NZZ Folio 12/96 - Thema: Wunder   Inhaltsverzeichnis

Die Wundersüchtigen

Die Wallfahrt der Maria T.

Von Michael Kumpfmüller

AUFBRUCH IN EINE ANDERE WELT. Kurz vor der Landung in Innsbruck kam dann doch noch die Sonne heraus. Das Büchlein, das ich bis dahin gelesen hatte, handelte von allerlei wunderbaren Begebenheiten im fernen Amerika, die so unwahrscheinlich waren, dass man sich fast ein wenig schämte, Besitzer eines solchen Büchleins zu sein, und nun flog ich da zum erstenmal in meinem Leben über die Alpen und fühlte mich ganz leicht und unbeschwert und beinahe ein bisschen ehrfürchtig. Es gefiel mir, dass mich die Schönheit der Alpen beinahe ein bisschen ehrfürchtig machte, und mir gefiel der weite Blick bis tief ins Schweizerische bzw. Italienische, wo ich gleich morgen in aller Herrgottsfrühe zu meiner ersten Wallfahrt aufbrechen würde. Landeanflug um Viertel vor zehn. In meinem Wunderbüchlein rettete gerade ein amerikanischer Schutzengel ein vom Balkon in die Tiefe stürzendes Kleinkind, dann sah man drunten schon Wiesen, Felder, Häuser und Menschen so gross wie Spielzeug, dann landeten wir.

Also, wallfahren gehen Sie morgen früh? sagt am Abend ein bisschen ungläubig der Wirt des kleinen Hotels irgendwo im Südtiroler Vinschgau, wo die Städte, Dörfer, Orte mit deutschem Namen Burgeis, Glurns, Latsch, Mals, Naturns, Prad und Schlanders heissen und wo ich seit langem eine freundliche, gottesfürchtige Frau kenne, die vor knapp zwanzig Jahren, als wir uns zum erstenmal begegneten, ungefähr in meinem Alter war. Ich bin jetzt fünfunddreissig, und obwohl wir uns mögen, fürchten wir uns diesmal ein bisschen voreinander. Später wird sie sagen, dass ja leider sehr viel Schlechtes geschrieben wird über sie und ihresgleichen und dass das Beten und Wallfahren eine ganz andere Welt ist, aber wenn man öfter dabeigewesen sei, denke man anders darüber: dann sei man in dieser Welt zu Hause.

«Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.» Matthäus 5, 8

AUS DEM LEBEN EINER GOTTESFÜRCHTIGEN (1). Bevor Maria T. in dieser Welt des Gebets und der Wallfahrt zu Hause gewesen ist, hat auch sie lange Jahre ein ganz normales Südtiroler Leben geführt: ein bisschen Landwirtschaft und ein bisschen Tourismus mit Gästen über Weihnachten und im Sommer, dazu vier Kinder und einen Mann, der als Vertreter viel auf Reisen ist und nach einem Verkehrsunfall Hauswart in der örtlichen Schule wird. Die Dinge nehmen, wie sie kommen, freundlich und hilfsbereit sein zu den Menschen - das ist die längste Zeit ihre Maxime. Sie hat, so sagt sie, nicht viel gebetet in diesen Jahren, da die Kinder noch klein und die Tage immer viel zu kurz sind; am Sonntag in die Kirche: ja, aber der Herrgott habe doch ziemlich lange auf sie warten müssen.

Damals, als der Herrgott noch auf sie gewartet hat und sie eine junge Frau gewesen ist, hat sie irgendwann auch diesen seltsamen Traum geträumt, der so etwas wie der Schlüssel zu ihrem ganzen Leben ist. Ein Grab mit zwei weissen Lilien ist in diesem Traum vorgekommen, und wie entsetzlich das war, als eine dieser Lilien gebrochen wurde, das weiss sie noch, und wie auf einmal ein Reiter aufgetaucht ist, dem sie hat folgen wollen, und eine Stimme sie zurückgehalten hat mit den Worten, dass sie mehr Seelen retten kann, wenn sie einen andern Weg geht. So ungefähr. Ganz zum Schluss habe sie dann auch noch dieses Schloss gesehen, und dieses Schloss befand sich in einer riesigen blauen Kugel und war das Paradies, aber das alles habe sie damals nicht verstanden und bis heute nur zur Hälfte.

