ES PASSIERT MIR NICHT OFT, dass ich einer Berühmtheit von Angesicht zu Angesicht begegne. Einmal betrat ich einen Lift, und vor mir stand Roy Orbison, der Sänger, auf dem Höhepunkt seines Erfolgs. Da ich nicht in seine Privatsphäre eindringen wollte, verzichtete ich darauf, ihn um ein Ständchen zu bitten, und gab mir alle Mühe, so zu tun, als sei er überhaupt nicht vorhanden. Leicht war das nicht. Er trug einen Stetson, der so gross war, dass ich in der Kabine kaum Platz fand, hautenge Jeans, ein grell kariertes Hemd mit Pailletten, hochhackige Cowboy-Stiefel, derentwegen er den Kopf einziehen musste, und hatte ausserdem - jawohl! - eine Gitarre bei sich. Aber das Gebäude war hoch, und der Lift fuhr langsam, bis Roy, wohl wissend, dass ich ihn längst erkannt hatte, mir schliesslich zunickte und mich mit breitestem Grinsen grüsste. Es blieb mir nichts übrig, als irgend etwas zu erwidern.
«Ähh . . . Sie tragen also tatsächlich immer eine Sonnenbrille.»
Er lachte. «Nur wenn ich ganz sicher sein will, dass mich jeder auf Anhieb erkennt», flachste er mit ausgeprägtem Südstaatenakzent.
Er gehörte zu jenen Leuten, die das grundlegende Dilemma des modernen Lebens verstanden haben. In einer Kultur des Individualismus sind der Hunger nach Ruhm und das verzweifelte Verlangen nach Privatheit nur zwei, einander wechselseitig verstärkende Seiten ein und derselben Medaille. Oder wie Oscar Wilde einmal meinte: «Das einzige, was schlimmer ist, als zum Gespräch der Leute zu werden, ist, nicht zum Gespräch der Leute zu werden.»
Die modernen Städte sind unser grösster Luxus - sie gestatten uns vollkommene Anonymität. Wir bewegen uns unerkannt und unsichtbar in einem Strom von fremden Menschen. Wir können sein, wer und was uns beliebt, ohne auf unsere Vergangenheit festgenagelt zu werden. Ganz anders auf dem Dorf, wo jeder genau weiss, wo Sie sich am vergangenen Mittwoch aufgehalten haben und welch schreckliche Dinge Ihr Grossvater vor fünfzig Jahren getan hat - Dinge, die am besten für immer totgeschwiegen werden, weil sie so grauenerregend sind. Die unverbindliche Anonymität der Stadt ist zu einer eigenen Lebensform geworden. Seit fünfzehn Jahren lebe ich neben demselben Nachbarn, aber nicht einmal habe ich sein Haus betreten.
Gleichzeitig raubt die Technik uns täglich mehr von unserer Privatsphäre. Kameras verfolgen uns auf unserem Gang durch die Strassen, Peilgeräte stellen auf dem gesamten Planeten den Standort unseres Autos auf zwei Meter genau fest, Kreditkartenunternehmen registrieren, wo wir waren, was wir dort getan haben und wieviel es uns gekostet hat, das Klingeln unserer Handys verfolgt uns bis aufs privateste Örtchen, und in unserer Mailbox stapeln sich die Ergüsse eines schwatzhaften Irren aus Australien. Unsere Reisepässe erlauben den Regierungen, über Jahre hinweg unsere Bewegungen zu verfolgen, und die Identitätskarten besiegeln unsere Personalien. Die traditionelle Antwort auf dergleichen Übergriffe seitens der Welt bestand darin, menschliche Barrieren wie Sekretärinnen, Hausmädchen und Butler zwischenzuschalten oder aber physische Hindernisse wie Mauern, Schlösser und Vorhänge, um mit ihrer Hilfe die Aussenwelt auf Distanz zu halten. Heutzutage schlägt man den Feind mit seinen eigenen Waffen - mit weiterer Technik, die Telefonanrufe beantwortet, hereinkommende E-Mail siebt, unsere Telefonnummern anonymisiert und uns auf Kleinstmonitoren zeigt, wer vor der Haustür steht, damit wir so tun können, als seien wir nicht daheim. Immer öfter finden wir unsere Ehepartner durch anonyme Zeitungsannoncen, in denen wir nur noch als Chiffren figurieren, denen man auf neutralem Boden begegnet, oder wir nehmen von vornherein eine völlig falsche Identität an, um im Internet mit fiktiven Partnern zu flirten.
