IM FAUNTELORY PLAYFIELD, einer grünen, mit Gras und Bäumen bewachsenen Oase inmitten einer ausgedehnten Gegend heruntergekommener Mietskasernen im Westen von Baltimore, Maryland, setzt an einem milden Samstag nachmittag eine Rhythm-and-Blues-Band zu einer inbrünstigen Version von Stevie Wonders «Living For The City» an. Der Song bildet den Auftakt zu einem festlichen Protest gegen die erbärmlichen Verhältnisse, die das Viertel zu einer der meistgefürchteten Gegenden Amerikas haben werden lassen. Gelbe und grüne Ballons schweben über den Köpfen der Menge, Kinder tun sich an Hot dogs und Coca-Cola gütlich, und schliesslich begibt sich eine Reihe von örtlichen Aktivisten zum improvisierten Podium, um die Gefahren von Crack anzuprangern und die Vorteile harter, ehrlicher Arbeit hochleben zu lassen.
Zu der Kundgebung aufgerufen hat eine von der Stadtregierung initiierte und teilweise finanzierte lokale Einwohneraktion namens Community Building in Partnership Inc. Gefeiert wurde das sechste Jahr einer Kampagne zur Sanierung von Sandtown-Winchester, einem der elendesten Quartiere Baltimores, der fünftärmsten Stadt in Amerika.
Während die Festivitäten mit Musik und Ansprachen über die Bühne gehen, läuft in den verfallenden Reihenhäusern und in den von Ratten verseuchten Hinterhöfen rund um den Park eine ganz andere Szene ab. Schon vor Einbruch der Dämmerung haben junge schwarze Männer in bunten T-Shirts ihre Posten an den Strassenecken bezogen, wedeln mit Bündeln von 20-Dollar-Noten und braunen Papiertüten. Mit einemmal sind Spielplätze und Fussgängerstreifen zu einem Strassenmarkt für Crack, Kokain und Marihuana umfunktioniert.
Vor einem Haus, dessen Türe und Fenster mit Karton vermacht sind, feiern ein paar ältere schwarze Männer ihr eigenes privates Fest. Zwei Flaschen Mogen David - ein süsslicher, billiger Wein - machen die Runde. Auf den Treppen der Veranden bilden sich Gruppen von Männern und Frauen; sie hören Musik von einem, der sich einmal Prince nannte, von Aretha Franklin und anderen beliebten Sängern. Die Schnulzen dröhnen so laut aus den Boxen, wie der Lautstärkeregler es zulässt. Spannung liegt in der Luft, als ob alle nur darauf warteten, dass der Samstagabend beginne.
Dies sind sie also, die beiden Armeen von städtischen Kriegern, die um das Herz und die Seele von Sandtown-Winchester kämpfen - einer der vielen verelendeten Enklaven in den Innenstädten, aus denen das schwarze Amerika besteht. Auf der einen Seite die Aktivisten: Sie wollen die schäbigen Häuser und Schulen des Viertels aufmöbeln und ein neues Gefühl von Stärke und Gemeinschaft heraufbeschwören. Ihnen gegenüber stehen die Drogenkönige, die Anführer der Gangs und die Prostituierten, die das Quartier für ihren eigenen, höchst unsteten Lebensstil nutzen. An diesem Samstag hätten die Fronten nicht klarer sein können.
Als die Nacht über Sandtown-Winchester hereinbricht und erste Gewehrschüsse die Stille zerreissen, gibt es keinen Zweifel daran, wer in diesem Kampf die Nase vorn hat. Offizielle Statistiken weisen für Sandtown-Winchester eine der höchsten Mord- und Verbrechensraten Amerikas auf. Weiter ist der Ort berüchtigt für sein andauerndes Drogenproblem, die miserablen Leistungen seiner Schuljugend und eine der höchsten Raten von Teenager-Schwangerschaften in den USA. Und dennoch ist das landesweit bekannte Quartier kein Sonderfall. Der Kampf um Sandtown-Winchester ist Teil eines viel grösseren Krieges, der sich von New York bis an die Westküste erstreckt. In schwarzen Vierteln wie Harlem und South Central Los Angeles wird er ausgetragen.