Nur dass eine Drohung und ein Versprechen in dem Traum lag, habe sie verstanden und dann nicht weiter gross darüber nachgedacht, bis zu jenem Herbst vor elf Jahren, in dem ihr ältester Sohn bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Sie sei fast zerbrochen an diesem Tod, damals, im Herbst 1985, sagt Maria T., und dass sie nicht daran zerbrochen ist, ist vielleicht das grösste Wunder, das ihr begegnet ist. Auch damals sei sie übrigens schon nach Montichiari gefahren, dorthin, wo auch wir morgen in aller Herrgottsfrühe hinfahren werden, und dann fällt ihr noch das Gleichnis vom Samenkorn ein, das auf dem einen Boden aufgeht und Früchte trägt, und auf dem anderen muss es leider verdorren.

«Sehet zu, wachet und betet; denn ihr wisset nicht, wann es Zeit ist.» Markus 13, 33

VON DER KUNST DES BETENS. Die Fahrt nach Montichiari fünfzehn Kilometer südwestlich vom Gardasee dauert dreieinhalb Stunden und beginnt bei völliger Dunkelheit an einem Sonntag morgen um fünf. Vor ein paar Jahren schon haben Maria T. und ihr Mann eigens für solche Zwecke einen in Deutschland produzierten Kleinbus angeschafft, es ist nicht die erste Wallfahrt, die sie damit unternehmen, sechs Frauen aus der Umgebung sind gekommen: eine blinde Industriellengattin, eine Achtzigjährige mit schönen leuchtenden Augen, niemand unter fünfundvierzig, man kennt sich.

Wie bei allen Wallfahrten hat Maria T. auch diesmal die grosse Marienstatue mit dem violetten Schleier mitnehmen müssen, und wie bei allen Wallfahrten (so stelle ich mir vor) beginnt auch diesmal alles ganz leise und feierlich, mit ein bisschen geistlicher Musik zum Aufwachen und anschliessend den ersten Gebeten: der Anrufung der Engel und der Heiligen, auf dass die Reise einen guten Verlauf nehme, den Fürbitten, dem Rosenkranz, bestehend aus den vier Hauptgebeten, dem Vaterunser, dem Ave Maria, dem Credo und dem Gloria Patri; allein das Ave Maria in knapp einer Dreiviertelstunde nicht weniger als dreiundfünfzigmal.

Und so beginnen die sieben Frauen im Chor das Gegrüsset seist du, Maria, es muss mindestens zwanzig Jahre her sein, dass ich das zum letztenmal gehört habe: Gegrüsset seist du, Maria, voll der Gnade; der Herr ist mit dir; du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus, und dann zum Abschluss: Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes, Amen, und wieder und wieder bis zum dreiundfünfzigsten Mal. Dazwischen liest Maria T. dann immer noch etwas aus den Botschaften der Madonna von Montichiari vor, die dort zwischen 1946 und 1983 erschienen sein soll und von der man erzählt, dass sie immer mit drei Rosen geschmückt war, einer roten, einer weissen und einer gelben, daher ihr Name: Rosa Mystica. Und dann beten die Frauen wieder weiter den Rosenkranz, und während es draussen allmählich heller wird, lausche ich einfach nur und mache mir beim Lauschen so meine Gedanken über die Macht der Gebete, diese aus Stimmen erbauten Kathedralen des frommen Geistes, und ich stehe als ein Besucher mittendrin und staune über die Baumeister.

«Siehe zu, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht etwas Ärgeres widerfahre.» Johannes 5, 14

FREUNDLICH IST DAS WUNDER, ABER AUCH GRAUSAM. Eine Stunde oder anderthalb vor Montichiari machen wir eine halbe Stunde Pause. Die Achtzigjährige mit den schönen Augen sagt, dass sie diesmal vor allem deshalb mitgefahren ist, weil einer ihrer Söhne, ein Bauer, seit neuestem eine Sekretärin zur Freundin hat, und weil das alles so eine Sache ist, möchte sie ein bisschen beten, auf dass die Sekretärin entweder eine gute Bäuerin wird oder aber so bald wie möglich wieder weggeht. Zweimal ist sie in den vergangenen Jahren schon geheilt worden in Montichiari, und wie sie es erzählt, klingt es fast wie eine Selbstverständlichkeit. Erst am Knie und dann an der Hüfte habe sie es gehabt, und vor allem wegen der Hüfte habe sie zuletzt kaum noch laufen können, die Operation ist unausweichlich, und dann, am Tag nach der Wallfahrt, geht sie vom Dorf zu Fuss und als wäre nie etwas gewesen ins Tal und wieder zurück und ist gesund. Ja, sagt sie, da sei man natürlich dankbar hinterher, aber was wolle das schon heissen: dankbar, das Wunder mag geschehen oder aber ausbleiben, den Gottesfürchtigen mache es doch immer nur noch gottesfürchtiger.

