NZZ Folio 09/09 - Thema: Der Lehrlingsreport   Inhaltsverzeichnis

Die indische Lehre

Erst verlagerten europäische Firmen Billigarbeit ins Ausland, dann hochqualifizierte Arbeitsplätze. Nun ist die Bildung dran. Wie die Schweiz die Berufslehre nach Indien bringen will.

Von Bernard Imhasly

Rajendra Ghume sitzt in seinem Büro des Industrial Training Institute (ITI) von Aundh, einem Vorort von Pune. Der riesige Raum und das hufeisenförmige Pult machen jedem Besucher sofort klar, wer hier der Chef ist. Was der Raum nicht verrät, ist die Tatsache, dass dies eine Lehranstalt ist. Ja, er wisse vom demnächst anlaufenden Schweizer Pilotprojekt, in dem das Schweizer Berufsbildungsmodell zum ersten Mal in Indien vorgestellt werde, sagt Ghume. Das sei «eine Art Sandwich von Kursangebot», bei dem der Auszubildende in die Klemme von Schule und Arbeit genommen werde. Arbeiten an einer Werkbank in einer Fabrikhalle, das sei neu für Auszubildende in Indien, meint er. Und macht sofort klar, dass er dem Modell skeptisch gegenübersteht: «Meine oberste Priorität ist, den Schülern ein theoretisches Training mitzugeben, damit sie gut auf die Berufspraxis vorbereitet sind.»

Der Chef der Lehrlingsschule von Aundh ist stolz, seinen Schülern einen Weg weisen zu können, wie sie auch ohne College-Abschluss aufsteigen können. Er pflegt ein Überbleibsel des uralten und tiefsitzenden Kastendenkens, wonach Kopfarbeit edel ist – und Handarbeit eigentlich nur von Kastenlosen ausgeübt werden sollte. Doch er erweist mit dieser Überzeugung seinen Lehrlingen einen Bärendienst, denn auch mit einem ITI-Abschluss von Aundh werden die meisten von ihnen auf dem globalen Werkplatz, zu dem sich Indien immer mehr entwickelt, «unemploy­able» bleiben, nicht anstellungsfähig. Es ist dieses Drama der indischen Berufsbildung, welches das Schweizer Projekt entschärfen soll.

Im Mai 2007 gab die indische Immobilien- und Baufirma DLF-O’Rourke bekannt, sie habe im Mittleren Osten 22 000 Arbeiter angeheuert. Das Unternehmen könne sein Investitionsprogramm in Indien nur umsetzen, wenn es die nötigen Fachkräfte – Elektriker, Baumaschinenfahrer, Mechaniker, Installateure, Maurer – aus dem Ausland importiere. Die Ironie wollte es, dass alle angeheuerten Arbeiter Inder waren: Leute aus Kerala und Bengalen, die vor zehn Jahren ausgezogen waren, um während des Baubooms in den Golfstaaten zu arbeiten. Die meisten, angeheuert nur für ihre pure Arbeitskraft, hatten dort auch ihr Handwerk gelernt. Nun waren sie bereit, für ein bisschen weniger Lohn in ihre Heimat zurückzukehren, weil sie in Dubai letztlich nicht mehr als temporäre Arbeitssklaven waren.

Das Land mit den nach China grössten Arbeitsreserven – jedes Jahr kommen 13 Millionen junge Inder auf den Arbeitsmarkt – muss seine Facharbeiter importieren. Als die Firma Reliance Industries vor kurzem im indischen Gliedstaat Gujarat eine zweite Raffinerie neben ihre bestehende setzte, waren die grosse Mehrheit der 40 000 Beschäftigten «ausländische» Arbeiter, die die Anlage in einer Rekordzeit von sechzehn Monaten hochzogen. Und die Benützer der Autobahn zwischen Mumbai und Pune staunten, als sie im letzten Jahr an einer Baustelle vorbeifuhren, an der chinesische Arbeiter den Verkehr regelten. Die Gaspipeline von der Ost- an die Westküste Indiens wurde von einem chinesischen Konsortium angelegt, das neben den Röhren auch gleich seine Installateure mitgeschickt hatte.

