RITA UND HARRY RUBIN, RENTNER
Sun City sieht aus, als hätte man einen Kessel fleischfarbener Legosteine auf einen fleischfarbenen Grund ausgegossen und flach verteilt. Sun City ist ein Teil von Summerlin und Summerlin ein Teil von Las Vegas. Sun City ist eine von mehreren Seniorenresidenzen, denn von den 5000 Leuten, die jeden Monat nach Las Vegas ziehen, sind nicht wenige Senioren. Hier hält das Ersparte länger vor als anderswo, weil man praktisch keine Steuern zahlt. Sun City umfasst 1600 Häuser und hat ungefähr 3000 Bewohner, weil manchmal nach einiger Zeit nur noch einer im Haus ist oder noch eine. Rita Rubin sagt: So gut wie hier ist man, sollte man Witwe werden, nicht so schnell irgendwo aufgehoben.
In Sun City wohnen auch Rita und Harry Rubin, eine sehr muntere Rothaarige, vielleicht sechzig? und der um etliches ältere Harry, in letzter Zeit leider nicht bei guter Gesundheit, aber wohl zu lange Geniesser und geistreicher Spötter, als dass sich das nicht in sein Gesicht eingegraben hätte. Gleich hinter dem Haus der Rubins fängt die Wüste an, eine Mauer schützt sie voreinander. Das Two-Bedrooms-Haus hat 180 000 Dollar gekostet. Alles inbegriffen: Golf, Tennis, Pool, Sicherheit, Ruhe vor Kindern. Einwohner von Sun City kann nur werden, wer über 55 ist bzw. einen über 55-jährigen Ehepartner hat sowie natürlich etwas Geld.
Rita und Harry sind vor sieben Jahren hierher gezogen. Früher hatten sie in Los Angeles gewohnt. Rita hatte eine Geschenkboutique, Harry wollte schon immer nach Las Vegas ziehen, weil er selber im Showbusiness tätig war. Er war Manager von Filmstars, elf Jahre managte er Judy Garland, die schwierig war, manchmal eine ganze Flasche Wodka pro Tag trank. Harry geht immer noch gern an Backstage Shows hinunter an den Strip, wo er Leute aus der Branche trifft. So wie kürzlich Sam Butera, der 23 Jahre mit Luis Prima gespielt hat. Und wenn er und Rita dann schon in der Stadt unten sind, setzen sie sich auch mal vor eine Slot Machine.
Rita spielt Tennis und Golf, Sun City hat drei eigene Golfplätze und mehrere Tennisplätze. Und ein eigenes Theater, eigene Läden, Restaurants, Kirchen mehrerer Konfessionen, einen eigenen Sicherheitsdienst, ein Fitnesscenter, das gleich hoch liegt wie die Spitze des Stratosphere Tower unten am Strip, den man von den Laufbändern aus sieht. Dann ein grosses Kursangebot, einen Swimmingpool, den Kinder, wenn sie die Grosseltern besuchen, sollte ihnen das einfallen, nur während begrenzter Zeit benutzen dürfen, und auch das eigentlich lieber nicht. Rita ist froh, dass es hier keine Kinder gibt und dass keine Jugendlichen mit den Töffli herumlärmen. «Wären Sie doch auch, nicht?»
PAUL STEELMAN, CASINO-ARCHITEKT
Für Paul Steelman ist ein Spielcasino das Allheilmittel gegen heruntergekommene Innenstädte, sinkende Steuereinnahmen und Arbeitslosigkeit. «Ein Casino ist das einzige Gebäude der Welt, das mehr Leute braucht, um es zu betreiben, als es zu bauen», sagt der 45-jährige Architekt, der in den USA zu der Handvoll Experten gehört, die sich auf den Bau von Casinos spezialisiert haben. Seine Werke kommentiert er wie andere Leute Kleider: «Hier das Casino von Thun, die wollten ein Schweizer Monte Carlo, Locarno wollte etwas im Las-Vegas-Look, in Lima, Peru, sollte es gediegen europäisch sein, in Gauteng, Südafrika, eher mediterran.» Eine Woche pro Monat ist er unterwegs, um auf den Baustellen in aller Welt zum Rechten zu sehen. 18 seiner Casinos werden allein dieses Jahr eröffnet.
