Augen im Haus umzusehen. Bis der Grundriss des Containers auf ihrem Bildschirm erscheint, haben sie ausgiebig Gelegenheit, die Werbung der Sponsoren zu lesen. Dann klicken sie mit der Maus eine der eingezeichneten Kameras an, und schon spazieren sie - in Echtzeit! - im Haus herum. Das Flugzeug, das über dem Containergarten brummt, fliegt eine Minute später über ihr eigenes Haus.

Damit ziehen die Internet-Benützer erstmals mit den Fernsehkonsumenten gleich: Es sind je 250 000 täglich. Insgesamt 23 Millionen Mal schlugen sie während der letzten Big-Brother-Staffel auf dem Web zu. Das ist Schweizer Rekord in Sachen Interaktivität und im elektronischen Unterhaltungsmarkt was die industrielle Revolution für die Agrarwirtschaft. Bald, so die Prognosen, werden die Internet-Produktionen keinerlei Fernsehunterstützung mehr brauchen: Jeder bastelt sich das eigene Programm, und das Fernsehen wird so antiquiert dastehen wie das Morsen im Zeitalter der E-Mails.

Das BB-Internet-Publikum ist jünger als das BB-Fernsehpublikum. Doch auch mit den Oldies, die keinen Computer besitzen, kommt Big Brother ins Geschäft. Wer am Telefon die Nummer 0901 591 999 wählt, kann sich für 86 Rappen pro Minute direkt mit dem Mikrophon eines Bewohners verbinden lassen. Plötzlich hört man Ruedi am eigenen Ohr lachen. Einen Tastendruck weiter summt Conny, um zu zeigen, wie gut aufgelegt sie schon frühmorgens ist. Dann wieder rauscht Wasser. Und Remo atmet schwer. Um Gottes Willen - wobei hat man ihn gestört!? Nur rasch aufhängen.

Big Brother selbst sitzt wenige Meter neben dem Container in einem verdunkelten Raum. Hier laufen alle Bilder und Töne aus 24 Stunden zusammen, hier werden sie zum täglich 30-minütigen Fernseh-Mix eingekocht. Still, konzentriert und emsig wie in einem wissenschaftlichen Labor arbeitet Big Brother vor sich hin. Nur unwillig schiebt er den Kopfhörer beiseite, um eine Antwort zu geben. Und heftet sogleich wieder seinen Blick auf die Bilder, die die 24 Kameras aus dem Container liefern. Die Schlafzimmer flimmern aquariumgrün, weil mit der Infrarotkamera aufgenommen. Auf andern Bildschirmen hantiert Daniela, dieses Reh im Raubtierkäfig, am Herd, lümmelt sich Janine auf dem Sofa. Die Toilette ist unbesetzt. Dieses Bild wird zwar nicht gesendet, aber zur Sicherheit der Bewohner, so sagt Big Brother, ebenfalls im Auge behalten.

Doch Big Brother ist kein Goldfinger, der drohend im Halbschatten thront und seine Katze streichelt. Big Brother hat viele Gesichter; die meisten sind jung und auf temporärer Basis angeheuert. Einzeln wirken sie harmlos. Sie haben sanfte Augen und einen Rossschwanz, lächeln freundlich oder blicken abwesend, tragen Cordhose oder Jeans, studierten Wirtschaft, sind eigentlich Disc-Jockeys oder machten eine Tontechnikerlehre.

Hier, an der Schaltstelle zwischen Innen und Aussen, hätten sie es in der Hand, einen missliebigen Bewohner schlechter wegkommen zu lassen oder die Favoritin ins beste Licht zu rücken. Natürlich weist jeder solchen Verdacht mit ernster Stimme und festem Blick zurück. «Ich mag alle», lautet die korrekte Antwort, mal im Regiestuhl gegeben, mal von einem, der am Schreibtisch lehnt. «Wir begegnen einander mit Respekt», sagt Andi Frick, der als Big Brothers Stimme zu den Bewohnern spricht.