Für einen Weltmenschen sei das alles wahrscheinlich nicht leicht zu begreifen, sagt sie, und also erzählt sie dem Weltmenschen noch schnell die Geschichte vom Kaplan und wie der Tod sich einmal auf einen Handel einliess. Dreizehn Kinder hat sie im Lauf ihres langen Lebens auf die Welt gebracht, und ausgerechnet beim dreizehnten verliert sie nach einem Kaiserschnitt innerhalb weniger Tage so viel Blut, dass man sie verloren gibt. Dann aber geschieht etwas Seltsames. Der Kaplan, den man zur letzten Ölung ruft, will nicht glauben, dass eine Mutter von dreizehn Kindern sterben soll, geht nach Hause, wird auf einmal selbst krank und stirbt noch in derselben Nacht an einer Darmverschlingung. Obwohl er kerngesund ist, der Mann. Aber bereit, mit ihr zu tauschen. Das sei ihre Geschichte. Und also lebe sie, weil ER es so beschlossen habe, so wie ER auch beschlossen habe, ihr eines Tages ein Kind zu nehmen, das war drei Jahre alt und starb an Scharlach. Ja, sagt sie, ein Opfer muss schon jeder bringen, und wie Maria T. ist sie der Überzeugung, dass ER den Menschen immer nur so viel auflädt, wie sie dann auch tragen können.

«Ich ermahne aber euch, liebe Brüder, dass ihr achtet auf die, die da Zertrennung und Ärgernis anrichten neben der Lehre, die ihr gelernt habt, und weichet von ihnen.» Römer 16, 17

VON DER ALLGEGENWART DES BÖSEN. Gegen halb neun erreicht der Kleinbus mit den sieben betenden Frauen die italienische Stadt Castiglione, neun Kilometer östlich von Montichiari, wo an diesem Morgen eine deutsche Messe für die Pilger aus Südtirol, aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gehalten wird. Wie Maria  T. haben auch andere Wallfahrer ihre grossen und kleinen Marienstatuen mitgebracht, dazu das eine oder andere blumengeschmückte Kruzifix, und weil wir ein bisschen früh sind, haben wir im Dom alle noch Zeit für die Reliquie des hl. Aloisius in einem Schrein am Hochaltar, dem auch der gegenwärtige Papst schon seinen Besuch abgestattet hat.

Der Pfarrer, der an diesem Morgen die Messe liest, ist ein Südtiroler und macht einen müden, lustlos-routinierten Eindruck, und vielleicht ist es gerade diese routinierte Lustlosigkeit, die seiner Predigt von Anfang an eine gewisse Schärfe gibt. Die aber behandelt zunächst das Gleichnis von den bösen Weingärtnern (Matthäus 21, 33?45 u. a.) und kommt dann ohne grosse Umschweife zu den inneren Feinden der Kirche, als da sind die Freimaurer, die liberalen Theologen und Modernisten aller Art, die es wagen, den Papst zu kritisieren, und die katholische Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil überhaupt in eine falsche Richtung gedrängt hätten, ja das Werk des Teufels betrieben, das alles möchte er den Pilgern doch noch mit auf den Weg geben.

Ja, sagt Maria T., als wir nachher vor der Kirche stehen, das mit dem Konzil sei natürlich so eine Sache, denn dieses Konzil habe ja damals die sogenannte Handkommunion erlaubt, die aber sei ein Einfallstor des Satans, der Menschen dazu bringe, dass sie geweihte Hostien stehlen und missbrauchen und so dem Bösen Eingang in ihre Herzen ermöglichen. Also ist das Wallfahren und Beten und Predigen auch ein bisschen Politik, frage ich Maria T., und eigentlich möchte sie ja nicht, dass das alles auch Politik ist, aber dann kommen wir auf den Krieg in Jugoslawien, und ihr fällt der Bischof von Mostar ein, der ist an diesem Krieg verzweifelt, und dafür hat sie kein rechtes Verständnis: Er habe die ihm auferlegte Prüfung einfach nicht bestanden. Er hätte beten sollen. Auch die Menschen in Jugoslawien hätten mehr beten sollen. Aber jetzt fahren wir erst einmal.