Sandtown-Winchester, und damit ein grosser Teil der ganzen Stadt Baltimore, ist repräsentativ für alle schwarzen Innenstädte in den USA. Die 35 Millionen Afroamerikaner bilden 13 Prozent der amerikanischen Bevölkerung. Trotz den Erfolgen der Bürgerrechtsbewegung der sechziger und siebziger Jahre und trotz späteren Fortschritten, die im Rahmen von speziellen Förderungsprogrammen für Schwarze errungen wurden, wohnen Afroamerikaner nach wie vor mehrheitlich in den schäbigsten Stadtteilen des Landes. Noch immer leiden sie unter einer viel grösseren Arbeitslosigkeit, verdienen weniger und sind weit häufiger Verbrechensopfer als die weisse Bevölkerung.
Die Darstellung von Ghettos in «Boyz'N the Hood» und anderen Hollywood-Filmen hat die amerikanischen Schwarzenghettos ins Zentrum des öffentlichen Interesses gerückt. Auch wenn man in den Portraits, die man nun reihenweise zu sehen und zu lesen bekam, alle Überzeichnungen beiseite lässt, bleibt das Bild des schwarzen Amerika düster: Bei der letzten nationalen Volkszählung Ende der achtziger Jahre zeigte sich, dass beinahe zwei Drittel aller Schwarzen ausserehelich zur Welt kamen. Rund 44 Prozent aller schwarzen Kinder leben unter der Armutsgrenze. Obwohl die Schwarzen mit 13 Prozent nur einen Bruchteil der Gesamtbevölkerung ausmachen, sind über 45 Prozent aller Insassen in amerikanischen Gefängnissen Schwarze. Fast 40 Prozent aller schwarzen Familien erhalten die Unterstützung für Familien mit unterhaltsberechtigten Kindern - eine staatliche Hilfe für all jene, die sich Nahrung und Grundversorgung nicht leisten können. Doch am schwersten wiegt, dass rund 40 Prozent der in den Innenstädten lebenden Schwarzen arbeitslos sind oder zu wenig verdienen, um davon leben zu können.
«Millionen unserer Leute sind eingeschlossen in einem Fahrstuhl, der nach unten führt, ins Nichts», meint Hugh Price, der Präsident der Urban League, einer Organisation mit Sitz in New York, deren Ziel es ist, die Notlage der Afroamerikaner zu lindern. Ab Mitte der achtziger Jahre begann der Status der Schwarzen zu stagnieren oder sich im Vergleich mit dem der Weissen und anderer ethnischer Gruppen sogar zu verschlechtern. Das schwarze Amerika stürzte in eine Krise. Diese Not wiederum löste eine Flut von Programmen aus, die von staatlichen Behörden und privaten Organisationen lanciert wurden. Deren Ziel war es, die Kriminalität, die Armut und den Drogenkonsum unter Minderheiten zu bekämpfen.
Trotz diesen Bemühungen blieb die wirtschaftliche und soziale Stellung der Schwarzen im Laufe der letzten zehn Jahre unverändert oder verschlechterte sich gar noch weiter. Schwarze verdienen laut offiziellen Angaben im Durchschnitt 9170 Dollar pro Jahr und Kopf, Weisse 15 150 Dollar. Lässt man einmal die staatlichen Förderungsprogramme während der achtziger Jahre ausser Betracht, erhalten Schwarze nur gerade 59,1 Cent auf jeden Dollar, den ein Weisser verdient. An diesem Verhältnis hat sich seit 1976 nichts verändert.