Es ist weder Doktrin noch Gehirnwäsche, die solche Einheitlichkeit bewirkt. Es ist die Feindschaft von aussen, die die Big-Brother-Crew zur Schicksalsgemeinschaft schweisst. Noch nie schlugen die Erregungskurven der Feuilletons so heftig aus. Rührend kümmern sich die Feingeister um die Würde von zehn Menschen, die sich hundert Tage freiwillig einsperren lassen und den Container jederzeit verlassen könnten, sofern sie nicht Exhibitionslust oder die Aussicht auf die 150 000 Franken Siegerprämie daran hindert. Und dankbar nutzt so mancher Journalist die Chance, zu zeigen, wie unerbittlich scharf er eigentlich schreiben könnte, wenn ihn sein Blatt nur liesse. Mittlerweile sind die Big-Brother-Glossen so billig geworden wie Blondinenwitze.

Medien, deren Ruf sonst nicht immer tieferes Schürfen verlangt, bieten Heerscharen von Psychologen und Soziologen auf, damit die sich mit dem leserträchtigen Thema befassen. Kultursoziologisch Reflektierende schreiben vom postfordistischen Lebenskampf, sehen das Abendland am Abgrund und die Sendung als Barometer für den gesellschaftlichen Verfall. So lange, bis sich selbst bisher am Thema Uninteressierte mit eigenen Augen von der gebotenen Niederträchtigkeit überzeugen wollen. Viele kommen nicht mehr davon los. Dies weniger, weil die Container-Insassen gelegentlich den Nassbereich auf unvorhergesehene Weise nutzen. Vielmehr ziehen sie Trost aus der Langeweile von Mitmenschen, deren Leben ebenso öd und humorlos verläuft wie das ihre. Zugeben freilich mag seine neuen Sehgewohnheiten keiner. «Alle kennen mich, niemand hat die Sendung gesehen», wundert sich in der Disco Alpenrock der ausgeschiedene Jurist und Container-Bewohner Olivier.

Die Big-Brother-Führungsriege residiert im TV-3-Studio in Schlieren und verschanzt sich so abwehrend hinter dem Konferenztisch, dass die Reihe der verschränkten Arme aussieht wie ein Gartenhag. Das Misstrauen ist verständlich. Da schafft ein junger Schweizer Privatsender das Wunder, dank Big Brother zur Nummer zwei nach SF1 zu werden - und wird dafür mit dem Begriff «Einfaltsquoten» verhöhnt. TV3-Unterhaltungschef Christoph Bürge sagt: «Hier macht der Zuschauer doch erstmals den Schritt vom Konsumenten zum Mitspieler.» TV3-Chefredaktor Jürg Wildberger sagt: «Noch nie konnten Frauen zuhören, wenn Männer typische Männergespräche über Frauen führen . . .» Und Hannes Bichsel, Schweizer Geschäftspartner der holländischen Big-Brother-Produktionsfirma Endemol, sagt: «Ich staunte, wie wenig sich das Rollenverhalten der Jungen geändert hat. Kaum waren die Bewohner in den Container eingezogen, sassen alle Männer am Tisch und rauchten, während die Frauen die Küchenschränke inspizierten.»

Vager gibt sich Big Brother in Sachen Produktionskosten: «Eine einstellige Millionensumme.» Und topgeheim bleibt das Auswahlverfahren der Bewohner. Nicht mal Journalisten, die sich als Kandidaten einzuschleusen versuchten, haben es geknackt. Tatsache ist, dass sich auch für die zweite Staffel, die am 28. Januar 2001 angelaufen ist, wieder über 8000 Menschen gemeldet hatten, die bereit waren, für 200 Franken Gage pro Woche 24 Stunden täglich zur Verfügung zu stehen. Sie begnügen sich mit wenig Auslauf, putzen und kochen selbst und bringen sich mit fünf Franken Unterhaltskosten pro Tag über die Runden.