Von Indiens Bildungssystem kann man dasselbe sagen wie von der Trinkwasserversorgung in den Grossstädten während der Monsunzeit: «Water, water everywhere, but not a drop to drink.» Das Land steht mitten in einem demographischen Boom. Während andere Länder gezwungen sind, sich mit einer immer älter werdenden Bevölkerung auseinanderzusetzen, wird Indien in den nächsten 20 Jahren 400 Millionen Menschen in der produktivsten Alterskategorie der 15- bis 30jährigen aufweisen, weit ­mehr als China. Die Chance, den Weltmarkt mit jungen Fachkräften zu versorgen, ist enorm – wenn da nicht die lästige Tatsache wäre, dass Indien nicht einmal seine eigene Nachfrage nach ausgebildeten Fachkräften decken kann.

Die demographische Dividende droht sich in eine demographische Hypothek zu verwandeln, wenn das Bildungssystem nicht rasch und radikal verbessert wird. Mehr als der Hälfte der 15jährigen, die jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt drängen, fehlt die nötige berufliche Grundausbildung. Damit wächst der Pool der bisher rund 85 Millionen Arbeitskräfte ohne Ausbildung im Industrie- und Dienstleistungssektor unaufhaltsam. Allein in der Bauwirtschaft sind 30 der 35 Millionen Arbeiter bestenfalls angelernte Taglöhner.

Indiens Ruf als künftige «Denkzentrale» der Welt kaschiert die Defizite in der Ausbildung von Handwerkern und Facharbeitern. Natürlich verfügt das Land über einige hervorragende Hochschulen, und ihre Ingenieurschulen speien jedes Jahr eine halbe Million Absolventen aus. Aber von den 600 000 Kandidaten, die sich jedes Jahr für eines der sieben «Indian Institutes of Technology» bewerben, erhalten nur 1200 den Zuschlag. Neben diesen wenigen Spitzeninstitutionen gibt es Zehntausende von «Engineering Colleges» von sehr unterschiedlicher Qualität. Nur etwa ein Viertel der 500 000 Absolventen der technischen Schulen, so deckte eine McKinsey-Studie vor einigen Jahren auf, ist überhaupt anstellungsfähig.

Noch desolater präsentiert sich die Situation im Bereich der Berufsbildung. Das Land verfügt zwar über gut 5000 «Industrial Training Institutes» (ITI), 3000 «Polytechnics», und 20 000 private «Technical Colleges». Diese Schulen bringen jedes Jahr nur rund 770 000 Lehrlinge zum ­Abschluss. Kein Wunder: Weniger als 1 Prozent der Schulbudgets von Bund und Gliedstaaten fliesst in die handwerkliche Ausbildung, entsprechend gering ist die Anziehungskraft dieses Berufswegs. Nur gerade 3 Prozent aller Schüler, die eine zehnte Klasse erreicht haben, wollen ihn einschlagen.

Die indische Regierung hat die dramatische Situation erkannt und ist bemüht, die Qualität der Berufsbildung zu verbessern. Wer den grossen Campus des ITI in Aundh besucht, sieht ein grosses Schild. Unter dem Titel «Mission» steht: «ITI Aundh und Tata Motors verpflichten sich, global wettbewerbsfähige Arbeitskräfte auszubilden, um mit den technologischen Anforderungen der Industrie und dem wachsenden Universum des Wissens Schritt zu halten.» Tata Motors ist Indiens grösster Fahrzeughersteller, seit kurzem Besitzer der englischen Automarken Land Rover und Jaguar. Er hat in Pune seinen Hauptsitz, die Patenschaft des grössten lokalen ITI bot sich an, als die indische Regierung im Jahr 2007 für diese Ausbildungsstätten das Modell einer Public-Private Partnership ausschrieb. Als erstes errichtete Tata ein «Center of Automotive Excellence», in dem Schüler in einem anderthalbjährigen Lehrgang zu Automechanikern ausgebildet werden sollen. Die Abgänger der ersten Abschlussklasse wurden allesamt von Tata Motors übernommen.

