MEINE ERSTE EISENBAHNREISE war ein ungewohnter Luxus. Sie ging von Moskau nach Hoek van Holland in einer Erste-Klasse-Suite, die mit blauem Satin gepolstert war. Ich kam aus der grauen Peripherie Londons, und dieser üppig ausgestattete Reisezug liess mich der Eisenbahn-Romantik verfallen. In jenen drei exotischen Tagen, die ich, zehn Jahre alt, auf Schienen verbrachte, kostete ich die Pracht der Züge längst vergangener Zeiten. Der livrierte Schaffner mit seinem Samowar, die Leinenwäsche, die Spitzen und der Schimmer meines blauen Satinboudoirs machten für mich jede weitere Eisenbahnfahrt verlockend. Dass der hochelegante Speisewagen in Brest-Litowsk abgehängt wurde und meine Mutter und ich in den folgenden achtundvierzig Stunden nichts zu essen hatten, kann als Erinnerung mit dem Vergnügen und der Aufregung, die mir dieser erste Zug bescherte, nicht konkurrieren.
Die Russlandreise führte etwas fort, das für mich bereits eine regelmässige Alternative zum langweiligen Schulalltag geworden war. Das Gelände meiner Schule im südlichen London wurde von einer Eisenbahnbrücke durchschnitten, und wenn man durch die dichten Büsche die Böschung hinabkroch, kam man auf einen Bahnsteig, wo die Züge an die englische Südküste hielten. Nicht einmal fünfzig Minuten dauerte die Fahrt nach Brighton. Schwänzen am Meer machte mehr Spass als Unterricht, und Züge wurden für mich gleichbedeutend mit Schuleschwänzen, Flucht, Abenteuer und dann, ab dem reifen Alter von zehn, mit der Möglichkeit von ungeahntem Luxus. Die Vorstellung einer Reise mit der Eisenbahn war romantisch; sie verlieh jeder Fahrt etwas Romantisches. Die Tatsache, dass die meisten Züge mit jener kobaltblauen Pracht wenig gemeinsam haben, schmälert nur selten den Reiz.
Seit dreissig Jahren erkunde ich mit grossem Vergnügen die Eisenbahnstrecken der Welt. Jede Fahrt, ob kurz oder lang, ob kühn oder alltäglich, verquickt die widersprüchlichen Empfindungen von Erregung und Besänftigung. Zugfahren ist funktional und sinnlich zugleich. Züge bringen einen dorthin, wohin man möchte, durch unablässig wechselnde Tunnel des Gehirns. Sie lassen einen durch die Welt gleiten, wie sie vom menschlichen Geist ersonnen wurde, und in Landschaften hinein, die, Schwellen und Gleise ausgenommen, von Menschen unberührt sind. Ich liebe jede Art des Reisens (ausser Busreisen, bei denen mir schlecht wird), aber Zugfahren ist erholsam und enthebt zugleich für die Dauer der Reise jeder Verantwortung, ohne einen dem Leben zu entziehen. Es bündelt Zeit im Ort. Das Gefühl von Schuleschwänzen ist geblieben. Welches Durcheinander ich auch hinter mir lasse, wenn ich einen Zug besteige, was immer ich erledigen müsste: es muss warten. Jede Fahrt ist ein Stück Zeit, das aus dem Rätsel meines Lebens herausgelöst wurde, und ein Einblick in das Leben anderer.
Der Lokomotivführer, ein unsichtbarer Fremder, steuert den Zug, während sich die Passagiere die Zeit vertreiben können, wie sie möchten: sie können lesen, plaudern, schlafen, neue Menschen kennenlernen, ohne jede Verpflichtung, sie wiederzusehen, Tagträumen nachhängen und die Landschaft in sich aufnehmen. Der junge Vladimir Nabokov, von der Romantik der Züge berührt, stellte fest, dass es seine Schlaflosigkeit milderte, wenn er sich vorstellte, er sei der Lokomotivführer, der, «schutzbebrillt und russverschmiert», in die Nacht hinausspäht. Die Sehnsucht nach dieser schwierigen Aufgabe ist ein kollektiver Kindheitstraum.