Steelman ist in Atlantic City aufgewachsen. 1978, ein Jahr nach seinem Uniabschluss, wurde dort das Geldspiel legalisiert, und er bekam einen kleinen Auftrag für eine Bar in einem Casino. «Ich entwarf sie an einem Tag, und sie bauten sie am nächsten. Dieses Tempo faszinierte mich.» Kurz darauf begann er für den Casino-König Steve Wynn in Las Vegas zu arbeiten. 1987 gründete er seine eigene Firma. Heute arbeiten 60 Leute für ihn, 20 weitere kommen demnächst dazu. Steelman hat keinen Grund, bescheiden zu sein: Der Firmenprospekt weist darauf hin, dass Ludwig XIII. 100 Jahre brauchte, um Versailles zu bauen, Charles III. 10 Jahre für Monte Carlo und Paul Steelman 6 Monate für das Casino Thun.
Das Ziel ist bei jedem Auftrag dasselbe: Restaurants, Spielhallen, Läden und Hotel sollen so miteinander verflochten und in ein Thema eingebunden sein, dass die Besucher sagen: Zu diesem Club will ich gehören. Zwar hält sich Steelman an die brachialen Gesetze der frühen Casinos - kein Tageslicht, keine Uhren, versteckte Ausgänge -, aber darüber hinaus hat er 21 verfeinerte Design-Grundsätze erarbeitet. Ein Beispiel: «Es soll zwar nach Luxus aussehen, aber nach Luxus, den man sich leisten kann.» Und: «Wie früher ist auch heute alles unecht, aber es soll echt aussehen.»
Steelman ist überzeugt, dass das Casino der Zukunft «das verrückteste Ding sein wird, das die Welt je gesehen hat. Hip, cool, techie. Zimmer wie Kulissen aus James Bond.» Auch mit diesem Projekt will er alle, die es noch nicht begriffen haben, davon überzeugen, «dass ein Casino nichts Böses ist». In Afrika hat man das offenbar verstanden. Steelman baut in Botswana ein Regierungsgebäude im Stil eines Casinos.
POLLY CLAYBORNE, MANAGERIN
Das krause, fast afrikanisch wirkende Haar ist wie ein Helm. Darunter klare blaue Augen und ein Lächeln, das manchmal mehr, manchmal weniger die offensichtlich dritten Zähne freigibt von Polly Clayborne, 60 Jahre alt und glücklich, wie sie sagt, weil gläubig. Polly ist eine gnadenlose Kämpferin gegen die Gottlosigkeit in sich selbst und eine stille Dulderin der Gottlosigkeit der Welt.
Polly trinkt nicht, raucht nicht, spielt nicht. Jeden Sonntagmorgen und -abend und jeden Mittwoch geht sie zur Kirche. Sie weiss, sie könnte stärker sein, sie weiss, sie könnte besser sein und allen Versuchungen widerstehen, aber sie tut ihr Bestes, das ist ihr Trost. Mit ihrem Mann führt sie ein Leben in Gott, erfüllt von Nächstenliebe, und in diesem Sinne habe sie auch ihre vier Kinder erzogen. Mit mehr oder weniger Erfolg, aber zur Umkehr sei es nie zu spät.
Polly ist Managerin von Travel Inn und Golden Inn, zwei Motels in Downtown Las Vegas, die schon alle möglichen Schicksale beherbergt haben. Doppelzimmer kosten 50 Dollar. Die Gäste haben meist wenig Geld und viele Tätowierungen. Aus Erfahrung nimmt Polly keine Einheimischen mehr auf, denn «da sind immer Drogen und Prostitution im Spiel». Die Zimmer seien am anderen Morgen jeweils so verwüstet, dass die Instandsetzung mehr kostet, als sie leer zu lassen. Natürlich möchte Polly diesen Verirrten den rechten Weg weisen, aber sie weiss, die würden nicht auf sie hören.
Angst hat Polly nie, denn die Polizei ist immer in der Nähe, aber müde ist sie immer. Sie hat 13 Angestellte, die meisten arbeiten für den gesetzlichen Mindestlohn, 5 Dollar 15 die Stunde. Leute zu finden, die ehrlich sind und eine Weile bleiben, sei sehr schwierig.
