NZZ Folio 07/03 - Thema: Olten Einfach   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Wer wagt es, sich «gesund» zu nennen?

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Von Wolf Schneider

«GESUNDHEIT» – wie bitte? Was das ist, weiss doch längst keiner mehr; am ehesten noch ist es ein Zuruf beim Niesen. Das Durcheinander begann 1948 mit der Definition in der Charta der Weltgesundheitsorganisation (WHO): «Gesundheit ist der Zustand vollen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens.» Womit die Uno-Tochter einerseits unsinnig weit gegangen war und andererseits längst nicht weit genug.

«Soziales Wohlbefinden» als Grund recht! Wer soll darüber richten? Wann fühlt ein durchschnittlicher Mitteleuropäer sich sozial «wohl»? Wenn sein Lebensstil dem seiner Freunde gleichkommt? Oder nur dann, wenn er sich ein Auto leisten kann, das für den Nachbarn unerschwinglich wäre? Und wie verhält sich das soziale Wohlbefinden, das in fröhlicher Runde beim zehnten Bier entstehen mag, zum körperlichen Unwohlbefinden am Morgen danach? Hier hat die Uno erhabenen Unfug produziert.

Nur vernünftig also, dass für den Grossen Duden von 1999 bloss noch das körperliche und geistige Wohlbefinden zählt, das seelische dazu; das soziale ist getilgt. Doch bleibt der Duden dem Begriff «Wohlbefinden» treu. Als ob es darauf ankäme! Kann einer, der sich wohl fühlt, nicht längst von unentdeckten Krankheiten zerfressen sein? Früherkennung! Vorsorge! Prävention! Die Gesundheitsbehörden predigen das, die Ärzte lieben es, und gerade hat der populäre Fernseh-entertainer Harald Schmidt in grossen Zeitungen gross inseriert: «Alle zwei Jahre sage ich Ja zur Darmspiegelung. Man gönnt sich ja sonst nichts.»

Den fundamentalen Unterschied zwischen Sichwohlbefinden und Gesundsein hat Thomas Mann schon im «Zauberberg» herausgestellt: Da wird einer Patientin die Lehre erteilt, sie könne nur sagen, wie sie sich fühle; wie es ihr gehe, das beurteile einzig und allein der Arzt. Das war 1924 – doch dann dauerte es noch sechzig, siebzig Jahre, bis diese Einsicht im Abendland zur Richtschnur, ja zur Mode geworden war.

Es kam so viel zusammen: zum Röntgenbild die Ultraschalluntersuchung und die Computertomographie – sollte man sich da denn nicht beizeiten in die Innereien blicken lassen? Und so viele Ärzte, die schliesslich auch leben wollen! Und die viele Freizeit, die doch eine Zeit sein kann, in sich hineinzulauschen! Und die Bereitschaft des Staates oder der Versicherungen, die Diagnose «Krankheit» mit Geld aufzuwiegen, ja selbst solchen Bürgern die Behandlungsbedürftigkeit zu attestieren, die sich von ihrem Wohlbefinden hatten irreführen lassen. Wie kann es da noch «Gesunde» geben? Es gibt nur Patienten: solche, die schon leiden; solche, die bereits heute wissen, woran sie morgen leiden werden; und schliesslich die, die sich der Illusion hingeben, gesund zu sein – bloss weil noch kein inquirierender Arzt sie ihrem Wahn entrissen hat.

Dabei wäre es völlig gegen den Geist der Zeit, sich auf die Krankheiten des Leibes zu beschränken. Die Seele, die Seele! Psychosen, Neurosen, Depressionen! Und diese Kopfschmerzen, der verdächtige Waschzwang, die ganze Müdigkeit! Längst sind solche «mentalen Ursachen» als Versicherungsfälle anerkannt; mit ihrem Anteil von 39 Prozent an der bescheinigten Erwerbsunfähigkeit hält die Schweiz den Weltrekord, schrieb neulich die «Weltwoche».

Dass sich in die arbeitsunfähig Geschriebenen viele Hypochonder mischen, bestreitet niemand – Menschen darunter, die den Arzt so oft wechseln, bis ihnen einer schliesslich die Krankheit bestätigt, an der sie von jeher zu leiden glaubten. Haben Hypochonder ein wirkliches Leiden? Ja, die Angst. Aber dazu oft den «Krankheitsgewinn», wie Sigmund Freud ihn nannte: im Beruf die Tarnung eigener Unzulänglichkeit, in der Familie das Mittel, «die anderen zu Opfern und Liebesbeweisen zu zwingen». Wie schrieb Georg Büchner über den Dichter Lenz? «Eine geheime Hoffnung auf eine Krankheit besserte seine Stimmung.» Franz Kafka weihte seine Brieffreundin Milena in seine Lebenstechnik ein: «…sich in einen Garten legen und aus der Krankheit, besonders wenn es keine eigentliche ist, so viel Süssigkeit ziehen als nur möglich. Es ist viel Süssigkeit darin.» Die ausserordentliche Leistung, ob beim Präsidenten oder beim Genie, entspringt eben selten oder nie dem Wohlbefinden, sondern gerade der Krankheit, den unbewältigten seelischen Konflikten, der Qual. «Ich begreife gar nicht, wie ein glücklicher Mensch auf den Gedanken kommen soll, Kunst zu machen», schrieb Richard Wagner.

Vielleicht darf man in einer Zeit, in der es mehr und mehr zum guten Ton gehört, sich in den Gedärmen herumschnüffeln zu lassen, den Missionaren der chemisch reinen Gesundheit zwei schlichte Wahrheiten entgegenhalten: Erstens, niemand sollte sich dafür rechtfertigen müssen, wenn er sich weigert, sich die Prognose aller künftigen Scheusslichkeiten zum täglichen Begleiter zu nehmen; und zweitens: «Gesund» könnte der heissen, der das leisten und geniessen kann, was er leisten und geniessen möchte – mit ein paar Schmerzen oder idealerweise ohne diese. Die Gesundheit, wie ihre Apostel sie definieren, ist unnormal.

«Normal», freilich – was heisst das schon? Dazu im nächsten Folio das nächste Grübelstück.




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