NZZ Folio 10/01 - Thema: Alles Design?   Inhaltsverzeichnis

Die Ordnung der Schuhe

Hans Peter Weidmanns Schuhkippe.

Von Ursula von Arx

Man nennt den Mann «die Schuhkippe». Das ist ungerecht. Denn der Stauraum für zehn und mehr Schuhe ist ein Produkt noch aus seiner Ausbildungszeit an der Höheren Schule für Gestaltung Basel. Inzwischen aber ist Hans Peter Weidmann 43 und hat noch vieles andere gemacht. Zum Beispiel ein Möbel, das Fernseher samt Video und Videokassetten platzsparend unterbringt. Oder eines, das die Stereoanlage sowie sämtliche CDs aufnimmt. Oder ein kleines, fahrbares, in das das ganze Homebüro, von den Ordnern bis hin zu Briefpapier, Couverts und Laptop, versorgt werden kann.

Gibt es einen Bruch in seiner Entwicklung? Wohl nicht. Weidmann muss die Ordnung über alles lieben. Dieses Thema verlässt ihn nie. Seine Möbel sind so durchdacht, so funktional, so streng, dass sie Schönheit und schon fast wieder Sexappeal haben.

Bevor er seinen Weg zum Gestalten von Dingen gefunden hat, studierte er Jus. Und wie er damals einen Gesetzestext analysierte, so analysiert er heute die Funktionen, die ein Ding erfüllen soll. Andererseits ging ihm Jus auch sehr gegen den Strich. Weil ihm der Kontakt zum Stofflichen fehlte, wie er sagt. Der Neigungsberater, zu dem er in seiner beruflichen Unsicherheit ging, bestätigte: Sein Materialbezug sei so ausserordentlich, dass er ihm nachgehen müsse, anders würde er verkümmern.

Dass Weidmann seine stofflich-sinnlich-übersinnliche Seite nicht verkümmern liess, wird offenbar, wenn er über Zen in der Kunst des Bogenschiessens spricht: Der gute Schütze schiesst blind, Vollkommenheit hat etwas Leichtes. Oder vom Träumen: Ein Wunder, ein anderes Denken. Oder vom «ideenfreundlichen Zustand»: Man hat gut geschlafen, sitzt im Bademantel auf der Veranda, man ist nicht fokussiert auf etwas. Und dann kommen sie, die Ideen. Natürlich muss man ihnen auch ein Fundament bieten können. Ideen, sagt Weidmann, sind ein Geschenk, aber sie werden einem nicht geschenkt.

Wie also entstand die Schuhkippe, dieser heute 17-jährige Klassiker des Schweizer Designs? Befand sich Weidmann in besagtem «ideenfreundlichen Zustand», als sie zu ihm kam? Nachdem Weidmann klargestellt hat, dass er bitte nicht auf seine Schuhkippe zu reduzieren sei (machen wir nicht, versprochen!), erzählt er. Sehr sorgfältig. Jedes Wort wird auf Relevanz und Angemessenheit hin gewogen.

Also: Als die Aufgabe des zweiten Studienjahres hiess, ein Schuhmöbel zu entwerfen, war er der Einzige, der begeistert war. In den Augen der anderen war ein Schuhmöbel imagemässig der Keller. Weidmann aber machte sich mit Freude und sofort an die Arbeit. Welche Bedürfnisse muss so ein Schuhmöbel erfüllen? Eine präzise Antwort auf diese Frage zu finden, schien ihm elementar.

Er entwarf einen Fragebogen, den er einem älteren Paar zur Beantwortung gab, dann einem Single-Mann, dann einer Familie mit drei Kindern, dann einer jungen Frau mit grosser Leidenschaft für Schuhe. Die Fragen hatte er sich genau überlegt. Er fragte nicht danach, wie ein Schuhmöbel aussehen sollte, sondern nach dem Umgang mit Schuhen zu Hause. Die Fragen lauteten: 1. Wie viele Schuhe hast du? 2. Was ist deine Beziehung zu Schuhen? 3. Gefallen dir Schuhe? 4. Wo ziehst du die Schuhe an und aus? 5. Möchtest du die Schuhe sehen, wenn sie versorgt sind? Zusätzlich liess er sich von allen Wohnungen einen Grundriss geben, denn Weidmann wollte etwas für Normalsterbliche machen, etwas, das diesem Volk von Mietern wirklich dient.

Das Auswerten der Fragebogen ergab ein klares Anforderungsprofil: Die Schuhe werden dort an- und ausgezogen, wo man rein- und rausgeht. Allerdings ist der Eingang in Mietshäusern oft ein sehr schmaler Gang, man hat Platzprobleme. Der Single-Mann hatte sehr wenig Schuhe, die jüngere Frau hatte für sich allein dreimal so viele wie die fünfköpfige Familie zusammen, das Möbel musste also je nach Bedarf erweiterbar sein. Ausserdem: Die Schuhe sollen nicht sichtbar sein im versorgten Zustand, denn getragene Schuhe sind unästhetisch, sagte etwa die Frau mit der Schuhleidenschaft entschieden. Sie war es aber auch, die alle Schuhe auf einen Schlag sehen wollte, denn sie hat so viele, sie hatte sie gar nie alle präsent und musste doch das passende Stück finden am Morgen.