«Wahrlich ich sage euch: Es sei denn, dass ihr euch umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.» Matthäus 18, 3

DAS WUNDER VON MONTICHIARI. Die ersten wunderbaren Heilungen, so wird berichtet, finden im Dezember 1947 anlässlich einer Erscheinung der Rosa Mystica im Dom von Montichiari statt, doch der eigentliche Wallfahrtsort liegt bis heute etwas ausserhalb bei einer kleinen Quelle, die man zu Fuss oder mit dem Wagen über eine asphaltierte Landstrasse erreicht, vom Rummel und Kommerz wie in Lourdes oder Altötting keine Spur.

Als wir gegen halb elf ankommen, beginnt sich gerade der Prozessionszug zu formieren, die Busse und Privatwagen auf den Parkplätzen haben Nummern aus allen Gegenden Italiens und dem benachbarten Ausland, gegen elf sind's schon ein paar tausend Menschen. Über eine Stunde lang werden diese Menschen nun erst einmal zurück zum Anfang der Landstrasse und von dort den ganzen langen Weg zur Quelle gehen, die Priester mit ihren Megaphonen und die mit Blumen geschmückten Madonnenstatuen vorneweg. Zwei Pilger aus Deutschland tragen demonstrativ Plakate mit dem Bildnis einer weinenden Marienstatue («Weltweit weinen über hundert Rosa-Mystica-Statuen Tränen und Bluttränen»), andere habe rote, weisse und gelbe Rosen aus Plastic made in China und Rosenkränze in allen Farben, aus Holz, aus Plastic oder auch aus Halbedelstein: für jedes Ave Maria eine kleine Kugel, für jedes Vaterunser eine grosse, ein jeder spricht's in seiner Sprache und seinem Dialekt.

An den Strassenrändern sieht man viele Schaulustige, die fast alle mitbeten; nur wenige Kranke. Ein paar Rollstuhlfahrer sind gekommen, ein mongoloides Kind, ein Mann auf Krücken, eine Blinde - wenn man für einen Moment die Augen schliesst, kann man erahnen, wie die monotonen Schritte der Menge und all die Gebete und Gesänge in ihr klingen, sich überschneiden und überlagern zum Lobpreis der geheiligten Maria, Rosa Mystica, die im Dezember 1947 in je einem Fall die Tuberkulose, die Kinderlähmung und den Schwachsinn besiegt hat und deren Wunder von der Amtskirche doch bis heute nicht anerkannt werden.

Ja, sagt Maria T., das alles sei noch in der Prüfung, und es sei auch richtig, dass man von seiten der Amtskirche alles genau prüfe, aber am Ende, das lehre das Beispiel Lourdes, werde der zuständige örtliche Bischof alles bestimmt für wahr erklären, nur sie und Zehntausende von Pilgern jährlich wissen's heute schon.

«Und sie entsetzten sich alle und priesen Gott und wurden voll Furcht und sprachen: Wir haben heute seltsame Dinge gesehen.» Lukas 5, 26

AUS DEM LEBEN EINER GOTTESFÜRCHTIGEN (2). Als sie zum erstenmal nach Montichiari gefahren ist, damals, nach dem Tod ihres Ältesten, hätte sich Maria T. natürlich nicht träumen lassen, dass das Wallfahren einmal ihr Leben sein würde, mit Reisen zu den grossen und kleinen Wallfahrtsorten Europas, nach Lourdes, nach Medjigorje und vor kurzem auch nach Fatima. Gleich beim erstenmal in Montichiari ist sie übrigens nicht nur von einem lästigen Fussleiden geheilt worden, sie hat auch erlebt, wie der Teufel in eine Pilgerin gefahren ist, und wie der Teufel durch die Gebete des Pfarrers und der Menge endlich wieder vertrieben war, habe sie ihr eigenes Leid gerne tragen wollen. Nur ihre Sehnsucht nach einem göttlichen Zeichen hat sie lange nicht bezwingen können, nach etwas, das sie bestärken oder beruhigen würde, zum Beispiel über das Schicksal ihres Sohnes im Jenseits, und also habe sie eines Nachts eine wunderschöne Musik gehört mit ihrem Mann und gewusst, sie muss sich keine Sorgen machen.