Fliegen erzwingt eine gewisse Entpersönlichung. Flugpassagiere werden etikettiert und abgetastet, auf Rollbänder geschickt, ihrer Habe beraubt, vorübergehend in eine Sphäre jenseits von Zeit und Raum verbracht. Züge erlauben mehr Individualität, mehr Wahlmöglichkeiten. Man kann fahren, wohin man will, sitzen, wo man will, man kann aussteigen und die Reise nach Belieben unterbrechen. Man reist mit so viel von seinem Hab und Gut, wie man mitnehmen möchte. An jedem Bahnhof steigen neue Leute mit Gepäck ein. Was sie bei sich haben, gibt Aufschlüsse über die Kultur neuer Landstriche. Sie arrangieren die Dinge um sich herum wie jene Alltagsgegenstände, die in ägyptischen Gräbern den Toten mitgegeben wurden. An den endlosen Tüten mit belegten Broten, der Kleidung, den Umgangsformen, der Sprache, den Gesichtern der Passagiere und dem übrigen Drum und Dran erkennt man nicht nur, durch welche Gegend der Zug fährt, sondern erfährt auch etwas darüber, wie die Menschen dort leben.
Wenn wir Lord Byrons Satz bedenken, das Wesen des Reisens liege nicht darin, wohin man reise, sondern was man auf dem Weg dorthin sehe und lerne, zeigen sich die wahren Vorzüge der Züge. Bei den Zwängen der heutigen Zeit und der Notwendigkeit, an einem bestimmten Ort anzukommen, erlaubt uns die Zugreise dorthin, die durchquerten Landstriche und Länder zu sehen und kennenzulernen, sei es auch noch so flüchtig. Gleichsam als Geschenk bekommen wir ein Gespür für die Gegend, ein Stück Leben, eine Begegnung mit Menschen, nicht gehetzt von Rollbändern und rationalisierender Bürokratie.
Denken Sie an das beruhigende Schlaflied eines Zugrhythmus, das Wiegen, Wispern, Schaukeln, und schon beginnt der Blick sich besinnend nach innen und beobachtend nach aussen zu richten. Auf der Scheibe, die mich von den Wäldern und Feldern, den Fabriken und Gärten draussen trennt, sammeln sich Details wie eine Staubschicht. Der stete Rhythmus beruhigt den Strom der Bilder, die vorüberblitzen. Denken Sie an all die Verse in Bluesliedern, in denen Züge wie etwas Bekanntes, Altvertrautes vorüberrauschen. Denken Sie an das Gefühl, wenn vergangene Zeit mit der Gegenwart zusammenfliesst. Denken Sie an die Neugier als Fundament der Intelligenz. Nehmen Sie einen Bummelzug mit Pendlern, eine Tasse Kaffee und ein gutes Buch. Lassen Sie sich anrühren vom Flirren und Flattern im Leben anderer Menschen, belauschen Sie morsekurze Begrüssungen. Sehen Sie, was die Vororte einer Grossstadt auf ihre Wäscheleinen hängen. Sehen Sie Blumenbeete, flickenteppichgross und kundig gepflegt wie Parks; sehen Sie Schrottplätze, weggeworfene Dreiräder. Sehen Sie, welche Blumen wild an städtischen Nebengleisen gedeihen: Böschungen mit lila Weidenröschen und Nachtkerzen, die den Schotter bunt machen.
Dergleichen bereichert die grauen Kulissen des Stadtlebens. Dahinter fräsen sich Züge ihren Weg durch offenes Land: Waldstücke, ein Glockenblumenteppich, trockene Steinmauern, Bäche, Flüsse, Kornfelder, Schafe, einsame Höfe, Kirchtürme. Sekundenlang blitzen die Bilder auf und beflügeln die Phantasie, zahllose Seiten fein abgestufter Farbtafeln. Züge nehmen ihren Weg durch menschengemachte und unberührte Landschaften, blättern rasch durch einen Bildband von Eindrücken. Und dann die Bahnhöfe. Einige Bahnsteige bersten vor Leben, andere sind verlassen. Flirten Sie mit anderen Kulturen, tauchen Sie in sie ein, fahren Sie weiter und entscheiden Sie, was Sie geniessen, was Sie verwerfen wollen. Der Zug beherbergt das Ereignislose und erlaubt zugleich eine Betrachtung von Umgebungen im Wandel. Die Fülle von Eindrücken zwingt Sie, sich abzuwenden, nachzudenken, auszuruhen. Selbst wenn es keine anderen als Pendlerstrecken gäbe, selbst wenn die Züge nichts täten, als Städte mit Vorstädten zu verbinden, sie würden doch ihre Faszination bewahren.