Was den «ideenfreundlichen Zustand» betrifft: Weidmann sass zu Hause, es war Abend, er war entspannt, hatte etwas Nettes zu trinken vor sich, las diese Antworten, studierte die Grundrisse. Und - zack, sah er das Möbel vor sich. Es war keine Minute, es war eine Geburtssekunde, sagt er.

Das Möbel, das er vor seinem geistigen Auge sah, hatte eine kleine Raumtiefe (wegen des schmalen Ganges in Mietshäusern). Das in der Tiefe fehlende Volumen ging in die Höhe. Wohin denn sonst. Wie viele Paar Schuhe kann man übereinanderstellen? Etwa fünf. (Sehr platzsparend. Diesen Raum nutzte man ja sonst nur, um ein Bild aufzuhängen oder so.) Das Schliessen und Öffnen seines Möbels im Geiste funktionierte nach dem Prinzip des Fensterladens «Berner Rechen». (Damit konnte man alle Schuhe mit einem Handgriff sichtbar und dann auch wieder unsichtbar machen.) Zum Grundmöbel für 2 × 5 Paar Schuhe konnten weitere addiert werden (wegen der völlig unterschiedlichen Anzahl Schuhe). So. Das war die Idee. Die sich übrigens nicht, wie immer wieder behauptet wird, an das Schuhmöbel, das Wilhelm Kienzle 1955 entworfen hat, anlehnt. Weidmann sagt, das habe er gar nicht gekannt.

Jetzt kam die Knochenarbeit. Zum Beispiel: Wie mache ich das Möbel addierbar, ohne dass sich von vorne die Seitenwände verdoppeln? Beziehungsweise: Wie können das Grundmöbel und das addierte Teil so ineinander verflochten werden, dass sie wie aus einem Guss wirken und nicht einfach nebeneinandergestellt? Lösung: Das Möbel muss auf der einen Seite einen etwas grösseren Abschluss haben, damit es das zu addierende Möbel unter seine Fittiche nehmen kann. Neues Problem: Wie müssen die Abschlüsse gestaltet sein? Sind sie eckig, fallen selbst kleinste Differenzen zwischen dem Abschluss auf der einen Seite und dem auf der anderen auf. Lösung: Die Abschlüsse müssen rund sein, dann kann man etwas mogeln, die kleinen Differenzen fallen nicht auf. Neues Problem: Welches Material macht das mit? Weidmann probierte einen Holzwerkstoff, dann Kunststoff, dann Blech. Lösung: Blech, das sehr dünn und gut formbar ist. Keines der zahlreichen Imitate von Weidmanns Möbel bietet das: Addierbarkeit, ohne dass die Seiten sich verdoppeln.

Und was ist die ideale Tiefe? 16 cm in geschlossenem Zustand, fand er heraus. Auch dass man das Regal am besten in 15 cm Höhe an die Wand montiert - auch praktisch, wenn man den Boden darunter fegen will.

Als Weidmann sein Projekt in der Klasse vorstellte, waren die Reaktionen seiner Lehrer sehr verhalten. Ulrich Wieser vom Wohnbedarf, der als externer Experte eingeladen war, sagte bis zum Schluss nichts. Dann aber: Ich hätte gerne die Lizenz. Es herrschte Totenstille.

Seither hat sich die Schuhkippe etwa 20 000-mal verkauft. Sie kostet rund 850 Franken. In der Schweiz und in Deutschland findet man sie praktisch; in den USA hätte sie keine Chance. Denn da gibt es nur zwei Arten von Leuten, sagt Weidmann. Die, die sie sich nicht leisten können, und die, für die Platzsparen gar kein Thema ist, weil sie Geld wie Heu und Wohnungen wie Fussballfelder haben. Das Schweizer Publikum hingegen sei traumhaft für einen Gestalter wie ihn, sagt er. Es sei stilbewusst, es mag keinen Chichi, und es nimmt sogar auch mal eine Sparrunde auf sich für ein Stück, das ihm gefällt.

Die Möbel, die man hat, sind etwas viel Intimeres, Verräterisches und in der Wahl Anspruchsvolleres als die Kleider, die man trägt. Es kann jemand spektakulär daherkommen, aber zu Hause ist Öde. Weidmann sagt: Nicht die Kleider, die Möbel sind die zweite Haut eines Menschen.


Dieser Artikel ist als Hörtext auf CD erhältlich.


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