Auch in späteren Jahren hat Maria T. die Gnade der göttlichen Zeichen immer wieder erfahren: das kleine Sonnenwunder, das sie für eine Gruppe von Firmlingen erbittet (aber nicht für sich); die weinende Madonna in Jugoslawien vor sechs Jahren, der sie so gerne die Tränen abgewischt hätte (aber eine höhere Macht hinderte sie daran); die Erscheinung der Mutter Gottes im italienischen Wallfahrtsort San Damiano, die sie nie vergessen wird (aber davon will sie lieber schweigen). Man muss sich Maria T. als eine glückliche Frau vorstellen in diesen Jahren, aber auch als eine unglückliche. «Nach so einem Wunder ist man ja von heute auf morgen ein völlig anderer Mensch», sagt Maria T., und dass sie in ihrer Familie deshalb lange isoliert gewesen ist. Noch heute, Jahre nachdem auch ihr Mann durch eine Wallfahrt bekehrt worden ist, möchte sie ihr Glück am liebsten mit allen ihr vertrauten oder ihr anvertrauten Menschen teilen: der Familie, den Freunden, dem Dorf, der Welt. Sie ist eine sanfte Fundamentalistin, alles in allem, aber eine beharrliche. Sie kann nicht zählen, wie viele Menschen sie durch diese Wallfahrten ein- bis zweimal im Monat schon auf den Weg gebracht hat. Sie betet für sie. Für sie alle. Eine Viertelstunde am Tag muss man für seinen Herrgott Zeit haben, und ihr Mann fügt hinzu, dass das ja nur gerecht sei, wenn der HERR die Wunder und Erscheinungen den einfachen Menschen vorbehalte, die Reichen aber und die allzu Klugen sehen sie nicht.

«Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.» Lukas 11, 9

EIN HIMMEL VOLLER GNADEN. Gegen zwölf Uhr mittags ist die Prozession am Ziel. Die Italiener gehen gleich nach links zur etwas tiefer gelegenen Quelle, die deutschsprachigen Gruppen erst einmal nach rechts zu einem etwa fünf Meter hohen Holzkreuz, wo schon der Priester wartet, der am Morgen die Messe gelesen hat, und also beginnt er durchs Megaphon mit der Anrufung des HERRN und der Mutter Gottes, und der mächtige Chor der Menge antwortet ihm: Herr, wenn du willst, kannst du mich heilen. Herr, den du liebst, ist krank. Herr, mache, dass ich sehe. Herr, mache, dass ich höre. Herr, mache, dass ich gehe. Mutter des Erlösers, bitte für uns. Trösterin der Betrübten, bitte für uns.

Muss man also nur bitten um das Wunder, und dann geschieht es? habe ich später Maria T. gefragt, und weil sie gemerkt hat, dass der Gedanke neu für mich war, hat sie gelächelt und gesagt, dass der Himmel voller Gnaden ist, und also bekomme jeder genau so viel, wie das Gefäss gross ist, das er mitbringt. Natürlich sei es ein Unterschied, ob man bitte oder fordere, hat Herr T. gesagt, und es ist ihm dazu eine Geschichte eingefallen von einem Mann aus Düsseldorf, der einen hohen Preis dafür bezahlt hat, dass er das Wunder einfach forderte. Auf Drängen seiner Frau sei er eines Tages mit nach Lourdes gefahren, und dort in Lourdes habe er zu seiner Frau gesagt: Also, wenn du schwanger wirst mit Zwillingen, und es wird ein Mädchen und ein Junge, will ich glauben. Die Frau wird tatsächlich schwanger, und wie der Mann seine Forderung schon erfüllt sieht, kommt der Tag der Geburt, und seine Frau überlebt sie nicht, aber die beiden Kinder, ein Mädchen und ein Junge, mit denen stand er nun da.

Eine schlimme Geschichte, sage ich, und weil mir die Sache mit den Wundern, die man erbittet, und dann geschehen sie, nicht aus dem Kopf will, frage ich, ob denn nicht auch die blinde Industriellengattin, die vorhin immer an ihrer Seite gewesen ist, auf ein Wunder hofft. Nein, sagt Maria T., das sei die Hoffnung der blinden Industriellengattin nicht. Praktisch über Nacht sei die ja damals blind geworden, weil sie sich wegen irgendeiner Sache mit Cortison habe behandeln lassen, aber obwohl sie einen berühmten Wunderheiler gekannt habe, der sie hätte sehend machen können, habe sie das Wunder ausgeschlagen. Sie habe sich für das Leiden entschieden, und mit ihrem Leiden büsse sie für die Sünden der Welt und vielleicht auch für die eigenen. Eine tapfere Frau, sagt Maria T. Eine herzensgute. Und dann stellt sie mir erst einmal Hermine B. vor, die eine Vertraute der Seherin von Montichiari gewesen ist, zur Quelle kann ich ja auch noch später.