Gemäss der Volkszählung von 1991 lebten 10,2 Millionen Schwarze unter der Armutsgrenze; eine leichte Erhöhung gegenüber der zehn Jahre zuvor erhobenen Zahl. Die Statistiken über Teenager-Schwangerschaften, Morde und Drogenkonsum deuten ebenfalls darauf hin, dass sich die schwarzen Amerikanerinnen und Amerikaner auf dem Weg nach unten befinden.
Nachdem die zahlreichen Hilfsprogramme die Stellung der Schwarzen kaum verbessert hatten, setzte unter führenden afroamerikanischen Persönlichkeiten eine Debatte über die Ursachen der hartnäckig sich haltenden sozialen und wirtschaftlichen Übel ein. Reverend Jesse Jackson, einer der prominentesten Schwarzenführer Amerikas, führt die gegenwärtige Situation auf das eher laue Engagement der Clinton-Administration zurück, die sich nur halbherzig darum bemühe, die Stellung der Farbigen zu verbessern. Als Lösung fordert Jackson mehr staatliche Programme zur Arbeitsbeschaffung für Schwarze. Louis Farrakhan hingegen, der die radikalere Bewegung Nation of Islam anführt, sieht die Schuld beim institutionellen Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft. Der zuweilen polemisch argumentierende Farrakhan fordert die Schwarzen aber auch eindringlich dazu auf, nicht bloss die Hilfeleistungen der Regierung oder anderer von Weissen dominierter Organisationen im Blick zu haben, sondern sich auch um eine eigene wirtschaftliche Infrastruktur zu bemühen.
William Julius Wilson, ein Soziologe an der Universität von Chicago, hat vor kurzem die kontroverse Theorie aufgestellt, der eigentliche Graben in der amerikanischen Gesellschaft verlaufe nicht entlang der Rassen, sondern entlang der Klassen. Die Wurzel des Problems, so Wilson, sei die Arbeitslosigkeit unter den Bewohnern der Innenstädte, unabhängig von ihrer Rasse. Sein Rezept zur Lösung dieses Problems: eine Reihe von nicht rassenspezifischen staatlichen Programmen zur Belebung der Innenstädte, so etwa Gesundheitsversorgung für alle, eine grundlegende Umstrukturierung des Bildungssystems und ein Programm, mit dessen Hilfe Fürsorgeempfänger Schritt für Schritt von öffentlicher Unterstützung unabhängig gemacht und in die Arbeitswelt integriert werden können.
Wilsons Analyse hat das Interesse von Präsident Clinton geweckt, der nun offenbar seine städtischen Hilfsprogramme dementsprechend plant. Unter schwarzen Soziologen allerdings hat Wilsons Einschätzung, die Klasse und nicht die Rasse sei das Hauptproblem des städtischen Amerika, einen Sturm der Kritik ausgelöst.
Während sich die Akademiker über die Ursachen der Übel des schwarzen Amerika streiten, sind sich schwarze Politiker, Experten und Analytiker aber weitgehend darin einig, dass sich die Situation der Afroamerikaner weiter verschlechtern wird. Der Grund dafür ist ein umstrittenes Fürsorgegesetz, das die Republikaner im vergangenen Sommer im Kongress durchgepeitscht haben und das von Clinton unterzeichnet worden ist. Mit diesem Gesetz, das die radikalste Änderung des amerikanischen Wohlfahrtssystems seit fünfzig Jahren darstellt, wird grundsätzlich allen Empfängern von öffentlicher Hilfe nach fünf Jahren das Anrecht auf staatliche Unterstützung abgesprochen.
Viele schwarze Analytiker befürchten, dass dieses Programm in eine Katastrophe münden wird. Die Durchlöcherung des starken, während der Regierungszeit Roosevelts in den dreissiger Jahren geknüpften sozialen Netzes wird sich bemerkbar machen. «Ein schwerer Schlag», sagt Hugh Price von der Urban League. «Es braucht dringende Massnahmen für all jene, die von der Fürsorge ausgeschlossen werden sollen. Irgendwie müssen sie in die Arbeitswelt integriert werden können. Denn wie sollen sie ohne Hilfe überleben?»