Hinter dem städtischen Schienennetz liegen Abertausende von Schienenkilometern, die in Gegenden von atemberaubender Schönheit führen. Es gibt immer und immer wieder Momente ästhetischer Intensität, manchmal dauern sie so lange an, dass die Landschaft Sie wegzusehen zwingt. Gegenden, in die Sie vielleicht nie einen Fuss gesetzt haben, prägen sich unauslöschlich in Ihr Gedächtnis ein. Aber was so einzigartig scheint, so persönlich, ist Teil des kollektiven Gedächtnisses. Was dem ausländischen Reisenden exotisch und wunderbar vorkommt, ist für die Einheimischen alltäglich. Für sie sind die Abteile, in denen sich Wallfahrer den Hals verrenken, lediglich ein bequemes tägliches Transportmittel.
Wer einmal über den Damm nach Venedig kam, mit dem Zug von Mestre über die Lagune geglitten ist, dem bleibt die sinnliche Befriedigung dieses ersten Blicks auf Venedig in bleibender Erinnerung, und jedesmal, wenn man diese Strecke wieder fährt, wiederholt sie sich in fast ursprünglicher Intensität. Am frühen Morgen im Nachtzug von Frankreich nach Italien aufwachen, vor sich ein Fenster voll Alpen, hier und da Schnee, eisige Wasserfälle, von der Zeit gemeisselter Granit. Die Essenz Italiens, wo ich seit fast zwölf Jahren lebe, finde ich immer wieder aufs neue auf den Eisenbahnstrecken dorthin, die über Chiasso und Ventimiglia führen. Letztere, die Rivierastrecke, drängt in Tunnel hinein und wieder hinaus, Bougainvillea-Kaskaden ergiessen sich hinunter an das kristallklare Mittelmeer, während der Zug an den Rändern von Abgründen entlangschaukelt. Die erstgenannte, die ich inzwischen sicher weit über hundertmal gefahren bin, die Strecke durch die Berge, umfährt den See, verschmilzt mit italienisch aussehenden Häusern, Kirchen, Mauern, die in allen Schattierungen von Rosa und Abricot verputzt sind; dann die Fahrt von Bellinzona hinunter, der langsame Übergang von Nord nach Süd.
Vom Tal der Loire zur Côte d'Azur, von den Felsen und Rhododendren an Cornwalls Küste zu den hohen, mit Schlössern bestandenen Klippen von Invernessshire, von den versteckten Dörfern Kataloniens zu den wilden Wüsten des westlichen Andalusien, von den stets gleichen grünen Ebenen der Niederlande, die von Pappeln und Weiden verschleiert und mit Bauernhöfen gesprenkelt sind, streckt die Eisenbahn ihre langen Finger aus, umfängt Raum, zerteilt ihn, verdaut ihn, saust spielerisch davon.
Europa zerfällt nicht nur in Länder, sondern in Regionen. Das Gefühl für die Gegend dominiert, Bilder, Geräusche, Geruch und Geschmack verlangen für kurze Zeit die Aufmerksamkeit eines Intensivkurses. Bereiche vergleichender Studien eröffnen sich: die jeweiligen Vorteile verschiedener Arten, Dächer zu decken, die verschiedenen Ziegel, die unterschiedlichen Umbra-, Rosa-, Orange- und Rottöne. Schieferdächer, phosphoreszierend in den Schattierungen von Taubenfedern. In der Schweiz Blumenkästen voller Geranien, die an unerschrockene Reisende erinnern, scharlachrote Blüten ranken sich über Balkone, entfliehen der Ordnung in einen Farbenrausch. Mit den Augen folge ich den ungleichmässigen Rändern der Seen, dünne zerschlissene Spitzenunterröcke, wo das Wasser ans Ufer schwappt, vom Kielwasser der Fischerboote bewegt; viele Stunden habe ich damit zugebracht, dem Leuchten des Wassers nachzusinnen, noch lange, nachdem die Laterna-magica-Bilder des realen Sees vorüber waren.
Manchmal spinnt der Zug Seide zu einem Kokon, manchmal entrollt er sie. Er schaukelt und ruckt, besänftigt und schockiert, tröstet und überrascht. Manchmal ist der Zug exotischer als die triste Landschaft, die er durchquert. In den langen Stunden durch Jalisco im mexikanischen Tapatio, der seit der Jahrhundertwende mit unveränderter Ausstattung und in gleichem Stil majestätisch von Mexico City nach Guadalajara fährt, ist es die verblichene Pracht des Tapatio selbst, der die Romantik dieser Reise in einer Landschaft aufrechterhält, die häufig nichts als eine flache und ereignislose Einöde ist, aller Menschen und Bäume beraubt.