Primär dient das Modell den Interessen der Firma. Dient es damit auch dem Land? Das ITI von Aundh ist zweifellos eines der besten, und der grosse Campus mit seinen vielen Schulungsräumen und Modellwerkstätten gleicht eher einer Universität als einem Lehrlingszentrum. Ein Besuch der Schulräume zeigt, wie wenig sich der indische Staat um die handwerkliche Berufsbildung gekümmert und wie wenig sich auch Tata Motors bisher für die Grundausrüstung ihres Patenkinds eingesetzt hat.

Die Schulbänke im Hauptgebäude sind seit fünfzig Jahren dieselben, die Wandtafeln aus Schiefer sind nur noch schwer beschreibbar, die Maschinenzeichnerlehrlinge müssen Ellipsen und Rhomben von Hand zeichnen, da sie weder über Reissbrett noch Reisszeug verfügen. Es gibt zwar Computerunterricht ­– mit dem Bild von Bill Gates neben jenem von Mahatma Gandhi an der Wand. Doch in der Mädchenklasse wird immer noch Stenographie in der Lokalsprache Marathi gelehrt, und im Telekomlabor sind die Standardgeräte Teleprinter, Kurbelgeräte und kiloschwere Walkie-Talkies.

Noch fataler ist die Struktur der Lehrgänge. Gemäss indischem Lehrlingsgesetz basieren sie, wie Rektor Rajendra Ghume stolz erklärt hatte, auf der theoretischen Ausbildung. Der Theorie folgen zwei Jahre Praxis in einem Unternehmen. Um sicherzustellen, dass die Schüler auch eine Anstellung finden, zwingt das Gesetz die Firmen, 10 Prozent ihrer Belegschaft mit ITI-Absolventen zu füllen. Doch die meisten Firmen speisen die jungen Leute mit Hilfsarbeiterjobs ab, weil sie für ihre spezifischen Bedürfnisse nicht gut genug ausgebildet sind. So kommt es, dass die indische Industrie die von den Berufsschulen ausgebildeten Handwerker verschmäht, obwohl sie selber immer mehr Mühe hat, ihren Bedarf an qualifizierten Facharbeitern zu decken.

Das ist die Chance für die Schweiz, ihr duales Berufs­bildungsmodell auch in Indien populär zu machen. Am 1. Oktober wird im ITI von Aundh in Anwesenheit des Schweizer Botschafters der erste Kurs beginnen, der das Grundproblem der indischen Berufsbildung – mangelnder Praxisbezug – auf die Hörner nimmt. Die ersten 20 Lehrlinge, mehrheitlich Absolventen des ITI Aundh, werden ihr drittes und viertes Ausbildungsjahr in den Betrieben von vier schweizerischen Firmen in Indien absolvieren: beim Ver­packungsmaschinenhersteller Bobst, beim Nahrungsmitteltechnologiekonzern Bühler, beim Maschinenindustriellen Burckhardt Kompressoren sowie beim Textil­maschinenhersteller Rieter. Dort werden sie drei Tage im ­Betrieb arbeiten und zwei Tage praxisbezogene Theorie lernen. Im Sommer hatten zwei Fachreferenten aus der Schweiz zwanzig Ausbilder für diese Aufgabe trainiert, je zur Hälfte Lehrmeister aus den vier Betrieben und Lehrer des ITI.