Sie sei eine schlechte Managerin, zu wenig streng. Am Tag zuvor musste Polly einen feuern, weil er die Arbeit so lausig machte. Sie hat danach geweint, seine Arbeit blieb an ihr hängen, sie musste Überstunden machen. Seit 12 Jahren führt Polly die beiden Motels. Nur dank ihrem Glauben hat sie die Kraft auszuharren und diese Bedingungen zu akzeptieren, sagt sie.
In eineinhalb Jahren wird sie pensioniert und ins 65 Meilen entfernte Pahrump ziehen, wo eine ihrer Töchter wohnt. Dort wird sich ihr Traum erfüllen, sie wird zu Hause sein können und Kleider nähen für ihre zehn Enkelkinder. Zusammen mit ihrem Mann, den sie mit 14 und mit schriftlicher Einwilligung der Eltern geheiratet hat, wird sie warten, bis Gott der Herr sie endgültig zu sich holt.
JULIANA PISANI, ALLEINERZIEHENDE
Juliana ist 40, trägt eine Zahnspange und lacht, wie ich sage, das mache sie noch jünger. Sie hat vier Kinder, Peter ist 15, Blaise ist 5, dazwischen sind die Mädchen Lily und Petra. Ihr Mann war Militärpilot, der Austritt aus der Armee hat ihn emotional aus der Bahn geworfen, er verliess Juliana und die Kinder, als das Baby gerade 9 Monate alt war. Seinen finanziellen Pflichten kommt er nach, und er war auch zu Lilys Graduation hier. Juliana liegt an einem guten Kontakt zwischen ihm und den Kindern, sie selbst lässt es da beim Nötigen bewenden. Verstehen wird sie ihn nie.
Juliana sagt: Ich habe noch Glück. Nach der Scheidung zog eine unverheiratete Tante zu ihr und schaut jetzt zu Haus und Kindern, während sie selbst ihrem Fulltime-Job als Concierge in einem der grossen Casinohotels nachgeht. Zur Schule bringt Juliana die grösseren auf dem Weg zur Arbeit, Schulbus hat es keinen, abends werden sie von den Grosseltern abgeholt. Dann bringt sie sie ins Sporttraining, ins Ballett, zum Cheerleader-Training. «I wear many hats», sagt sie: ich bin Ernährerin, Köchin, Chauffeur, Mutter, Vater . . . Juliana wirkt, als könnte sie auch noch weitere Hüte tragen, sie hat das mediterrane Temperament ihrer kroatischen und italienischen Vorfahren und die Bodenhaftung einer Frau, in deren Familie von jeher auch die Mädchen zur Selbständigkeit erzogen und gut ausgebildet wurden. Der Urgrossvater kam 1914 aus Kroatien nach Las Vegas, Juliana zählt damit zu den Ureinwohnern der Stadt.
Die beiden älteren Kinder sind auf derselben privaten katholischen Highschool, die schon Juliana besuchte, «Our Lady of Las Vegas». Juliana sagt: Die Muttergottes ist überall, warum soll sie also nicht auch in Las Vegas sein? Und später sagt sie auch, dass ihr Vorbild die Heilige Familie sei, also die intakte, komplette Familie. Man gewöhnt es sich hier rasch ab zusammenzufahren, wenn jemand am heiterhellen Werktag Gott erwähnt. Man spricht über Gott so selbstverständlich wie über den Kinobesuch von gestern und, Juliana jedenfalls, ganz ohne Frömmelei. Die Rolle der Alleinerziehenden hat sie ganz sicher nicht gesucht, auch wenn sie sie noch so gut bewältigt und eine Zeitlang aus der Not eine Tugend machte, als Flight Attendant arbeitete und die Kinder mitnahm, wann immer es ging, und ihnen so doch schon einiges im grossen Land Amerika zeigen konnte.
Juliana glaubt immer noch an die Ehe. Ihre Eltern sind seit 48 Jahren verheiratet, die Grosseltern waren es 52 Jahre lang, und von deren 18 Grosskindern ist sie in dieser schnelllebigen Stadt, wo die Ehen noch zerbrechlicher sind als anderswo, die einzige, die geschieden ist.