Auf den Probevideos ist zu sehen, wie unheimlich gut alle Bewerber drauf sind im Bemühen, dem Bild zu entsprechen, dem sie glauben, entsprechen zu müssen. Sie geben sich spontan, aber nicht fahrig, selbstbewusst, aber nicht arrogant, gesprächig, aber nicht geschwätzig. «In den Container kommen nicht die zehn besten», sagt Hannes Bichsel. «Es sind die zehn, von deren Zusammensetzung wir uns am meisten Explosivstoff versprechen.» Besonders ergiebig sind Platzhirsch gegen Platzhirsch, Kettenraucher gegen militante Nichtraucherin, Sexbombe gegen Mutti. Das Puzzle braucht ebenso viel Geduld wie die Tischordnung eines diplomatischen Treffens. Und scheint schliesslich alles perfekt, entdecken die Tüftler, dass zwei Kandidaten aus der gleichen Stadt kommen.

Der eben dem Container entronnene Remo wird zwischen zwei künstliche Felsen geklemmt; das Mikrophon vor dem Gesicht versperrt ihm jede Fluchtmöglichkeit. Verwirrt schaut er in die Menge wie in einen blinden Spiegel. Alle kennen ihn, er kennt niemanden. Wie jeden Sonntagabend sind Hunderte zur Big-Brother-Party in die Klotener Disco Alpenrock gekommen. Der Chic ist ländlich, die Musik laut, das Lokal ausgebucht. Hin und wieder entstehen Aufregungswirbel: Nadim! Masha! Stefan! Dann signieren die Ex-Container-Bewohner Fotoalben ebenso gut gelaunt wie Papierfetzchen, die sie erst mit der Hand glätten müssen, und lassen sich geduldig die genaue Buchstabenfolge kroatischer und thailändischer Namen diktieren. Geduldig bedienen sie alle mit ihrer Aufmerksamkeit, munter wie die Fische im Wasser treiben sie durch die Menge. Morgens um zwei lacht Remo noch immer bereitwillig mit, wenn ihm, mit einem verschwörerischen Rippenstoss, der Zehnte heute sein Container-Bonmot ins Ohr brüllt: «Nach dem Essen sollst du rauchen oder eine Frau gebrauchen.»

Vergeblich forscht man nach Spuren des Erlittenen in den Gesichtern dieser «Opfer, die nicht wissen, was mit ihnen geschieht», dieser «rabiat Demontierten» und «Hauptdarsteller eines Sozialpornos». «Geil ist es», sagt Held Stefan. Und nochmals mit Nachdruck: «Ganz einfach geil.» Noch geiler, weil er weiss, wie begrenzt sein Ruhm ist. Er gibt sich noch sechs Monate, so lange, bis ihm die unverbrauchten Gesichter der nächste Big-Brother-Staffel Konkurrenz bei Autogrammstunden und Plattenpremieren machen, für Modeschau-Moderationen und Promitreffs angefordert werden. Versicherungsfachmann Ruedi, längst wieder im Geschäftsanzug mit Krawatte, rechnet gar mit nur zwei Monaten.

Sie machen nicht auf volkstümlich, sie sind das Volk: weder schöner, reicher, intelligenter noch begabter als ihre Fans. Und weil die Fans dies ebenso sehen, fühlt man sich im «Alpenrock» ganz unter sich. Hier tut sich niemand Zwang an, für wen auch. «He du!», rufen sie quer durch den Saal, und Stefan, Olivier, Masha und Ruedi drehen brav die Köpfe. Umso befremdlicher wirken die beiden Bodyguards, die man dem frisch ins Rampenlicht geschlüpften Remo zur Seite gestellt hat. Sie sind dämonisch schwarz gekleidet, rucken mit dem Kopf, wie sie's wohl im Film gesehen haben, und scheinen so überflüssig wie an einer Familienfeier.

Margrit Sprecher ist Reporterin bei der «Weltwoche»; sie lebt in Zürich.


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