«Danach sah ich, und siehe, eine Tür war aufgetan im Himmel.» Offenbarung 4, 1

DIE VERTRAUTE DER SEHERIN. Hermine B. ist eine Frau von achtzig Jahren und stammt aus der Gegend von Meran, und beim Mittagessen in einem Restaurant neben dem Dom von Montichiari erzählt sie mir die Geschichte der Seherin Pierina Gilli und wie es gekommen ist, dass sie deren Vertraute geworden ist, damals, im Dezember 1968, als die Gilli nach neunzehn Jahren Verbannung in einem Kloster (so nennt sie es) sich wieder öffentlich habe zeigen dürfen. An die sechzigmal sei die Rosa Mystica dieser einfachen Frau aus Montichiari erschienen, und gleich bei der ersten Begegnung habe die Seherin zwei erstaunliche Dinge gesagt: dass sie Hermine B. sofort erkannt habe und dass die Madonna sich wünsche, Hermine B. möge die Nachricht von Montichiari insbesondere unter den Priestern und den Ordensleuten verbreiten. Und also ist es gekommen, dass Hermine B. die italienischen Botschaften der Rosa Mystica ins Deutsche übersetzt hat, zwei Priester für die Sache der Rosa Mystica gewann und die Seherin bis zu ihrem Tod im Herbst 1990 ein- bis zweimal im Jahr getroffen hat, über die Privatgespräche möchte sie demnächst vielleicht ein Buch veröffentlichen. Das ist ihre Geschichte.

Sehr bescheiden sei die Pierina Gilli gewesen, sagt Hermine B., sehr demütig und sehr gehorsam, und dass sie einmal einen Zipfel des Himmels habe sehen dürfen und leider auch allerlei gefallene, sündige Priester und Ordensleute in der Hölle. Später zeigt sie mir dann noch, wo genau die Madonna damals im Dom von Montichiari erschienen ist, und erzählt, wie viele Bekehrte hier aus den Beichtstühlen nicht mehr herausgekommen sind, aber eigentlich stehe das ja alles in einem kleinen Büchlein, das sie mir sehr empfehle, auch wie sie selbst einmal ein Sonnenwunder erlebt hat und vor Angst auf die Knie gefallen ist, und dann muss ich wieder zurück zur Quelle, Maria T. erwartet mich schon.

Jetzt, gegen halb drei, haben sich die Menschenmassen schon ein wenig verlaufen, und so kann mir Maria  T. in aller Ruhe zeigen, wo sie in der vergangenen Stunde gewesen ist. Sie zeigt mir, wo die Pilger das Quellwasser in ihre mitgebrachten Plasticflaschen abfüllen, und sie zeigt mir die kleine Steintreppe, auf der sich auch jetzt noch zwei Dutzend betende Pilger auf Knien langsam nach oben bewegen, und ein paar Schritte weiter ist dann das kleine Wasserbecken, dessen heilende Wirkung zwanzig verschiedene Dankestafeln bezeugen, und also ziehe ich mir Schuhe und Strümpfe aus und gehe ein, zwei Minuten durch das klare, kalte Wasser, es ist nicht unangenehm.

Danach werde einem immer richtig schön warm in den Füssen, sagt Maria T., und dass hier heute nichts weiter passiert ist, jedenfalls nichts Sichtbares: kein Besessener, keine Bekehrung, keine Heilung, keine Erscheinung.

Auch sie hat heute nichts Aussergewöhnliches erlebt oder gesehen, aber sie weiss ja, dass das Aussergewöhnliche selten ist, und wie das damals mit ihrer Erscheinung gewesen ist in San Damiano, muss sie mir bei Gelegenheit noch erzählen. «Und es erschien ein grosses Zeichen am Himmel: ein Weib, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füssen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.» Offenbarung 12, 1

AUS DEM LEBEN EINER GOTTESFÜRCHTIGEN (3). Obwohl mir Maria T. von San Damiano eigentlich nichts hat erzählen wollen, hat sie es mir am Ende schon deshalb noch erzählen müssen, weil sie Zeugnis ablegen will, und wie ihr dabei noch heute die Tränen kommen und ihr Blick immer wieder zu der Statue mit dem violetten Schleier wandert, ist es auf einmal gar nicht mehr wichtig, ob ich ihr glaube oder nicht glaube: So und nicht anders ist es für sie gewesen, und eine andere Wahrheit gibt es nicht.