WES ISBUTT, FOTOGRAF
Sein Lieblingswort ist Energie, sie ist ihm das Wichtigste. Langsam verziehen sich die Schwaden, die er mit der Rauchmaschine in sein Atelier geblasen hat. Für einen Süssstoff-Hersteller hat er ein Stillleben mit Früchten und einer Tasse dampfenden Tees abgelichtet. Jetzt zieht er die Storen wieder hoch, das gleissende Nachmittagslicht von Las Vegas sticht in den weitläufigen Raum. «Ich brauche Leute um mich, die mir Energie geben», sagt der Fotograf Wes Isbutt, darum ist er hier gelandet, downtown, fern von der Glitzerwelt des Strip.
Mausarm kam Wes nach seiner Ausbildung am Art Center College of Design in Los Angeles vor zehn Jahren nach Las Vegas. In einer Kleinstadt - was Las Vegas damals war - erhoffte er sich bessere berufliche Möglichkeiten. Er mietete den Dachstock eines alten Gebäudekomplexes am Charleston Boulevard, Ecke Main Street, ohne Wasser, ohne Strom. In der Nachbarschaft Autofriedhöfe, die sich auf den zweiten Blick als Autowerkstätten zu erkennen geben. Hier sind die Fassaden der Häuser so schäbig wie die Kleider ihrer Bewohner.
Eigenhändig hat Wes sein Atelier und die angrenzende Wohnung, die er mit einem Hund und einem Nymphensittich teilt, hergerichtet, so sehr zum Wohlgefallen des Besitzers, dass der ihm das ganze Haus verkaufte - und ihm den Kaufpreis vorschoss. Wes holte Künstlerfreunde als Mieter in die 8000 m2 grosse Liegenschaft und nannte den verwinkelten Bau «Artsfactory». Inzwischen sind acht Galerien eingezogen, eine Handvoll Maler und Illustratoren, ein Architekturbüro, eine Werbeagentur. «Alle drei Monate veranstalten wir gemeinsame Vernissagen, da kommen bis zu 1000 Besucher.» Ein Anflug von Stolz zieht über das Gesicht des Vierzigjährigen. Die Stadt braucht eine Kulturszene, die unabhängig ist von der Unterhaltungsindustrie am Strip. Und hier, downtown, soll sie entstehen. «Wir Künstler müssen diesen Ort zu einem Energiefeld machen.»
Aber von Energie allein lebt Wes nicht. Dass er ein erfolgreicher Kleinunternehmer geworden ist - er leistet sich vier Assistenten -, verdankt er den Aufträgen der Hotelcasinos am Strip. Er fotografiert für sie Scheinwelten auf Hochglanzpapier, mit denen sie ihre Gäste ködern, Werbeprospekte, Informationsbroschüren und Speisekarten. Wes zuckt die Schultern, er spielt nicht. Sein Bruder, der vor einiger Zeit mit der Mutter auch nach Las Vegas zog, war in L. A. Postangestellter, jetzt gibt er im MGM Grand beim Black Jack die Karten. Ein gut bezahlter Job, von dem Wes nicht viel hält. Der Lebenssinn muss jenseits des Materiellen liegen, die Energie, die beim Glücksspiel frei wird, ist destruktiv. «Casinos sind Monumente für die Verlierer. Man kann sie gar nicht schnell genug und gross genug bauen», sagt Wes.
JAMES DEACON, ÖKOLOGE
Eine Universität würde man in Las Vegas so wenig erwarten wie einen Fisch in der Wüste. James Deacon hat beides gefunden. Die Wüstenfische in den Bächen des Death Valley, eines der heissesten und trockensten Orte der Welt, waren das Thema seiner Doktorarbeit. Und als die Universität in Las Vegas 1960 ein Institut für Umweltwissenschaften schuf, das Lösungen für die ökologischen Probleme der Stadt erarbeiten sollte, war er genau der richtige Mann.