Baltimores Geschichte der letzten dreissig Jahre illustriert eine ganze Reihe von Problemen, denen sich die schwarze Gemeinschaft heute landesweit gegenübersieht. Im Laufe der Jahre hat sich die Stadt zudem zu einem Experimentierfeld für Dutzende von staatlichen und städtischen Programmen entwickelt, und deshalb ist sie auch ein guter Massstab dafür, welche Massnahmen Wirkung zeitigen und welche nicht.
So wie Washington, Philadelphia, Chicago, Los Angeles und andere amerikanische Metropolen ist auch Baltimore seit etwa einer Generation zusammengeschrumpft wie ein Ballon, dem die Luft ausgegangen ist. Ab Mitte der sechziger Jahre zogen die Weissen in Scharen aus der Innenstadt in die Vorstädte, und die Einwohnerzahl sank von beinahe einer Million auf 690 000. Damit gingen nicht nur die Möglichkeit zur Integration und das Engagement für ein funktionierendes Amerika verloren, sondern auch Steuergelder, welche die Weissen mit in die Vorstädte nahmen. Der Bevölkerungsschwund hatte zudem zur Folge, dass die industrielle Grundlage der Stadt zusammengebrochen und das öffentliche Bildungssystem um mehr als einen Drittel reduziert worden ist. Diese sogenannte weisse Flucht liess in Baltimore eine Innenstadt zurück, in der die Bevölkerung zu 60 bis 70 Prozent schwarz ist und nur über ein niedriges Einkommen verfügt.
Trotz diesem Bevölkerungsschwund ist Baltimore bei weitem die grösste Stadt im Gliedstaat Maryland und das dreizehntgrösste städtische Zentrum der Vereinigten Staaten. Dank einer ausgesprochen erfolgreichen Renovationskampagne in den sechziger und siebziger Jahren herrscht im Geschäftsviertel der Stadt reges Treiben. Und der spektakuläre Hafen in der Innenstadt hat seine Anziehungskraft auf Touristen nicht verloren.
In anderer Hinsicht ist Baltimore typisch für irgendeine amerikanische Stadt. Die überwältigende Mehrheit der Einwohner sind Arbeiter; das durchschnittliche Einkommen eines schwarzen Haushalts beläuft sich auf 21 000 Dollar pro Jahr, also 7000 Dollar unter dem mittleren Lohn eines weissen Haushalts und nur wenig über der von der Bundesregierung festgelegten Armutsgrenze. «Wir haben eigentlich keine nennenswerte schwarze Bevölkerung der mittleren oder oberen Klasse», sagt Paul Taylor, ein Sprecher der Baltimore Economic Development Corporation, einer halbprivaten Institution zur Förderung des Wirtschaftswachstums in der Stadt. «Der durchschnittliche schwarze Bewohner von Baltimore ist ein Angestellter im Dienstleistungssektor. Er verdient gerade soviel, um davon leben zu können. Reich wird er nie sein.»
In einem Land, in dem Superlative mehr als alles andere zählen, hat Baltimore seinen Anteil an negativen Rekorden abbekommen: Hier lebt, gemessen an Spitaleinweisungen, der höchste Prozentsatz an Crack- und Heroinabhängigen in den USA, und Teenager-Schwangerschaften gab es bis vor kurzem auch mehr pro Kopf als in jeder anderen nordamerikanischen Stadt.