Den Dienstleistungsberufen wird ein hehres Standesethos eingebläut. Ärzte, Anwälte und Zahnärzte legen feierliche Gelübde ab, unsere kleinen Geheimnisse unter Androhung der Todesstrafe für sich zu behalten, derweil jedes zehnjährige Kind mit Hackerambitionen sich unsere Privatdaten auf den Bildschirm ziehen kann. Das grosse Zauberwort der letzten beiden Jahrzehnte hiess «Sicherheit» - eine durch die Uniformträger verschiedener Wach- und Schliessgesellschaften behütete Privatheit. Der Schutz des Individuums hat merkwürdigerweise immer zur Folge, dass mehr und mehr Leute in Uniformen gesteckt werden.
Unsere Vorstellung von Privatheit beruht auf unseren Begriffen von Person und Selbst, von Raum und Zeit, von Individuum und Gesellschaft. Sie verschmilzt Gefühle, bedeutsame Tätigkeiten und sogar materielle Besitztümer zu einer eigenartigen Legierung. Privatheit fühlt sich wie ein reales Phänomen an, weil selbst unser Körper noch in offene Zonen und in Sperrzonen aufgeteilt ist, an deren unterschiedlicher Privatheit die Welt sich in verschiedene Personengruppen spaltet. Es gibt Leute, denen wir erlauben, uns den Hals zu streicheln und unsere Gefühle zu erkunden, und andere, die uns nur die Hand geben oder ein Auto verkaufen dürfen. Grenzübertretungen gelten zunehmend als kriminelle Übergriffe, die millionenschwere Gerichtsverfahren und die Amtsenthebung von Präsidenten rechtfertigen.
Eines der Probleme, mit denen sich jeder in einer anderen Kultur konfrontiert sieht, besteht darin zu lernen, durch welche Regeln Privatheit im körperlichen Umgang und im Gespräch definiert ist. Ich habe massige japanische Surfer in Indonesien in Tränen ausbrechen sehen, weil sie es einfach nicht ertrugen, dauernd angefasst zu werden, und ich selbst musste mich während meiner Feldforschung förmlich dazu zwingen, fremden Menschen den Arm umzulegen und noch dem flüchtigsten Bekannten ohne Erröten die Schultern zu drücken, indes ich mich nach seinem Einkommen, dem Geschlecht seiner Kinder und der Anzahl seiner Frauen erkundigte. «Er ist nett», pflegten sie dann über mich zu sagen. «Gar nicht zugeknöpft, sondern wie einer von uns.» Dergleichen Verhaltensweisen unterliegen natürlich dem historischen Wandel. Im 19. Jahrhundert schrieb der spanische Botschafter in London einen bizarren Brief nach Hause, in dem er sich über die körperliche Aufdringlichkeit der Engländer entsetzte, die ihm während jeder Unterhaltung übers Revers zu streichen und an den Knöpfen seines Jacketts zu zupfen pflegten.
Doch unsere Privatheit endet nicht bei Haut und Kleidung. Einmal nahm ich an einer Tagung mit einer Gruppe von Polizisten teil, die mich hart an den Rand eines Nervenzusammenbruchs trieben, weil man ihnen beigebracht hatte, sich in Atemweite vor ihren Gesprächspartnern aufzubauen, um ihnen die Privatsphäre zu nehmen. Sie stellten sich vor mir auf und schnüffelten mir buchstäblich mit der Nase im Gesicht herum. Es war der Inbegriff polizeilicher Einschüchterung. Ich verspürte den verzweifelten Impuls, stehenden Fusses meine sämtlichen Geheimnisse zu gestehen oder umgehend nach Hause zu fliehen und die Tür hinter mir zu verriegeln. Und mir wurde mit einemmal klar, weshalb sich Polizeikultur und westindische Kultur, wo jedes Starren sofort als Herausforderung aufgefasst wird, so schlecht miteinander vertragen.
Auch der Raum unserer Wohnung und die Zeit, die wir dort verbringen, gelten als schützenswerte Privatsphäre. Am Sonntag verzichte ich auf die morgendliche Rasur, weil das rasierte Gesicht mein öffentliches Gesicht ist, das erst am Montag wieder präsentiert wird. Der liebste Teil meines Hauses ist mir immer noch die Eingangstür mit dem ganzen rituellen Drumherum von Schloss und Klingel und Licht und Klinke. Dank der Privatheit, welche sie mir verschafft, kann ich um zwei Uhr nachts nackt jodelnd durch die Wohnung laufen und die Eiscrème mit den Fingern aus dem Becher schaufeln - falls mir danach sein sollte. Privatheit heisst Freiheit von sozialem Zwang, und daher werden die eigenen vier Wände zum Symbol unseres Selbst. Leute, in deren Wohnung eingebrochen wurde, berichten von einem Gefühl des Missbrauchs und der Vergewaltigung, und am schlimmsten ist der Obdachlose dran, weil er keinerlei Privatsphäre mehr besitzt.