In Brasilien, in den exotisch blühenden Sümpfen des Pantanal, sind die Gleise von Jabiru-Störchen, Paradiesvögeln, leuchtenden Orchideen und Urwald gesäumt, durch den sich die ramponierten Waggons spartanischer Züge schlängeln. Solch üppige Landschaften entschädigen für die Unbequemlichkeit der Züge, und wenn Bequemlichkeit und Schönheit zusammentreffen, wie es in der Blütezeit der Eisenbahnreisen üblich war, gibt es kaum eine bessere Art, die Jahreszeiten und die Eigenheiten einer Landschaft auszukosten. Rote Erde, schwarze Erde, Torf, Sand, Kreide, Ton, Granit und Kalk. Die Züge setzen eine Souvenir-Patina aus Staub an. In Patagonien wird die Patina zum Sandsturm, und alle Passagiere werden zu Cowboys, mit grossen und kleinen Tüchern vor Mund und Nase gebunden. In Italien, Griechenland, Portugal und Spanien mischt sich der Staub mit dem allgegenwärtigen Duft von Glyzinien, Jasmin oder Zitronenblüten. Im tropischen Regenwald ist die Luft in den Zügen schwer vom Duft der wild wachsenden weissen Lilien, die den Waldboden bedecken wie ein Teppich.
Zugreisende tauchen kurz in fremde Länder ein, flirten heftig mit ihnen, fangen Bilder ein, sammeln Erinnerungen, wie ein Kind geleitet, wie ein Baby gewiegt, in Erregung gelockt und in unerklärlich tiefen Schlaf gelullt. Jede Station fügt der magischen Litanei der Namen einen weiteren hinzu. Jede Sprache zieht in ihren Bann. Schnell und langsam, blitzend und rostig, rüttelnd, ratternd und sanft gleitend fahren die Züge kreuz und quer über ihre Schienen. Nach Jahren relativer Vernachlässigung wird der Eisenbahn endlich ein wenig von jener Aufmerksamkeit zuteil, die sie verdient. Die kathedralengleichen Bahnhöfe werden restauriert, die Züge überholt. Neue Modelle bemühen sich sogar wieder um Bequemlichkeit. Es hat den Anschein, als beginne ein neues Zeitalter der Eisenbahn.
Vorüber die Zeiten, als ich wochen- und monatelang praktisch in Zügen lebte, mit meinen Kindern im Schlepptau unterwegs durch Europa, um meine kreischenden Nerven mit dem gleichbleibenden Rhythmus des Zuges zu besänftigen, sicher, wie mir schien, nur in einem Zugabteil. Jetzt reise ich gelassener und weniger zwanghaft. Wenn es die Möglichkeit gibt, wähle ich immer die Fahrt mit der Eisenbahn.
In diesem Jahr habe ich deutlicher als sonst gespürt, wie der Frühling den Winter vertreibt, da ich es vom Zug aus sah. Ich kenne Deutschland nicht gut, aber ich kenne es besser, seit ich auf Nebenlinien durch Felder und an den hintereinander aufgereihten ländlichen Bahnhöfen vorbei gebummelt bin. Der vom Rauhreif weisse Schwarzdorn, die Trauerweiden, die Forsythien, die Narzissen, die scheuen Anemonen, die Obstgärten und die Weinberge, die Holzstösse und die Wäscheleinen, die Schrebergärten und die Gärten hinter den Häusern, und rasche Blicke auf Familien, die im plötzlichen Sonnenschein ein Picknick veranstalten. Von Köln nach Freiburg, von München nach Friedberg, von Heidelberg nach Oberhausen bin ich dem Faden der Eisenbahngleise in das Neue und das Alte gefolgt, in das Unbekannte und das Erinnerte. Wie das Meer, das unablässig zum Strand hin- und wieder zurückrollt, so rollen Züge in Bahnhöfe ein und wieder hinaus, leeren sich, füllen sich erneut, von Passagieren angetrieben.
Jeder Reisende beendet eine Reise, die für ihn von Bedeutung ist, kommt mit dem Leben in Berührung und fährt weiter, aber das Netz der Eisenbahn bleibt vom Einzelnen unberührt, es ist ohne Rücksicht auf ihn da, und ich hoffe, es wird immer da sein.
Lisa St Aubin de Terán ist Schriftstellerin; sie lebt in Umbrien, Italien. Auf deutsch ist von ihr soeben der Roman «Hüter des Hauses» erschienen.