Baltimore kann sich allerdings auch gewisser Vorteile rühmen und wird sich so schnell wohl nicht unterkriegen lassen. Die Stadt hat eine starke kulturelle Vergangenheit, auf die besonders die Afroamerikaner stolz sein können. Von der Jahrhundertwende bis in die fünfziger Jahre war Baltimore für eines der grössten schwarzen Jazz- und Theaterviertel im ganzen Lande bekannt. Bis vor kurzem war die Stadt auch Sitz des «Baltimore Afro-American», einer der ältesten und renommiertesten schwarzen Zeitungen Amerikas. Die National Association for the Advancement of Colored People - die führende Bürgerrechtsbewegung des Landes - hat ihr Hauptquartier ebenfalls in Baltimore und spielt seit langem eine wichtige Rolle im Kampf gegen Ungerechtigkeiten gegenüber Schwarzen. «Was Baltimore von andern Städten unterscheidet, ist ein Gefühl von Stolz, das hier in der schwarzen Gemeinschaft stark vorhanden ist. Daher engagieren wir uns leichter für jene Ziele, die unseren Leuten wieder Auftrieb geben», behauptet Roger Lyons, eine führende Persönlichkeit der schwarzen Bevölkerung in Baltimore.
Mehr als auf alles andere haben die Einwohner Baltimores ihre Hoffnungen aber auf Kurt Schmoke gesetzt, der bereits drei Amtszeiten als Bürgermeister der Stadt regiert. Schmoke ist ein 46jähriger Afroamerikaner, der erst die öffentlichen Schulen von Baltimore besuchte und sich später an den Universitäten von Yale und Oxford weiterbildete. Vor ihm hat noch kein Schwarzer das höchste Amt in der Stadt innegehabt.
Unmittelbar nach seinem Amtsantritt 1987 lancierte Schmoke ein umfangreiches Programm zur Ankurbelung der erlahmten städtischen Wirtschaft, das auch die Abwanderung der Bevölkerung in die Vorstädte aufhalten sollte. Der junge Bürgermeister ernannte Baltimore zur «Stadt, die liest», und beaufsichtigte die Umstrukturierung des öffentlichen städtischen Schulsystems. Einige der Schulen unterstellte er privater Verwaltung. Ausserdem belebte Schmoke die umstrittene Debatte über die Entkriminalisierung des Drogenkonsums. Er leitete ein Spritzenaustauschprogramm in die Wege, um die Verbreitung von Aids unter den Drogenkonsumenten der Stadt einzudämmen. Schmokes bei weitem kühnstes Vorhaben bestand jedoch darin, die am stärksten verwahrlosten Zonen der Stadt ausfindig zu machen, um dann in einem zweiten Schritt die für ein Überleben aus eigener Kraft nötigen Mittel in diese Gegenden zu leiten. Diese Entwicklungszonen liegen verstreut über die ganze Stadt; die bedeutendste ist eben Sandtown-Winchester.
Im dicht bevölkerten Quartier leben 10 300 Personen, die meisten von ihnen in gemieteten, einstöckigen Reihenhäusern. Diese heissen hier «Shotgun homes», weil man durch sie wie durch einen Gewehrlauf hindurchsehen kann: Von der Eingangstür durch das Gebäude und hinten wieder hinaus. Geduckte Häuserzeilen und schäbige Spielplätze wie in Sandtown-Winchester findet man auch in gewissen Teilen des vorwiegend schwarzen Roxbury District in Boston oder in der South Side in Chicago. Sieben von zehn Familien leben hier unter der Armutsgrenze. Wenn die Kinder nur halb bekleidet und barfuss durch die Strassen streunen und Erwachsene tagsüber ziellos herumschlendern, dann ist das Elend ihrer Existenz nur allzu klar sichtbar.
Vor sechs Jahren sollte aufs Schmokes Geheiss das ganze Quartier neu belebt werden. Erst einmal wurden alle unbewohnbaren Häuser abgebrochen. Rund 600 Gebäude, die noch zu retten waren, wurden renoviert. Weiter versprach der Bürgermeister, die heruntergekommenen örtlichen Schulen zu verbessern, mit neuen Computern auszurüsten und die Lehrpläne zu überarbeiten. Zusätzlich entwickelten sich Bürgerinitiativen zur Förderung von Hauseigentum und zur Eindämmung der Kriminalität.