Das VET-Projekt (Vocational Education and Training) ist eine Initiative, die vor zwei Jahren von der Schweizerisch-Indischen Handelskammer (SICC) initiiert wurde. 2006 feierten Indien und die Schweiz sechzig Jahre diplomatische Beziehungen; die Handelskammer will mit dem Projekt die beidseitige Freundschaft bezeugen. Es gründet auf zwei Einsichten: Die indische Wirtschaft steht an der Schwelle von Modernisierung und Globalisierung und ist dringend auf gut ausgebildete Facharbeiter angewiesen; und die Schweiz verdankt ihren Wohlstand und ihre Spitzenposition in der Industrie wesentlich der handwerklich-technischen Berufsbildung.

Zwar ist das VET-Projekt ein Jubiläumsgeschenk der Schweiz an Indien, doch es ist nicht industrielle Entwicklungshilfe – es dient den Interessen beider Partner. Das anerkennen auch die Wirtschaftsverbände Economiesuisse und Swissmem, die sich ebenso wie das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) von der Idee überzeugen liessen und Konzeption und Finanzierung mitgetragen haben. «Die Schweiz hat ein Interesse an einer internationalen Anerkennung ihrer technischen Fachausweise. Bei Montagen im Ausland ist die fehlende Anerkennung oft ein Problem», sagt SICC-Präsident Franz Probst. Der Export des Qualitätslabels «Schweizer Lehrlingsausbildung» könnte dafür den Weg ebnen. Im Juli 2009 reiste eine Delegation unter Leitung von Probst und BBT-Direktorin Ursula Renold nach Indien und unterschrieb mit indischen Wirtschaftsverbänden und Vertretern der beiden Gliedstaaten Maharashtra und Karnataka die entsprechenden Memoranden.

Auch für die vier in Indien tätigen Schweizer Firmen liegt die Teilnahme am Projekt in ureigenem wirtschaftlichem Interesse, wie Rodolphe Keller, Direktor von Bobst India, erklärt. Bobst produziert in Pune seit fünf Jahren Verpackungsmaschinen, die für den Export bestimmt sind. Es sei sehr schwierig gewesen, qualifizierte Monteure, Schweisser, Schlosser und Werkzeugmechaniker zu finden, sagt Keller. Denn die Arbeitskultur des «Chalega» – was so viel heisst wie «lassen wir’s durchgehen» – mache die individuellen Fähigkeiten der Mitarbeiter meist zunichte. Da die Firma in Pune nur die Endmontage vornimmt und 90 Prozent der Teile einkauft, mussten über ein Dutzend Lehrmeister aus Lausanne anreisen, um die Zulieferer auszubilden.

Dennoch war es nicht nur Eigeninteresse, das Bobst zum VET-Partner der ersten Stunde gemacht hat. Rodolphe Keller ist überzeugt, dass der Erfolg der Schweizer Mutterfirma, des weltweit grössten Herstellers von Verpackungsmaschinen, auch dem dualen System zu verdanken ist. Bobst bildet in Lausanne noch immer 260 Lehrlinge aus. Ein grosser Teil der 70 Abgänger wird jedes Jahr von anderen Firmen übernommen – «mit Handkuss». Auch in Indien betrachtet sich Bobst als lokal verankertes Unternehmen, als Teil der indischen Gesellschaft. «Unser Engagement ist langfristig, wir wollen hier auch etwas zurücklassen», sagt Keller.

Einer der Werkmeister, die im Herbst als Trainer bei Bobst India mit der Betreuung der ersten Lehrlinge beginnen werden, ist Sunil Khodke. «Es ist das erste Mal, dass wir Praktiker gleich behandelt werden wie die ITI-Lehrer», sagt er. «Wir können hier viel Neues lernen, zum Beispiel über Lehrmethoden. Aber ich glaube, dass auch die Lehrer von uns lernen können. Zum Beispiel Disziplin, Genauigkeit, Qualitätsbewusstsein.»

Bernard Imhasly war bis 2008 NZZ-Korrespondent; er lebt in Mumbai.

Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.