Seither lebt James Deacon in Las Vegas und beobachtet als machtloser Zeuge, wie ein Tal, das früher feucht war, austrocknet und wie die Luft immer schlechter wird. Die Staub- und Kohlenmonoxidwerte seien schon lange gefährlich hoch, sagt Deacon. «Doch den Leuten hier ist es offenbar egal, ihren eigenen Dreck einzuatmen. Wenn sie nur möglichst schnell möglichst reich werden.» Die Politiker hätten sich um Massnahmen zur Verbesserung der Luftqualität stets gedrückt. Nächstes Jahr werden sie endlich eingeführt - weil die Regierung in Washington sonst die finanzielle Unterstützung für den Unterhalt der Highways in Nevada streichen würde.
Immerhin: Was den Umgang mit Wasser angeht, kann James Deacon Erfolge verzeichnen. Die Quellen bei Las Vegas sind zwar 1962 unwiederbringlich versiegt. Doch einige Feuchtgebiete, die in den letzten vierzig Jahren von unkontrollierten Abwasserströmen zerstört wurden, konnten wiederhergestellt werden. «Es dauerte Jahre, bis die Behörden begriffen, dass es nicht nur ökologisch sinnvoller ist, sondern auch billiger, wenn man, statt Kläranlagen zu bauen, einige Abwässer durch den Wüstenboden sickern lässt», fasst Deacon seine Überzeugungsarbeit zusammen.
Mit sparsameren Duschköpfen und kleineren Spülkasten bei neuen WCs soll überdies der Wasserverbrauch gesenkt werden. James Deacon könnte sich noch weit wirksamere Massnahmen vorstellen, etwa die Beseitigung aller englischen Rasen. Doch davon will in Las Vegas - der Stadt der künstlichen Paradiese mitten im Nichts - niemand etwas hören, und darum liegt der Wasserverbrauch pro Kopf hier auch höher als in jeder anderen amerikanischen Stadt.
Wie hält einer wie James Deacon Las Vegas überhaupt aus? «Weniger wegen der Stadt als wegen ihrer Umgebung. Ich liebe die Wüstenlandschaften des Südwestens.» Ausserdem macht ihm die Arbeit mit den Studenten so viel Spass, dass er trotz seiner 64 Jahre nicht ans Aufhören denkt.
Den Rasen hinter seinem Haus hat Deacon in einen Wüstengarten umgewandelt: «Seither wohnen Wüstenvögel und drei Echsenarten bei uns und halten Kakerlaken und Ameisen fern. Und die sympathischen Wüstenhasen fressen unsere Blumen.»
STEFAN MANCHEV, HÄNDLER
«Dieses Geschäft basiert auf dem Unglück der Leute», sagt Stefan Manchev, Bulgare, 39 Jahre alt, Geschäftsmann im Ruhestand. Das Ladenlokal seines jüngeren Bruders Kalin befindet sich an der 100 S 6th Street. Um die Ecke liegen die Casinos der Fremont Street. Wer dort sein Bares verspielt hat, erhält hier für seine Wertsachen ein paar Dollar. Schmuck, Uhren und Diamanten sind die Spezialität des Hauses. Doch die Manchevs kaufen alles, was ihnen angeboten wird. Vor zwei Tagen etwa einen CD-Spieler für 20 Dollar, gestern 270 Gramm Gold für 850 Dollar. Nur Autos, Waffen und Immobilien nehmen sie nicht. Dafür fehlt ihnen die Lizenz.
Stefan Manchev kam 1989 mit seiner Frau, einer zweijährigen Tochter, wenigen Dollars und null Englischkenntnissen von Europa nach Chicago. Er wurde Hauswart eines Wolkenkratzers. Ein Jahr später wollte seine Frau nach Florida, aber ihn zogen die Jobs und die tiefen Lebenskosten nach Las Vegas. Er arbeitete auf dem Bau, als Rausschmeisser, als Taxifahrer und fing an, Stretch-Limos und Wasserbetten in die neuen Balkanrepubliken zu exportieren. «Das Geschäft lief wie geschmiert, nachdem Miss Mazedonien ein Wasserbett gekauft hatte. Ich verdiente in einem Jahr 150 000 Dollar und verkaufte dann das Exportunternehmen.»