Vor zwei Jahren hat nun die Clinton-Administration Schmokes Pläne zur Sanierung von Sandtown-Winchester gutgeheissen. Die nationalen Behörden nahmen das Quartier in ein staatliches Förderungsprogramm auf. Um das Projekt sollte sich kein Amt kümmern, sondern eine neu gegründete Einwohnerorganisation. Zusätzlich sollten Steuervergünstigungen einen Anreiz zur Eröffnung neuer Geschäfte im Quartier bieten. Diese und ähnliche Bemühungen in anderen Teilen Baltimores werden die Bundesregierung - sofern sie ihre Versprechungen hält - in einem Zeitraum von fünf Jahren 100 Millionen Dollar kosten.
Nach beinahe einem Jahrzehnt zieht Schmoke vorsichtig Bilanz seiner Anstrengungen. Es ist ihm gelungen, im Geschäftsviertel der Stadt neue Investitionen anzuregen. Ausdruck davon ist das funkelnagelneue Baseball-Stadion in diesem Stadtteil. Die Rate der Teenager-Schwangerschaften ist leicht zurückgegangen, und die Stadt konnte das Football-Team von Cleveland dazu bewegen, nach Baltimore umzusiedeln.
Demgegenüber ist die Kriminalität nach wie vor hoch, und die Abwanderung der mittelständischen Einwohner in die Vorstädte hält an. Bemühungen, Schwarze und Weisse mit mittlerem Einkommen dazu zu bringen, eine aktivere Rolle in der Stadterneuerung wahrzunehmen, kommen nur stockend voran. Ein Spaziergang durch Sandtown-Winchester zeigt, dass die Stadt erst an der Oberfläche der Probleme zu kratzen begonnen hat. Am schwersten wiegt wohl, dass sich die Zustände in den städtischen Schulen kaum verbessert haben. Gemessen an einem landesweiten Testsystem mit einer Skala von null bis hundert, vermochten die Schulkinder der Innenstadt von Baltimore ihre durchschnittliche Leistung während Schmokes Amtszeit nur gerade von 14 auf 17 Punkte zu verbessern.
Trotz allem ist Schmokes Beliebtheit nicht geschwunden. «Er hat einige Fehler gemacht und daraus gelernt», meint Robert Embry, der Leiter der Abell Foundation, einer philanthropischen Organisation, die zahlreiche Programme gegen die Armut rund um Baltimore finanziert. «Einige seiner Initiativen funktionieren gut, andere weniger. Aber wenn es darum geht, die Probleme des schwarzen städtischen Amerika zu bekämpfen, muss man alles versuchen, was irgendeinen Erfolg verspricht. Wundermittel gibt es keine.»
Wenigstens den Worten nach haben die Bewohner von Sandtown-Winchester die Lektion offenbar begriffen - zumindest entsteht am Fest auf dem Fauntelory Playfield dieser Eindruck. Auf der Bühne spielen Bands, und Sprecher und Sprecherinnen fordern die Leute dazu auf, sich in der Gemeinschaft stärker zu engagieren. Gleichzeitig sind Aktivisten an Ständen im ganzen Park damit beschäftigt, dem Publikum alles mögliche beizubringen: wie sich sanitäre Einrichtungen verbessern lassen, was die Grundlagen zum Kauf von Hauseigentum sind und wie man sich selbst gegen zunehmenden Drogenkonsum und steigende Kriminalität zur Wehr setzen kann.
«Wir haben es hier mit städtischem Verfall schlimmsten Ausmasses zu tun», meint Ronica Houston, die leitende Geschäftsführerin von Community Building in Power Inc., die dieses Fest geplant hat. «Keines dieser Probleme ist über Nacht entstanden, und keines wird sich ohne beharrliche Anstrengungen lösen lassen.»
Gary Lee ist in der schwarzen Innenstadt von Tulsa, Oklahoma, aufgewachsen. Er ist Redaktor für soziale Themen bei der «Washington Post».