Sie kann bis heute nicht genau beschreiben, wie das alles genau gewesen ist, aber erzählen will sie's, und dass man sie hat festhalten müssen, als die Madonna ihr ganz nahe war, ach! wie gerne wäre sie doch gleich bei ihr geblieben. Angefangen hat es aber damit, dass vom Himmel auf einmal eine Kugel gekommen ist, und die Kugel hat sich geöffnet, und dann sieht sie, wie die Mutter Gottes auf einer Wolke steht und die Hände ausbreitet, und aus diesen Händen kommen unzählige funkelnde Strahlen, wie soll man's beschreiben. Mittendrin in diesen Strahlen sei sie gestanden und habe ein Gesicht gesehen, so weiss, so schön, wie sie keines zuvor in ihrem Leben gesehen hat, und dann spürt sie nur noch eine grosse Liebe in sich und staunt und bittet in der Sprache des Herzens tausend Bitten, und dann verschwindet die wunderbare Erscheinung auch schon wieder, sie ist wieder alleine, und die Leute um sie herum singen Arrivederci.

Das war am Tag nach der Wallfahrt, dass sie mir das erzählt hat, denn auf Wallfahrten hat man ja nicht viel Zeit für solche Geschichten, die ein ganzes Leben um-krempeln, und weil wir gerade bei den Geschichten waren, die ein ganzes Leben umkrempeln und die in den Tälern Südtirols und den benachbarten Gegenden so lange weitererzählt und geschliffen und poliert werden, bis sie glänzen und funkeln wie kostbare Edelsteine, haben Herr und Frau T. noch ein bisschen erzählt und allerlei Fotografien dazu gezeigt, manch eigene und viele fremde. Von der Hostie, die eines Nachts irgendwo in Italien zu leuchten begonnen hat und zu einem Bildschirm geworden ist, auf dem der gegenwärtige Papst zu sehen gewesen ist, gibt es leider keine Bilder, aber von verschiedenen Sonnenwundern gibt es Bilder und von den beiden Statuen, deren Augen einmal nach oben und einmal nach unten blicken, und das alles zeigen und erklären sie mir. Noch viel rätselhafter als diese dokumentierten Wunder, sagt Maria T., seien natürlich die wirklich mystischen Fotografien, bei denen einer, sagen wir, ein Kreuz am Wegrand aufnimmt, und wenn die Bilder entwickelt sind, sieht man etwas ganz anderes: zum Beispiel den leidenden Papst mit der Mutter Gottes, oder den leidenden Christus sieht man oder eine weinende Madonna.

Nur zur Erinnerung hebe sie all diese Fotos auf, sagt Maria T., und als Zeugnis für sich und andere. Sie will mir nichts beweisen, sagt sie. Aber weil sie merkt, dass mir ein bisschen unwohl ist mit diesen Bildern, die beinahe ein ganzes Album füllen, erzählt sie mir lieber noch eine Geschichte, und es ist mir ganz recht so, denn in Geschichten fühle ich mich sozusagen zu Hause.

«Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.» Johannes 20, 29

EIN FALL VON AMTSMISSBRAUCH. Auch im Dorf von Maria T. werden Geschichten erzählt, und in diesen Geschichten tritt Maria T. als eine fromme, gottesfürchtige Frau auf, die es manchmal ein bisschen übertreibt und beim Übertreiben auch schon einmal mit dem Pfarrer in Konflikt kommt, aber das sind Geschichten, über die man lieber schweigen soll, wer weiss schon, wie das alles genau gewesen ist, damals, als der örtliche Pfarrer gegen die Wundersüchtigen gepredigt hat und sich jeder denken konnte, wer gemeint war, und dann war da ja auch noch die Sache mit dem Paul aus Burgeis.