Auf die Idee mit dem Schmuckhandel kam er wegen Taxikunden, die dorthin gebracht werden wollten, wo sie ihre Wertsachen verpfänden oder verkaufen konnten. «Ich sagte mir: Warum kaufst du ihnen ihre Sachen nicht selber ab?» Er schaute sich in Schmuck- und Pfandleihhäusern um, lernte Waren und Preise kennen und eröffnete 1994 sein erstes Juweliergeschäft. Im selben Jahr kam sein Bruder Kalin nach Las Vegas.
Schmuckhandel ist gefährlich. Stefan und Kalin Manchev sind beide schon überfallen worden. Der Vorfall liegt fünf Jahre zurück, doch Stefan erinnert sich genau: «Der Typ hielt mir die Knarre unters Kinn und sagte: Ich verteile dein Gehirn an der Decke, wenn du den Safe nicht öffnest.» Der frühere Besitzer des Ladens an der 6th Street war bei einem Überfall angeschossen worden. Darum sind die Vitrinen bis auf zwei, drei Uhren, Ringe und ein bisschen Ohrschmuck leer. An einer Wand hängen Farbkopien von teuren Stücken. «Wir halten die Versuchung klein», sagt Stefan. Ausserdem verkaufen sie die meiste Ware ohnehin nicht hier, sondern per Telefon an Händler in der ganzen Welt.
Die Überfälle haben Stefan nachdenklich gemacht. Vor drei Jahren hat er darum seine Geschäfte aufgegeben und sich zur Ruhe gesetzt, wie er sagt. Trotzdem ist er fast jeden Tag an der 6th Street anzutreffen. «Man hilft einander in der Familie.» In Amerika ist er reich geworden, doch er mag das Land nicht. «Hier gibt es keine Freiheit. Die einzige Freiheit hier ist die Freiheit, ein Geschäft zu eröffnen.»
MARIE MARTINEZ, STRIPPERIN
Marie Martinez, 21, ist eine Art zauberhafte Strassengöre, sie hat das Raffinement einer Katze und die Verstörtheit eines Rehs. Wenn ihr Vater, der ursprünglich aus Mexiko Stadt stammt und heute mit Immobilien handelt, wüsste, was sie macht, würde er sie in tausend Stücke hauen. Seit einem Jahr tanzt Marie oben ohne, jeweils von vier Uhr nachmittags bis um ein Uhr morgens. Damit sie hier tanzen kann, muss sie dem Besitzer 50 Dollar pro Nacht abgeben. Ihre Kunden kommen zur Hälfte aus Las Vegas, zur anderen Hälfte sind es Touristen.
Und worin besteht der Job? «Fucking mens' heads», antwortet Marie, und sie sagt, dass ihr das Spass mache. «Von mir hören die Männer, was immer sie hören wollen. I bullshit them for money.»
Unter 350 Dollar die Nacht verlässt sie diesen Ort nie, das hat sie sich geschworen, als sie diese Arbeit antrat. Und dass sie dabei immer die Kontrolle behält. Denn von der Liebe zu Männern hat sie sich verabschiedet, zu oft sei sie enttäuscht worden. Ihre Liebesvorstellungen seien einfach zu absolut, um in dieser Welt realisiert zu werden, sagt sie. «Wenn ich jemanden liebe, will ich ihn ganz glücklich machen, denn wozu zur Hölle bin ich sonst da?»
Marie will mit dem gesparten Geld aufs College und Krankenschwester werden, wie ihre Mutter und ihre ältere Schwester, die sich dafür als Schuhverkäuferin dumm gearbeitet habe. «Ich suche immer den leichtesten Weg, immer. Unnötige Anstrengungen hasse ich.» Nimmt sie Drogen, um die langen Nächte durchzustehen? «Hasch. Denn wenn der Präsident geraucht hat, wieso zur Hölle darf ich nicht auch?»
Was passiert, wenn du hier ins Lokal kommst? «Ich lasse alles zurück. Ich verabschiede mich von der Gesellschaft, von meinen unbezahlten Rechnungen und von meiner Familie. Ich erfinde mich neu. Ich kann das Gegenteil von dem erzählen, was wahr ist. Wenn ich diese Schuhe hier anziehe, bin ich eine andere Person. All meine Magie steckt in meinen Schuhen.»