Das Wesen der Privatheit wird wesentlich durch die Abgrenzung zur Öffentlichkeit bestimmt, und es ist nicht weiter verwunderlich, wenn dieser Ausdruck sich kaum in nichtwestliche Sprachen übersetzen lässt, in denen diese Grenze ganz anders gezogen wird. Kommunistische Führer mit Nummernkonten (in der Schweiz) pflegen die Privatsphäre als eine bourgeoise Erfindung zu verspotten. Ehr- und Schamkulturen sind das tägliche Brot der Ethnologen. Aber solche Kulturen funktionieren doch auf ganz andere Weise, denn der Wert des Einzelnen wird dort ausschliesslich in der öffentlichen Arena bestimmt. Unsere Vorstellung von Privatheit hingegen verlegt den Kern unseres Selbst radikal ins Reich des Persönlichen und weitet ihn von dort auf all das aus, was wir sagen und schreiben. Es wäre daher unsinnig gewesen, mich über die Indiskretion jenes indischen Hotelangestellten zu beklagen, der mir die Ansichtskarten, die er für mich einwerfen sollte, mit der schmollenden Bemerkung zurückgab, er habe manche meiner Worte nicht lesen können, ob ich ihm nicht behilflich sein könne?
Privatheit erscheint am problematischsten dort, wo es um berühmte und daher prinzipiell öffentliche Personen geht, denen wir stets mit einem schlüpfrigen Interesse begegnen. Gott helfe dem Biographen, der uns vom Leben einer literarischen oder politischen Persönlichkeit berichtet, ohne uns über ihre Bettgeschichten in Kenntnis zu setzen. Das beste Beispiel aus jüngster Zeit ist der Fall von Prinzessin Diana, jener von sich selbst besessenen Märtyrerin der Medienpenetranz. Im Mittelalter bestand der Höhepunkt einer königlichen Hochzeit darin, dass die Höflinge durchs Schlafgemach der Monarchen defilierten, um die Lüsternheit des Paares unterm Laken zu bezeugen, und die Geburt der Thronfolger war ein quasi öffentliches Ereignis, denn schliesslich war der Körper des Monarchen Eigentum des Gemeinwesens.
Diana dagegen unternahm eine Gratwanderung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, auf der sie einerseits schier unendliche öffentliche Aufmerksamkeit erwartete, aber andererseits über die Grenzen ihrer Privatsphäre selbst bestimmen wollte. Die Kehrseite der Privatheit ist Peinlichkeit und Skandal, wenn dasjenige offen herausposaunt wird, was unsichtbar bleiben sollte, und Diana brachte ihre gesamte Umgebung in eine hochnotpeinliche Lage, weil sie anscheinend unfähig war, die Grenze zwischen beidem zu erkennen. Aus dieser Perspektive war ihre Bulimie lediglich Ausdruck ihres Unvermögens, privates Selbst und öffentliches Image auszubalancieren.
Die Verletzung der Privatsphäre hat sogar religiöse Konnotationen. Christliche Reliquien sind in der Regel höchst intime Dinge - Zähne, Haare, die göttliche Vorhaut. Die Habsburger bewahrten unter ihren Schätzen ein Stück von Christi Unterwäsche und das Schweisstuch der heiligen Veronika auf. Vor einigen Jahren wurde der französischen Regierung allen Ernstes in einem monogrammierten Lederetui Napoleons Penis zum Kauf angeboten - gleichsam als Teil des nationalen Erbes.
Und was gilt heutzutage als Inbegriff des Privaten? Lassen Sie mich aus einem Gespräch mit einem befreundeten Psychotherapeuten zitieren:
«Er hat eine ödipale Fixierung mit stark analen Tendenzen. Bis zum Alter von fünfunddreissig hat er mit seiner Mutter im selben Raum geschlafen. Ich kann ihm nicht helfen. Schade, immerhin schuldet er mir noch zehn Sitzungen.»
«Und wieviel macht das?»
«Oh», meinte er entsetzt, «DAS darf ich dir nicht verraten. Das ist PRIVAT!»
Nigel Barley, Ethnologe, ist Kustos für Nord- und Westafrika am British Museum; er lebt in London.