Über die Sache mit dem Paul aus Burgeis gibt es im Dorf verschiedene Versionen, allerlei Mutmassungen und Gerüchte. Tatsache ist, dass er ein paar Jahre als Seher und als Heiler aufgetreten ist und einen grossen Einfluss auf die Leute ausgeübt hat, auf junge Frauen zum Beispiel, die seinetwegen ihr ganzes bisheriges Leben aufgaben (oder doch kurz davor waren), aber auch auf ganze Dörfer, in denen von heute auf morgen die Felder nicht mehr bestellt wurden und die Bewohner in Erwartung des von Paul geweissagten Weltuntergangs ihre Fenster verhängten und warteten - so einen Einfluss hatte der.

Drei Monate vor dem Abitur, so erinnert sich eine ehemalige Mitschülerin an die junge Frau, die ihr ganzes bisheriges Leben aufgegeben hat, habe die auf einmal nicht mehr die Schule besucht, sei mit ihren Sachen zu diesem Paul gezogen, der sich gerade von seiner Frau getrennt hatte, und nur wenig später heisst es, sie ist schwanger von diesem Paul, und dies, obwohl dessen Ehe nach katholischem Glauben doch unauflöslich ist. Eines Tages, so erinnert sich die ehemalige Mitschülerin, habe auch ihr der Paul dann eine angebliche Botschaft der Mutter Gottes auf einen Zettel geschrieben, so dem Sinn nach: die Mutter Gottes habe sie auserwählt, und also soll sie ihr Leben in deren Dienst stellen, und was für eine Not das für sie war, weil sie geglaubt hat, sie muss sich jetzt von ihrem Freund trennen, das weiss sie noch. Das mit dem Dorf, das an den bevorstehenden Weltuntergang geglaubt hat, habe damals übrigens in allen Zeitungen gestanden; bis ins Österreichische seien die Leute gefahren, um eine ganz spezielle Alufolie für ihre Fenster zu kaufen, so weit ist es schon gekommen hier bei uns im Vinschgau, und dass es in Glaubenssachen inzwischen praktisch keinen Mittelweg mehr gebe. Auch sie sei ja schon wallfahren gewesen. Ist man aber ein Ungläubiger, wenn man nicht an all diese Erscheinungen und Wunder glaubt, diese vielen? Das ist doch sehr die Frage.

«Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?» Psalm 42, 4

EINE SEHNSUCHT, DIE BLEIBT (SCHLUSS). Auf der Rückfahrt von Montichiari am Vortag haben dann alle erst einmal ein bisschen geschlafen im Bus. Nur Maria T. ist wie immer nach solchen Wallfahrten nicht müde gewesen, und weil sie kein bisschen müde gewesen ist, hat sie die sechs Frauen aus dem Vinschgau nach einer Stunde zum Gebet aufgefordert, und ab da ist alles wie auf der Hinfahrt; als wir zu Hause sind, ist's schon wieder stockfinstere Nacht.

Ob sie die Menschen mit diesen Wallfahrten nach Montichiari und all den anderen Orten bekehren will, frage ich Maria T., nachdem sie die nächste Wallfahrt für Ende des Monats angekündigt hat, aber das mit dem Bekehren möchte sie gar nicht hören. «Ich bin ganz unwichtig», sagt Maria T., und dass sie nur möchte, dass die Menschen glücklich werden. Sie sei nicht «wundersüchtig», wie man das so sage über sie und ihresgleichen. Nur eine Sehnsucht hat sie manchmal nach der Madonna, dieser Strahlenden, dieser Schönen, dass sie fast vergehen möchte. Aber man darf nicht fordern. Sie habe sie einmal sehen dürfen, also was will sie eigentlich. Sie ist glücklich. Sie ist es ja gar nicht wert, dass die Madonna ihr erscheint. Aber vielleicht werde sie von der Madonna ja noch gebraucht, die schon heute ihre Freiheit hat und eigentlich alles, und auch wenn sie im Dorf dafür verspottet und verhöhnt wird: Sie stehe ihr zur Verfügung.

Dann verabschieden wir uns. Ein bisschen traurig fällt der Abschied aus, aber voller Herzlichkeit. Ich liebe nämlich diese Gegend, in denen die Städte, Dörfer, Orte mit deutschem Namen Burgeis, Glurns, Latsch, Mals, Naturns, Prad und Schlanders heissen, und ich mag die Berge, Täler, Wiesen, Weiden in dieser Gegend, und die Menschen natürlich, da dürfen wir uns manchmal ruhig ein bisschen fremd sein.

Michael Kumpfmüller ist Journalist und lebt in Berlin.


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