Was hast du gelernt, seit du hier bist? «Erstens: Männer sind Hunde. Zweitens: Das Leben als Erwachsener ist hart. Man baut Scheisse und muss selber wieder herausfinden.»
TOM MARTINET, DEALER
Die Würfel fliegen in hohem Bogen über den grünen Filz, prallen an die hintere Wand des Spieltischs, kullern zurück und bleiben endlich liegen: eine Zwei und eine Fünf. Tom Martinet sammelt mit dem Stick gewandt die Jetons und zahlt dem Mann oben am Tisch einen grünen 25-Dollar-Jeton aus: «He, Kumpel, heute ist dein Tag», gratuliert er dem Gewinner in väterlichem Ton. Der Kumpel lächelt und gibt den Blick auf drei Zähne frei. Dann erhöht er seinen Einsatz auf 25.
Tom Martinet weiss, worauf es beim Würfelspiel Craps ankommt und was von ihm als Spielmeister, als Dealer, erwartet wird. «Craps», sagt Martinet, «ist das schnellste Casinospiel.» Da darf man sich keine Unaufmerksamkeit leisten. Ein guter Dealer muss hellwach sein, blitzschnell erfasst er jede Spielsituation, und dennoch bleibt er ganz locker. Er muss mit Gewinnern und Verlierern umgehen können. Und vor allem muss er dafür sorgen, dass die Spieler möglichst lange spielen.
Mehr als die Hälfte seines Lebens hat der heute 52-Jährige vor und hinter Spieltischen verbracht. Als 23-Jähriger kam er nach Las Vegas, um als professioneller Black-Jack-Spieler sein Glück zu versuchen. Er war einer jener berüchtigten Kartenzähler, die mit ausgeklügelten Systemen die bereits gespielten Karten zu memorieren und damit ihre Gewinnchance zu erhöhen versuchten.
Als die Casinos die Zahl der Kartendecks erhöhten und damit das Zählen praktisch verunmöglichten, wechselte er die Seite. Er besuchte eine Dealer-Schule, 250 Dollar für neun Tage, und machte dann die typische Karriere eines Dealers: Er begann als «Shill» (das ist ein vom Haus bezahlter Spieler, der als Lockvogel echte Spieler an den Tisch bringen soll) in einem kleinen Casino downtown, stieg dann auf zum richtigen Dealer und schaffte schliesslich den Sprung an den Strip. Neun Jahre lang arbeitete er dort im Mirage. Er verdiente 60 000 Dollar im Jahr, er hatte ein Haus, Erspartes, eine Lebensversicherung, genug, um sich eine neue, bessere Existenz aufzubauen.
Martinet begann im Immobiliengeschäft mitzumischen, träumte von einem eigenen kleinen Casino ausserhalb der Stadt, liess sich mit dubiosen Geschäftspartnern ein - und verlor schliesslich alles. «Ich habe das Geschäft als Spiel betrachtet und auf das grosse Glück gehofft. Ich habe mich verhalten wie ein Anfänger.»
Heute arbeitet er im Nevada Palace am Bolder Highway etwas ausserhalb der Stadt, wo vor allem Fernfahrer, aber auch Einheimische ihr Glück versuchen. Er selber hat keine Illusionen mehr: «Ich muss mein Geld verdienen, indem ich andern Leuten ihr Geld abnehme. Das ist weder besonders faszinierend noch besonders befriedigend, aber das ist nun einmal mein Job.»
Nebenbei arbeitet er an einem Wörterbuch, in dem er die zahllosen Ausdrücke, die im Craps geläufig sind, sammeln und erläutern will. Ausserdem hilft er im Gambler's Book Shop aus, wo sein Expertenrat von Spielern aus aller Welt geschätzt wird.
Der Shooter wirft eine Acht. «Son of a bitch!», flucht der Mann mit den drei Zähnen. Martinet holt sich die 25 Dollar zurück. Ohne mit der Wimper zu zucken, denn so ist das Spiel. Und eigentlich auch das Leben.
Die Portraits wurden verfasst von Lilli Binzegger, Urs Bruderer, Andreas Heller, Reto U. Schneider, Ursula von Arx und Daniel Weber.